Psychosomatik
in der Zahnheilkunde jetzt wieder mit Professur Der Blick über den Tellerrand |
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1. Januar 2006 -
Dreizehn lange Jahre war er unbesetzt, der Lehrstuhl für Psychosomatik in
der Zahnheilkunde an der Westfälischen
Körper und Seele sind untrennbar miteinander verbunden. Das ist die Grundthese der Psychosomatik. Für die medizinische Diagnostik und Behandlung bedeutet das, beide Faktoren gleichermaßen zu berücksichtigen. Aus ihrer langjährigen Erfahrung an der Münsteraner Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik weiß Anne Wolowski: "Jede Krankheit hat eine psychische Komponente." So rufen starke Gefühle wie Angst physische Reaktionen wie Zittern, Herzklopfen und kalten Schweiß hervor. Umgekehrt können sich körperliche Erkrankungen auf die seelische Gesundheit auswirken. Alle Faktoren sauber voneinander zu trennen, ist eine echte Herausforderung für Mediziner. Gefordert ist dabei vor allen Dingen, so
Ein großer Irrtum "Viele Menschen sind der Meinung: Psychosomatik schön und gut - aber doch nicht beim Zahnarzt! Das ist ein großer Irrtum", heißt es in einer Broschüre der Münsteraner Ambulanz. Begründung: Der Zahnapparat ist ein hoch sensibler Bereich. Leidet ein Mensch unter Stress oder anderen seelischen Problemen, kann die daraus resultierende körperliche Belastung unter anderem zu Bruxismus führen. Weitere typische Krankheitsbilder sind Prothesenunverträglichkeit oder Schmerzen im Gesichts-, Mund- und Kiefergelenksbereich. Allgemein gilt: Sind keine organischen Ursachen zu finden, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein psychosomatisches Problem. Für diese Patienten sind Wolowski und Doering da. Ergänzt wird das Team durch eine Psychologin und eine Physiotherapeutin. Die unterschiedlichen fachlichen Qualifikationen der Mitarbeiter verankern die Zahnmedizin fest in einem interdisziplinären Gefüge. Wolowski freut sich über die personelle Aufstockung der Abteilung: "Früher habe ich diesen Bereich alleine betreut. Meistens konnte ich nur die Diagnose stellen und musste dann an die entsprechenden Spezialisten überweisen. Heute sitzen wir alle unter einem Dach und machen vieles selbst." Auch Doering ist mit der Organisation zufrieden: "Die Zusammenarbeit ist sehr unkompliziert. Die Wege sind kurz, so dass wir uns jederzeit über Fälle austauschen können." Zerknirscht und ängstlich Gesprächsstoff gibt es reichlich, denn der Fachbereich betreut verschiedene Projekte und hat einige mehr in Planung. Zum Behandlungsspektrum
Die Kapazitäten, allen Patienten diesen Service anzubieten, hat die Ambulanz jedoch nicht. Deshalb ist es nach Ansicht des Mediziners wichtig, dass Zahnärzte den Bedarf regional auffangen. Das setze eine Kompetenzerweiterung der Kollegen voraus. Das "Netzwerk Zahnarztangst" ist ein weiteres Zukunftsprojekt. Der Hintergrund: In Deutschland haben etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung so große Panik vor einem Zahnarztbesuch, dass sie sich erst gar nicht in die Praxis trauen. An Prophylaxe ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Das habe auf Dauer enorme gesundheitsökonomische Folgen, warnt Doering und erläutert, wie das Problem angegangen werden kann: "Angstpatienten hilft man durch Desensibilisierung. Dazu gehört zum Beispiel, sie in die Praxis zu begleiten oder ihnen die gefürchteten Instrumente in die Hand zu geben." Am besten koordinieren lässt sich die Behandlung seiner Meinung nach, wenn ein Psychotherapeut und ein Zahnarzt eine dauerhafte Zusammenarbeit eingehen - also auf lokaler Ebene ein kleines Netzwerk bilden. Exoten - im positiven Sinn Schon während ihres Studiums in den achtziger Jahren hat sich Anne Wolowski mit
Der Draht zum Patienten Als ehemaliger leitender Oberarzt der Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie in Innsbruck weiß Doering, dass das persönliche Gespräch mit kranken Menschen der Schlüssel zu einer erfolgreichen Behandlung ist. Das beste Vorgehen: "Man sollte sein Gegenüber zunächst einmal erzählen lassen. Dann erfährt man sehr schnell sehr viel über mögliche Hintergründe der Krankheit." Die richtige Taktik dafür will gelernt sein. Deshalb muss, findet der Mediziner, die Kommunikation mit den Patienten - speziell solchen, die psychische Probleme haben - in der zahnärztlichen Ausbildung intensiver trainiert werden. Die ersten Schritte in diese Richtung sind bereits getan. Im Entwurf zur neuen Approbationsordnung ist für Studierende in der Vorklinik ein Praktikum sowie eine Vorlesung in medizinischer Psychologie und Soziologie Pflicht. Darin sind die Grundlagen der richtigen Gesprächsführung enthalten. "Ich finde es sehr gut, dass diese Punkte umgesetzt werden konnten", sagt Doering. Wünschenswert wäre aber eine noch umfassendere Auseinandersetzung mit den typischen Krankheitsbildern. "Ich sehe, wie sehr die Kollegen das brauchen und wollen. Deshalb sollten sie es auch bekommen." Wege der Fortbildung Einen guten Einstieg in das Fachgebiet bietet das Curriculum "Psychosomatische Grundkompetenz" der Akademie Praxis und Wissenschaft (APW). Die Fortbildungsorganisation der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde bietet ein etwa 50-stündiges Seminar an, das Zahnärzten psychosomatische Grundkenntnisse vermittelt. Doch die Nachfrage ist groß. Allen, die keinen freien Platz mehr ergattern können, raten die beiden Experten, auf andere Weise an Praxiserfahrung zu kommen. Etwa im fachlichen Austausch mit Kollegen in Qualitätszirkeln oder Balint-Gruppen. Empfehlenswert seien zudem interdisziplinäre Schmerzkonferenzen. Dort kämen neben Fachleuten auch regelmäßig Betroffene zu Wort. Eine gute Gelegenheit also, Krankheiten aus einer anderen, der Patientenperspektive zu betrachten. Fazit: Um das Zusammenspiel von Körper und Seele besser zu verstehen, kann man viele Wege gehen. Letztendlich ist aber vor allem eins wichtig - der Wille zum Blick über den Tellerrand. sth zm 96, Nr. 1, 01.01.2006, Seite 56-57 |
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