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November 2009 - Es passiert fast jeden Abend: In deutschen Wohnstuben
beugt sich auf irgendeinem Fernsehkanal jemand mit wichtigernster Mimik
über einen spektakulären Leichenfund. Pünktlich zum Krimischluss
ist der Fall gelöst und der Täter überführt, der Pathologe
lieferte mal wieder den entscheidenden Hinweis. Mit dem Bild, das die
Massenmedien vermitteln, haben Rechtsmedizin und Pathologie allerdings oft nur
wenig zu tun. Die Wirklichkeit ist anders - so manches Mal jedoch genauso
grausam.
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| "Bigger than life": Im
Krimigenre der fiktionalen Filmwelt erzeugen Tod und Pathologie einen
besonderen Nervenkitzel , wie hier auf einem Foto des Films
"Anatomie" mit Franka Potente zu sehen ist. |
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In TV-Krimis wie
"Quincy", "Tatort" oder "CSI" ( Crime Scene
Investigation = Tathergangsermittlung) ist es gut zu sehen: Schon lange nicht
mehr werden allein die Spitzfindigkeit und Kombinationsgabe eines Kommissars
benötigt, um Todesursachen zu klären und Verbrecher zu
überführen. Neben dem Kriminologen ist der Rechtsmediziner oft zum
eigentlichen Hauptdarsteller geworden. Dieser runzelt oft die Stirn und wird
zumeist vom Kommissar zur raschen Auskunft über Todesursache und
Todeszeitpunkt gedrängt. Doch wenn es auch oft so dargestellt wird:
Pathologen und Rechtsmediziner sind keine Polizeibeamte oder Kommissare, sie
sind auch nicht an der Verhaftung von Tatverdächtigen beteiligt. Nur im
Fernsehen als Unterhaltungsbranche vermischen sich häufig Pathologie und
Rechtsmedizin, mal mehr ("CSI"), mal weniger ("Tatort"), in
ein seltsames Durcheinander von Kriminalisten und Leichenschnipplern, letztere
oft mit merkwürdigem, schrulligem Charakter oder diversen Spleens. Dabei
fungiert diese Kunstfigur schon als Quasi-Requisit und hat es auf diese Art und
Weise zu einem festen topos im literarischen wie
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Am Tatort
Am Tatort untersucht der Rechtsmediziner den
Verstorbenen zum ersten Mal. Er sammelt anhand der Auffindesituation und
eventueller Verletzungen am Körper der Leiche Hinweise auf die
Todesursache. Außerdem überprüft er die Leichentemperatur und
das Vorliegen und die Ausprägung der drei sicheren Todeszeichen:
Totenstarre, Totenflecke und Fäulnis. Anhand dieser Informationen ist eine
Bestimmung des Todeszeitpunktes möglich. Dieser wird in Stunden angegeben
und liefert stets nur eine Annäherung. Eine minutengenaue Aussage ist
nicht möglich. Als ungefähre Regel gilt, dass ein Verstorbener mit
Durchschnittsgewicht in normaler Bekleidung bei normaler Zimmertemperatur
1° C pro Stunde abkühlt. |
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filmischen Krimigenre gebracht.
Todesursache unklar
Etwa 900 000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr. Bei 40 bis 60 Prozent
aller untersuchten Verstorbenen wird bei der Obduktion eine andere Todesursache
festgestellt, als auf dem Leichenschauschein angegeben. In Deutschland werden
nur fünf Prozent aller Verstorbenen seziert. Es wird davon ausgegangen,
dass aufgrund der geringen Obduktionszahlen jährlich 1 200 bis 2 400
Tötungsdelikte unentdeckt bleiben. Neben der persönlich
geprägten Motivation, dass die Angehörigen nach einem
natürlichen oder nicht natürlichen Todesfall wissen wollen, woran
oder weshalb ein Verstorbener verschied, spielen beim nicht natürlichen
Tod juristisch relevante Aspekte eine Rolle. Die Frage, ob der Verschiedene
etwa durch Gewalteinfluss, Selbstmord, einen Verkehrsunfall oder durch sonstige
unglückliche oder kriminelle Vorkommnisse wie Brandunfall und Ersticken zu
Tode kam, ist kriminaltechnisch zu klären und hat juristische
Konsequenzen. Prinzipiell gilt: Wenn die Todesursache unklar ist, muss
über die Staatsanwaltschaft ermittelt werden. Diese setzt dann
Rechtsmediziner für die Ermittlung ein. Und, ja, bei der Ermittlung der
Todesursache eines Verstorbenen geht es auch um ganz profane
versicherungsrelevante Aspekte, darauf verweist der Rechtsmediziner Lars
Oesterhelweg vom Institut für Rechtsmedizin an der Berliner
Charité. Versicherungen wollten wissen, ob der Verstorbene eines
natürlichen oder eines unnatürlichen Todes wegen verstarb. Zudem: Die
Klärung von Todesursachen und die Identifizierung von Leichen über
medizinisch-kriminaltechnische Untersuchungsverfahren haben oberste
Priorität in einem Rechtsstaat: Ist eine Obduktion bei einer
ungeklärten Todesursache erst einmal durch Staatsanwälte oder Richter
angeordnet, ist sie auch durchzuführen.
