1. August
2006 - Der Erste Weltkrieg zieht drohend herauf und versetzt die
Menschen in Angst und Schrecken. Zugleich entsteht ein
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Kleine Aster
Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhelllila Aster
zwischen die Zähne geklemmt
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muss ich sie angestoßen haben, denn
sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!
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Aus: Morgue, 1912 |
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Wirbel aus Protest, Kritik und Aufbruch.
Besonders die Kunst bricht mit der Tradition; in der Literatur erschaffen
Autoren eine radikal neue und expressive Sprache. Zur Avantgarde zählt
plötzlich auch Gottfried Benn. Sein Gedichtband "Morgue" von
1912 ist eine Sensation, die Leserschaft geschockt: Nie zuvor brachte jemand
seine Visionen von Verfall und Verwesung so drastisch zu Papier. Vor 50 Jahren
starb der promovierte Arzt und Dichter.
Morgue, das ist das Leichenschauhaus, hier arbeitet Benn, und genau diese
Tätigkeit am Seziertisch macht er zum Gegenstand der Dichtung. Das taten
vor ihm schon andere, etwa Rilke und Heym - neu ist das Thema also nicht. Neu
ist indes die erschreckende Routiniertheit, diese Brutalität,
Unterkühltheit und Gleichgültigkeit der Sprache, mit der der
Pathologe und Serologe seine "Sezierobjekte" beschreibt. Benn
provoziert - mit Erfolg: Damals wie heute empfinden viele seine Gedichte als
geschmacklos. Die menschliche Existenz und ihr körperlicher Verfall werden
darin als geradezu banal abgetan. Der Lyriker distanziert sich von dem
schönen Schein, ja, er beschreibt den Tod nicht als friedlich oder gar
erlösend, sondern ästhetisiert bewusst das Hässliche. Und bricht
damit das Tabu, dass die Menschenwürde unantastbar ist.
Beeinflusst von Nietzsches Idee, dass Realität nur als ästhetisches
Ereignis Relevanz besitzt,
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| Das Genie beherrscht
das Chaos. Gottfried Benn in seinem Arbeitszimmer. |
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ist für Benn die Wirklichkeit ein Trugbild
und der Glaube, aktives Handeln beeinflusse den Lauf der Dinge, ein "Traum
für Knaben und Knechte". Nur der Einzelne, das Genie, hat
Gültigkeit, Einsamkeit ist die probate Lebensform. Allein der
Künstler ist imstande, dem sinnlosen Leben etwas abzuringen, das Bestand
hat: "Form nur ist Glaube und Tat."
Zugleich ist Benns frühe Lyrik auch eine Anklage gegen die Leiden, welche
Wissenschaft und Zivilisation dem Einzelnen zufügen. Wie auch andere
Künstler begehrt er auf gegen die anonymen Apparaturen der Verwaltung, die
wachsende Vorherrschaft der Technik und versucht dem eine alles umspannende
Kunst entgegen zu setzen.
Benn - im Gegensatz zu Johannes R.
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Schöne Jugend
Der Mund eines Mädchens, das lange
im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die
Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem
Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen
quietschten! |
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Becher und Bertolt Brecht - gehört zu jenen
Expressionisten, die weltanschaulich rechts stehen; 1932 bis 1934 nähert
er sich dem Nationalsozialismus. Erst als Hitler 1934 den SA-Stabschef Ernst
Röhm aus machtpolitischen Gründen ermorden lässt, wendet er sich
desillusioniert ab: "Das Ganze kommt mir allmählich vor wie eine
Schmiere, die fortwährend 'Faust' ankündigt, aber die Besetzung
reicht nur für 'Husarenfieber'. Wie groß fing das an, wie dreckig
sieht es heute aus". Um seine Praxis zu halten, sieht er sich dennoch
gezwungen, an Schulungen des NS-Ärztebundes teilzunehmen, denn man
argwöhnt, er sei Jude. Der niedergelassene Arzt kehrt schließlich in
die Armee zurück: "Raus aus allem; und die R.(eichs) W.(ehr) ist die
aristokratische Form der Emigrierung!" Sein Werk wird von der SS als
"Ferkelei" und "widerliche Schweinerei" diffamiert, 1938
wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und hat Schreibverbot.
1951 erhält er den Georg-Büchner-Preis. Wenige Jahre vor seinem Tod
schreibt er ein Gedicht mit dem Titel "Was schlimm ist". "Am
schlimmsten", heißt es da: "nicht im Sommer sterben".
Gottfried Benn stirbt am 7. Juli 1956.
ck
zm 96, Nr. 15, 01.08.2006, Seite 80
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