16.
Juni 2006 - Gesundheit ist das höchstgeschätzte Gut in
Deutschland. Wirtschaftsexperten sehen eine steigende Nachfrage und Mehrbedarf
an Arbeitskräften. Sie nennen die
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Die Politiker suchen fieberhaft
den richtigen Weg, um die GKV aus dem Dilemma zu führen. Die Regulierung
reduzieren und feste Honorare vereinbaren, das bringe den Markt voran, meinen
viele Ökonomen. |
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Branche "Wachstumsmotor",
"Jobmaschine" oder "dynamischen Dienstleistungszweig".
Kontraproduktiv: Die Politik. Sie regulierte die Branche bis knapp an den
Stillstand. Die Devise hieß "Deckel drauf". Budgetierung und
deren Folgen wurden geleugnet. "Weg mit dem Bremsklotz!" fordern
Betroffene, Experten und zum Teil auch Politiker.
Der Gesundheitsökonom Prof. Peter Oberender, Universität
Bayreuth, ist einer der Fachleute, die sich klar für Liberalisierung
aussprechen. Er sieht im Gesundheitswesen den Zukunftsmarkt der
Industrieländer: Die Menschen geben mehr Geld für ihre Gesundheit aus
und sind dazu auch bereit. Das Umsatzvolumen der Branche beträgt heute
bereits über 250 Milliarden Euro jährlich. Die Branche könnte
durchstarten - wären da nicht die Bremsklötze, sprich Regulierungen.
Das mittelständische Gesundheitswesen war in den letzten Jahrzehnten die
Jobmaschine Deutschlands schlechthin und könnte es bleiben, behaupten auch
Dr. Dr. Klaus Ursus Schendel und S. Wegener in ihrer Analyse "Die
Jobmaschine". Während andere Dienstleistungsbranchen immer
häufiger ohne Mitarbeiter auskämen, sei gerade in Praxen die Arbeit
von Menschen nötig, die Hand anlegen, Vertrauen pflegen, Kontakte
knüpfen.
Auch Gesundheitsökonom Prof. Bernd Raffelhüschen, Freiburg, betont:
Technischer Fortschritt bewirke im Gesundheitsmarkt mehr Beschäftigung.
Denn je besser die Medizintechnik, desto mehr Krankheiten werden erkannt und
therapierbar, desto mehr gilt es zu tun und zu bezahlen. Anders als in anderen
Märkten steigert der Fortschritt Beschäftigung und Kosten. 2001
arbeiteten über vier Millionen Menschen im Gesundheitswesen, rechnet
Schendel vor. Von 1980 bis 2004 habe sich die Zahl der Arbeitsplätze auf
4,2 Millionen mehr als verdoppelt. Die Zahl der 225 000 Arzt- und
Zahnarzthelferinnen erreichte schon 1997 ein Plus von hundert Prozent.
In der Hitliste der zehn besten Arbeitsplatzbeschaffer schickte der
Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion das Gesundheitswesen
schon 1996 auf das Siegertreppchen: 239 425 zusätzliche Mitarbeiter. Die
Branche boomte. Aber nicht lange.
Abgewürgt von Vater Staat
"Seit Mitte der neunziger Jahre wird die ,Jobmaschine' Gesundheit
abgewürgt durch die weiter sinkende
Lohnquote, durch Verschiebebahnhöfe, durch Budgetierung", kritisieren
Schendler und Kollegen die intensive Regulierung durch Vater Staat. Laut
Berufsverband der Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen nahmen Entlassungen
zu, weil seitdem "seitens der Politiker permanent Änderungen im
Gesundheitswesen vorgenommen oder angekündigt werden, die eine
langfristige Planung in den Arztpraxen nicht möglich machen".
Mittlerweile scheint auch die Politik das Potenzial wieder zu entdecken. Das
Gesundheitssystem auf einen reinen Kostenfaktor zu reduzieren, missachte dessen
enorme Schubkraft für Konjunktur und Beschäftigung, heißt es
heute wieder. Dass die Politik ihre Erkenntnis bei der Reform konsequent im
Auge behält, will sie noch vor der Sommerpause
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Quelle: Sachverständigenrat
für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, 1996, letzte Fassung
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zeigen.
Höchste Zeit, meint die Fachwelt. Denn wird trotz der wachsenden Nachfrage
nach Leistungen die Stellschraube "Ausgaben" (sprich Umsätze
auch der Freiberufler) angezogen, befürchten Ökonomen einen weiteren
Stellenabbau in Praxen: "Kürzungen im Gesundheitswesen vernichten
Arbeitsplätze", das zeigten schon vor zehn Jahren die Berechnungen
des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion. Damit aber
würde die Regierung ihre eigentlichen Anliegen ad absurdum führen.
