1. Juli 2007 -
Blitzartig einschießende Schmerzen im Gesichtsbereich, die nur kurz
anhalten, aber in Salven auftreten, müssen stets an eine
Trigeminusneuralgie denken lassen. Die diagnostische
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Wenn Schmerzen wie ein
"Blitz" einschlagen, sind sie oft unerträglich. Mehr über
die Trigeminusneuralgie. |
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Abklärung wie auch die Therapie der
Erkrankung sind nach wie vor eine medizinische Herausforderung.
Schmerzerkrankungen sind weit verbreitet. Eine besonders schmerzhafte
Störung ist die Trigeminusneuralgie, die in aller Regel erst jenseits des
50. Lebensjahres auftritt. Das Erkrankungsrisiko steigt mit dem Lebensalter, 70
Prozent der Patienten sind bei Beginn der Störung älter als 60 Jahre.
Die Prävalenz der Trigeminusneuralgie liegt bei 3 bis 6/100 000 Menschen.
Frauen erkranken etwas häufiger als Männer. Das Verhältnis liegt
bei etwa 3:2.
Die Erkrankung ist nur schwer zu behandeln, und oft kann den Patienten nur
bedingt Linderung verschafft werden. Die immer wiederkehrenden Schmerzattacken
werden von den Betroffenen sehr häufig als äußerst belastend
empfunden. Das kann soweit gehen, dass im Gefolge der Schmerzen depressive
Verstimmungen auftreten, möglicherweise sogar bis hin zur
Suizidgefährdung, weil die Patienten den Schmerz nicht mehr aushalten
können.
Blitzartig einschießende Schmerzen
Charakteristisch für die Trigeminusneuralgie sind sehr heftige, blitzartig
einschießende Gesichtsschmerzen im Ausbreitungsbereich des fünften
Hirnnervs, also des Nervus trigeminus, der aus drei Nerv-Ästen besteht. In
der Mehrzahl der Fälle ist der zweite oder dritte Ast des Nervs betroffen.
Die Schmerzen strahlen in den Ober- und Unterkiefer und in den Mundbereich aus.
Nur bei rund fünf Prozent der Patienten sind die Schmerzen im Bereich des
ersten Trigeminusastes lokalisiert, ein Drittel der Patienten aber klagt
über Schmerzen im Gebiet des zweiten und gleichzeitig auch des dritten
Astes. In aller Regel tritt der Schmerz einseitig auf. Bei drei Prozent der
Patienten sind beide Gesichtshälften betroffen, eine Situation, die an
eine sekundäre Ursache denken lassen muss.
Die Schmerzen halten nur wenige Sekunden bis maximal zwei Minuten an, treten
aber in sich wiederholenden Salven auf. Die Schmerzsalven können sich
Hunderte Male am Tag wiederholen, über Tage, Wochen und sogar Monate
hinweg. Sie klingen schließlich ab, und es folgt ein schmerzfreies
Intervall, das ebenfalls Monate anhalten kann, ehe die Neuralgie sich wieder
mit erneuten Schmerzattacken bemerkbar macht. Im Verlauf der Erkrankung
verkürzen sich oft die Intervalle zwischen den Schmerzanfällen. Bei
längeren Krankheitsverläufen kann außerdem zwischen den
Schmerzattacken ein dumpfer Hintergrundschmerz bestehen bleiben.
Äußere Reize als Trigger
Die Schmerzen werden von den Betroffenen häufig als elektrisierend
beschrieben oder als scharfer oberflächlicher stechender Schmerz. Auch ein
brennendes Schmerzgefühl wird angegeben. Gelegentlich kommt es neben den
Schmerzen zu reflektorischen Zuckungen der
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| Verlauf des Gesichtsnervs
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Gesichtsmuskulatur, dem sogenannten Tic Doloreux.
Ausgelöst werden die Schmerzsalven durch äußere Reize, zum
Beispiel Berührungen der Gesichtshaut, vor allem im mittleren
Gesichtsbereich, also beispielsweise an den Lippen, der Wange oder dem
Nasenflügel.
