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Ameloblastom der KieferhöhleTobias Ettl, Elisabeth Huber, Martin Gosau, Torsten E. Reichert |
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August 2009 Fallbeschreibung Ein 65-jähriger zahnloser Patient wurde mit Verdacht auf eine Raumforderung im Bereich des linken Oberkiefers vom Hauszahnarzt überwiesen. Diesen hatte er wegen seit sechs Monaten zunehmender Passungenauigkeit und Druckstellen seiner Oberkieferprothese aufgesucht. Anamnestisch berichtete er über eine seit etwa fünf Jahren bestehende eingeschränkte Nasenatmung mit gelegentlicher Rhinorrhoe und Epistaxis, weshalb er bereits mehrmals in HNO-ärztlicher Behandlung gewesen sei. Sporadisch habe er ziehende, in die linke Gesichtshälfte ausstrahlende Schmerzen verspürt.
Bei der klinischen Untersuchung präsentierte der Patient eine dezente Schwellung im Bereich der linken Wange mit geringem Bulbushochstand bei gegebenem Visus und uneingeschränkter Motilität ohne Dopppelbilder (Abbildung 1a). Intraoral wurde eine etwa 4 x 4 cm große derbe, nicht ulzerierte und nicht druckdolente Auftreibung im Bereich des linken Tuber maxillae auffällig (Abbildung 1b). Das vorhandene Orthopantomogramm ließ eine circa 4 x 5 cm große Radioluszenz im Bereich des linken Oberkiefers und der linken Kieferhöhle erkennen (Abbildung 2). Darauf hin wurde eine Inzisionsbiopsie durchgeführt und eine weiterführende diagnostische Bildgebung veranlasst. Die Synopsis aus nativer Computertomographie und Magnetresonanztomographie mit Kontrastmittel beschrieb einen expansiv, destruierend wachsenden und alle knöchernen Begrenzungen der Kieferhöhle durchbrechenden Tumor mit flüssigkeitsgefülltem Anteil, vereinbar mit einem Malignom (Abbildung 3).
Die histopathologische Begutachtung der Probebiopsie hingegen diagnostizierte unter Berücksichtigung des immunhistochemischen Reaktionsprofils (Positivität für CD 56 und Panzytokeratin, Negativität für Synaptophysin) ein Ameloblastom vom solid-multizystischen Typ mit überwiegend plexiformem Wachstum (Abbildung 4).
Es folgte die Tumorresektion in Form einer linkseitigen Hemimaxillektomie mit Rekonstruktion des paranasalen Pfeilers und des Orbitabodens(Abbildung 5).
Die Deckung des Oberkiefer-/Kieferhöhlendefekts erfolgte primär über einen Obturator, bei bestehender Rezidivfreiheit ist mittelfristig eine Rekonstruktion des Defekts mittels mikrovaskulär-anastomosiertem Skapulatransplantat geplant.
Diskussion Glatte, nicht ulzerierte Schwellungen des zahnlosen Oberkiefers können prinzipiell durch verschiedene Läsionen entzündlicher, zystischer oder neoplastischer Genese verursacht werden. Entzündliche Prozesse wie etwa ein Palatinalabszess imponieren eher erythematös, mit erhöhter Druckdolenz, rapider Schwellungszunahme und laborchemischen Entzündungszeichen [McIntosh et al. 2008], worauf im präsentierten Fall nichts hindeutete. Zystische Läsionen, zum Beispiel eine follikuläre Zyste, führen in der Regel zu schmerzlosen und palpatorisch eher elastisch-weichen Kieferauftreibungen mit einer Transluszenz im Röntgenbild. Zu beachten ist hier die Beziehung zu möglichen Zähnen
