Mikrokredite: niedriger Einsatz, hohe Effizienz

Die Finanzierungen im Taschenformat

1. November 2006 - Rund um den Erdball unterstützen Organisationen und Investoren Menschen mit Kleinstkrediten. Sie helfen
Mit Kleinst-Krediten anderen zur Selbsthilfe verhelfen, lautete das Credo eines indischen Wirtschaftsprofessors. Eine Idee, die Schule macht. Mittlerweile auch in Deutschland.
vielen Einzelnen und sorgen so für wirtschaftlichen Aufschwung in den Regionen. Inzwischen gibt es ähnliche Angebote in Deutschland. Und für Anleger eröffnen sich die Möglichkeiten, Gutes zu tun und gleichzeitig Geld damit zu verdienen - allerdings nicht ohne Risiko.


"Kredite sind ein Menschenrecht", mit dieser Behauptung fordert Muhammad Yunus Regierungen, Organisationen, Banken und private Investoren auf, den Armen der Welt mehr Geld anzuvertrauen. Der indische Professor für Wirtschaft weiß, wovon er spricht. Schließlich gründete er in den 70er-Jahren in Bangladesh, dem damals ärmsten Land der Erde, die Gramleen Bank.


Auf eigene Füße stellen
Diese Bank diente einzig und allein dem Zweck, Frauen, denen der Zugang zu Krediten verwehrt war, Geld zu leihen, damit sie sich eine Existenz aufbauen konnten. Die ersten drei Frauen, denen Yunus zu einem Darlehen verhalf, gründeten mit nur 30 Euro einen Blumenhandel, einen Lebensmittelladen und eine Nudelküche. Damit konnten sie ihren Lebensunterhalt und ihren Kindern eine Ausbildung finanzieren.

Von dort aus hat sich die Mikrofinanz-Bewegung fast über die ganze Welt ausgebreitet. Zirka 12 000 Mikrofinanzinstitute gewähren rund 60 Millionen Menschen Darlehen zwischen umgerechnet 20 und 10 000 Euro. Es gibt sie in Asien, Lateinamerika, zunehmend in Osteuropa. Auch Deutschland hat die Vorteile dieses Systems als hilfreich bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit entdeckt.


Ansporn statt Stütze
"Hilfe zur Selbsthilfe" lautet das Credo von Muhammad Yunus. Deshalb betrachtet er die deutsche Einrichtung der Sozialhilfe mit skeptischen Augen. Er glaubt, dass sie den Menschen den Ansporn nimmt, für sich selbst aktiv zu werden. Besser sei es, ihre Eigeninitiativen zu unterstützen. So behalten sie ihre Würde und leisten ihren Teil zur Volkswirtschaft ihres Landes. Der weltweite Erfolg dieser Idee bewog den scheidenden Uno-Generalsekretär Kofi Annan, das Jahr 2005 dem Mikrokredit zu widmen. Denn dieses Instrument habe sich als sehr wirksam gegen Hunger und Armut in vielen Ländern gezeigt. Ziel sollte es sein, die Zahl der Mikrokredit-Kunden zu vervierfachen.

Mikrofinanzinstitute finden dort ihre Klientel, wo normale Geschäftsbanken zurückschrecken, weil kleine Darlehen einen unverhältnismäßig großen Aufwand und damit hohe Kosten bedeuten. Wie aber die Entwicklung der vergangenen Jahre gezeigt hat, haben sich die ehemals sozial orientierten Institute zu gut verdienenden Finanzdienstleistern gemausert.

Ein Beispiel dafür sind die 20 ProCreditbanken. Sie vergeben in Lateinamerika, Südosteuropa und Afrika kleine Kredite und betreuen die Kunden in allen Finanzfragen. Gemanagt werden die Institute von der Frankfurter Holding IPC - Internationale Projekt Consult GmbH. Dahinter steckt das Ehepaar Dr. C.-P. Zeitinger und Gabriele Heber. Der Gedanke, die Vergabe von
Hat gut lachen: Muhammad Yunus, der mit seiner Idee der Mikrokredite vielen einen Start in die Selbstständigkeit ermöglichte, erhielt dafür im Oktober den Friedensnobelpreis.
Kleinstkrediten professionell zu organisieren, kam ihnen, als sie gemeinsam mit zwei Ökonomie-Professoren im Auftrag des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Wirkung der deutschen Entwicklungsfinanzierung untersucht haben. Diese Studie erwies sich als Initialzündung für den Aufbau der IPC.