Zu Schmerzattacken kommt es somit häufig beim Zähneputzen, beim
Rasieren oder beim Waschen des Gesichtes. Auch das Essen und das Sprechen
können als Trigger fungieren, ebenso thermische Reize. Schon ein kalter
Luftzug oder das Waschen des Gesichtes mit kaltem Wasser kann ausreichen, um
die charakteristischen Schmerzen auszulösen.
Herausforderung Diagnostik
Der Verdacht auf eine Trigeminusneuralgie ergibt sich praktisch direkt durch
die vom Patienten geschilderte charakteristische Schmerzsymptomatik.
Diagnostisch ist dann insbesondere nach den Ursachen der Beschwerden zu
fahnden. Es geht vor allem darum, abzuklären, ob es sich um eine
klassische Trigeminusneuralgie handelt oder ob den Schmerzen
möglicherweise andere Gründe, wie ein Tumor oder vaskuläre
Prozesse im Bereich der hinteren Schädelgrube, zugrunde liegen. Zu denken
ist auch an die Möglichkeit eines Herpes zoster oder einer
Schädelbasisfraktur. Beide können Schmerzen verursachen, die der
Trigeminusneuralgie sehr ähnlich sind.
Die Schmerzen stehen zudem möglicherweise im Zusammenhang mit bestimmten
Erkrankungen. Ein Beispiel ist die Multiple Sklerose, bei der es durch die
Entmarkung von Hirnnerven zu unkontrollierten Impulsen kommen kann, die sich
als Schmerz manifestieren. Das klinische Bild ähnelt der
Trigeminusneuralgie, wobei die Schmerzen bei der Multiplen Sklerose häufig
jedoch auf beiden Gesichtsseiten auftreten. Bei etwa einem Prozent der
Patienten mit Multipler Sklerose kommt es im Verlauf der Erkrankung auch zu
einer solchen sekundären Trigeminusneuralgie.
Basis bei der Diagnostik ist deshalb zunächst eine umfassende
Schmerzanamnese. Die weitere Diagnostik konzentriert sich auf den Ausschluss
von primären Krankheitsursachen und insbesondere von möglichen
Schmerzursachen im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich.
Welche Ursachen bedacht werden müssen, ist detailliert von der
Leitliniengruppe "Schmerz und Zahnärztliche Anästhesie" der
Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
aufgelistet worden.
Differentialdiagnose per Ausschlussdiagnostik
Im Einzelnen nennt die Gesellschaft zunächst entzündliche
Veränderungen, wie eine Pulpitis, Gingivitis, Ostitis, Osteomyelitis, eine
Osteoradionekrose der Kieferknochen sowie Entzündungen durch Wurzelreste,
retinierte Zähne und Kieferzysten. Auch ist an entzündliche
Veränderungen im Bereich der Nasennebenhöhlen zu denken.
Auszuschließen als Ursache sind außerdem Tumore des
Kauschädels, der Nasennebenhöhlen und der Schädelbasis.
Weiterhin muss abgeklärt werden, ob die Störung als posttraumatischer
Folgezustand zu verstehen ist, zum Beispiel in Form des "Cracked Tooth
Syndroms", als Folge einer iatrogenen Nervschädigung oder als Folge
einer Störung des kranio-zervikalen Übergangs im Bereich des zweiten
Halswirbelkörpers. Die Leitlinien führen als weitere
auszuschließende Ursachen eine Trigeminusneuropathie an, eine Erkrankung
des kranio-mandibulären Systems, einen atypischen Gesichtsschmerz, eine
Glossopharyngicusneuralgie und einen vaskulären Kopfschmerz.
Nicht selten können die einzelnen Differentialdiagnosen bereits anhand der
geschilderten Schmerzcharakteristik ausgeschlossen werden. So ist die
Trigeminusneuralgie durch blitzartig einschießende Schmerzen
charakterisiert, während die Trigeminusneuropathie sich in Form eines
Dauerschmerzes manifestiert. Die Trigeminusneuropathie besteht zudem anhaltend
und wird nicht durch spezielle Auslöser getriggert. Ist eine solche
vergleichsweise einfache Differenzierung nicht möglich, sind
weiterführende diagnostische Untersuchungen angezeigt.
