zm-Interview mit
Dr. Peter Engel, Prof. Dr. Thomas Hoffmann und Dr. Jürgen
FedderwitzGut gerüstet für den Wandel |
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1. August
2009 - Vom 4. bis 7. November 2009 findet in München der Deutsche
Zahnärztetag statt - Anlass zu einer berufspolitischen Positionierung der
drei Spitzenvertreter von BZÄK, DGZMK und KZBV. Ständige
Veränderungen und Weiterentwicklungen im Gesundheitswesen erfordern vom
Berufsstand innovative Konzepte, Strategien und Herangehensweisen. Der Deutsche
Zahnärztetag dient als öffentlichkeitswirksames Forum für die
Botschaften aus Standespolitik und Wissenschaft.
zm: Herr Dr. Engel, die Gesundheitspolitik steckt im Dauerfeuer öffentlicher Diskussionen - Stichwort Wahljahr. Ganz abgesehen davon muss sich die Zahnärzteschaft ständig neuen politischen wie fachlichen Herausforderungen stellen. Welche Bedeutung hat da der Deutsche Zahnärztetag?
zm: Herr Prof. Hoffmann, wo sehen Sie in München in diesem Jahr die Schwerpunkte, gerade auch, was das Zusammenwirken von Standespolitik und Wissenschaft betrifft?
zm: Mit ihrem Konzept "Perspektive Mundgesundheit" hat die KZBV Ziele und Konzepte für die Weiterentwicklung der vertragszahnärztlichen Versorgung entwickelt. Herr Dr. Fedderwitz, wo geht denn die Reise hin?
zm: Neue Optionen erfordern auch neue Denkweisen. Herr Dr. Engel, mit welchen Handlungsmaximen will sich denn die BZÄK fit für die Zukunft machen? Dr. Engel: Zunächst einmal, und das muss ganz klar gesagt werden, findet unser zahnärztliches Handeln auf den berufsethischen Grundlagen der Freiberuflichkeit statt. Zu nennen ist hier das BFB-Leitbild der Freien Berufe, das Genfer Gelöbnis und der Ethical Code der FDI. Das Vertrauen zwischen dem Zahnarzt und seinem Patienten, die zahnärztliche Kompetenz und Verantwortung und die fachliche Unabhängigkeit sind feste Größen, die im Spannungsverhältnis zwischen Regulierung und Liberalisierung im Gesundheitswesen ihren festen Platz haben müssen. Als Lösungsansatz zur Kostenentwicklung im Gesundheitswesen wird sich der Berufsstand Gedanken machen über die Definition von Grund- und Wahlleistungen mit einer Festzuschuss-Systematik und entsprechende Konzepte vorlegen. Auch aus unserer Sicht ist die Ausweitung befundorientierter Festzuschüsse auf weitere Bereiche der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde denkbar. Außerdem arbeiten wir daran, die unterschiedlichen Formen zahnärztlicher Berufsausübung mit Chancen und Risiken für Zahnärzte wie für Patienten darzustellen. Nicht zuletzt werden wir unsere Kernforderungen zur Neuauflage des GOZ-Referentenentwurfs weiterentwickeln und rechtzeitig einbringen.
zm: Bei den Ärzten sind sie heiß diskutiert, aber auch bei den Zahnärzten ist das Thema virulent: Selektivverträge. Herr Dr. Fedderwitz, ist das der Königsweg hinaus aus der Misere? Dr. Fedderwitz: Wohl kaum! Wir beschäftigen uns seit mehr als zwei Jahren mit Selektivverträgen und deren Konsequenzen für die Körperschaften. Auch auf der KZBV-Vertreterversammlung werden wir uns damit intensiv beschäftigen. Aus unserer Sicht erfährt der Kollektivvertrag derzeit eine erstaunliche Wiederauferstehung. Man denke nur an die Wirtschafts- und Finanzkrise und die damit verbundenen Finanzierungsschwierigkeiten in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Oder an die drohende Unterfinanzierung des Gesundheitsfonds, die weiter fortschreitende Fusionitis unter den Krankenkassen und die daraus resultierenden Konsolidierungen. Oder an die termingebundenen Rückzahlungsverpflichtungen für die vom Steuerzahler erhaltenen Darlehen. Angesichts solcher Gesichtspunkte dürfte so mancher Euro mehrfach umgedreht werden, bevor er für einen Selektivvertrag eingesetzt wird. Im Gegenteil: In diesen angespannten Zeiten erlebt das Solidarsystem in der GKV eine erneute Bestätigung. Selektivverträge sehe ich da mehr als Ergänzung, so dass es auf die Dauer wohl eher auf ein Nebeneinander von Kollektiv- und Selektivverträgen hinauslaufen dürfte. Die Vorstellung, dass wir das eine System komplett durch das andere ersetzen, ist ebenso unrealistisch wie die Erwartung, dass es irgendwann einmal die ultimative Gesundheitsreform geben wird.