Das im eigenen Fall vorgefundene Ameloblastom zählt neben dem differential-diagnostisch vor allem abzugrenzenden keratozystischen odontogenen Tumor (KZOT) zu den häufigsten Tumoren epithelial-odontogenen Ursprungs [Reichart und Jundt 2008]. Es repräsentiert etwa ein Prozent aller Tumoren und Zysten des Kiefers mit gehäuftem Auftreten im Unterkiefer [Zwahlen and Grätz 2002]. Die Ätiologie ist weitestgehend unbekannt. Vermutet wird eine Entwicklung aus Resten der Zahnleiste, aus dem Schmelzorgan oder der epithelialen Auskleidung odontogener Zysten [Neville et al. 2009]. Bei der Mehrzahl der Tumoren (circa 80 Prozent) handelt es sich wie im eigenen Fall um einen soliden beziehungsweise multizystischen Subtyp, das Haupterkrankungsalter liegt zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr [Jundt 2006]. Das Ameloblastom ist durch ein langsames, lokal aggressives und infiltratives Wachstum mit hoher Rezidivneigung ohne Fernmetastasierung charakterisiert [Zwahlen and Grätz 2002]. Klinisch wird der Tumor zumeist nur durch eine derbe, schmerzlose Schwellung auffällig. Im bezahnten Gebiss kann es zu Zahnverdrängungen und Zahnlockerungen kommen. Beim eigenen zahnlosen Patienten führte die zunehmende Kieferexpansion zu wiederholten Prothesendruckstellen. Bei der im Fall beschriebenen Lokalisation im posterioren Oberkieferbereich (circa 15-20 Prozent der Fälle) treten Erstsymptome in der Regel erst spät auf, da sich die Tumoren aufgrund des fehlenden Widerstandes jahrelang unbemerkt in die Kieferhöhle ausbreiten können [Zwahlen and Grätz 2002]. So präsentierte sich unser Patient mit einer eingeschränkten Nasenatmung, gelegentlicher Rhinorrhoe und Epistaxis sowie Bulbushochstand des linken Auges als Zeichen des weit fortgeschrittenen Tumorwachstums mit Infiltration der medialen Kieferhöhlenwand und des Orbitabodens. Bei ausbleibender Intervention kann das Tumorwachstum bis zu einer Infiltration der Schädelbasis fortschreiten [Press et al. 2008]. Radiologisch zeigt das Ameloblastom eine uni- oder multi- lokuläre Osteolyse, häufig mit seifenblasiger Struktur und Zahnwurzelresorptionen, gelegentlich in Assoziation mit retinierten Zähnen. Dennoch ist der konventionelle Röntgenbefund keineswegs beweisend und von anderen Läsionen wie einer follikulären Zyste oder einem keratozystischen odontogenem Tumor nicht zu unterscheiden [Gardner et al. 2005 WHO]. Speziell bei Befall der Kieferhöhle wird zur besseren Darstellung der Tumorausdehnung und seiner Binnenstruktur eine weiterführende Bildebung (CT, MRT) empfohlen. Histologisch gibt es zwei Haupttypen, den follikulären und den plexiformen Typ. Beide weisen epitheliale Verbände von unterschiedlicher Breite und Größe auf, die peripher durch eine palisadenförmige Aufreihung hoch zylindrischer Zellen mit spitzständigen Kernen gegen das angrenzende Bindegewebe abgegrenzt werden [Gardner et al. 2005, Jundt 2006]. Während der follikuläre Typ eher in Inseln organisiert ist, liegt der plexiforme Typ überwiegend in netzförmigen Verbänden vor. Mitosen und Pleomorphien sind selten. Die Therapie des Ameloblastoms besteht optimalerweise aus einer Tumorresektion im Gesunden mit ausreichendem Sicherheitsabstand. Bei Ameloblastomen ausgehend vom Oberkiefer mit Befall der Kieferhöhle stellt die im eigenen Fall durchgeführte Hemimaxillektomie die Therapie der Wahl dar. Während bei alleiniger Enukleation oder Kürettage des Tumors Rezidivraten von bis zu 90 Prozent beschrieben sind, muss bei einer Tumorresektion mit Sicherheitsabstand in 5-15 Prozent der Fälle mit einem Rezidiv gerechnet werden [Press et al. 2008]. Dr. Tobias Ettl Dr Dr. Martin Gosau Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Universität Regensburg Franz-Josef-Strauß-Allee 11 93053 Regensburg Martin.gosau@klinik.uni-regensburg.de Dr. Elisabeth Huber Institut für Pathologie Universität Regensburg Franz-Josef-Strauß-Allee 11 93053 Regensburg
zm 99, Nr. 15, 01.08.2009, Seite 39-41 |
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