Weiterführende Untersuchungen
Zur weiteren Abklärung der Symptomatik empfiehlt die Gesellschaft eine
neurologische und neurochirurgische Untersuchung, eine orthopädische
Untersuchung und auch die Vorstellung beim HNO- sowie beim Augenarzt. Es wird
ferner zur Röntgendiagnostik des Mund-Kiefer-Gesichtsbereichs geraten, zu
einem Orthopantomogramm und gegebenenfalls zur kranialen Kernspintomographie.
Die weitere Diagnostik muss den individuellen Erfordernissen folgen,
heißt es im Diagnostik-Kapitel der Leitlinie abschließend.
Pathologischer Gefäß-Nerven-Kontakt
Letztlich sind die Ursachen der Trigeminusneuralgie nicht genau geklärt.
Der Krankheit soll ein pathologischer Gefäß-Nerven-Kontakt mit
Kompression der Wurzel des Trigeminusnervs am Austritt aus dem Hirnstamm durch
ein kreuzendes Hirngefäß oder eine Gefäßschlinge zugrunde
liegen.
Es wird davon ausgegangen, dass der Nerv durch die vom Gefäß
ausgehenden Pulswellen geschädigt wird. Das führt infolge der
stetigen Reizung zu einer segmentalen Demyelinisierung der Nervwurzel, zu
Kurzschlüssen der Reizleitung und zu sich überschlagenden Impulsen,
die dann ihrerseits die eigentlichen Schmerzsensationen darstellen.
Therapeutische Herausforderung
Steht die Diagnose "Trigeminusneuralgie", so wird zunächst
medikamentös behandelt. Nur wenn sich so ein Therapieerfolg nicht erwirken
lässt, kommen invasivere Maßnahmen in Betracht.
Initial kann dabei auch die gezielte Infiltration der betroffenen
Nervenäste mit einem langwirksamen Lokalanästhetikum sinnvoll sein
und dem Patienten vorübergehend Linderung verschaffen. Als
Langzeittherapie sind solche Maßnahmen allerdings nicht geeignet.
Vielmehr wird die Behandlung langfristig konservativ angelegt, wobei jedoch die
üblicherweise bei Schmerzen eingesetzten, nicht steroidalen
Antiphlogistika meist wenig wirksam sind. Auch auf Opioide sprechen
Nervenschmerzen wie die Trigeminusneuralgie meist nicht gut an.
Entsprechend der vorliegenden Leitlinie kann jedoch mit verschiedenen anderen
Wirkstoffen behandelt werden. Dazu gehören Antikonvulsiva, Carbamazepin,
Oxacarbazepin, Gabapentin sowie Phenytoin. Adjuvant können Myorelaxantien
gegeben werden und Baclofen in Kombination mit Antikonvulsiva.
Als Initialtherapie hat sich das Carbamazepin bewährt, das wegen der
möglichen Nebenwirkungen aber einschleichend mit langsam steigender
Dosierung verabreicht werden muss. Unter der Therapie ist als Nebenwirkung mit
Müdigkeit, Hautsausschlag, Ataxie, Übelkeit, Kopfschmerzen, einer
Leukopenie und auch mit einer Erhöhung der Leberenzyme zu rechnen.
Dauertherapie und nicht Bedarfsmedikation
Die medikamentöse Behandlung führt dabei nicht zu einer
Schmerzminderung, sondern zielt darauf ab, eine Reduktion und möglichst
das Verschwinden der Schmerzattacken zu bewirken. Es handelt sich deshalb nicht
um eine Bedarfsmedikation, vielmehr müssen die Medikamente
regelmäßig eingenommen werden, um ihre Wirkung voll entfalten zu
können.
Lässt sich mit den genannten Arzneimitteln eine adäquate Linderung
der Beschwerden nicht erwirken, so kommt auch eine lokale Glycerinblockade in
Betracht, die perkutane selektive kontrollierte Thermokoagulation und
gegebenenfalls ein neurochirurgischer Eingriff, wie die Mikrovaskuläre
Dekompression nach Janetta.