zm: Die DGZMK hat kürzlich ihr 150-jähriges Jubiläum gefeiert. Welche Perspektiven sehen Sie - vor dem Hintergrund dieser langen Tradition - für die Zukunft der zahnmedizinischen Wissenschaft? Prof. Hoffmann: Die deutsche Zahnheilkunde steht - ebenso wie vor 150 Jahren - vor großen Herausforderungen in allen ihren Bereichen. Änderungen des Berufsausübungsgesetzes lassen neue Praxisformen entstehen und beeinflussen den Wettbewerb in der zahnärztlichen Praxis. Die universitären Ausbildungseinrichtungen in Deutschland werden in zunehmendem Maße gefordert sein, mehr Effizienz in der Eigenfinanzierung zu entwickeln sowie neue Lehrformen umzusetzen. Eine moderne Approbationsordnung sollte nun endlich etabliert, mit unseren Partnern der Prozess der Strukturierung der postgradualen Fort- und Weiterbildung erfolgreich fortgesetzt und das internationale Ansehen der deutschen wissenschaftlichen Zahnmedizin ausgebaut werden. Da die Zahnmedizin sich als integraler Bestandteil der Medizin verstehen muss, ist es notwendig, die Partikularinteressen zurückzustellen und als ein starkes Zentrum Zahnmedizin aufzutreten. Es gilt, die Kräfte in diesem Zentrum zu bündeln, sich von der Begrenztheit der bisherigen Fächerstrukturen zu lösen und Exzellenzbereiche zu bilden. Diese Exzellenzbereiche umfassen die Lehre, die Forschung und die medizinische Versorgung. Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass die Lehrinhalte und -umfänge sowie das klinische Trainingsprogramm von den Erkrankungsprävalenzen determiniert sind, was wiederum auch für die Forschung förderlich erscheint. zm: Bei den Ärzten ist die strikte Budgetierung ja abgeschafft und das Morbiditätsrisiko den Kassen übertragen worden. Herr Dr. Fedderwitz, heißt es bei Ihnen auch: raus aus der Budgetierung? Dr. Fedderwitz: Ja, aber mit intelligenten Lösungen. Wir haben inzwischen genügend eigene Argumente, um die Budgetabschaffung zu begründen. Man denke nur an die wachsenden Alternativen in der zahnärztlichen Therapie, die dadurch mögliche Differenzierung in Grund- und Wahlleistungen, die kaum vorhandenen sektorübergreifenden Leistungen, die marginale Bedeutung von Arznei-, Heil- oder Hilfsmitteln und die vorab genehmigungspflichtigen Leistungen bei Prothetik, PAR, KFO und KB. Das spricht alles für die zahnärztlichen Konzepte zur Budgetabschaffung. Deswegen kommt auch bei uns eine Übertragung des neuen vertragsärztlichen Vergütungssystems nicht in Frage. Klarer und sinnvoller ist eine nachhaltige Strukturreform der vertragszahnärztlichen Versorgung. Dazu muss das Festzuschusssystem beim Zahnersatz, das sich ja bestens bewährt hat, konsequent weiterverfolgt werden: Dazu sollten die Füllungstherapie einschließlich Endodontie von der Mehrkostenregelung in ein Festzuschusssystem überführt werden, wie beim Zahnersatz sollte hier die Budgetierung aufgehoben werden. Es müssen Leistungs- und Erstattungsregelungen eingerichtet werden, die mit klaren Kostenerstattungselementen ausgestattet sind. Unser Festzuschussmodell beim Zahnersatz hat die Sachleistung geknackt, dies sollte die Richtung geben für weitere