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August 2006 - Ein zehnjähriger Junge wurde von seinen Eltern aufgrund
einer akut aufgetretenen para- und submandibulären Schwellung links in
einer Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde vorgestellt. Im
Ultraschall erschien das Gewebe unscharf begrenzt und aufgelockert und wies auf
eine phlegmonöse Entzündung hin. Zusätzliche echoarme Areale mit
dorsaler Schallverstärkung deuteten zudem
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Auch für den "Aktuellen klinischen
Fall" können Sie Fortbildungspunkte sammeln. Mehr am Ende des
Artikels. |
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auf eine Abszedierung hin, so dass insgesamt das
Bild einer phlegmonös abszedierenden Lymphadenitis vorlag. Daraufhin wurde
eine submandibuläre Inzision in Allgemeinnarkose durchgeführt und
gleichzeitig eine Gewebeprobe entnommen. Die histopathologische Begutachtung
beschrieb eine unspezifische Entzündungsreaktion. Die anschließenden
Magnetresonanztomographie und Computertomographie zeigten einen
osteodestruktiven Prozess des linken Unterkiefers mit Infiltration der
angrenzenden Kaumuskulatur (Abbildungen 1a und 1b). Eine jetzt
durchgeführte diagnostische Lymphknotenexstirpation ergab erneut lediglich
eine unspezifische Entzündungsreaktion. Zur weiteren Abklärung wurde
der Patient in die eigene Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
überwiesen. Bei der klinischen Untersuchung imponierte eine nicht
gerötete Schwellung der linken Wange (Abbildung 2). Die Mundöffnung
war mit einer maximalen Schneidekantendistanz (SKD) von etwa einem Zentimeter
schmerzhaft eingeschränkt. Intraoral ließ sich in regio 37 eine
Schwellung des Vestibulums erkennen (Abbildung 3). Die Zähne 31, 32, 73,
34, 75 und 36 reagierten im Kälte-Provokationstest positiv und waren nicht
perkussionsempfindlich. In regio 36 fiel ein dumpfer Klopfschall auf. Die
Zähne wiesen keinen über das physiologische Maß
hinausreichenden Lockerungsgrad auf. Das Orthopantomogramm zeigte eine
ausgedehnte, unscharf begrenzte Osteolyse des linken Unterkiefers, die von
regio 36 bis zur Mitte des aufsteigenden Unterkieferastes reichte (Abbildung
4). Zur Abklärung des Befundes erfolgte nun eine intraorale Probeexzision
aus der osteolytischen Läsion. Die histopathologische Untersuchung ergab
eine Langerhans-Zell-Histiozytose (Abbildung 5).
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Abbildung 1: Computertomographie des Unterkiefers bei Erstvorstellung
in der HNO.
a: Axiale Schichtung. Arrosion des Knochens im Bereich des linken Kieferwinkels
sowie deutliche Schwellung des linken Musculus masseter.
b: Coronare Schichtung. Die buccale Corticalis zeigt sich im Bereich des linken
Kieferwinkels vollständig aufgelöst. |
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Abbildung 2:
Aufnahme des Patienten bei der Erstvorstellung in der eigenen Poliklinik
für MKG-Chirurgie: Im Bereich der linken Wange sowie submandibulär
imponiert eine deutliche Schwellung. Erkennbar ist das Anzeichnen der
Schnittführung sowie die Nähte nach Entnahme der Probebiopsie.
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Abbildung 3:
Intraoraler Befund bei der Erstvorstellung in der eigenen Poliklinik für
MKG-Chirurgie: Schwellung des Vestibulums in regio 37 |
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Abb.4:
Orthopantomogramm bei Erstvorstellung in der eigenen Poliklinik für
MKG-Chirurgie: Unscharf begrenzte Aufhellung im Bereich des linken
Kieferwinkels im Sinne einer Osteolyse |
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Abbildung 5:
Histopathologischer Befund: Langerhans Zellen (HE, x400) Das histopathologische
Bild wurde freundlicherweise von Dr. med. Petra Rümmele, Institut für
Pathologie der Universität Regensburg, zur Verfügung gestellt.
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Zum Ausschluss einer multilokulären Form der
Langerhans-Zell-Histiozytose (Hand-Schüller-Christian Krankheit,
Abt-Letter-Siwe Krankheit) wurden Untersuchungen mit Röntgen-Thorax in
zwei Ebenen, Skelettszintigraphie und Sonographie des Abdomens veranlasst, die
keine weiteren Herde erkennen ließen. Schließlich konnte der kleine
Patient einer konservativ-medikamentösen Therapie mit einer
intraläsionalen Applikation von 200 mg Cortison zugeführt werden,
unter der eine vollständige Remission erzielt werden konnte.
Diskussion
Die Langerhans-Zell-Histiozytose (WHO-Tumorhistologieschlüssel ICD-O
9751/1), früher bekannt als Histiozytosis X, wird durch eine neoplastische
Proliferation histiozytärer Zellen, den so genannten Langerhans Zellen,
charakterisiert. [Chan et al., 2005a; Chan et al., 2005b; Henry, 2005]. Die
Ätiologie gilt bis heute als nicht eindeutig geklärt. Zum einen wird
ein grundlegender Immundefekt als Ursache diskutiert, zum anderen wird ein
Gendefekt der Langerhans Zellen verantwortlich gemacht, der zu einem
unkontrollierten Wachstum führen soll [Schultze et al., 1999].
