16. Sepember 2007 -
Viele Senioren plagt das Fernweh mehr als Altersschwäche oder Krankheit.
Sei es der Diabetes oder die Herzinsuffizienz, die Prostatahypertrophie oder
die künstliche Hüfte - das Reisen lass
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en sie sich nicht verbieten. Unser Beitrag
zeigt, an was im Vorfeld gedacht werden muss, um Zwischenfälle zu
vermeiden. Die Checkliste ist äußerst individuell und reicht vom
Fit-to-Travel-Training über die Fußinspektion bis zum
Endoprotheseattest.
Bereits jetzt stellen die über 60-Jährigen 29 Prozent aller deutschen
Reisenden [1], Tendenz steigend. Gleichzeitig finden sich in dieser
Altersgruppe neben physiologischen Altersveränderungen auch gehäuft
chronische Erkrankungen, zum Beispiel Diabetes mellitus (10 bis 25 Prozent),
KHK (koronare Herzkrankheiten) (0,7 bis 5,1 Prozent Männer, 0,2 bis 4,4
Prozent Frauen), chronische Rückenschmerzen (20 bis 22 Prozent),
Arthrosebeschwerden (52 bis 60 Prozent) sowie psychische beziehungsweise
psychiatrische Diagnosen (etwa 30 Prozent).
Physiologische Veränderungen im Alter
Erfahrungen zeigen, dass nur schwerwiegende Erkrankungen Senioren vom Reisen
abhalten. Die altersphysiologischen Veränderungen und Krankheiten
müssen somit Teil der reisemedizinischen Beratung sein.
Nachfolgend sind die wichtigsten reisemedizinisch relevanten Veränderungen
mit entsprechenden Empfehlungen aufgeführt:
Verringerte
kognitive Adaptationsbreite mit Folgen wie Gangunsicherheit, Angst,
Desorientierung
Empfehlung: Kulturell adaptierte Reiseziele, bekannte Begleitpersonen
Verringerte
Melatoninproduktion
Empfehlung: Reisen in nord-südlicher Richtung sind günstiger als in
Ost-West-Richtung; gegebenenfalls Zeitzonenadaptation vorwegnehmen (zum
Beispiel vorschlafen)
Presbyopie,
Linsentrübung, Gesichtsfeldeinschränkung
Empfehlung: Sonnenbrille gegen Lichtempfindlichkeit, äquatorferne Ziele,
Abend-/ Nachtausflüge meiden
Reduziertes
Durstgefühl
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Pre-Travel-Hinweise für Senioren
Buchung
Gemäßigtes Klima
Wenig Zeitzonen
Westbound
besser als Eastbound
Ziel passend
zur Grunderkrankung?
Handicapped
Ticket? (MEDA-Formular)
O2-Oxygenator
inflight?
Diabetikeressen
inflight?
Sitzplatzbuchung bei Gonarthrose o. Ä.
Vorbereitung
Medikationsübersicht erstellen
Medikamentendosis besprechen
Vor Ort
Dosisänderung mit Arzt festlegen
Pneumokokken-/Influenzaimpfung
Vorbefunde/EKG
(Kopie) mitnehmen
Ärztliches
Attest für Security-Check, zum Beispiel TEP, Pacemaker, Medikamente-Pen
Reiseapotheke
mit Arzt besprechen
Medizinische
Anlaufadresse vor Ort
Reiserücktrittsversicherung
Reiserückholversicherung (sollte den Begriff "medizinisch
sinnvoll" statt "medizinisch nötig" enthalten, da sonst
evtl. eine Repatriierung abgelehnt wird)
Auslandskrankenschein
Zeitrhythmus am
Ziel partiell vorwegnehmen (vorschlafen, voressen)
Muskuläres
Training (Fit to Travel)
Medikamente ins
Handgepäck
Imprägnation der Kleidung mit Repellents (zum Beispiel Pyremethrin =
Nobite Kleidung® und andere)
Vortags
einchecken, Gepäck abgeben |
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Empfehlung: Trinkmenge überwachen, Harnfarbe
als Orientierung, gegebenenfalls RR-Medikation reduzieren, um Blutdruckabfall
mit Sturzgefahr zu vermeiden
