Moderne Methoden der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG)

Das neue Gesicht - Möglichkeiten für ein lebenswertes Leben

Susanne Priehn-Küpper
16. Juli 2006 - Isabelle Dinoire - dieser Name ging um die Welt. Eine sensationelle Erfolgsmeldung um eine tragische Lebensgeschichte. Das MKG-Team um den Franzosen Bernard Devauchelle hatte der 38-jährigen vor einigen Monaten Nase, Mund-, und Kinnpartie einer Toten transplantiert - bislang mit Erfolg.
Isabell Dinoire - diese junge Französin lebt mit Teilen des Gesichts einer Toten. Sie erhielt die erste Gesichtstransplantation der Welt.
Noch lassen die Abstoßreaktionen auf sich warten. Hat die Patientin das erste Jahr geschafft, seien die Erfolgsprognosen für sie günstig, sagen die Wissenschaftler. Alles allerdings unter lebenslanger Medikamentierung, mit starken Nebenwirkungen.


Dieser Fall ist bislang weltweit einzigartig. Finger, Ohrmuscheln, Herzen, Lungen, Nieren oder auch ganze Unterarme haben schon des öfteren erfolgreich ihren "Träger" gewechselt. Das Gesicht jedoch ist etwas anderes als nur ein Körperorgan oder ein "Anhängsel" wie die Ohrmuschel. Das Gesicht ist Ausdruck des Menschen, spiegelt seine Freude oder seinen Kummer wieder, zeigt sein Interesse, ist damit ein Mittel der nonverbalen Kommunikation und gibt dem Menschen seine Individualität.

Medizinethiker haben sich über den Drang zur ästhetischen Veränderung des Gesichtes des öfteren mehr kritisch als positiv geäußert (siehe auch zm 10/06, über den zm-Leserservice erhältlich). Nun ist es aber unbedingt nötig, Patienten, die nach Traumata oder Tumoroperationen "ihr Gesicht verloren" haben, nicht nur funktionell, sondern auch lebenswert zu rehabilitieren. In Deutschland haben in den letzten Monaten mehrere Veranstaltungen stattgefunden, auf denen unterschiedliche Operationsverfahren und Methoden vorgestellt wurden. Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, ein Fachgebiet, das seinen Ursprung in den therapeutischen Erfordernissen der Kriegsverletzungen des ersten Weltkrieges hatte, ist heute der qualifizierte Fachbereich, der chirurgische Fähigkeiten, plastisch-rekonstruktive Chirurgie sowie chirurgisch-zahnmedizinisches Know-how miteinander vereinigt, um Operationen dieser Art auch in ästhetisch-chirurgischer Weise erfolgreich zu planen und durchzuführen.


 
Dieser kleine Junge (li. oben. ante OP) litt unter einer Kranyosynostenose, die mit Hilfe von resorbierbaren Osteosyntheseplatten (unten) nicht nur optisch, sondern auch funktionell behoben werden konnte. (re. oben. post OP). Eine zweite Operation (OP) bleibt ihm erspart.
 


Ostheosynthese
So ist es zum Beispiel heute möglich, Knochenfrakturen im Bereich des Gesichtsschädels mit resorbierbaren Ostheosynthesematerialien so zu versorgen, dass dem Patienten eine zweite Operation erspart bleibt und gleichsam einfacher zu verarbeiten ist. Ebenso werden diese Materialien bei Kindern, die unter einer Kranyosynostenose leiden, erfolgreich eingesetzt, wie Professor Dr. Dr. Uwe Eckelt, Dresden, kürzlich der Presse in Dresden vorstellte. Diese neue Methode verzichtet darauf, dass wie herkömmlich, Knochenersatzmaterialien mit Titanschrauben eingebracht werden, sondern der Knochenersatz wird hierbei mittels eines durch Ultraschall eingebrachten Pins fixiert. Der Pin breitet sich in der Trabekelarchitektur des spongiösen Knochens aus und macht damit eine besonders feste Retention möglich. Diese Methode ist bereits tierexperimentell getestet und zeigt neben einer höheren Stabilität auch eine wesentliche Verkürzung der Operationszeit, was dem Gesamtorganismus des Patienten zugute kommt.

 
28-jähriger Patient mit Engstand im Unter- und Oberkiefer. Endergebnis nach chirurgischer Gaumennahterweiterung und medianer UK- und OK-Distraktionsosteosynthese sowie Kfo-Behandlung.
 