Perkutane Thermokoagulation
Bei der perkutanen Thermokoagulation handelt es sich um einen relativ kurzen
operativen Eingriff mit dem Ziel, das Ganglion Gasseri als zentrale
Schaltstelle des Nervus trigeminus auszuschalten. Der Eingriff stellt eine
vergleichsweise häufig praktizierte Behandlungsmethode der
Trigeminusneuralgie dar. Er folgt der Hypothese, dass die betroffenen
Nervenfasern schlechter myelinisiert und dadurch hitzeempfindlicher sind als
die restlichen Nervenfasern. Es wird daher davon ausgegangen, dass sich die
schmerzleitenden C-Fasern des Ganglion Gasserie durch eine gezielte
Hitzebehandlung ausschalten lassen.
Dazu wird zunächst in einer Kurznarkose mittels einer Sonde unter
Röntgenkontrolle das Ganglion Gasseri punktiert. Anschließend muss
beim wachen Patienten über einen kurzen Reizstrom kontrolliert werden, ob
die Sonde genau in der Zone des Ganglions platziert ist. Ist dies der Fall, so
wird versucht, die Nervenfasern durch eine kurzzeitige, etwa
eineinhalbminütige Erhitzung auf 70 Grad Celsius auszuschalten.
Ähnlich wie mit der Thermokoagulation können die Schmerzfasern auch
mittels einer Ballonkompression zerstört werden. Dazu wird ebenfalls
während einer Kurznarkose ein Ballon in das Ganglion vorgeschoben und dort
aufgebläht. Die Zerstörung der Nervenfasern erfolgt somit bei diesem
Verfahren nicht durch Hitze, sondern durch Druck. Einem ähnlichen Prinzip
folgt auch die lokale Glycerininjektion, bei der Glycerol als
nervschädigende Substanz direkt in das Ganglion injiziert wird. Diese
Methode soll eine Nervzerstörung auf chemischem Wege bewirken.
Die Erfolgsrate der destruierenden Verfahren liegt initial bei etwa 90 Prozent,
wobei auch zehn Jahre nach einer Thermokoagulation oder Glycerininjektion noch
80 Prozent der so behandelten Patienten schmerzfrei oder mit leichter
Medikation zu behandeln sind. Etwas niedriger ist die Erfolgsrate mit 68
Prozent bei der Ballondekompression. Als Nebenwirkung der Verfahren ist mit
einer Hyperästhesie im Bereich des Trigeminusastes oder auch mit
unangenehmen bis schmerzhaften Dysästhesien zu rechnen.
Es kann ferner versucht werden, den Trigeminusnerv auf radiochirurgischem Wege
auszuschalten, also durch die stereotaktische Behandlung mittels
gebündelter radioaktiver Strahlen. Anders als bei den übrigen
Verfahren ist bei dieser Methodik mit einer nachhaltigen Schmerzreduktion aber
erst nach Wochen und Monaten zu rechnen.
Dekompression nach Janetta
Bei der mikrovaskulären Dekompression nach Janetta handelt es sich um
einen neurochirurgischen Eingriff, bei dem der Kopf im hinteren Bereich der
Schädelgrube eröffnet wird und der Nervus trigeminus von dem auf ihm
lastenden Blutgefäß, das entsprechend der pathophysiologischen
Vorstellung für die Entmarkung verantwortlich ist, befreit wird.
Das Verfahren hat einen kurativen Anspruch, da anders als bei der
Glycerininjektion, der Ballonkompression und der Thermoablation keine direkte
Nervenzerstörung erfolgt. Andererseits ist die mikrovaskuläre
Dekompression schon allein wegen der hohen Invasivität des Verfahrens mit
Schädeleröffnung als ultima ratio anzusehen und speziell bei den
meist älteren Patienten nur in Ausnahmefällen indiziert. Allerdings
ist die Erfolgsrate hoch: 82 Prozent der so behandelten Patienten geben
Schmerzfreiheit an, bei 16 Prozent wird der Schmerz spürbar gelindert.
Nach zehn Jahren sind noch 53 Prozent der Patienten schmerzfrei, bei 13 Prozent
sind die Schmerzen nach wie vor gebessert.