Muskelfaserreduktion
Empfehlung: Pre-Travel-Training ("Fit to Travel")
Dünnere
Haut, geringere Schweißproduktion/ Thermoadaptation
Empfehlung: Hautpflege, Pre-/In-Travel, um Infektanfälligkeit zu
vermindern; Fußpflege, eingetragene Schuhe, Desinfektion von
Bagatellwunden, physikalischer Sonnenschutz
O2-Verbrauch
bei Belastung erhöht, kompensatorischer Frequenzanstieg der Atmung
vermindert
Empfehlung: Frühzeitig einchecken, Trinkmenge monitoren, adäquate
körperliche Belastung, gegebenenfalls RR-Medikation anpassen
Lungenvitalkapazität und maximale O2-Aufnahme bis zu 40 Prozent reduziert,
Zilienfunktion vermindert
Empfehlung: Wegen erhöhter Infektanfälligkeit Pneumokokken- und
Influenzaimpfung, Atemtraining
Nephronanzahl, glomeruläre Filtration, tubuläre Exkretion vermindert
Empfehlung: Trinkmenge monitoren (Harnfarbe!), gegebenenfalls Medikation
korrigieren
Prostatahypertrophie/Descensus uteri
Empfehlung: Medikation optimieren, Beckenbodentraining, Toilettenintervalle
erfragen
Gastritisneigung, verringerte Magenmotilität, reduzierte
Säurebarriere, verminderte Darmmotilität
Empfehlung: Mehrere kleine, leichte Mahlzeiten, lokales Obst und Gemüse
als Ballaststoffe
Verminderte
T-Zell-Aktivität
Empfehlung: Impfungen, Antibiose bei akuter Leistungsminderung
Reise-, Flugreise- und Tropentauglichkeit
Bei einem Flugkabinendruck entsprechend einer Höhe von 1 600 bis 2 300 m
dehnen sich Gase um etwa 40 Prozent aus, die O2-Sättigung sinkt auf 93
Prozent (-5 Prozent). Daraus resultiert eine Begrenzung für Reisende mit
nicht luftkommunikablen Körperhöhlen (zum Beispiel chronische
NNH-Affektion, Otitis media, Roemheld-Syndrom, kurz zurückliegender
abdomineller/laparoskopischer Eingriff) sowie mit Erkrankungen mit
grenzwertiger O2-Versorgung (zum Beispiel Herzinsuffizienz NYHA III bis IV,
schwere COPD/intrinsic Asthma bronchiale). Bei O2-Bedarf kann nach Anmeldung
auf einem MEDA-Formular im Reisebüro und Beurteilung durch einen Arzt der
Fluglinie kostenpflichtig ein Sauers
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Reisen mit Vorerkrankungen in warme Länder
(pdf-Datei) |
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toffoxygenator zur Verfügung gestellt werden.
Gehbehinderte können auf gleiche Weise ein "Handicapped Ticket"
beantragen, das ihnen einen Transport vom Counter zum und im Flugzeug
(spezieller Rollstuhl) ermöglicht. Diabetiker, Lebensmittelallergiker und
religiös orientierte Gäste können bei Buchung spezielle Speisen
für den Flug bestellen. Psychisch Kranke dürfen nur unter strengen
Kautelen mit Arztbegleitung fliegen. Nach IATA-Richtlinien sind Reisende mit
für Mitreisende infektiösen Erkrankungen vom Flug
auszuschließen (in der Praxis schwer umzusetzen). Die Tropentauglichkeit
ist abhängig von der Zielregion. Feucht-heiße Regionen aggravieren
pulmonale Vorerkrankungen, führen eher zu einer arteriellen RR-Senkung und
über den Steal-Effekt zu einer akuten Koronarinsuffizienz. Bei Indikation
zur Malariaprophylaxe sind Kontraindikationen und Wechselwirkungen zu beachten.
Borderliner werden in den Tropen häufig auffällig.
Reisen mit Vorerkrankungen
Vorerkrankungen müssen aktiv, gegebenenfalls mit einem Anamnesebogen
erfragt werden, da ihre Relevanz von Reisenden oft unterschätzt wird.