 


Distraktionsosteosynthese
Auch starke, entstellende Dysgnathien, meistens sind sie genetisch bedingt, können heute durch moderne Operationstechniken zu einem neuen ästhetischen Gesicht führen und für den Patienten zu einer erheblichen Verbesserung seiner Lebensqualität und seiner Psyche beitragen. Professor Dr. Dr. Elmar Esser, Osnabrück, zeigte Beispiele der Mittelgesichtsverlängerung durch Distraktionsosteogenese, sowie Unterkieferverbreiterung, die das Ziehen von überzähligen Zähnen überflüssig macht und gleichzeitig das Gesicht in günstigere Proportionen bringt. So hat die Methode der Distraktionsosteogenese bereits vielerseits in die niedergelassene Praxis Einzug gehalten und dient dem Knochenaufbau zur späteren Implantation. Mit diesem im Vergleich zu anderen Verfahren relativ kleinen Eingriff kann bei Erwachsenen sowie auch schon im Kindesalter minder entwickelter Knochen verlängert, fehlpositionierter Knochen verschoben oder geschrumpfter Kieferknochen wieder aufgebaut werden (siehe oben).


Großflächige Weichteilresektion nach Tumorresektion

Das Gesicht des Künstlers

Als die heute 34-jährige Daniela Herbst (Name von der Redaktion geändert) ein Jahr alt war, musste ihr wegen eines Retinoblastoms ein Auge entfernt werden. Bereits ein Jahr später erkrankte auch das andere Auge, sie verlor
Durch eine rezidivierende Tumorerkrankung entstellt: Die Patientin erhielt ihr neues Gesicht durch perfekte Kooperation zwischen Operationsteam und Epithetiker. Ihren Charme hat die Patientin trotz allem nicht eingebüßt. Hier im Gespräch mit einem Journalisten in der Berliner Charite.
nun auch dieses. Das kleine zweijährige nun blinde Mädchen erhielt postoperativ eine Chemo- sowie Strahlentherapie. Vorerst mit Erfolg. Aber in ihrem achten Lebensjahr, inzwischen hatte sie in der Blindenschule Lesen, Schreiben und sich in ihrem Lebensalltag zurechtfinden gelernt, kam es zu der nach wiederholter Radiotherapie gefürchteten sekundären Tumorbildung. Die nächste Operation folgte, ebenso die Strahlen- und Chemotherapie.

Alles schien soweit überstanden. Das Mädchen wuchs heran, machte ihren Schulabschluss, begann ein Studium und heiratete. Im Alter von 25 Jahren wurde Danielas kleine Tochter geboren. Noch während der Schwangerschaft hatte sich bei der werdenden Mutter ein neuer bösartiger Tumor - ein Leiomyosarkom - gebildet. Nach der Geburt des Kindes wurde dann mehrfach in der herkömmlichen Weise behandelt. Aber der Tumor nahm immer weiter an Größe zu.

Inzwischen reisten die Eltern mit ihrer Tochter nebst Säugling von Klinik zu Klinik. Sie wurde aufgegeben, eine weitere Operation schien nicht mehr möglich. Aber trotz Schmerzen und der Organismus schwächenden Krankheit ließen die Patientin und ihre Familie nicht locker. Schließlich, in Berlin, sah man eine Lösung: Das einzige, was helfen konnte, war die großflächige Entfernung der malignen Geschwulst, also auch die Entfernung des Gesichtes. Professor Dr. Dr. Jürgen Bier und sein Team von der Charité planten lange und setzten sich mit der Möglichkeit einer postoperativen Rekonstruktion auseinander. Schließlich willigte die Patientin ein. Vor genau sieben Jahren ging es dann in den OP.

Die Patientin sitzt vor Vertretern der Presse und erzählt ihre Geschichte. Langsam, wohl gesetzt, berichtet sie ihren Leidensweg, der ihrer Aussage nach in Berlin ein annehmbares Ende fand.

Die ausgesprochen sympathische junge Frau trägt eine große dunkle Brille und zeigt Mimik, wenn sie lächelt. Der Mund steht nur leicht schief, ein Fremder würde es kaum bemerken. Die Gesichtshaut ist klar, fein geport und samtig - altersgemäß. Aber aus Kunststoff. Ein Künstler hat ihr dieses Gesicht gefertigt. Noch vor der Operation wurde vom Epithetiker ein Abdruck genommen, die wichtigsten Merkmale ihrer Haut und ihres Gesichtsausdruckes festgehalten. Nach dem Eingriff mehrere Monaten später - die Operationswunde war durch Haut aus ihrem Rücken gedeckt worden - als alle Wunden verheilt waren, konnte Abdruck genommen werden. Dann kamen die Vorbereitungen für die Befestigung der Epithese. Kleine Implantate helfen zusammen mit der Brille, dass nichts verrutscht.

Als Daniela ihr neues Gesicht das erste Mal ertasten konnte, war es ein ergreifendes Gefühl, sagt sie. Zusätzlich erfolgte eine spezielle Therapie im Berliner Schmerzzentrum. Daniela hat dort gelernt, ihre Dauerschmerzen mittels der richtigen Medikamente und Dosierung selbständig zu kupieren.