Musterhaftes System
Im Auftrag des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes installierte die IPC 1984 ein Sparkassensystem nach deutschem Muster, das heute noch funktioniert. Dank ihrer Erfahrungen mit der finanziellen Situation der arbeitenden Bevölkerung und deren Bedürfnissen in den damaligen Entwicklungsländern wussten sie, was zu tun ist: Die Kreditvergabe unverzüglich und unbürokratisch umsetzen. Konventionelle Sicherheiten, wie normale Banken sie fordern, gibt es nicht. Statt auf Vermögenswerte vertrauen sie auf die Informationen über Arbeitskraft und Kreativität ihrer Klientel. Und auf die intensive Betreuung ihrer Kunden bei der Umsetzung deren Vorhaben. Die Personalkosten sind demnach höher als üblich. Höher als üblich sind aber auch die Kreditzinsen, die die Bank für ein Darlehen verlangt. Doch im Vergleich, was die Menschen den Wucherern zahlen - bis zu 100 Prozent - , scheinen 20 Prozent Zinsen wenig. Das Geschäft floriert vor allem dank der relativ niedrigen Ausfallquote. Die ProCredit-Banken verzeichnen durchschnittliche Ausfälle von nur 1 Prozent in Südosteuropa und 2 Prozent in Lateinamerika. Und das bei einer Kundschaft, die von den meisten Banken als nicht kreditwürdig angesehen wird. Inzwischen refinanzieren sich die Banken auch mit den Einlagen ihrer Kunden. Jeden Monat werden rund 30 000 Sparkonten eröffnet und 10 000 Kredite vergeben. Im Schnitt beträgt die Kreditsumme 2 300 Euro. Damit werden Arbeitsplätze in Gewerbe und Handwerk gesichert und die Eigenvorsorge gestärkt. Bis zu einer Summe von 5 000 Euro verlangen die Kreditberater keine Sicherheiten. Nur in Gebieten, wo die Gruppe sich neu etabliert, erwarten sie auch für kleinere Kredite von etwa 1 000 Euro Sicherheiten. Das darf dann auch ein Fahrrad sein. In Ländern wie dem Kongo bedeutet dieses Fortbewegungsmittel großen Reichtum und der Besitzer wird alles dafür tun, um sein Fahrzeug zu behalten. Mit dieser Erziehungsmaßnahme macht die Bank ihren Kunden klar, dass sie auf pünktliche Rückzahlung besteht.

Allein aus sich heraus konnte die Gruppe nicht in diesem Maße wachsen. Hinter ihr stehen die deutsche KfW, die Weltbank-Tochter IFC sowie niederländische und belgische Entwicklungsorganisationen. Sie halten zusammen rund die Hälfte des Aktienkapitals der Holding. An einzelnen Banken in verschiedenen Ländern haben sich unter anderen auch die Osteuropabank (EBRD) und die Commerzbank beteiligt.

Dank des Renommees der Aktionäre bewertet die Ratingagentur Fitch die Holding als gute Schuldnerin. Dieser Ruf hilft bei der Ausgabe von Teilinhaberschuldverschreibungen. Die Laufzeiten betragen drei und sechs Jahre, die Zinsen liegen bei 5 beziehungsweise 6,5 Prozent. Diese Anleihen werden nicht an der Börse gehandelt. Sie werden als effektive Stücke mit Zinsgutscheinen an die Käufer verschickt. Wer die Papiere in den Händen hält, ist der Eigentümer, gehen sie verloren oder werden sie gestohlen, ist das eingesetzte Kapital von mindestens 10 000 Euro ebenfalls weg. Anleger, die sich zum Kauf der Wertpapiere entschließen, wissen, dass sie die Stücke bis zum Ende der Laufzeit behalten müssen.


Kirchen im Kampf gegen Armut
Neben Nicht-Regierungsorganisationen (auch NGOs - Non-Government-Organizations genannt) und der UNO engagieren sich auch die Kirchen im Kampf gegen die Armut. Eine genossenschaftliche Organisationsform wählte Oikokredit. Die ökumenische Entwicklungsgenossenschaft wurde 1975 vom Weltkirchenrat in den Niederlanden gegründet. Zweck der Einrichtung ist es, Kirchen und ihren Organisationen die Möglichkeit zu geben, zu investieren statt zu spenden. Inzwischen gibt es auch in Deutschland acht Förderkreise, die Anleger suchen. Oikokredit bietet Entwicklungsfinanzierungen in 33 Ländern. Sie verteilt das Geld über Mikrofinanzinstitute, kleine und mittelständische Unternehmen sowie Fairhandelsprojekte an die Kreditnehmer. Bei der Vergabe der Darlehen werden Frauen bevorzugt. Studien haben ergeben, dass Frauen geliehenes Geld früher zurückzahlen als Männer und auch eher in ihre Familie investieren als es für sich selbst zu behalten. 90 Prozent der Darlehen werden an Oikokredit zurückgezahlt.