Denn sie will die Arbeitslosigkeit bekämpfen.
Druck im Kessel
Eigentlich sind die Perspektiven "rosig", meint zumindest das
Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, als Fazit einer
Untersuchung. In der Vergangenheit wuchs das Gesundheitswesen mit
größerer Dynamik als jeder andere Dienstleistungszweig und
könnte auch wieder enorm zulegen. Denn der Bedarf an Gesundheitsleistungen steigt und steigt. Dafür
sorgt die demographische Entwicklung ebenso wie der Wertewandel in den
Köpfen der Menschen, der ein höheres Bedürfnis nach Gesundheit
als wichtigen Faktor für Lebensqualität schafft. In der Folge steigen
die Leistungen ebenfalls im Kurs, die der Gesundheit weit über die
medizinische Notwendigkeit hinaus gut tun. So berichtete das Magazin "Der
Spiegel" über erste "Wohlfühl-Zahnzentren", die bei
den Patienten wenigstens über den Umweg der Äußerlichkeit das
Bewusstsein für körperliche Belange ausprägten.
"Gesund in Deutschland" - das wird auch aus dem Ausland nachgefragt.
Überraschen muss das nicht, die Qualität der Leistungen im deutschen
Gesundheitswesen ist hoch. Dass die Patienten mit ihren Behandlern zufrieden
sind, weiß das Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit
spätestens, seit das Forsa-Institut 2001 in seinem Auftrag forschte:
Eine gute medizinische Versorgung bestätigten die Befragten gerade dem
Zahnarzt (82 Prozent der GKV-Patienten), dem Hausarzt (68 Prozent), dem
Facharzt (67 Prozent) und im Krankenhaus (48 Prozent), auch bei Arzneimitteln
(56 Prozent), Krankengymnastik und Massagen (39 Prozent) - und der Reha (33
Prozent).
Die Privatpatienten äußerten sich laut Forsa - außer bei den
Hausärzten - noch positiver.
Milchmädchenrechnung
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt warnte mit Blick auf die
Honorarforderungen der streikenden Ärzte indes vor einem neuen
Kostenschub: "Ich halte die Forderungen für überzogen, weil ich
nicht weiß, wer das bezahlen soll", erklärte Schmidt Mitte Mai
auf dem Hauptstadtkongress "Medizin und Gesundheit" in Berlin.
Der Einwand, es sei nicht mehr Geld da, die Ausgaben seien zu hoch, nervt die
Ärzte längst. Das eigentliche Dilemma ist, dass die wachsende
Arbeitslosigkeit die breite Masse der Einzahler zusammenschrumpfte, der
Leistungsanspruch eines jeden aber unverändert blieb. Das Ergebnis liegt
auf der Hand: Wer die Gesamteinnahmen der GKV an das Bruttoinlandsprodukt
koppelt, hält bei festgezurrten Beitragssätzen weniger in den
Händen, sobald die Lohnquote sinkt. Das System in der Kostenfalle?
"Das Märchen von der Kostenexplosion" entlarven Schendel und
Kollegen anhand der Daten des Statistischen
Bundesamtes: In den Wachstumsjahren 1984 bis 2004 stieg der GKV-Anteil am
Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 5,84 Prozent gerade um 0,08 Prozentpunkte. Den
höchsten "Ausrutscher" von 6,49 Prozent gab es 1995 mit
umgerechnet etwa 114 Milliarden Euro. Damals brach die Branche ein. Sie hat
sich noch nicht wieder erholt.
Im jahrelangen Tauziehen zwischen Medizinern und Regierung um ein neues
Honorarsystem für die Praxisärzte hat die Kassenärztliche
Bundesvereinigung (KBV) für die kommenden Wochen ein eigenes Konzept
angekündigt, das bis Jahresende umgesetzt werden soll. Es bringe
Entbürokratisierung, Transparenz und feste Preise für Ärzte. Die
Politik kündigte bereits an, Pauschalen sollten die Punkte ablösen.
Die KBV fordert aber auch abzuschaffen, dass der Wert einer ärztlichen
Leistung abhängig von den Einnahmen der Krankenkassen eingeschätzt
werde.