Die Leichenöffnung
In der Forensik, einem Teilbereich der Rechtsmedizin, werden bei einem nicht
natürlichen Tod systematisch kriminelle Handlungen analysiert. Der
Unterschied zwischen einem Pathologen und einem Rechtsmediziner ist schnell
erklärt: Pathologen öffnen Leichen,
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Leid und oftmals Tragödien
kennzeichnen den Berufsalltag von Rechtsmedizinern, wie hier etwa am Tatort,
der mit Absperrungsband der Polizei versehen ist. Am Auffindeort untersuchen
Kriminalpolizei und Rechtsmediziner den Verstorbenen zum ersten Mal, um erste
Hinweise auf die Art des Versterbens zu erhalten. |
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deuten aber nicht. Auch Rechtsmediziner sezieren
Tote, dies aber zur Erklärung des Versterbens und auf Anordnung der
Staatsanwaltschaft. Dazu ermitteln sie Todesursache und Todeszeitpunkt,
darüber hinaus sind sie an der Identifizierung von Leichen beteiligt. Wenn
in deutschen Fernsehstuben also via TV-Krimi eine Leiche geöffnet wird,
ist damit aufgrund des Deutungsverhaltens der Krimifigur meist ein
Rechtsmediziner am Werk, nicht ein Pathologe. Das Internetlexikon Wikipedia
weist darauf hin, dass sich der geläufige Irrtum aus einer
Fehlübersetzung erklären könnte: "Im amerikanischen
Sprachgebrauch entspricht der Rechtsmediziner dem forensic pathologist."
Hitlers Identifizierung
Zahnärzten dürfte diese mediale Verwischung der TV-Welt ohnehin
schnell ins Auge springen, schließlich werden sie schon während des
Studiums mit der Pathologie vertraut gemacht.
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Gottfried Benn
Lange bevor sich Krimiautoren von
Obduziersälen und Leichensezierungen inspirieren ließen, machte der
deutsche Lyriker Gottfried Benn sie zum Gegenstand einiger seiner Gedichte. In
seinem 1912 veröffentlichten Lyrikband "Morgue"
(französisch für Leichenschauhaus) verarbeitete er persönliche
Erfahrungen: Benn arbeitete zu dieser Zeit als Assistenzarzt in der Pathologie
in Berlin, der Seziertisch war sein Arbeitsplatz. Im Gedicht "Kleine
Aster" heißt es:
"Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt. / Irgendeiner
hatte ihm eine dunkelhelllila Aster zwischen die Zähne geklemmt / Als ich
von der Brust aus unter der Haut / mit einem langen Messer / Zunge und Gaumen
herausschnitt, / muss ich sie angestoßen haben, / denn sie glitt / in das
nebenliegende Gehirn." |
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Daher dürfte den Praktikern auch die
forensische Odontologie bekannt sein, bei der - als Teilbereich der
Rechtsmedizin - die Identität eines Toten anhand der Zähne
festgestellt wird. Dies aus gutem Grund: Zähne und der individuelle
Zahnzustand nach Behandlungen lassen sehr genaue Rückschlüsse auf die
Identität einer Person zu, daher spricht man auch vom dentalen
Fingerabdruck. Am bekanntesten ist hierbei sicherlich die Identifizierung von
Adolf Hitler im Mai 1945 anhand seines Gebisses (siehe zm 96, Nr. 10/2006), die
wohl nicht anders als ein bizarrer Treppenwitz der Geschichte zu bezeichnen und
in die Annalen der Todesidentifizierung eingegangen ist: Ausgerechnet der
deutsch-jüdische Zahnarzt Fedor Bruck, der sich aus Angst vor den
Nationalsozialisten und in beständiger Gefahr, in ein KZ abtransportiert
zu werden, jahrelang in Kellern und Schrebergärten in Berlin verstecken
musste, wurde Zeuge bei der Identifizierung von Hitlers sterblichen
Überresten. Bruck war mit dabei, als Vertreter der Sowjetarmee Hitlers
Leichnam anhand des Gebisses identifizierten.