Anleger, die sich für die Idee des Mikrokredits begeistern und die vielleicht einen Teil ihres Kapitals für die gute Sache bereithalten, können sich über die Förderkreise in die Genossenschaft einkaufen. Trotz des 10-prozentigen Ausfallrisikos scheint die Investition relativ sicher zu sein. Denn bis heute konnte die Genossenschaft die Einlagen immer zurückzahlen plus 1 bis 2 Prozent Zinsen. Ein Anteil kostet 200 Euro.


Ein Fonds, aus Spenden gespeist
Weder Zinsen noch Dividenden an die Geldgeber zahlt der Microcredit Development Fund der Deutschen Bank. Der Fonds speist sich vorwiegend aus den Spenden reicher amerikanischer Familien, Stiftungen und NGOs. Er vergibt Kredite an lokale Mikrofinanzierungsgesellschaften. Diese benutzen das Fonds-Geld als Sicherheit bei der Kreditvergabe. Die kleinen Banken brauchen nicht zu tilgen und zahlen einen niedrigen Zins an den Fonds. Für die Deutsche Bank erweist sich das soziale Engagement der Spender als gutes Geschäft, das sie mit Sicherheit in den nächsten Jahren ausbauen wird.


Die Idee wiegt Geld auf
Über eine Beteiligung privater Anleger an der Mikrokreditfinanzierung in Deutschland denkt auch Ulrich Bartelheim nach. Er ist Geschäftsführer der Brechmann Management GmbH, die in Bielefeld die Interessen des Deutschen Mikrofinanz Instituts (DMI) für Nordrhein-Westfalen wahrnimmt. Vor Ort betreut er Geschäftsleute und solche, die es werden wollen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie eine tragfähige Geschäftsidee haben, von denen normale Banken nichts wissen wollen. Ulrich Bartelheim betreut seine Kunden sehr intensiv. Er entscheidet über die Kreditvergabe. Dabei verlässt er sich auf sein Gespür und seine Menschenkenntnis. Befindet er den Schuldner für gut, kann er ihm einen Kredit bis maximal 25 000 Euro vermitteln. Dabei findet er es nicht so wichtig, wenn sein Kunde nur eine schlechte Schufa-Auskunft vorweisen kann. Den Kredit selbst darf Bartelheim nicht ausreichen, dazu benötigt er eine Bank. Abgesichert wird das Darlehen durch Kapital aus dem Mikrofinanzfonds Deutschland. Dahinter stehen mit jeweils 500 000 Euro Einlage das Wirtschafts- und das Arbeitsministerium, die GLS Bank sowie die KfW. Der Fonds bietet den Kredit gebenden Banken eine Garantie. Der Mikrofinanzierer, in diesem Fall die Brechmann Management GmbH, sorgt dafür, dass der Kredit ordnungsgemäß zurückgezahlt wird. Die Betreuer tragen ein Ausfallrisiko von bis zu 20 Prozent. Ausfälle werden aus dem Kapital des Fonds finanziert. Bartelheim ist mit der Zahlungsmoral seiner Kunden weitgehend zufrieden. Ein gelungenes Beispiel für die Arbeit der Mikrofinanzierer sind 15 junge Männer aus Berlin-Kreuzberg, die die Agentur Kazik für Jugendmarketing und Streetstyle gründen konnten. Ein anderes Beispiel ist eine Hausmeisterei : Das Drei-Personen-Unternehmen startete am 3. Januar dieses Jahres. Den Kredit in Höhe von 4 000 Euro benötigte der Chef für die Anschaffung eines Firmenfahrzeugs. Nach drei Monaten konnte er seine Schulden auf einen Schlag begleichen.

Das Deutsche Mikrofinanz Institut leistet gute Arbeit. Um effizienter arbeiten zu können, wünschen sich die Beteiligten unter anderem flexiblere Kreditprogramme sowie die steuerliche Förderung von privaten Finanzierungen wie in den Niederlanden. Dort können private Anleger direkt Kredite an Existenzgründer vergeben. Die Zinsen, die sie dafür bekommen, bleiben unter bestimmten Bedingungen viele Jahre steuerfrei.

Würde der Gesetzgeber bessere Voraussetzungen für privates Engagement im sozialen Bereich schaffen, täte er sich selbst etwas Gutes. Denn die Kassen der Städte und Gemeinden für die Sozialhilfe sind leer. Die öffentliche Hand ist doch eigentlich nur allzu bereit, Ausgaben auf den Bürger abzuschieben. Für den müssen aber die Bedingungen akzeptabel sein. Banken und Sparkassen schrecken hierzulande immer noch vor ungewöhnlichen Maßnahmen zurück. Doch wenn sie wie die Deutsche Bank erst einmal erkannt haben, dass sich auch mit sozialen Projekten Geld verdienen lässt, wird sich ihre Einstellung ändern.
Marlene Endruweit


zm 96, Nr. 21, 01.11.2006, Seite 102-105