Die Kernaussage: Es fehlt de facto die angemessene kalkulierbare Vergütung
für ärztliche und zahnärztliche Leistungen nach dem GKV-Katalog,
die im SGB de jure festgeschrieben ist. Der Grund: Die Abhängigkeit von
Einnahmen und Ausgaben der Kassen bedingt eine - von der Politik standhaft
geleugnete - leistungsfeindliche Budgetierung mit Rationierungseffekten.
Zumindest solange die Patienten nicht selbst zahlen.
Selbst subventioniert
Mehr noch: Aufgrund politischer Änderungen im Sozialrecht subventionieren
die Ärzte zurzeit sogar teilweise ihre eigenen Honorare. Vor Hartz IV
versicherten seinerzeit die Arbeitsämter Arbeitslose als
beitragspflichtiges Mitglied in der GKV. Jetzt werden Arbeitslose über den
arbeitenden Ehepartner familienversichert. Der Haken: Für diese
überweisen die Kassen den KVen keine Kopfpauschalen. Ergo fehlen laut
Deutschem Ärzteblatt jährlich 184 Millionen Euro.
Aber nicht nur die Ärztevertreter, auch Krankenkassenchefs wie
DAK-Vorstandschef Prof. Herbert Rebscher monieren die
Selbstbedienungsmentalität der Politik gegenüber der GKV. Rebschers
Fazit: Ihre Honorar- und Strukturkonflikte könnten die Vertragspartner
lösen, nicht aber die systematische Erosion ihrer Finanzgrundlagen. So
verlor die GKV zum Beispiel vier Milliarden Euro durch die Zweckentfremdung der
erhöhten Tabaksteuer. Sie war einst zur Finanzierung von Mutterschaftsgeld
und Empfängnisverhütung beschlossen worden. Jetzt stopft sie
Haushaltslöcher. Außerdem mussten die Kassen wegen der erhöhten
Mehrwertsteuer auf Arznei- und Hilfsmittel eine weitere Milliarde in ihren
Jahresetat einplanen, rechnete das Magazin "Der Spiegel" im Januar
dieses Jahres vor. Woher soll das Geld kommen?
Die aktuellen Zahlen auf dem Arbeitsmarkt suggerieren Hoffnung, dass sich die
Einnahmen der GKV normalisieren: Im April 2006 meldete die Bundesagentur
für Arbeit erstmals weniger als fünf Millionen, der Abwärtstrend
hielt für Mai an.
Der Anteil der Arbeitgeber
Doch das Land braucht noch viel mehr Beschäftigung. Da werden missliebige
Faktoren zum Teil viel zu heiß diskutiert. Die
"Lohnnebenkosten" zum Beispiel. Hier aber streitet sich die
Wissenschaft. Angebliche Standortnachteile für hiesige Firmen durch die
hohe "Belastung der Arbeitgeber in Deutschland durch
gesundheitssystembedingte Kosten im Internationalen Vergleich" führen
kritische Wissenschaftler heim ins Reich der Mythen.
Das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), Berlin, und die
Beratungsgesellschaft für angewandte Systemforschung (BASYS), Augsburg,
ermittelten: Die Belastung liegt mit einem "Produktionswert" von 3,2
international gemessen im Mittelfeld. "Theoretisch", betonen sie,
könnten Produkte im Schnitt hierzulande also um 3,2 Prozent günstiger
werden, wenn der Arbeitgeberanteil wegfiele. Mehr Beschäftigung sei
dadurch aber nicht zu erwarten!
Autor Schendel stimmt dem grundsätzlich zu: Die Belastung für die
Arbeitgeber sei gering. Eine zehnprozentige GKV-Kürzung verringere
Arbeitskosten effektiv nur um 0,5 Prozent. Die Öffentlichkeit
überschätze die Bedeutung einer Beitragssatzsenkung für die
Lohnkosten. Eine Beispielrechnung mit Daten von DaimlerChrysler macht den
Irrtum klar: Angenommen die GKV-Beiträge fielen um zehn Prozentpunkte, so
sinkt der Preis für ein 60 000 Euro teures Sport-Cabrio - um nicht einmal
50 Euro.
Freiraum beflügelt das Wachstum
Feste Preise, feste Regeln. Freiberufler müssen zu viele Auflagen
erfüllen. Das monierte das Institut der deutschen Wirtschaft, Köln,
jetzt im Mai 2006. Mit einem Wert von 4,0 auf der Wertskala gehöre
Deutschland zu den Staaten mit den meisten Vorgaben. Derartige Regulierungen
würden häufig damit begründet, sie garantierten einen hohen
Qualitätsstandard und Verbraucherschutz. Die Erfahrung in Ländern mit
weniger Regulierung widerlege diese Behauptung, so die Ansicht vieler
Ökonomen. Denn dort stünden die Konsumenten eher besser denn
schlechter da, weil
sich das
Preis-Leistungs-Verhältnis bessere und
die Verbraucher
dank gelockerter Werbebeschränkungen - ähnlich wie bei der suche nach
dem richtigen "Handwerker" - schneller jenen "Kopfwerker"
fänden, der zu ihnen passe.
