Gesundheitsleistungen erleben
einen Trend Medizin, die Wünsche erfüllt |
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1. Oktober 2006 -
Gesundheit wird zum bestimmenden Wirtschaftsmotor der Zukunft. Das behaupten
die Experten des Zukunftsinstituts Matthias Horx in Kelkheim. In diese Richtung
Uralte menschliche Sehnsüchte nach äußerer Schönheit und Vollkommenheit bestimmen den Wandel im Gesundheitswesen kräftig mit. Ebenso zeitgleich wie unabhängig von einander skizzieren zwei Untersuchungen den gesunden Patienten als künftigen Kunden. Der sucht den Arzt eben nicht auf, auf dass dieser ihm helfe zu genesen, sondern zu erstarken und die Gesundheit mit dem dazugehörigem Wohlgefühl zu intensivieren. Oder schöner respektive (noch) auffallender zu werden. Ein Trend, der längst begonnen hat. Wohin er führt, schilderte zum einen der Vortrag des Psychologen und Philosophen Professor Matthias Kettner, Dekan des Studium fundamentale in Witten-Herdecke, auf der DAZ-Jahrestagung in Berlin, zum anderen die jetzt veröffentlichte Studie "Gesundheitstrends 2010" der Trendforscher vom Zukunftsinstitut Matthias Horx, Kelkheim. Salutogenese statt Pathogenese Das Selbstverständnis des Zahnarztes wandelt sich nicht nur, es befremdet mitunter auch, bemerkte Dr. Eberhard Riedel. Denn als der Vorsitzende des Deutschen Arbeitskreises für Zahnheikunde (DAZ) kürzlich einen Kollegen anrief, hörte er dessen Ansage auf Band: "Sie sind verbunden mit der Praxis für Zahnwellness ". Noch, betonte Kettner, sind Mediziner jeglicher Couleur vorwiegend in präventiver und kurativer Medizin (kM) im Einsatz, hätten jedoch die Grenze zur wunscherfüllenden Medizin (wM) bereits überschritten. Diese ärztlichen und zahnärztlichen Eingriffe dienten dazu, das intakte Wohlbefinden zu steigern oder aber individuelle Merkmale ohne Krankheitswert zu korrigieren, bei der kosmetischen Nasenkorrektur ebenso wie bei Zahnschmuck. Entsprechend suchten in diesen Fällen nicht ratsuchende kranke Patienten den Arzt auf, sondern Kunden mit speziellen Bedürfnissen, meint Kettner. Die Nachfrage der Interessenten werde sehr wohl durch die Medien vorangetrieben, auch durch Anbieter forciert. Entsprechend entwickle sich eine breite Palette an Leistungen, auch über Bleaching und künstlerisch-angehauchte Keramikkronen hinaus. Als "hilfreichen Satz analytischer Unterscheidungspunkte" zwischen kM und wM skizzierte Kettner: Je nach Anliegen seien die Begriffe "Patient" oder "Kunde" zu verwenden. Statt Gesundheit wiederherzustellen wolle wM das Positive steigern, an die Stelle der Pathogenese rücke hier die Salutogenese. Statt der Indikation setze die Kontraindikation die Grenze. Der Optativ (frei wählbare Präferenzen) des Kunden verdränge den therapeutischen Imperativ des Arztes. Dessen Autonomie weiche der Deregulierung durch die Nachfrage von Kundenseite. Nicht zuletzt würden alternative Methoden gegenüber schulmedizinschen bevorzugt nachgefragt werden. Die Entwicklung sei durchaus umstritten: Kritiker sähen den Bankrott ethischer Werte, Befürworter begrüßten die Freiheit der Möglichkeiten. Eine Gefahr sieht Kettner: Schönheit beruhe auf Normung, etwa durch die konventionellen Werte in der ästhetischen Schönheitschirurgie, ähnlich in der cosmetic dentistry. Wenn aber kurzlebige Moden den Ton angäben, mutiere der Gesundheitsmarkt zum Konsummarkt. Aus Sicht der Medizinethik sei es zwar zulässig, auf Bedürfnisse der Patienten respektive Kunden einzugehen, und den Kunden mit seinen Wünschen ernst zu nehmen, auch wenn "Wunschkritik" über das bloße "ja oder nein" hinaus nicht Teil ärztlicher Ausbildung sei. Sobald Marketing die Nachfrage nach Behandlungskonzepten forciere, manipuliere jener Anbieter, der aus merkantilem Interesse die Grenze definiert. Wie aber werde der Patient/Kunde autonom, wie lasse sich
