Zahnbürste und Bakterien

Zahnbürsten und ihr mögliches Infektionsrisiko

Klaus H. Bößmann
16. November 2001 - Dass Zähneputzen in Verbindung mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta eine sehr effektive Maßnahme zur Vorbeugung von Zahnkaries und Gingivitis ist, ist heute allgemein akzeptierter Stand der Wissenschaft. Weltweit erfolgt das Entfernen bakterieller Plaque mechanisch mit Hilfe der Zahnbürste, die hierdurch unvermeidlich mit verschiedenen Bakterienarten oder auch Hefepilzen der Mundhöhle kontaminiert wird.

In der Medizin gilt das Prinzip, wenn immer möglich, nicht mit kontaminierten Gegenständen in Gewebekontakt oder gar Wundkontakt zu kommen, weil hierdurch Übertragungen von unerwünschten Keimen oder Infektionen verursacht werden können.

   
Zähneputzen ist immer eine feine Sache für die Kleinen ... Nicht selten heißt es: "ich putze bei dir" ...   ... mit meiner Zahnbürste. Dann stellt sich die Frage nach der Infektion durch Zahnbürsten.


Nun ist die Zahnbürste kein Medizinprodukt sondern ein Bedarfsgegenstand, für den die Kosmetikverordnung und übergeordnet das Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz zuständig sind. Insofern gelten hier sicherlich keine medizinisch-ethischen Grundsätze. Dennoch kann es hilfreich sein, wenn der Umgang mit der Zahnbürste durch zahnmedizinischen Sachverstand begleitet wird. Genaugenommen ist die Zahnbürste nämlich doch mehr als ein Bedarfsgegenstand, da sie zum Beispiel mit entzündetem Gewebe in Kontakt kommen kann und vor allem Träger zahlloser unterschiedlichster Mikroorganismen ist. Selbst eine Essgabel oder ein Löffel, die ebenfalls in die Mundhöhle eingebracht werden, haben durch regelmäßiges Abwaschen einen besseren Hygienestatus als eine Zahnbürste.

Es macht somit Sinn, die Zahnbürste unter diesen Aspekten näher zu betrachten.


Mikrobielle Kontamination der Zahnbürste
Wie schon eingangs erwähnt, ist eine mikrobielle Kontamination der zur Zahnreinigung verwendeten Zahnbürste nicht nur logisch sondern auch unvermeidbar. Dennoch haben sich eine Reihe von Autoren mit dem Keimnachweis an Zahnbürsten wissenschaftlich beschäftigt. Sie sind darüber hinaus der nicht unwichtigen Frage nachgegangen, ob diese Keime auch bis zum nächsten Einsatz der Zahnbürste überleben.

Noga et al. (1975) konnten aus 48,6 Prozent der von ihnen untersuchten Zahnbürsten Candida spec. anzüchten. Svanberg (1978) wies an gebrauchten Zahnbürsten Streptococcus mutans nach, der jedoch nur eine geringe Überlebensrate besaß, da die Ausgangsmenge nach 24 Stunden bei üblicher Aufbewahrung der Zahnbürste um 99 Prozent reduziert wurde.

Interessanterweise ließ sich Streptococcus mutans sogar an der Öffnung der Zahnpastatube nachweisen, allerdings nur bei Personen, die eine Strept. mutans-Konzentration > 106/ml Speichel aufwiesen.Glass und Lare (1986) wiesen an Zahnbürsten außer den üblichen Mundhöhlenkeimen pathogene und opportunistische Mikroorganismen nach, die nicht nur orale Erkrankungen verursachen können sondern auch in Verbindung mit speziellen Organinfektionen genannt werden. Hierzu muss allerdings betont werden, dass der Nachweis einer potenziell pathogenen Keimart noch lange nicht mit der Entstehung einer spezifischen Erkrankung verbunden sein muss.

An experimentell kontaminierten Zahnbürsten wurden Überlebensraten oraler Bakterienarten studiert. Bunetel et al. (2000) wiesen nach, dass Kulturen von Porphyromonas gingivalis, Streptococcus mutans und Candida albicans nach 24 Stunden auf 0,2 bis zwei Prozent ihrer Ausgangskeimzahl reduziert wurden, wobei der Zahnbürstentyp einen gewissen Einfluss auf die Überlebensrate besaß. Glass und Jensen (1988) fanden heraus, dass 50 Prozent der auf Zahnbürsten aufgebrachten Herpes simplex-Viren noch nach sieben Tagen in aktiver Form nachweisbar waren.