Österreich und Belgien haben Preisregulierungen abgebaut, Frankreich und
Dänemark verzichten völlig darauf. In Deutschland ignorieren laut
einem Gutachten des Bundeswirtschaftministeriums zum Beispiel 40 Prozent der
Architekten nach eigenen Angaben schlicht die Honorarordnung. Analysen des
Instituts der deutschen Wirtschaft zur Situation aller Freiberufler in anderen
Ländern zeigten: Freiraum beflügelt das Wachstum.
Die Kluft zwischen Theorie und Praxis
Produktiv - dieses Attribut steht vielen Vorgaben im Gesundheitswesen nicht zu:
Das System ist ebenso undurchschaubar wie gigantisch, beschreibt es die
Financial Times Deutschland: In der größten Branche setzten
Ärzte, Apotheker, Heilpraktiker, Kliniken und Pharmakonzerne jedes Jahr
mit 250 Milliarden mehr Euro um als Auto- oder EDV-Industrie. Doch anders als
bei Autos und PC regeln nicht Angebot und Nachfrage den Markt, sondern die
Sozialgesetzbücher IV und V - knapp 500 Paragrafen, die alles regeln, von
"Arztgruppenbezogenen Regelleistungsvolumina" bis
"Zuzahlungshöchstgrenzen". Für die Überzahl der
Politiker ein weißer Fleck auf der Landkarte ihres Wissens.
Denn wer weiß schon, wieviel Geld etwa die Gutachten über den
Risikostrukturausgleich verschlingen, gemäß dem allein im letzten
Jahr 15 Milliarden Euro umverteilt werden mussten? Oder welch eine unproduktive
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme die Chronikerprogramme für das
Bundesversicherungsamt darstellen, deren akribische Prüfung dort drei
Referate in Atem hält.
Niedergelassene Zahnärzte kennen die Flut der Formulare für
überflüssige Bürokratie, die ihre Arbeitszeit von den Patienten
abzieht. Nachdrücklich arbeiten Bundeszahnärztekammer und
Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung deshalb zurzeit konkret
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Die
,Jobmaschine' Gesundheitswesen gehört ins Zentrum der politischen
Aufmerksamkeit und Analyse, weil sie die dringendsten Bedürfnisse der
Menschen in Deutschland erfüllt: Gesundheit und
Arbeitsplätze. |
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Dr. Klaus Ursus
Schendler
, Buchautor |
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daran, dass die Regierung die für Praxen
unsinnigen Auflagen aus den jeweiligen Gesetzestexten streicht oder Vorgaben
der tatsächlichen Arbeitssituation anpasst. Die Mängellisten sind
lang, die oft gestellten Fragen wohl berechtigt: Warum sollte ein Zahnarzt
jeden individuell, also für nur einen Patienten, gefertigten Zahnersatz
gemäß Medizinproduktegesetz (MPG) dokumentieren - für eine
eventuelle Rückrufaktion im großen Stil, wie sie bei serieller
Industrie-Produktion anfallen könnte? Wofür eine
"Konformitätserklärung" ausfüllen, wenn
gemäß der ärztlichen Sorgfaltspflicht die Zahnersatz-Rechnung
alle geforderten Angaben bereits enthält? Diese und andere kritische
Fragen stellen die Interessensvertreter den Politikern, die zm werden in der
nächsten Ausgabe ausführlich darüber berichten.
Zwischen Markt und Regulierung
Doch es gibt auch andere kritische Ansätze: Der Gesundheitsökonom
Peter Zweifel, Universität Zürich, warnte in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung davor, bei Beibehaltung einer Vollkasko-Versicherung die
Regulierung völlig abzuschaffen. Die Krankenversicherung sei eine
"prima soziale Erfindung", zeige aber Nebeneffekte: Sie störe
die Balance zwischen den drei Innovations-Kriterien für Produkte, Prozesse
und Organisation eines freien Marktes: "Im Gesundheitssystem wollen die
Leute immer das Neueste und Teuerste und durch die Versicherung reagiert ihre
Nachfrage nicht auf den Preis."
