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Metastasiertes Adenokarzinom NOS der kleinen SpeicheldrüsenTobias Ettl, Oliver Driemel, Torsten E. Reichert |
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16.
September 2007 - Eine 68-jährige Patientin wurde von einem
niedergelassenen MKG-Chirurgen aufgrund eines auch nach Probebiopsie noch
unklaren Wangentumors in die eigene Klinik für Mund-, Kiefer- und
Gesichtschirurgie überwiesen. Eine bereits auswärts erfolgte
Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopf-Hals-Bereiches beschrieb einen
bindegewebsreichen, benignen Tumor ohne lokale Infiltration.
Im Rahmen des sich anschließenden Tumor-Stagings mit Positronenemissionstomographie einschließlich "low dose CT" (PET-CT), Computertomographie (CT Hals, Thorax, Becken und Abdomen) und Skelettszintigraphie konnten zusätzlich ein 4,5 x 4,4 cm2 großer zentraler Rundherd in der Lunge links hilär, ein 4,6 x 4,1 cm2 großer Tumor der linken Niere sowie zahlreiche weitere pulmonale, zerviko-lymphatische und ossäre (Schädel-, Wirbelsäulen- und Beckenbereich) Raumforderungen diagnostiziert werden (Abbildungen 4 bis 7). Eine aus dem hilären Tumor bronchoskopisch gewonnene Gewebeprobe wurde histopathologisch ebenfalls als gering differenziertes Adenokarzinom NOS eingeordnet, so dass nun der Primarius diskutiert werden musste. Aufgrund der immunhistochemischen Negativität für TTF-1 (Thyroidaler Transkriptionsfaktor-1) (Abbildung 3 d) wurde eine Metastase seitens eines primären Adenokarzinoms der Lunge ausgeschlossen und der Tumor abschließend als primäres Adenokarzinom NOS der kleinen Speicheldrüsen der Wange klassifiziert. Angesichts des ausgedehnten, organübergreifenden Befundes wurde nach wiederholter, intensiver Beratung der Patientin eine Chemotherapie eingeleitet.
Diskussion Das Adenokarzinom NOS der Speicheldrüsen ("Not Otherwise Specified" - WHO-Tumorhistologieschlüssel ICD-O 8140/3) bezeichnet eine maligne Neoplasie mit glandulärer, duktaler oder sekretorischer Differenzierung, die keinem anderen Typ zugeordnet werden kann [Ehrenfeld und Prein, 2002; Auclair and Van der Wal, 2005]. Da früher vielmals Speicheldrüsentumoren als Adenokarzinom NOS klassifiziert wurden, die man heute spezifischeren Entitäten, zum Beispiel dem Speichelgangkarzinom oder dem epithelial-myoepithelialen Karzinom, zuschreibt, variieren Angaben zur Prävalenz von 1,2 Prozent bis 17,8 Prozent aller Speicheldrüsenkarzinome [Batsakis et al., 1992; Li et al., 2004]. Etwa 60 Prozent der Adenokarzinome NOS der Speicheldrüsen treten in den großen, 40 Prozent in den kleinen Speicheldrüsen auf, wobei hier der harte Gaumen, die Lippen und - wie im vorgestellten Fall - die Wange Prädilektionsstellen bilden [Auclair and Van der Wal, 2005]. Intraoral präsentiert sich das Adenokarzinom NOS der Speicheldrüsen zumeist als solitäre, eher derbe und lange Zeit asymptomatische Raumforderung. Mechanische Irritationen, wie das bei der eigenen Patientin beobachtete Prothesenreiben, können Schmerzen verursachen.
Differentialdiagnostisch sind bei Raumforderungen der Wange unterschiedlichste sowohl benigne als auch maligne Neoplasien in Betracht zu ziehen. Diese können ihren Ursprung im Oberflächenepithel (zum Beispiel Papillom, Plattenepithelkarzinom), den kleinen Speicheldrüsen (zum Beispiel pleomorphes Adenom, adenoid-zystisches Karzinom), im Bindegewebe (zum Beispiel Fibrom, Fibrosarkom), in Blut- und Lymphgefäßen (zum Beispiel Hämangiom, Angiosarkom, Lymphangiom, Lymphangiosarkom) sowie in Fett- und Nervengewebe (zum Beispiel Lipom, Schwannom, Liposarkom, malignes Schwannom) nehmen [Philipsen, 2001; Driemel et al., 2006; Metelmann und Kaduk, 2007]. Zudem können reaktive Veränderungen, wie eine traumatisch (zum Beis
Histopathologisch umfasst das Adenokarzinom NOS der Speicheldrüsen ein weites Spektrum glandulärer beziehungsweise duktaler Differenzierungsformen mit infiltrativem Wachstum [Lang et al., 2005]. Während Tumoren mit ausgeprägter duktaler Differenzierung, minimaler nukleärer Variabilität und wenigen Mitosen als "low-grade" eingestuft werden, sind Tumorformationen mit solidem Wachstumsmuster, hyperchromatischen, pleomorphen Kernen, zahlreichen Nekrosen und Mitosen wie im aktuellen klinischen Fall als "high-grade" Malignome zu klassifizieren [Auclair and Van der Wal, 2005]. Da unterschiedliche Epithelien durch typische Expressionsmuster verschiedener Antigene - wie den Zytokeratinen (CK) - charakterisiert werden, können immunhistochemische Zusatzuntersuchungen helfen, das Ursprungsgewebe eines Tumors zu identifizieren. Während Plattenepithelkarzinome typischerweise CK1-6 exprimieren, finden sich CK7 und CK20 in Zylinderepithelien und somit typischerweise in Adenokarzinomen [Thomas und Moll, 2001], wodurch auch im vorliegenden Fall die Diagnose zusätzlich verifiziert werden konnte. Aufgrund des in den "Staging"-Untersuchungen zusätzlich detektierten Adenokarzinoms NOS der Lunge musste im aktuellen klinischen Fall eine orale Metastase seitens eines primären Bronchialkarzinoms differentialdiagnostisch in Betracht gezogen werden. Diese wurde durch immunhistochemische Zusatzuntersuchung mit dem Thyroidalen Transkriptionsfaktors-1 (TTF-1) ausgeschlossen. Dabei handelt es sich um einen schilddrüsen- und lungenspezifischen Marker, der bei Karzinomen, ausgehend von einem dieser Organe, exprimiert wird [Reis-Filho et al., 2000; Chang et al., 2004]. Die Prognose des Adenokarzinoms NOS der Speicheldrüsen richtet sich neben dem klinischen Stadium auch nach dem Malignitätsgrad. Die 15-Jahres-Überlebensrate für "low-grade", "intermediate-grade" beziehungsweise "high-grade" Karzinome wird mit 54 Prozent, 31 Prozent beziehungsweise 3 Prozent angegeben [Auclair and Van der Wal, 2005]. 27 bis 49 Prozent der Patienten entwickeln Lymphknotenmetastasen, 33 bis 37 Prozent Fernmetastasen [Li et al., 2004; Lang et al. 2005]. Dr. Tobias Ettl Priv. Doz. Dr. Dr. Oliver Driemel Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Universität Regensburg Franz-Josef-Strauß-Allee 11 93053 Regensburg oliver.driemel@klinik.uni-regensburg.de
zm 97, Nr. 18, 16. 09. 2007, Seite 50-54 |
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