Der DAZ wertete zum Beispiel kritisch, dass aktuelle Leistungsangebote vom Bleichen der Zähne und Anbringen von Zahnschmuck über die optische Veränderung normaler gesunder Zähne durch invasive Maßnahmen bis hin zum Aufbau von Weichteilgewebe und aufwändigen Zahnersatzkonstruktionen reichen, die das medizinisch Bewährte und Notwendige weit übersteigen. "Letztlich entscheiden Sie als Zahnärzte, wieviel Ihre professionelle Autonomie wert ist", betonte Kettner. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass derjenige, der die Grundversorgung leistet, davon gut leben kann, und wer darüber hinaus Effektives anbietet, darüber hinaus verdient. Eine Aufgabe für die Politik. Auf dem Weg in die Wohlfühlkultur "Es sind nicht nur die leeren Staatskassen, die die Menschen zur proaktiven Gesundheitsvorsorge auffordern. Wir erleben gerade den Beginn der Ära der individuellen Selbstverantwortung", proklamieren die Autoren Dr. Anette Huesmann, Anja Kirig und Dr. Eike Wenzel der neuen Studie "Gesundheitstrends 2010 - Von der Symptom-Medizin zur neuen Wohlfühlkultur" aus dem Zukunftsinstitut Matthias Horx. In der "Health Society" mit dem Ziel "Wohlfühlkultur" wird Gesundheit zur exklusiven Signatur von Wohlstand und Modernität, so die Trendforscher. Die Chancen auf dem Markt der Gesundheit scheinen grenzenlos: Technikgiganten und viele andere Industriezweige schießen sich auf den Gesundheitsbereich ein. Gesundheitsthemen bescheren Zeitungen und Zeitschriften Spitzenauflagen. Die Autoren der Studie: "Das Land wird pathologisiert. Gesundheit wird zum Stellvertreter für althergebrachte Identitätsversprechen, deren Halbwertszeit abläuft, wie Religion, Familie oder Gemeinschaft. Und: Wohlfühlen und Gesundheit mutieren zum Konsumgut und zum Lifestyle-Produkt." In der aufziehenden Ära der Selbstverantwortung entwickelt sich die Gesellschaft neu, meinen die Trendforscher: Gesundheit wird zur Schlüsselressource, wichtigstes Zukunftspfand und Schauplatz für mehr Genuss und Lebensfreude. Die Definition von "Gesundheit" morgen untersuchten die Forscher, ebenso die Auswirkungen auf ihre Ökonomie, auf den Gesundheitsmarkt und auf die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Eine grundlegende These dabei: "In den vergangenen Jahren hat der universelle Wert Gesundheit seine Unschuld verloren. Aus dem unveräußerlichen Wert Gesundheit ist, so scheint es, die Ware Gesundheit geworden." "Allenthalben sprechen wir von der Ermächtigung des Konsumenten, des Smart-Shoppers, der in Handel und Konsum der neue Souverän ist und diktiert, was gekauft wird und was nicht." Sie rechnen damit, dass "aus Patienten immer stärkere Konsumenten werden, die für eine kommerzielle Dienstleistung ein angemessenes Qualitätsmanagement und nur den besten Service erwarten". Auch in dieser Untersuchung kristallisiert sich also heraus, dass künftig vermehrt Gesunde - trotz körperlichem Wohlbefinden - den Arzt aufsuchen werden, auf dass der ihnen wunschgemäß zu noch besserer Lebensqualität verhelfe. Für andere Heilberufe stünden ebenfalls heftige "Veränderungsturbulenzen" an. Die hohen Arzneimittel-Umsätze der Präsenz-Apotheken wecken Begehrlichkeiten bei Krankenkassen ebenso wie bei Pharmafirmen, Drogerie-Ketten, Versandhandel. Bleibe dem Apotheker noch, sich als Gesundheitsberater zu profilieren. Die Zukunft der Präsenzapotheke stehe und falle mit der Ausweitung des Service-Angebotes, behauptet die Studie: In den USA haben sich außergewöhnliche Konzepte durchgesetzt. Zudem gehen die Trendscouts angesichts eines Zuwachses 2004 von 0,9 Prozent von einem Run auf Web-Apotheken aus. pit zm 96, Nr. 19, 01.10.2006, Seite 36-37 |