Aus der Sicht der
Zahnmedizin
Trigeminusneuralgie
Die Diagnose Trigeminusneuralgie wird in der Praxis, nicht nur von
Zahnärzten, sondern vor allem von Neurologen und Internisten immer noch,
oft ohne ausreichende Diagnostik, zu häufig und vorschnell gestellt. Die
Inzidenz wird derzeit mit 4 bis 6/100.000 in der Literatur angegeben, damit
sind chronische myofaszielle Kiefer- und Gesichtsschmerzen wesentlich
häufiger und eine der wesentlichen Differentialdiagnosen.
Auch die Trigeminusneuropathie, die ebenfalls ein ähnliches Anfallsmuster
aufweisen kann, muss anhand der in diesem Fall vorliegenden
Sensibilitätsstörung und der häufig andauernden Beschwerden
abgegrenzt werden. Der anhaltende idiopathische Gesichtsschmerz (früher
atypischer Gesichtsschmerz) kann aufgrund der anhaltenden Beschwerden, der
Schmerzbeschreibung und der betroffenen Patienten (meist jüngere Frauen)
abgegrenzt werden.
Entsprechend der Definition der IHS (International Headache Society)
müssen für die Diagnose Trigeminusneuralgie folgende Kriterien
erfüllt sein:
1. Ausbreitung des Schmerzes entsprechend dem sensiblen Versorgungsgebiet des
betroffenen beziehungsweise der betroffenen Trigeminusäste
2. plötzlich auftretender, kurz anhaltender, scharfer,
oberflächlicher, stechender oder brennender Schmerz
3. sehr hohe Schmerzintensität (häufig 10 von 10 auf der visuellen
Analogskala, beziehungsweise der numerischen Ratingskala)
4. Auslösung des Schmerzes über Triggerfaktoren wie Triggerzonen
(meist im medialen Gesichtsanteil)
5. Beschwerdefreiheit zwischen den Episoden.
Ergänzend können noch folgende Kriterien hinzugefügt werden:
1. es besteht kein neurologisches Defizit (im beschwerdefreien Intervall)
2. die Anfälle folgen einem stereotypen Muster
3. sie dauern wenige Sekunden bis maximal zwei Minuten
4. als Auslöser der Schmerzattacken können Berührung der
äußeren Haut, der Schleimhaut und der Zähne, Temperaturreize
sowie Bewegungen der Gesichts- und Kaumuskulatur im Bereich der Triggerzonen
fungieren.
Letzteres Phänomen wird als Allodynie bezeichnet und ist gekennzeichnet
durch eine neuropathische Störung der Gestalt, dass in der Regel
Berührungsreize (A-b-Fasern) auf Schmerzfasern (A-d-Fasern)
übergeleitet werden. Im Falle einer sehr engen
Gefäß-Nerven-Beziehung kann es infolge der kontinuierlichen
Pulsationen einer Arterie, häufig eine elongierte Arteria cerebelli
superior, zu einer Schädigung des Myelins infolge der Mikrotraumatisierung
mit Deafferenzierung führen. In der Folge sind abnorme Impulsweiterleitung
beziehungsweise Ephapsenbildung möglich. Eine solche enge räumliche
Beziehung von Gefäß und Nerv konnte intraoperativ bei 70 bis 100
Prozent der Patienten nachgewiesen werden.
Daher ist die Medikation mit membranstabilisierenden Medikamenten als
primäre Therapiemaßnahme indiziert. Antiepileptika sind dabei die
Mittel der ersten Wahl. Carbamazepin gilt immer noch als Standardpräparat,
allerdings stellen Oxcarbazepin (keine Zulassung für die
Trigeminusneuralgie) und Gabapentin aufgrund der Tatsache, dass sie wesentlich
besser verträglich sind und weniger Nebenwirkungen hervorrufen,
mögliche Alternativen dar. Da alle diese Medikamente sehr langsam bis zum
therapeutischen Wirkspiegel oral aufdosiert werden müssen, kann es in
dieser Phase sinnvoll sein, dass der Zahnarzt am Foramen infraorbitale (II.
