World Doctors Orchestra

Mehr Herzblut bitte

16. August 2009 - Das World Doctors Orchestra steht für Präzision und Leidenschaft. Etwa 100 Mediziner aus über 20 Nationen schlüpfen zweimal im Jahr gemeinsam in die Rolle von Musikern und tauschen den weißen Kittel gegen den Frack, um für notleidende Menschen zu musizieren. Unter der Leitung von Maestro Prof. Stefan Willich spielte das Ensemble bereits auf renommierten Bühnen - unlängst auch in der Berliner Philharmonie.



Stefan Willich ist Kardiologe und Medizinprofessor. Nach seinem Medizinstudium in Berlin, München und New York, einem Master of Business Administration (INSEAD, Frankreich) und einem Master of Public Health (Harvard University, USA) arbeitet er seit 1995 als Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité. Seit 2006 ist er zusätzlich Leiter des CharitéCentrum 1 für Human- und Gesundheitswissenschaften - und er dirigiert. Unterstützt durch sein musikalisches Elternhaus nahm Willich bereits mit sechs Jahren ersten Geigenunterricht. Er studierte Violine, Kammermusik und Dirigieren in Stuttgart und Berlin. Es folgten Dirigierkurse bei Sergiu Celibidache in München, Leon Fleisher in Boston/Tanglewood und Leon Barzin in Paris.

Der Mediziner ist seiner musikalischen Berufung gefolgt und gründete 2007 das World Doctors Orchestra (WDO), für das er zweimal im Jahr bei einem öffentlichen Konzert den Takt angibt. Alle Musiker des internationalen Ensembles sind hauptberuflich Ärzte. Das WDO verbindet musikalischen Hochgenuss mit einer
Unterstützung für Folteropfer: Der Erlös des Konzerts in der Berliner Philharmonie ging an das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin e.V. (bzfo).
karitativen Idee: Die Konzerte sind Benefizkonzerte - die Erlöse kommen Not leidenden Menschen zugute. Die Mission: Das WDO setzt sich ideell und finanziell dafür ein, eine von nationalen Grenzen und politischen oder wirtschaftlichen Interessen unabhängige medizinische Versorgung der gesamten Weltbevölkerung zu realisieren.


Missstände beseitigen
Willich erläutert die Grundidee des Orchesters: "Wir wollen mit der Musik ausdrücken, dass es eine globale, medizinische Verantwortung gibt." Ihn hätten seine Erfahrungen auf Reisen in Entwicklungsländer inspiriert. Willich war einige Zeit in einem Leprakrankenhaus in Indien tätig. "Bei diesem Aufenthalt habe ich deutlich gesehen, dass es in vielen Gegenden der Welt überhaupt keine medizinische Versorgung gibt." Zur Beseitigung dieser Missstände will das WDO seinen Beitrag leisten. Der Erlös jedes Benefizkonzerts kommt zwei medizinischen Hilfsprojekten zugute. So fördert das Orchester seit seiner Gründung die Hugo-Tempelmann-Stiftung, die im südafrikanischen Township Elandsdoorn die einzige Klinik für rund 160 000 Menschen unterstützt. Das zweite Projekt wird in der Vorbereitungsphase des Konzertprojekts ausgewählt, wo das Orchester jeweils spielt. So wird ein Bezug zu der Spielstätte hergestellt. Bei der letzten Aufführung des WDO in der Berliner Philharmonie am 04. Juli 2009 flossen die Einnahmen in das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin e.V. (bzfo). Die Einrichtung bietet Opfern organisierter staatlicher Gewalt Hilfe bei körperlichen Leiden, seelischen Langzeitschäden und psychosomatischen Störungen.


Ausgleich für die Seele
Neben der grundsätzlichen Begeisterung für das Musizieren habe die Arbeit mit dem Orchester für viele Mitglieder auch eine wichtige psychische Funktion. In einem Arbeitsalltag, in dem man mit viel Leid und Trauer konfrontiert werde, sei die Beschäftigung mit der Musik, als einem Ausschnitt aus der Welt der Kunst, ein guter Ausgleich, erklärt Willich. Zudem seien die zeitlich begrenzten Treffen ein Vorteil für Ärzte und Ärztinnen mit Familien, die so ihren sozialen Beitrag leisten können, ohne zu lange von ihren Angehörigen getrennt zu sein. Wer flexibler sei, könne eben eher Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" unterstützen, wo man für einen längeren Zeitraum im Ausland beschäftigt ist.

Die Begeisterung für ein Engagement im WDO ist groß. Über 400 Ärzte aus der ganzen Welt hätten bisher ihr Interesse bekundet. Doch die Aufnahmekriterien sind streng. Neben der medizinischen Ausbildung wird bei den Bewerbern auch auf eine ausgezeichnete musikalische Ausbildung geachtet. Willich: "Unsere eigentliche Übungsphase ist mit drei Tagen nur sehr kurz, weil die Musiker ja aus aller Welt anreisen. Das verlangt die Bereitschaft zu einer
Unter Zeitdruck zur Höchstform auflaufen: Die dreitägigen intensiven Proben schweißen das Orchesterensemble zusammen.
disziplinierten und guten Vorbereitung." Die Proben finden an Plätzen statt, die neben einem großen Saal für das gesamte Orchester auch eine größere Anzahl kleinerer Räume für individuelle Proben bieten. Auf die Probenphase folgt stets ein Patientenkonzert, bevor dann das eigentliche Benefizkonzert stattfindet.

aFür die internationalen Musiker sind die gemeinsamen Stunden während der Proben eine intensive Zeit. "Schon in wenigen Stunden gibt es einen Zusammenhalt, für den man wahrscheinlich sehr, sehr lange bräuchte, wenn man sich über andere Dinge austauschen würde", berichtet Willich.

Das nächste Konzert des WDO findet am 7. Februar 2010 in Armenien statt.
In Deutschland gibt es rund zehn aktive Ärzteorchester, wie etwa das Tübinger Ärzteorchester oder das Bayerische Ärzteorchester (BÄO) - 1967 gegründet, zählt es zu den traditionsreichsten seiner Art. sf

www.world-doctors-orchestra.org

www.hugo-tempelmann-stiftung.de

www.bzfo.de

www.baeo.de



zm 99, Nr.16, 16.08.2009, Seite 84-85