Rund ein halbes Jahrhundert später reiste der Kriminalbiologe und
Forensiker Dr. Mark Benecke 2002 nach Moskau, um die Identität Hitlers
mittels seiner Zähne erneut zu bestätigen. Die Süddeutsche
Zeitung berichtete: "Bei den Zähnen, die in einer Zigarrenschachtel
liegen, zeigt sich der Kriminalbiologe nach der Untersuchung sicher, dass sie
echt sind."
Zähne und DNA
Die zahnärztliche Mithilfe bei der Identifizierung von Toten ist in den
Berufsalltag der Zahnmediziner hierzulande längst integriert. Als
zusätzliche Untersuchungsmethode tritt die Kriminalpolizei immer wieder an
Zahnärzte heran, um die Identifizierung
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Im Leichenkühlraum liegt die
Temperatur konstant bei 4 Grad Celsius. Die Verstorbenen werden vor und nach
der Sektion dort gelagert, um die Fäulnis zu verlangsamen. Sie sind in
Folie eingeschlagen, faule oder stark verletzte Körper liegen in
geschlossenen Leichensäcken. |
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einer Leiche mittels des Zahnzustandes
voranzubringen. Guido Busch vom Polizeipräsidium Berlin, und oftmals mit
derartigen Recherchen betraut: "Wir nutzen auch diese Möglichkeit,
wenn es darum geht, eine unbekannte Leiche zu identifizieren. Allerdings gibt
es die Tendenz, dass diese Methode nicht mehr so häufig angewendet werden
muss. Mit der Identifizierung von Toten über deren DNA, also die
speziellen Persönlichkeitsmerkmale in Gewebe, Haare, Speichel und Blut,
werden mittlerweile überwiegend Tote identifiziert."
Trotzdem: Auch Veröffentlichungen in den zm und anderen zahnmedizinischen
Fachorganen sind am kriminaltechnologischen Erfolg beteiligt. So publizierten
die zm 1997 eine Studie von Willi-Eckard Wetzel und Ursel Ferchland, die auf
der Grundlage von kriminalpolizeilichen Fahndungsveröffentlichungen, die
im Zeitraum von 1978 bis 1990 in den zm erschienen sind, untersucht, in welchem
Umfang die zahnärztliche Mithilfe zur Identifizierung beigetragen hatte.
Ergebnis: Der Einbezug des Fachwissens von Zahnärzten wurde
ausdrücklich gewürdigt. Veröffentlichungen von Zahnschemata in
berufsständischen Fachpublikationen wurden explizit als
"hilfreich" bei der Identifizierung angesehen.
Gegen das Klischee
Um der Öffentlichkeit dabei zu helfen, die Realität vom medialen Bild
etwas mehr unterscheiden
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Forensische Pathologie
Hier beschäftigt sich der Rechtsmediziner mit
nicht natürlichen und unklaren Todesfällen. Letzteres heißt,
dass nicht bekannt ist, warum jemand verstorben ist. Nicht natürliche
Todesart bedeutet, dass man nicht an einer inneren, krankheitsbedingten
Todesursache verstorben ist, sondern etwa infolge eines Unfalls oder
Tötungsdeliktes. |
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zu können, war in Berlin unlängst die
Ausstellung "Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf" zu
sehen. Die Schau wurde vom Berliner Medizinhistorischen Museum der
Charité in Zusammenarbeit mit dem Institut für Rechtsmedizin der
Charité und dem Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin
Berlin gestaltet und hatte enorm starken Zulauf. "Wir waren selbst
völlig überrascht, das war die bestbesuchte Ausstellung die wir je
hatten", bilanziert Prof. Thomas Schnalke, Leiter des Berliner
Medizinhistorischen Museums der Charité. Rund 100.000 Menschen
interessierten sich für die Ausstellung, die, um mit den Klischees
aufzuräumen, die Berufs- und Lebenswirklichkeit von Rechtsmedizinern
zeigte. Denn es sind gerade der Medienrummel und die fiktiven Verzerrungen der
Filmwelt, die die Wirklichkeit eines häufig herben Berufsalltags, dessen
Dasein - wie woanders auch - hauptsächlich vom Tagesgeschäft und von
Routinetätigkeiten gekennzeichnet ist, in ein falsches Licht rücken.