In eigenen unveröffentlichten Versuchen ließ sich belegen, dass Kulturen von Streptococcus mutans, auf handelsübliche Zahnbürsten aufgebracht, nach vier Stunden um drei Zehnerpotenzen, Candida albicans um etwa eine Zehnerpotenz reduziert waren. Staph. aureus erwies sich als wesentlich resistenter und konnte auch nach vier Stunden in derselben Konzentration nachgewiesen werden, mit der dieser Keim zuvor aufgebracht worden war.


Kreuzinfektion und individuelle Reinfektion
Obwohl die Zeit der familiären Gemeinschaftszahnbürste vorbei sein sollte, gibt es doch Schilderungen, dass auch noch heute mehrere Personen dieselbe Zahnbürste benutzen und somit die Keimübertragung im Sinne einer Kreuzkontamination und als Folge eine mögliche Kreuzinfektion nicht ausgeschlossen werden kann. Kofler et al. (1998) sind der Frage nachgegangen, ob HIV durch Zahnbürsten übertragen werden kann. Nach Analyse der hierzu vorliegenden Studien konnte nach Benutzung derselben Zahnbürste durch HIV-1-positive und HIV-negative Personen keine Serokonversion bei den HIV-negativen Personen nachgewiesen werden. Dasselbe Ergebnis wurde auch nach Mund-zu-Mund-Beatmung beschrieben. Die Frage einer möglichen Weitergabe von HIV über die Zahnbürste ist natürlich in Kindergärten hochaktuell, da hier die Kinder möglicherweise spielerisch ihre Zahnbürsten gegenseitig tauschen. Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass HIV auf diesem Wege übertragen werden kann. Grundsätzlich können Keime natürlich mit der Zahnbürste weitergegeben werden, genauso wie mit Spielzeug oder durch persönlichen Kontakt sowie in Form von Speichel- oder Tröpfcheninfektionen.

Ein wesentliches Augenmerk gilt der Frage, ob bei ausschließlich individuellem Gebrauch einer Zahnbürste eine Reinfektion möglich ist und gegebenenfalls eine Gefährdung besteht.

Ob die Ansicht von Lange (1975) und Noga et al. (1976), dass spezifische Gingivitiden durch Reinfektion mit Candida spec. unterhalten werden, heute noch Stand der Wissenschaft ist, sei dahingestellt. Eine amerikanische Arbeitsgruppe um den Oralpathologen R.T. Glass in Oklahoma hat häufig Befürchtungen hinsichtlich einer Reinfektion durch verkeimte Zahnbürsten artikuliert (Glass, 1993). Die bisherigen Nachweise sind jedoch nicht überzeugend. Entweder wurde in Tierversuchen mit Zahnbürsten, die mit Staph. aureus oder Bacteroides melaninogenicus kontaminiert waren, Entzündungen an der Gingiva provoziert (Glass et al. 1989) oder aus der Tatsache, dass bei 93 Prozent einer Patientengruppe mit oralen Entzündungen die Symptome zurückgingen, wenn sie nur ihre Zahnbürste gewechselt hatten, der Rückschluss gezogen, dass verkeimte Zahnbürsten diesen Effekt nicht erbracht hätten (Glass und Shapiro, 1993). Falk (1998) kam hingegen zu der Erkenntnis, dass durchgeführte oder ausgelassene Hygienemaßnahmen an Zahnbürsten keinen Einfluss auf die Therapie einer Streptokokken bedingten Pharyngotonsillitis bei 114 Patienten hatten.

Seit einiger Zeit mehren sich jene Stimmen, die orale mikrobielle Geschehnisse enger mit dem menschlichen Gesamtorganismus in Verbindung bringen. Hierbei stehen weniger die mit dem Kariesgeschehen assoziierten Erreger als vielmehr parodontalpathogene Keime im Vordergrund, insbesondere, wenn sie durch mechanische Insulte in die Blutbahn gelangen.

Über die Bedeutung von Reinfektionen mit Keimen, die mit respiratorischen, gastrointestinalen, kardiovaskulären oder renalen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, stehen kaum verlässliche Informationen zur Verfügung.