Ich frage die Patientin, ob sie sich vorstellen könnte, mit einem transplantierten Gesicht einer Toten zu leben. "Nein!" Ihre Antwort kommt schnell und entschieden, denn dieser Gedanke wird bei ihrem Leidensweg sicherlich schon einmal dagewesen sein. "Ich kann es mir bei einer Leber oder einer Niere vorstellen ... aber nicht bei einem Gesicht. Denn auch ein Blinder sieht, wenn auch nicht mit den Augen. Diese Vorstellung wäre mir unmöglich", sagt die Patientin und lächelt in die Kamera.

 

Nach starker Verbrennung

Neues Gesicht aus dem eigenen Bauch

Lajos Schöne
 
Lebensqualität vom OP-Tisch. Mikrochirurgen der TU München formen das entstellte Antlitz eines chinesischen Mädchens neu.


Als Xiao Liewen ein Jahr nach ihrem Unfall aus dem Rui-Shin-Hospital in Shanghai entlassen wurde, wagte sie sich nur noch mit einem völlig verhüllten Kopf auf die Straße. Ihr Gesicht war durch schwere Verbrennungen derart grauenvoll entstellt, dass sich selbst ihre Mutter geweigert hatte, ihre Tochter anzuschauen. Dass die damals 17-Jährige sich heute wieder unter Menschen traut, verdankt sie der Kunst von Professor Dr. Dr. Edgar Biemer und seinem Team von der Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie der TU München. Der renommierte Mikrochirurg rekonstruierte das Gesicht des jungen Mädchens und formte ihr - weltweit vermutlich erstmalig - eine neue Nase aus ihrem Bauchgewebe.


Sturz auf den Heizbrenner
Der Unfall geschah am späten Abend. Liewen, wie die meisten der heutigen Kindergeneration in China ein Einzelkind, will ihre Eltern später einmal versorgen können. Die fleißige Schülerin steht vor einer Prüfung so stark unter Druck, dass sie nach ihren anstrengenden Vorbereitungen im häuslichen Bad in Ohnmacht fällt - genau auf die rot glühenden Spiraldrähte eines Heizstrahlers. Als sie nach einer halben Stunde von ihrem Vater Xiao Fenglein entdeckt wird, sind Gesicht und Kopfhaut des Mädchens bereits verbrannt und selbst die knöcherne Schädeldecke durchgeschmort.

Den Ärzten der Shanghaier Klinik gelingt es zwar, das Leben des verunglückten Mädchens zu retten. Sie verschließen auch den Knochendefekt des Schädels mit Haut und Muskeln aus dem Rücken. Viel mehr können sie jedoch nicht tun. Bei ihrer Entlassung aus der Klinik hat das damals 14-jährige Mädchen eine immer noch offene
So sah Xiao Liewen nach der Erstversorgung durch die Ärzte der Shanghaier Klinik aus.
 
Zwischenstadium während des Behandlungsverlaufes.
 
Dank der annähernd ästhetischen Rehabilitation traut sich Xiao Liewen heute wieder auf die Straße.
Kieferhöhle und eitrige Wunden im Gesicht. Ihr rechtes Auge fehlt und eine Nase hat Liewen auch nicht mehr.


OP-Team gefunden
Mit Hilfe einer Lehrerin einer deutschen Schule in Shanghai, der Ärzte-Hilfsorganisation "Interplast", der Katholischen Erziehergemeinschaft und eines privaten Reiseveranstalters wird Liewen an Professor Biemer nach München vermittelt. Seine Abteilung für Plastische- und Wiederherstellungschirurgie gehört zu den ersten klinischen Einrichtungen in Deutschland, die sich ausschließlich auf diesem Zweig der Chirurgie spezialisieren.

Professor Biemer selbst ist maßgeblich an der Entwicklung hoch spezialisierter mikrochirurgischer Operationsverfahren beteiligt. Er wagte sich 1975 als erster deutscher Mikrochirurg an die Replantation eines Fingers, bei der ein türkischer Arbeiter seinen abgetrennten rechten Daumen wiederbekam. Aufsehen erregte auch eine Operation des Münchner Chirurgenteams, bei der sie den bei einem Unfall verlorenen Daumen einer Pianistin durch eine ihrer Zehen ersetzt haben. Schon ein Jahr nach dem Eingriff konnte sie wieder Konzerte geben.

Bei der Rekonstruktion des zerstörten Gesichts von Xiao Liewen ist es allerdings mit einem einzigen Operationstermin nicht getan: Mindestens fünfmal muss das entstellte Unfallopfer wieder unter das Messer, damit ihr Anblick bei ihren Mitbürgern kein Entsetzen mehr hervorruft.