Trigeminusast) beziehungsweise Foramen mandibulare (III. Trigeminusast) eine
Leitungsanästhesie mit einem langwirksamen Lokalanästhetikum (zum
Beispiel Bupivacain o.V.) durchführt. Entgegen der sonstigen Empfehlung,
auf die Nahrungsaufnahme zu verzichten solange die Weichteilanästhesie
anhält, erleichtert diese Maßnahmen den betroffenen Patienten die
Nahrungsaufnahme und ermöglicht ihnen eine Erholungsphase von den
Schmerzattacken. Wenn die richtige Dosis des Antikonvulsivums, die zu einer
Schmerzfreiheit führt, gefunden ist, sollte die Injektionsbehandlung
beendet werden. Mittel der zweiten Wahl sind Phenytoin (steht auch für
eine intravenöse Injektion zur Verfügung) Lamotrigin, Baclofen unter
Umständen auch ergänzend Opiate. Seit 2004 ist für periphere
neuropathische Schmerzen, insbesondere die postherpetische Neuralgie, auch das
Antikonvulsivum Pregabalin als weitere Alternative zugelassen.
Als obsolet müssen heute nicht indizierte Wurzelbehandlungen, die
Extraktion von erhaltungswürdigen Zähnen in dem betroffenen
Kieferabschnitt sowie lokale neurodestruktive Maßnahmen, wie die
Exhairese peripherer Trigeminusanteile, angesehen werden. Letztere führt
fast immer zu einer anaesthesia dolorosa infolge der Neurinombildung am
proximalen Nervstumpf.
Die entscheidende Aufgabe des Zahnarztes ist es allerdings, andere dentogene,
knöcherne und weichgewebige Erkrankungen zu erkennen und zu behandeln, die
zu neuralgieformen beziehungsweise neuropathischen Schmerzen im
Trigeminusausbreitungsgebiet führen können und früher als
symptomatische Trigeminusneuralgie bezeichnet wurden.
Kann in einem hoch auflösenden Kernspintomogramm mit Kontrastmittel eine
direkte Gefäß-Nervenbeziehung im Trigeminuskerngebiet nachgewiesen
werden, ist der Patient noch relativ jung und operationsfähig und die
konservative medikamentöse Therapie unbefriedigend, ist die
mikrovaskuläre Dekompression nach Janetta die Therapie der Wahl. Initial
führt sie in etwa 80 Prozent zur Beschwerdefreiheit. Nach zehn Jahren
liegt diese allerdings nur noch bei 67 Prozent, bei etwa elf Prozent Patienten
muss mit einem Rezidiv gerechnet werden.
In der Literatur finden sich zahlreiche Hinweise dafür, dass die Patienten
während der Phasen mit häufigen und intensiven Schmerzattacken auch
psychische Symptome, wie Depression und Angst, entwickeln, die gegebenenfalls
auch mit Suizidgedanken verbunden sein können.
Die aktuellste Entwicklung bei der Therapie der Trigeminusneuralgie ist die
Gamma-Knife-Behandlung des Ganglion Gasseri. Es handelt sich dabei um eine sehr
gezielte, stereotaktisch durchgeführte Hochdosis-Radiochirurgie-Methode
(70 bis 90 Gy), die eine Erfolgsaussicht von 60 bis 75 Prozent aufweist.
Alternativ werden auch Linearbeschleuniger eingesetzt. Das klinische Ergebnis
stellt sich erst mit einem Zeitverzug von Tagen bis zu mehreren Monaten ein.
Von den heute noch angewandten ablativen Verfahren (Thermokoagulation,
Ballonkompression, Glycerinrhizolyse) ist die Radiotherapie diejenige mit der
geringsten Erfolgsquote, allerdings auch mit der niedrigsten Nebenwirkungsrate.
Dies sind vor allem Hypästhesien im Ausbreitungsgebiet des behandelten
Nerven.
Priv. Doz. Dr. Dr. Monika Daubländer
Johannes Gutenberg Universität
Klinik und Poliklinik für Zahn-,
Mund- und Kieferkrankheiten
Augustusplatz 2, 55131 Mainz
zm 97, Nr. 13, 01.07.2007, Seite 54-58
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