Konsequenzen für den Umgang mit Zahnbürsten
Übernimmt man die Empfehlungen deutscher Autoren (zum Beispiel Holzinger 1990, Gülzow 1995, Plagmann 1998, Welk 2000), dann sollen gesunde Personen beim Umgang mit ihren Zahnbürsten folgendes beachten:
  • Zahnbürste nach dem Putzen unter fließendem Wasser gründlich spülen
  • anhaftende Plaque, Zahnpasta und Speisereste entfernen
  • Wasser aus der Zahnbürste auf dem Waschbeckenrand ausschlagen
  • Aufbewahrung stehend mit dem Kopf nach oben oder waagerecht mit den Borsten nach oben
  • Zahnbürsten nach vier bis acht Wochen wechseln
Etwas anders sieht es bei erkrankten Personen aus, obwohl bislang in keiner Studie ein direkter Zusammenhang zwischen verkeimten Zahnbürsten und dem Auftreten oder der Therapieresistenz oraler Infektionskrankheiten nachgewiesen werden konnte.

Aus präventiver Sicht können die nachfolgend von Glass (1993) beschriebenen Maßnahmen dennoch nützlich sein:
  • Patienten mit schweren oralen oder systemischen Erkrankungen, die sich einer Krebstherapie unterziehen, einem kardialen Eingriff oder einer Organtransplantation, sollen je eine Zahnbürste alternierend morgens und abends benutzen.
  • Obige Patienten sollen ihre Zahnbürsten wöchentlich wechseln.
  • Zahnbürsten sollen außerdem erneuert werden
  • zu Beginn der Krankheit
  • wenn der Patient Besserung verspürt
  • und nach überstandener Erkrankung.

Dekontamination der Zahnbürste
Angesichts der Verkeimung der Zahnbürsten ist es naheliegend, an eine Dekontamination, zum Beispiel durch Desinfektionsmaßnahmen zu denken. Meier et al. (1996) beschreiben eine erfolgreiche Desinfektion experimentell mit Staph. epidermidis und Candida albicans verkeimter Zahnbürsten mit Hilfe von Cetylpyridiniumchlorid.

Sollte die Besorgnis der Eltern von Kindergartenkindern über eine mögliche Weitergabe von Krankheitserregern mit Hilfe vertauschter Zahnbürsten nicht anderweitig zerstreut werden, dann besteht die Möglichkeit der Reinigung und weitgehenden Keimbefreiung in der Spülmaschine bei niedrigen Temperaturen.

Die bereits Anfang der Neunzigerjahre verfolgte Idee einer amerikanischen Firma, eine "Self-Sanitizing-Toothbrush" zu entwickeln, war nicht sehr erfolgreich. Auf dem Markt ist jedoch ein Gerät, in dem Zahnbürsten mit Ethanol und Chlorhexidin desinfiziert werden sollen. Ob alle diese Maßnahmen wirklich notwendig sind, fragt sich angesichts der Erfahrungen, dass auch viele Bestandteile in Zahnpasten eine antimikrobielle Wirksamkeit besitzen. So konnte allen in Zahnpasten üblichen Tensiden eine Hemmung des Wachstums oraler Keime zugeordnet werden (Gerckens et al. 1992), ebenso der Kombination Natriumlaurylsulfat mit Natriummonofluorphosphat oder mit Natriumfluorid, die beste Hemmwirkung entfalteten Aminfluoride (Benthin et al. 1994). Allen Wirkstoffen überlegen scheint die Kombination von Amin- und Zinnfluorid zu sein (Saxer, 1991).

Die beschriebenen antimikrobiellen Wirkungen einiger Zahnpastabestandteile, insbesondere der Fluoride, begrenzen sich naturgemäß auf Bakterien und Pilze. Auf Viren haben allenfalls Tenside einen - wenn auch begrenzten - Einfluss. Die in der Tages- und Laienpresse häufig sehr aufreißerisch präsentierten Gefahren aus der Zahnbürste sollten doch sehr relativiert werden. Für gesunde Personen gilt, dass das, was sie schon im Munde hatten, in einer verschwindend geringen Menge mit der kontaminierten Zahnbürste zurückgegeben wird. Dies erfolgt zudem üblicherweise zu einem Zeitpunkt, zu dem die orale Mikroflora sich auch quantitativ vom vorhergegangenen Zahnbürstenszenario wieder erholt hat. In dieser Mikrobenmasse geht die Keimmenge der Zahnbürste nahezu unter. Für kranke Personen kann eine der oben beschriebenen Vorsorgemaßnahmen indiziert sein, auch wenn ein Auslassen bislang noch nicht zu nachgewiesenen Gesundheitsproblemen geführt hat.

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Klaus H. Bößmann
Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Arnold-Heller-Str. 16
24105 Kiel

Literaturhinweis

zm 22/2001, Seite 52