Rechtsmediziner klingeln nicht, wie im Fernsehen oft suggeriert, an der
Haustür der Angehörigen von Verstorbenen, um sie zu befragen und dann
abstruse Theorien über Tathergang und Motiv zu entwickeln.
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| Mithilfe des Zahnstatus kann durch
einen Vergleich mit früheren Behandlungsunterlagen - wie etwa einem
Röntgenbild - eine Identifikation eines Verstorbenen erreicht werden.
Gerade beim Tsunami im Indischen Ozean 2004 reisten viele Rechtsmediziner und
Zahnärzte in die betroffenen Gebiete, um die Toten zu identifizieren.
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Staatstragende Funktion
Prof. Dr. med. Michael Tsokos, Direktor der rechtsmedizinischen Institute in
Berlin, Mit-Initiator der Ausstellung und Bestseller-Autor ("Dem Tod auf
der
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Die Sektion
Die Sektion (Synonym: Obduktion, Autopsie) wird
normalerweise von einem Richter angeordnet. Der Sektionssaal ist der
Hauptarbeitsplatz des Rechtsmediziners in der forensischen Pathologie. In ihm
finden auf den Sektionstischen die gerichtlich angeordneten
Leichenöffnungen statt. Muss zeitnah eine Sektion erfolgen, etwa bei einem
nächtlichen Tötungsdelikt, so kann auch ein Staatsanwalt die
sofortige Öffnung der Leiche veranlassen. Angehörige müssen dem
nicht zustimmen. Es ist gesetzlich festgelegt, dass immer alle drei
Körperhöhlen (Kopf, Brust und Bauch) geöffnet werden.
Abhängig vom Fall kann zusätzlich noch eine Öffnung des
Rückens, der Arme und der Beine erfolgen. |
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Spur: Zwölf spektakuläre Fälle aus
der Rechtsmedizin") hat deswegen bereits schon Vorlesungen gehalten
darüber, was wirklich im Sektionssaal geschieht. Titel der Uni-Lesungen:
"Faszination Rechtsmedizin - Medien versus Wirklichkeit". Denn:
Während die Medienwelt weiter ihr Zerrbild zeigt, proklamieren die
Rechtsmediziner eine staatstragende Funktion: "Nur eine qualifizierte
wissenschaftliche Rechtsmedizin ist der Garant für eine funktionierende
Rechtssicherheit in einem Rechtsstaat", heißt es im
Ausstellungstext.
Unterdessen wundert sich Museumsleiter Thomas Schnalke heute noch darüber,
wie viele die Schau sehen wollten. War es Voyeurismus, der die Besucher ins
Museum trieb? Schnalke winkt ab. "Das wäre zu oberflächlich.
Vielmehr waren eine große Neugier und ein starker Erkenntnisdrang
über die Themen, Körper, Vergänglichkeit und Tod bei den
Besuchern zu beobachten." Hier sieht er auch einen wesentlichen
Unterschied zur Film-Welt: "Einen Film schau ich mir aus einer gewissen
emotionalen und räumlichen Distanz an. In einer Ausstellung gibt es kein
Entrinnen." Zwar legten die Ausstellungsmacher großen Wert darauf,
den
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Berufsalltag Sektion: Die Gewichte
aller inneren Organe werden im Sektionsprotokoll vermerkt. |
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Besuchern keine Show-Veranstaltung zur
bloßen Neugierbefriedigung zu liefern, sondern Erkenntniswert zu
schaffen, indem sie den blanken, oftmals sehr grausamen Berufsalltag zeigten.
Doch trotz aller Bemühungen, so Schnalke, ließ mancher Besucher den
Anblick ausgestellter Körperteile, Leichenbilder und Seziervorgänge
so nah an sich heran kommen, dass er fast ohnmächtig wurde.
Berufsalltag - Großes Leid
Es ist schwer, sich eine realistische Vorstellung davon zu machen, wie der
Arbeitsalltag eines Rechtsmediziners aussieht und was es im Obduktionssaal oder
in den forensischen Laboratorien für Arbeiten zu verrichten gibt. Vieles,
was Rechtsmediziner in ihrem Alltag zu sehen bekommen, liegt jenseits der
Vorstellungskraft der meisten Menschen - und die Welt der Toten bleibt
außer Polizisten, Staatsanwälten und den (Rechts-)Medizinern der
Allgemeinheit verschlossen.