Bei einer Liberalisierung müsse sich auch die Struktur der Versicherung
ändern, fordert Zweifel: Wahlfreiheit bei Tarifen könne zum
Beispiel helfen, dass die Konsumenten hier
endlich reagieren. Außerhalb der GKV-Leistungen wissen viele Patienten
bereits, was sie sich leisten (wollen).
Wissen, was Patienten wünschen
Will man die Chancen einschätzen, die sich dem Gesundheitswesen im
weitesten Sinne öffnen, hilft die Sicht des Patienten weiter.
Größtes Lebensglück sei für 99 Prozent der
Bevölkerung in Deutschland die Gesundheit, erklärt Corinna Langwieser
vom Zukunftsinstitut Matthias Horx, München. Für die Hitliste so
genannter "heißer" Werte hoben die Menschen auf die vorderen
Plätze neben Eigenverantwortung: Liebe, Leben, Lebensqualität und
Lebenssinn. Tatsächlich seien auch Gesunde 2006 noch eifriger als vor
fünf Jahren um "seelisches und körperliches Wohlbefinden"
bemüht. 93 Prozent suchten in den letzten zwei Jahren einen Zahnarzt auf;
das Gebiss gelte als ein Spiegel der eigenen Gesundheit, kommentiert
Langwieser.
Also gute Aussichten? Bei gleichbleibenden Absolventenzahlen werden 2017 zehn
bis 20 Prozent mehr Zahnmediziner in Deutschland arbeiten, schätzte der
Präsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Dr. Jürgen Weitkamp
(in: Uni 6/2004, S. 39). Und sie werden zu tun haben! Trotz
Präventionserfolgen und weniger Patienten. Denn es wird mehr ältere
Patienten geben, die besonders intensive zahnärztliche Betreuung
nachfragen, so Weitkamps Prognose! 69 Prozent der Befragten plädierten
übrigens laut einer Allensbach-Studie 2004 dafür, jeden, der nicht
zur Prophylaxe geht, stärker an den Kosten zu beteiligen als
Verantwortungsbewusste.
So sehen es auch die Autoren Birgit Mackenthun, Klaus-Dirk Henke und Jonas
Schreyögg, Technische Universität Berlin, in "Gesundheitswesen
als Wachstumsfaktor" voraus: "Induziert durch sowohl nachfrageseitige
Determinanten, zum Beispiel den demographischen Wandel, als auch
angebotsseitige Faktoren, zum Beispiel Innovationen in der Medizin, kann man
auch in Zukunft von einer zunehmenden Nachfrage nach Arbeitskräften in
gesundheitsrelevanten Bereichen ausgehen." Sie stimmen der Formel
"Health equals wealth"("Gesundheit entspricht Wohlstand")
von EU-Kommissar David Byrne zu, mit der dieser den Zusammenhang von Gesundheit
und wirtschaftlicher Entwicklung eines Landes skizzierte: ein Zuwachs an
Lebensjahren zwecks Zuwachs an Arbeitsjahren. Entsprechend erinnerte eine
Kommission der Weltgesundheitsorganisation WHO bereits 2001 daran, dass, wer
Geld in die Gesundheitsversorgung steckt, die Wirtschaft ankurbelt.
Das Geschäft der Trittbrettfahrer blüht
Die Bevölkerung versteht jedenfalls unter "etwas für die
Gesundheit tun" mehr als "Krankheiten zu heilen oder vermeiden".
Langfristig gesund zu bleiben ist angesagt.
Und jeder ist jünger als andere: "Alt" ist man heute mit 74
Jahren. Nur 17 Prozent derer über 50 Jahre jedenfalls fühlen sich so
alt, wie sie sind; 72 Prozent meinen, sie sähen jünger aus - auf
jeden Fall besser als ihre Altersgenossen, ergab eine Studie von Infratest
dimap 2004.
Dafür will man auch etwas tun: Sport, Ernährung, Urlaub werden in den
Dienst der Gesundheit gestellt; Gesundheit, Wellness, Selfness sind wichtige
Werte in einer alternden Gesellschaft. Entsprechend sind die
Lifetime-Sportarten jene, die man im Alter noch ausüben kann: Laufen,
Radfahren, Schwimmen! In den USA ist bereits jedes 2. Fitnessstudio-Mitglied
über 40 Jahre jung (GfK 2004, American Demographics 2003).