Alle chronisch Kranken und Personen über 60 Jahre sollten nach Empfehlung
der Ständigen Impfkommission in Deutschland influenza- und
pneumokokkenimmunisiert sein. Der Influenzaimpfstoff für die
Südhalbkugel kann sich von dem hiesigen unterscheiden. Ein Formular zum
Mitführen von Betäubungsmitteln im Zollbereich des Schengener
Abkommens ist
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Vier
Extratipps für Senioren on Tour |
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1. Arthroseschübe: Muskeln und
Gelenke werden häufig mehr belastet als zu Hause (zum Beispiel
Ausflüge auf unebenem Grund, Bergabgehen, Einsteigen in den Bus mit
ungewohnt hohen Stufen)
Nötig: Rechtzeitige Einnahme eines nicht steroidalen
Antirheumatikums (zum Beispiel Ibuprofen 400 mg) eine Stunde vor dem Ausflug;
vorbeugend Gehstock/Regenschirm empfehlen
2. Angst vor Diarrhö: Eine zu häufige prophylaktische Einnahme
von Loperamid führt oft zu Obstipation mit abdominellen Tenesmen
Nötig: Ängste des Patienten relativieren, gegebenenfalls
Stand-by-Antibiotikum rezeptieren (Einmaldosis Ciprofloxacin oder Azithromycin
zu je 1000 mg, gegebenenfalls zusammen mit 2 Tbl. Loperamid)
3. Stressinkontinenz: Viele Seniorinnen trinken bewusst wenig, um die
Toilettensuche zu vermeiden; mögliche Folgen: Hypovolämie,
Hämokonzentration, gegebenenfalls orthostatische Kreislaufdysregulation
mit Sturzneigung, verminderte Urethraperfusion, sekundäre Harnwegsinfekte
Nötig: Rechtzeitig fragen, wann die nächste Pause ansteht,
Einnahme von Salz (Salzstangen); Männer regeln dieses Problem anatomisch
bedingt meist einfacher
4. Medikamente und Hitze: Evtl. beschleunigter
Medikamentenmetabolismus (Wärme, Hämokonzentration)
Nötig: medikamentös eingestellte Epileptiker vor der Abreise
im oberen Therapiebereich einstellen.
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unter www.bfarm > Betäubungsmittel >
Formulare abrufbar (behördliche Bestätigung erforderlich).
Kontraindikationen einiger Malariamedikamente sind zu beachten, zum Beispiel
psychische Anamnese, Herzrhythmusstörungen bei Mefloquin,
Doxycyclin-/MCP-Medikation bei Malarone® und mehr (siehe unter
www.dtg.org).
Immundefizienz und Reisen
Reisende mit oder kurz nach immunsuppressiver Erkrankung oder Therapie
bedürfen besonderer Aufmerksamkeit. Hierzu zählen unter anderem
aktive Leukosen, Lymphome, metastasierende Malignome, aplastische Anämien,
Organ-/Knochenmarkstransplantationen, Personen während und drei Monate nach Radiatio/Zytostase sowie
vier Wochen nach größeren Operationen, symptomatische
HIV-Erkrankung, CD4-Zellzahl < 500, azathioprin-/methotrexatbehandelte
Rheumatiker/Colitis-ulcerosa-Patienten. Primär müssen hier die
Reisedestination, das zu erwartende Risiko einer Verschlechterung der
Grunderkrankung und das Infektionsrisiko diskutiert werden. Nur selten gelingt
es, Reisenden ein risikoärmeres Ziel (zum Beispiel Europa, Nordamerika,
Australien, Südafrika) nahezubringen. Malariaregionen und Regionen mit
erhöhter Enteritisinzidenz (zum Beispiel Indien) sollten gemieden werden.
Totimpfungen sind grundsätzlich auch bei Immunsuppression möglich.
Der Impferfolg ist abhängig von der alters- und erkrankungsbedingten
Immunresponse; serologische Kontrollen erscheinen in Einzelfällen
sinnvoll.
Absolute Kontraindikationen für Lebendimpfungen sind:
metastasierendes Malignom,
< vier
Wochen nach OP (Höhleneingriff),
< 3 Monate
nach Zytostase/Radiatio,
< 2 Jahre
nach Knochenmarkstransplantation,
symptomatische
HIV-Erkrankung (CD4 < 200),
aktive Leukose,
aplastische
Anämie,
akute
Encephalomyelitis disseminata,
< 6 Wochen
nach MS-Schub.
Als relative Kontraindikationen gelten die Einnahme von Low-Dose-Methotrexat
oder TNF-Blocker sowie eine asymptomatische HIV-Erkrankung mit CD4-Zellzahlen
zwischen 200 und 500.
Dr. med. Albrecht von Schrader-Beielstein Hauptstr. 8,
D-82237 Wörthsee
E-Mail: Dr_von_Schrader@t-online.de
Literatur beim Verfasser
Mit freundlicher Genehmigung aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 20 / 2007 (149. Jg.)
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zm 97, Nr. 18, 16. 09. 2007, Seite
58-61
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