Für gewöhnlich arbeiten Rechtsmediziner direkt am Tatort eines
Verbrechens oder dort, wo der Leichnam gefunden wurde. Der Sektionssaal
zählt ebenso zum Arbeitsort, wie das Labor, in dem zusätzliche
Untersuchungen durchgeführt werden. Zudem werden sie oft in Gerichten als
Sachverständige benötigt. Das Grauen ist ihr Alltag, denn die
Umstände, die dazu führten, dass ein Mensch sterben musste, sind
bisweilen nichts für schwache Gemüter. "Unsere Ekelgrenzen sind
ziemlich weit gesteckt", verriet die
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Der Rechtsmediziner
Die Rechtsmediziner bekommen die Ergebnisse vom
Pathologen und deuten dann die Todesursache. Mit ihrem Fachwissen bewerten sie
Obduktionsbefunde und Ergebnisse nachfolgender Untersuchungen wie etwa mittels
der Mikroskopie. Rechtsmediziner sammeln und liefern die
naturwissenschaftlichen Beweise, ob das eine oder andere Szenario in einem
gewaltsamen Todesfall wahrscheinlich ist oder ob es ausgeschlossen werden kann.
Fachärzte für Rechtsmedizin haben ein klassisches sechsjähriges
Medizinstudium sowie im Anschluss eine mindestens fünfjährige
Facharztweiterbildung absolviert. |
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Rechtsmedizinerin Saskia Guddat, die die Berliner
Ausstellung mitgestaltet hat. Trotzdem fällt es auch ihr nicht immer
einfach: "Was Menschen andern Menschen zufügen, ist manchmal so
unvorstellbar, dass es einen schon schlucken lässt."
Im Zerrspiegel der Medien
Indes: In den genannten amerikanischen Krimiserien geht es vorrangig um
Spannung und Crime in einer "unrealistischen Hochglanzwelt", wie
Michael Tsokos sagt. Dort sorgt die als spektakulär verkaufte
"KTU", die kriminaltechnische Untersuchung, für den wahren
Nervenkitzel. Die Rechtsmedizin und ihre Vertreter sind damit Mittel zum Zweck
und stehen im Dienst einer medialen Unterhaltungsbranche und -kultur. Will sich
der Kick', der Thrill', beim Zuschauer schon nicht über das
Drehbuch einstellen, dann, so argwöhnen Kritiker, muss es die
effekthascherische und voyeuristische Untersuchung, die dem Rechtsmediziner
obliegt, leisten. Somit erscheint dieser Berufszweig nicht gerade als getreue
mediale Spiegelung der Lebenswirklichkeit, sondern als filmischer Zerrspiegel
im gleißenden Scheinwerferlicht. Doch: Grell ist es selten, das Licht, in
dem das Thema ausgeleuchtet wird, es dominieren kalte' Farben wie ein
dunkles Blau oder ein metallenes Grün, manchmal umweht von eisigem Dampf -
gleichsam als Atem des Todes.
Film und Realität
Dabei sind die Produzenten der deutschen "Tatort"-Krimis schon um
eine möglichst realitätsbezogene Darstellung ihrer Rechtsmediziner
und Pathologen bemüht. "Wir arbeiten durchaus mit der Polizei und
Fachleuten aus der Rechtsmedizin zusammen", sagt Dr. Josephine
Schröder-Zebralla, die als Redakteurin für den Berliner Tatort
zuständig ist. Auch bei der Produktionsfirma Colonia Media in Köln
legt man auf Nachfrage Wert auf eine weniger verzerrende Darstellung dieses
Filmsujets und hat mit dem Schauspieler Joe Bausch, der den Rechtsmediziner im
Kölner Tatort des WDR spielt, sogar einen gelernten Mediziner in der
Filmcrew. Sieht man sich Sonntagabends im Fernseh-"Tatort" das
Ergebnis an, wird klar, dass es im Wesentlichen um Spannung und Unterhaltung
geht, ohne die Fiktionsmuster amerikanischer Krimipendants zu kopieren und bei
der Figur des Rechtsmediziners allzu weit weg von der Realität zu kommen.
Angst-Lust
In amerikanischen TV-Serien wie CSI, Crossing Jordan oder Dexter ist davon
jedoch wenig zu sehen: Schelle Schnitte, Überblendungen, Schockeffekte und
andere filmtechnische Raffinessen, die an die Ästhetik von Videoclips der
Popkultur erinnern, lassen den Rechtsmediziner eher wie einen Sherlock Holmes
im Gruselkabinett erscheinen. Die Serien haben hohe Einschaltquoten, und manch
einer mag sich fragen, was Menschen überhaupt dazu treibt, sich so etwas
anzuschauen. Krimis hätten an sich schon einen großen Reiz, sagt
etwa Prof. Dr. med. Stephan Doering, Facharzt für Psychosomatische Medizin
und Psychotherapie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie in Köln.