Wellness, ursprünglich in der Arbeitsmedizin verwurzelt und
zwischenzeitlich esoterisch angehaucht, entwickelt sich in den USA wieder zu
einem seriösen Tätigkeitsfeld, berichtet Langwieser.
Healthstyle löst Lifestyle ab
Arbeitsunfähig ist ein Mitarbeiter heute im Schnitt acht Tage im Jahr,
nicht einmal ein Drittel der krankheitsbedingten Auszeit vor zehn Jahren (25
Tage 1995).
Manche Arbeitgeber leisten dazu wiederum aktiv ihren Beitrag, etwa indem sie
Work-Life-Balance-Dienstleister buchen. So offeriert ein Chemieunternehmen in
Düsseldorf
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| Die Dynamik des Wachstumsmotors
Gesundheitswesen ist ungebrochen, nur gebremst. Bei freier Fahrt würden
Wirtschaft und Arbeitsmarkt profitieren. |
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jedem (!) Mitarbeiter Wellness-Leistungen mit
medizinischen Checks und Beratung am Wochenende.
Männer und Frauen definieren Wellness unterschiedlich: Männer suchen
darin Entspannung und Wohlgefühl; Frauen wollen ihre Gesundheit und ihr
Immunsystem stärken, ihre Lebenszeit verlängern, ermittelte das
Rheingold Institut, Köln, Institut für qualitative Markt- und
Medienanalysen, 2002. Das Resultat ist aus kaufmännischer Sicht dasselbe:
Beide Geschlechter investieren mehr in ihre
Gesundheit und die ihrer Familie. Der Boom beginnt. Und mit ihm die ihm
immanenten Gefahren.
"Mutiert Wellness zu Wellnepp?", fragt deshalb die Zukunftsforscherin
Langwieser kritisch: "Auf jeden Fall verändert diese Entwicklung das
Gesundheitssystem!" Die Umsatzprognosen für dieses Jahr belaufen sich
auf 47,7 Milliarden Euro, das wären elf Milliarden mehr als vor vier
Jahren.
Ebenfalls kritisch sieht Langwieser, wie Geschäftstüchtige nach
Kranken als Kunden fischen, etwa die "Minute clinics" in den USA mit
dem Motto: "You are sick, we are quick!": Komme der Patient in diese
"clinic", "behandelten" ihn Krankenschwester oder -pfleger,
selten ein Arzt. Solch gefährliche Praktiken machen die Grenzen für
Eigenverantwortlichkeit bei ernsthaften Krankheiten besonders deutlich. Die
Allensbacher Meinungsforscher fanden letztes Jahr heraus: Ärzte,
Krankenschwestern, Apotheker genießen das höchste Vertrauen in der
Bevölkerung. Selbstverantwortung, Selbstverbesserung, auch
Selbstmedikation werden an Bedeutung gewinnen.
Functional-Fashion sorgt für Furore
Und die Zukunft weist noch andere Wege aus: Das waschfest Vitamin-C-spendende
T-Shirt verspreche ebenso erhöhtes Wohlbefinden zu vermitteln wie
Ayurveda-Strümpfe. Ein Chroniker-orientierter Versuch sei die Erforschung
von Heilkleidung zum Beispiel für Diabetiker, durch die Insulininjektionen
sich mindern ließen. Oder das Life-Shirt, das die Herzfunktion
überwacht. Die Firma Philips "bastelt" an einem
Badezimmerteppich, der Körperfunktionen misst - und im Spiegel könnte
sich laut Zukunftsvision gleich der Hausarzt im Ernstfall dazuschalten
Health-Technik soll Freiheit schenken und die Leistungsfähigkeit steigern.
Auch das schafft Arbeitsplätze.
"High-Touch" vor "High-Tech"
Aber zurück zum "Heute": Gesundheit ist das wichtigste Gut der
Menschen in Deutschland. Entsprechend hoch steckten drei Viertel der Patienten
ihre Erwartungen an einen "guten Arzt", von dem sie neben fachlicher
Kompetenz unbedingt erwarten, dass er sich die Zeit nimmt, ihnen zuzuhören
und ihnen alle Aspekte ihres Einzelfalls für sie verständlich zu
erklären, damit sie Vertrauen zu ihm finden: "High-Touch statt
High-Tech" ist das Fazit einer Allensbach-Studie 2003. Wer das bezahlen
soll? Die Ökonomen geben eine klare Antwort: Der Markt wird es richten.
zm 96, Nr. 12, 16.06.2006, Seite
36-40
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