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Osteolytische Prozesse können
entzündliche Prozesse imitieren.
Ein
osteolytischer Prozess sollte pathohistologisch abgeklärt werden.an Die
Diagnose Langerhans-Zell-Histiozytose erfordert den Ausschluss multifokaler
Läsionen und eines systemischen Organbefalls.
Die
Verlaufsform (eosinophiles Granulom, Hand-Schüller-Christian- oder
Abt-Letter-Siwe Krankheit) bestimmt Prognose und Therapie. |
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Die Langerhans-Zell-Histiozytose fasst drei
Krankheitsbilder zusammen, so dass die histopathologische Diagnose von
Langerhans Zellen stets eine weiterführende Diagnostik und Spezifizierung
erfordert [Riede et al., 1995a; Riede et al., 1995b; Neville et al., 2002; Chan
et al., 2005a; Chan et al., 2005b; Henry, 2005]:
Das
eosinophile Granulom: Diese unifokale Läsion, die oft bei jungen
Patienten auftritt, ist meistens solitär im Knochen lokalisiert. Am
häufigsten ist der Schädel betroffen, gefolgt vom
Oberschenkelknochen, der Hüfte und den Rippen.
Hand-Schüller-Christian Krankheit: Sie stellt die chronische Form
der Langerhans-Zell-Histiozytose dar. Die Läsionen treten multifokal auf
und betreffen fast ausschließlich das Skelett. Die Patienten weisen die
Symptomen-Trias Knochenläsionen, Diabetes insipidus und Exophthalmus auf,
welche durch die Infiltration der Hypophyse und der Orbita bedingt sind.
Abt-Letter-Siwe Krankheit: Diese entspricht der akuten, malignen
Variante der Langerhans-Zell-Histiozytose. Die Läsionen treten multifokal
auf und betreffen mehrere Organsysteme wie Haut, Knochen, Lymphknoten, Leber
und Milz. Die Erkrankung verläuft in 90 Prozent der Fälle letal.
Im oben beschriebenen Fall konnten die bildgebenden Verfahren sowohl
multifokale Knochenläsionen als auch einen zusätzlichen Organbefall
ausschließen, so dass ein eosinophiles Granulom diagnostiziert werden
konnte. Das eosinophile Granulom tritt mit einer Inzidenz von einer
Neuerkrankung pro 350 000 - 2 Millionen Einwohner in allen Altersstufen auf,
zeigt aber, passend zum vorliegenden Fall, mit 75 Prozent eine Prävalenz
vor dem zwanzigsten Lebensjahr und betrifft Männer häufiger als
Frauen [Schultze et al. 1999].
Zu den Leitsymptomen zählen, wie auch im aktuellen Fall beobachtet,
Schwellung und Schmerzen. Ist der bezahnte Kiefer betroffen, kann es zu
Zahnlockerungen kommen sowie der Eindruck einer akuten Parodontitis entstehen
[Bartnick et al., 2002]. Im vorliegenden Fall wurde die submandibuläre
Schwellung zunächst als infektiöse Lymphknotenerkrankung gedeutet.
Die bildgebende Diagnostik des Unterkiefers lenkte den Verdacht auf einen
primär osteolytischen Prozess mit sekundärer Lymphknotenschwellung.
Die klinische Untersuchung (positiver Kälte-Provokationstest, fehlende
Perkussionsempfindlichkeit und physiologische Zahnbeweglichkeit) und die
konventionelle Röntgendiagnostik (Orthopantomogramm) schlossen einen
odontogenen Fokus aus. Differentialdiagnostisch mussten alle osteolytischen und
osteodestruktiven Prozesse, wie Zysten, eine fibröse Dysplasie, Osteo- und
Chondrosarkome sowie in Anbetracht des Alters des kleinen Patienten
insbesondere ein Ewing-Sarkom in Erwägung gezogen werden [Schultze et al.
1999]. Der Ausschluss dieser Erkrankungen gelang im berichteten Fall durch die
histopathologische Begutachtung der Biopsie.
Das eosinophile Granulom besitzt im Gegensatz zu den multifokalen Läsionen
der Hand-Schüller-Christian- und der Abt-Letter-Siwe Krankheit eine gute
Prognose [Schultze et al., 1999; Eckardt et al., 2003]. Solitäre
eosinophile Granulome erlauben, wie im oben genannten Fall durchgeführt,
einen konservativ-medikamentösen Therapieansatz mit intraläsionaler
Injektion von Cortison oder eine begrenzte chirurgische Kürettage. Dagegen
müssen bei multifokalen Läsionen sowohl eine Chemotherapie als auch
eine Strahlentherapie in Betracht gezogen werden [Becker et al., 2003; Putters
et al., 2005].
Dr. Antonios Moralis
Dr. Dr. Oliver Driemel
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Universität Regensburg
Franz-Josef-Strauß-Allee 11
93053 Regensburg
oliver.driemel@klinik.uni-regensburg.de
zm 96, Nr. 16, 16.08.2006, Seite 38-40
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