Dahinter stehe eine gewisse "Angst-Lust": "Das Thema Tod jagt
einem Schauer über den Rücken, zumal ein gewaltsamer Tod. Mord geht
unter die Haut, macht Angst. Aus sicherer Entfernung sehen wir uns als
Zuschauer entspannt im Fernseh- oder Kinosessel die grausamsten Vorkommnisse
und Verbrechen an. Gerade weil so viel Leid und Schrecken damit verbunden ist.
Und denken unbewusst daran, dass man ja selbst auch Verbrechensopfer werden
kann."
Aus dem Alltag verbannt
Derweil stehen Rechtsmedizin und deren fiktive mediale Darstellung in den
Filmkrimis durchaus in einer spannungsreichen Wechselwirkung. Auf der einen
Seite findet man den Zerrspiegel der TV-Serien, auf der anderen Seite bringt
die Mediendarstellung das Thema 'Sterben' so stärker ins öffentliche
Bewusstsein. "Das steigende Interesse der Menschen
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Gunther von Hagens Körperwelten
Auch der Anatom, Hochschullehrer und Unternehmer
Gunther von Hagen beschäftigt sich mit Leichen. Seine von ihm
"Körperwelten" genannten Ausstellungen plastinierter Organe und
Leichen ziehen viele Zuschauer an. Von Hagen proklamiert zwar einen
Aufklärungsanspruch, doch scheiden sich bei ihm immer wieder die Geister
an der Redlichkeit, tatsächlich wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn
leisten zu wollen. Der Psychotherapeut Stephan Doering: "Bei der Arbeit
von Gunther von Hagen könnte man schon manchmal auf den Gedanken kommen,
dass es weniger darum geht, anatomisches Wissen zu vermitteln." Indem man
die plastinierten Leichenteile nicht nur zeige, sondern mittels der Plastinate
"Szenen" darstelle, wie etwa bei der letzten Schau 2009 in Berlin ein
kopulierendes Paar, stehe wohl mehr der Schau- und Showeffekt im Vordergrund.
"Erlebnis-Anatomie" nennt es Prof. Thomas Schnalke, Leiter des
Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité. |
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heute am Thema Tod ist im Zusammenhang mit der
zunehmenden Abgrenzung des Todes im normalen Leben zu sehen", sagt der
Berliner Psychologe Fredi Lang. Während Altern, Sterben und Tod im
familiären und sozialen Kontext über Generationen hinweg sehr direkt
erlebt werden konnten, wie etwa dadurch, dass die Toten früher
öffentlich auf der Straße aufgebahrt wurden, sei Derartiges heute
weit gehend aus dem eigenen Erleben verschwunden. Da der Tod als Phänomen
im Alltag kaum mehr vorkomme, sei sein Mit- und Nacherleben im Zusammenhang der
Mediennutzung als "eine Form der Erfahrungs- und Orientierungssuche"
zu sehen. Ganz zwangsläufig wird dadurch ein Kontrapunkt gesetzt zum
aktuellen Zeitgeist einer Anti-Aging-Gesellschaft, in der Jugend an sich schon
ein Wert ist, und in der auch das Altern nur allzu oft über die Scheinwelt
des Werbefernsehens als ein lustvoller Prozess aus Reisen, Happiness und Genuss
dargestellt wird.
Oberflächlich und abstrakt
Mittels TV-Krimi gerät der Tod selbst (wieder) ins Alltägliche, wenn
auch über den Umweg der Neugierde des Zuschauers an unnatürlichen
Todesarten. Lang: "Das Interesse am Thema Tod spiegelt den
gesellschaftlichen Umgang damit, in dem die abgespaltenen Erlebnis-Welten
teilweise wieder in die eigene Lebensaktivität zurückgeholt
werden." Doch Lang hegt eine gewisse Skepsis hinsichtlich der Tiefe der
persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Tod, es fehle die eigene
Betroffenheit im Erleben: "Die stärkere Zurschaustellung des Todes in
einer gekünstelten Medienwelt erscheint angesichts einer Gesellschaft, in
der Tod und Trauer im stillen Kämmerlein gezeigt werden, doch recht
oberflächlich und abstrakt."
zm 99, Nr. 21, 01.11.2009, Seite
36-44
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