16. August 2006
- Die Gesundheitswirtschaft blickt europaweit einer rosigen Zukunft
entgegen. Denn immer mehr Menschen werden immer älter und benötigen
eine adäquate Versorgung. Zugleich steigt die Zahl chronisch Kranker in
Europa stetig an. Die Kehrseite der Medaille: Teure oder langwierige Therapien
belasten die Solidarkassen, Arbeitsausfälle wirken sich negativ auf die
Volkswirtschaften aus. Gefragt sind
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Die zm berichten
regelmäßig über die Belange der Zahnärzte in Europa sowie
über neue gesundheitspolitische Entwicklungen in der Europäischen
Union. |
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Konzepte, die das Wachstum der
Gesundheitsbranche fördern und die Finanzierung der Versorgungssysteme neu
ordnen. Ein Umdenken hin zur PKV tut not.
Chronische Erkrankungen sind in Europa kontinuierlich auf dem Vormarsch und
verschlingen jährlich Milliarden Euro. Dies gilt vor allem für den
Diabetes mellitus, Herzkreislauf- sowie Demenzerkrankungen, aber auch Allergien
und Asthma sowie Osteoporose. So leiden beispielsweise bereits rund 14
Millionen Europäer an Fettleibigkeit (Adipositas), darunter drei Millionen
Kinder - Tendenz steigend. Nach Angaben der europäischen Kommission gehen
derzeit ungefähr sieben Prozent der Gesundheitsausgaben in der
Europäischen Union (EU) auf das Konto der Versorgung der mit Adipositas
zusammenhängenden Krankheiten. "800 Millionen Arbeitstage gehen zudem
Jahr für Jahr durch Krankheitsbedingte Ausfälle verloren", so
die stellvertretende Generaldirektorin der WHO, Dr. Cathérine Le
Galès-Camus.
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| Ob Asthma, Diabetes
oder die Folgen von schlechter Ernährung - chronische Erkrankungen sind
europaweit auf dem Vormarsch. |
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Ähnlich ist es mit allergisch bedingtem Asthma. Auf schätzungsweise
bis zu 25 Milliarden Euro pro Jahr beläuft sich der Schaden für die
Volkswirtschaften in Europa. "Ursächlich hierfür sind vor allem
falsche oder unzureichende Therapien und Fehltage im Job", sagt Professor
Dr. Torsten Zuberbier, Generalsekretär des europäischen Allergie- und
Asthmanetzwerks Ga2len.
Dass hier mit adäquaten Therapien und präventiven Ansätzen
gegengesteuert werden kann und muss, ist längst eine Binsenweisheit.
Allerdings gelingt dies bislang nur vereinzelt. Beispiel Finnland: "Durch
konsequente Gesundheitserziehung konnten die Finnen innerhalb der letzten 20
Jahre das Risiko bei der männlichen Bevölkerung, an einem Herzleiden
zu erkranken, um 65 Prozent senken", macht Anne Hoel von der European
Public Health Alliance deutlich. Ausschlaggebend für den Erfolg der
Maßnahmen sei insbesondere der politische Wille gewesen,
Veränderungen herbeizuführen.
Die Finnen haben offensichtlich erkannt, dass Gesundheit und Gesunderhaltung
nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor sind, der zum
Wohlstand einer ganzen Volkswirtschaft beitragen kann.
Strategien entwickelt
Um diese Erkenntnis europaweit zu fördern, unternimmt die EU-Kommission in
Brüssel zahlreiche Anstrengungen. Beispiel hierfür sind die
Bestrebungen, gemeinsam mit den EU-Ländern Strategien im Kampf gegen
übermäßigen Tabakgenuss und ausufernde Körperfülle zu
entwickeln und zugleich den europäischen Gesundheitsmarkt voranzutreiben.
Denn der Gesundheitsbranche wird wegen der Vielzahl der chronischen
Erkrankungen und der Altersentwicklung der europäischen Bevölkerung
ein gewaltiger wirtschaftlicher Boom prophezeit.
EU-Beamte haben fleißig Berechnungen angestellt, welche Dimensionen
dieser Markt annehmen könnte. So schätzt die EU-Kommission, dass es
im Jahr 2010 etwa 69 Millionen Menschen geben wird, die dann über 65 Jahre
alt sind. Das entspräche einer Verdopplung der Zahl der Rentner
gegenüber 1960. Personalintensive Leistungen in der ambulanten und
stationären Versorgung, einschließlich der Pflegebranche werden
folglich zunehmend gefragt sein. Auch Zulieferer und Nachbarbranchen, wie die
Pharmaindustrie, Medizinproduktehersteller, Dentallabore, Beratungsunternehmen
für Gesundheitseinrichtungen sowie Forschungsinstitute werden von den
Entwicklungen profitieren, ist sich die EU-Kommission sicher.
Der dargestellte Trend ist allerdings keine reine Zukunftsmusik. Vielmehr
verzeichnet die Gesundheitsbranche schon seit Jahren Wachstumsraten. Nach
Angaben der Brüsseler Behörde wurden seit 1995 in Europa mehr als
zwei Millionen Arbeitsplätze im Gesundheitswesen und in der Sozialarbeit
geschaffen. Das entspricht einem jährlichen Zuwachs von durchschnittlich
2,4 Prozent und einem Anteil an den insgesamt neu geschaffenen
Arbeitsplätzen in der EU von 18 Prozent. Inzwischen arbeitet etwa jeder
zehnte
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*) in Dänemark ist das
staatliche Gesundheitsbudget Teil des allgemeinen öffentlichen Haushalts,
**) sowohl Zusatz- als auch Vollversicherungen |
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Erwerbstätige in Europa im gesundheitlichen
beziehungsweise sozialen Bereich.
Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Medizinprodukteindustrie verzeichnet seit
Jahren zweistellige Zuwachsraten. Ähnlich sieht es in der Dentalbranche
aus. Nach Angaben des Verbandes der deutschen Dentalindustrie (VDDI) machten
die Unternehmen im Jahr 2004 einen Umsatz von 3,2 Milliarden Euro.
"Gegenüber 2003 ist dies ein Zuwachs um 2,3 Prozent", so Dr.
Martin Rickert, Vorsitzender des VDDI. Der Löwenanteil des Exports landete
in der EU.
Wie wichtig es Brüssel ist, den Gesundheitsmarkt zu fördern, zeigt
auch eine Initiative der für die Industrie und Unternehmen
zuständigen Abteilung. EU-Unternehmenskommissar Günter Verheugen will
nämlich bis Mitte nächsten Jahres eine Gesamtschau über die
Gesundheitsbranche in Europa erstellen lassen. Hintergrund des Engagements ist
es zu identifizieren, welche bürokratischen Hemmnisse das Wachstum bremsen
könnten und inwieweit die EU dem entgegenwirken kann, wie ein Sprecher der
Abteilung bestätigt.
Eine Frage der Finanzierung
Derweil stellt sich die Frage, wie die ständig steigenden
Gesundheitsausgaben in Europa langfristig finanziert werden können.
"Adäquate Finanzierungsmodelle sind eine Voraussetzung dafür,
eine qualitativ hochwertige Versorgung auch weiterhin garantieren zu
können", heißt es in einem von der europäischen Kommission
in Auftrag gegebenen Bericht. In dem Strategiepapier mit dem bezeichnenden
Namen "Health is Wealth" sprechen sich die Autoren - 30 Experten
medizinischer Fachgesellschaften, der OECD und WHO, Ärzte und Vertreter
der Industrie sowie von Kostenträgern und Patientenorganisationen -
dafür aus, nur wissenschaftlich belegte Methoden aus den Solidarkassen zu
bezahlen. "Das wiederum erfordert, bestehende Versorgungsstandards zu
überdenken und Prioritäten neu zu setzen, mit entsprechenden
Auswirkungen auf die Finanzierung", so Professor Dr. Felix Unger,
Vorsitzender des European Instituts of Medicine, dem Urheber des Berichts.
Bei der öffentlichen Finanzierung sei auf ein Gleichgewicht zwischen
Steuerlast und Pflichtbeiträgen zu achten, so eine Quintessenz der
Strategen. Die zweite lautet: Elemente zur Co-Finanzierung, wie private
Zusatzversicherungen, gewinnen in Zukunft stärker an Bedeutung.
Umdenken hin zur PKV
Ein Umdenken in diese Richtung ist auch dringend erforderlich. Denn der
Wirtschaftsausschuss der europäischen Kommission hat errechnet, dass die
öffentlichen Gesundheitsausgaben in der EU von aktuell durchschnittlich
rund 6,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) auf voraussichtlich acht
Prozent im Jahr 2050 steigen werden - wenn sich am Status quo nichts
ändert.
Bislang jedoch spielen die Privatversicherungen in Europa noch eine sehr
untergeordnete Rolle, auch wenn der Anteil der Mitglieder in einigen
Ländern - beispielsweise Deutschland, Belgien, Österreich, Portugal,
Frankreich, Spanien und Slowenien - in den letzten Jahren leicht gestiegen ist.
Dies geht aus einer aktuellen Übersicht des europäischen Verbandes
der Versicherungsunternehmen über den europäischen
Krankenversicherungsmarkt hervor, dargestellt anhand von elf ausgewählten
Staaten (Comité Éuroéen des Assurances (CEA): CEA Eco
n°23 - Health Insurance Europe in 2004, Brüssel, Mai 2006).
Zwar gibt es in einigen Ländern die Möglichkeit, eine private Voll-
oder Zusatzversicherung abzuschließen. Allerdings sind die Angebote
allein schon aufgrund des unterschiedlichen Leistungsumfangs nicht unbedingt
vergleichbar. In der ein oder anderen beziehungsweise beiden Varianten
existieren derartige Optionen zum Beispiel in Deutschland, Belgien, Frankreich,
Luxemburg, Österreich, Portugal oder auch Großbritannien.
Gemeinsam ist allen europäischen Ländern vielmehr, dass nach wie vor
der öffentliche Sektor das Gros der Gesundheitsausgaben bestreitet (siehe
Tabelle). Den höchsten Anteil erzielte 2004 das steuerfinanzierte System
Großbritanniens mit knapp 86 Prozent. Aber auch in Ländern wie
Deutschland, Belgien, Frankreich, Finnland, den Niederlanden und Slowenien, in
denen die Sozialversicherungen die Hauptfinanzierungsquelle bilden, geht der
Anteil der aus dem eigenen Portmonee oder von privaten Versicherungen bezahlten
Gesundheitsausgaben kaum über ein Viertel hinaus.
Petra Spielberg
Rue Colonel Van Gele 98
B-1040 Brüssel
zm 96, Nr. 16, 16.08.2006, Seite
70-72
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