Neue Haut aus dem Bauch gezüchtet
Für das neue Gesicht des Mädchens Liewen züchtet das Münchner Chirurgenteam ein Transplantat auf der Bauchhaut. Oberarzt Dr. László Kovács scannt zuvor zur 3D-Computerrekonstruktion eine Aufnahme von der Nase der Mutter ein. Nach diesem Muster soll, wie nach einem Schnittbogen, die neue Nase des jungen Mädchens entstehen. Neben der Züchtung der neuen Nase wollen die Ärzte mit dem Bauchgewebe gleichzeitig die offene Kieferhöhle füllen.

Warum eine Nase gerade aus dem Bauch? Professor Dr. Edgar Biemer: "Das Bauchgewebe eignet sich für derartige Vorhaben deshalb besonders gut, weil dort jeder Mensch über ausreichende Reserven verfügt."


Die neue Nase
Beim Verpflanzen der neuen Nase ins Gesicht des Mädchens operieren zwei Ärzteteams gleichzeitig. Für die Stabilität der neu gebildeten Nase aus Haut und Fettgewebe sorgt Knorpelspan aus der Gewebebank. Er enthält keine lebenden Zellen mehr und wird damit auch von Liewens Körper nicht abgestoßen. Später, nach dem das tiefe Loch in Liewens Gesicht endlich verschlossen ist, wird ihr verlorenes Auge durch eine so genannte Epithese, ein Kunstauge mit Lidern und Augenbrauen, ersetzt.

Professor Dr. Edgar Biemer über die Schwierigkeiten des weltweit vermutlich erstmaligen Eingriffs: "Das Wichtigste ist dabei, dass die Blutgefäße in dem zu transplantierenden Gewebeblock aus dem Bauch intakt sind. Nur so lässt es sich erreichen, dass die neue Nase später nicht abstirbt".

Rümpfen kann Liewen ihre neue Nase derweil allerdings noch nicht. Professor Biemer: "Das feine Nervengewebe von Nase, Mund oder Ohren lässt sich kaum rekonstruieren. Es dauert etwa zwei Jahre, bis eigene Nerven in das transplantierte Gewebe hineinwachsen und das neu geformte Organ gewisse Gefühle empfinden kann."

Xiao Liewen verkriecht sich heute nicht mehr in ihrem Zimmer. Sie ist von ihrem entsetzlichen Unfall zwar nach wie vor schwer gezeichnet und trägt in der Öffentlichkeit meist Hut und Perücke, hat sich aber an ihr neues Aussehen gewöhnt. Wenn es ihr gelingt, für einen weiteren Aufenthalt im Münchner Klinikum Rechts der Isar genügend Geld für Flug und Unterbringung zu sammeln - Professor Biemer und seine Mitarbeiter operieren sie unentgeltlich - soll im Zuge eines weiteren Eingriffs die Kopfhaut mithilfe eines Expanders gedehnt werden. Ihr jetzt noch weit zurückliegender Haaransatz kommt damit nach vorn und die junge Frau braucht dann keine Perücke mehr.


Lebensqualität "rekonstruiert"
Die Galileo-Redakteurin Petra Jahn kümmert sich auch nach einer von ihr über den Patientenfall zusammengestellten Sendung weiter um die Hilfe für die mittlerweile zur jungen Frau herangereiften Chinesin: "Ihr Gesicht ist zwar soweit wieder hergestellt wie es die moderne plastische Chirurgie erlaubt. Ihr augenblickliches Problem ist es jedoch, dass sie ihre Ausbildungspläne nicht verwirklichen kann. Durch die wiederholten Operationsaufenthalte in München hat sie den schulischen Anschluss in ihrer Heimat verloren und wegen ihres Alters kann sie nicht mehr in die dortige Regelschule zurückkehren. In China selbst können Menschen wie sie nicht mit der gleichen Hilfsbereitschaft rechnen, wie in Europa. Frau Xiao hofft deshalb auf weitere Unterstützung aus Deutschland. Vielleicht findet sich ein Weg, um der intelligenten und strebsamen jungen Frau in Deutschland eine Ausbildung zu ermöglichen."

Lajos Schöne
Gestäckerstraße 9
81827 München


"Interplast" hat für die Hilfsaktion ein Spendenkonto eingerichtet. Es lautet: "Interplast Germany e.V." Stichwort: Hilfsaktion Xiao Liewen, Spendenkonto: Postbank München, Konto 10 666 800, BLZ: 700 100 80. Mehr Informationen über die gemeinnützige Ärzteorganisation gib es im Internet unter www.interplast-germany.de


zm 96, Nr. 14, 16.07.2006, Seite 40-43