Innovationen. zm: Mit dem Schwerpunkt "Perio-Prothetik" widmet sich der wissenschaftliche Kongress einem sehr aktuellen Thema an der Schnittstelle zwischen Praxis und Wissenschaft. Welche Anforderungen kommen diesbezüglich künftig auf die Zahnarztpraxen zu? Prof. Hoffmann: Die sogenannte Perio- oder Paro-Prothetik nimmt neben der klassischen restaurativen Therapie einen breiten Raum ein. Dieser wird sich mit den demographischen Veränderungen in Deutschland noch vergrößern. Auf der anderen Seite wird es spannend und notwendig sein, die Grundsatzfrage zu beantworten, was Perio-Prothetik überhaupt bedeutet, wie viel Parodontologie einschließlich Implantat-Therapie, wie viele restaurativ-prothetische Anteile sie einschließt und welche. Ich denke, hier hat sich seit der Einführung des Begriffs Perio-Prothetik sehr viel getan. Es ist somit an der Zeit, diese interessante Standortbestimmung vorzunehmen, da sich hieraus praxisrelevante Schlussfolgerungen ableiten lassen. Ich möchte hier auch auf den freitäglichen Auftakt des wissenschaftlichen Programms hinweisen. Hier werden unter der Überschrift Perio-Prothetik die "parodontologischen Fragen aus der Praxis" heraus formuliert. In den Problemkreisen "Schleifen oder Scalen", "Scalen oder Extrahieren", "Zahnverlust ist gleich Zahnersatz?" werden die miteinander konkurrierenden Therapieansätze diskutiert, um die Session mit den "Antworten aus der Praxis" abzuschließen und diese mit dem Auditorium zu diskutieren. Das gleiche erfolgt am Samstag zu Fragen der Implantattherapie und Ästhetik.
zm: Ein abschließender Blick auf den zahnmedizinischen Nachwuchs. Herr Dr. Engel, was liegt da im Argen? Dr. Engel: Prof. Hoffmann deutete es ja schon an: Die neue Approbationsordnung sollte endlich verabschiedet und auf den Weg gebracht werden. Der Medizinische Fakultätentag in Leipzig hatte im Juni eine entsprechende Resolution verabschiedet und sich auch klar gegen Bachelor- und Masterstudiengänge in der Medizin und Zahnmedizin ausgesprochen. Denn wir müssen bei unseren Konzepten zur Zukunft der Profession auch den akademischen Nachwuchs mit in unsere Betrachtungen einbeziehen. Das wird zum Beispiel auch ein Schwerpunktthema auf der BZÄK-Bundesversammlung. Der Bologna-Prozess, so sehr er in anderen Fächern Sinn machen mag, ist für die Medizin und Zahnmedizin jedenfalls der falsche Weg. Wer meint, mehr ausgebildete Akademiker, noch dazu mit unterschiedlichen Qualifizierungsgraden, könnten helfen, das deutsche Bildungswesen international konkurrenzfähig zu halten und Versorgungsengpässe aufzufangen, unterliegt einem Trugschluss. Ein verkürztes Zahnmedizinstudium jedenfalls führt noch lange nicht zu einem berufsfertigen Zahnarzt, und für eine Schmalspur-Ausbildung mit Bachelor-Examen gibt es zumindest in der Zahnmedizin keinen passenden Arbeitsmarkt. Ich warne vor den Konsequenzen: Das beeinträchtigt nicht nur Forschung, Lehre und das Berufsbild des Zahnarztes, sondern schadet auch einer qualitativ hochwertigen Versorgung unserer Patienten. pr
zm 99, Nr. 15, 01.08.2009, Seite 14-18 |
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