Fortbildungsteil
2/2006![]() Verdachtsdiagnose Materialunverträglichkeit |
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16.
November 2006
Von Patienten werden Allergien gegen zahnärztliche Werkstoffe insbesondere dann vermutet, wenn es in zeitlichem Zusammenhang mit einer zahnärztlichen Versorgung zu anhaltenden Problemen an der Mundschleimhaut kommt. Symptome, wie Mundschleimhautbrennen, Schmerzen, Entzündungen der Schleimhaut, Aphthen aber auch Metallgeschmack und Missempfindungen, werden auf allergische Reaktionen zurückgeführt. Andererseits führen Patienten auch andere Erkrankungen und Gesundheitsstörungen, insbesondere wenn keine Erklärung für die Symptome gefunden werden kann,
Umfassende epidemiologische Studien zur tatsächlichen Häufigkeit von Kontaktallergien und insbesondere der Häufigkeit von Kontaktallergien gegen zahnärztliche Werkstoffe liegen nicht vor. Es wird geschätzt, dass 15 bis 20 Prozent der gesamten Bevölkerung gegen zumindest ein Kontaktallergen sensibilisiert sind. Etwa 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung leiden zumindest ein Mal pro Jahr unter einem allergischen Kontaktekzem. Allergische Reaktionen Allergien basieren definitionsgemäß auf immunologischen Mechanismen. Prinzipiell werden zumindest vier unterschiedliche Allergie Typen unterschieden, die in der Tabelle dargestellt sind.
Für die Unverträglichkeit von zahnärztlichen Werkstoffen ist die Typ-4-Allergie (Kontaktallergie) als zellvermittelte Reaktion von besonderer Bedeutung. Klassische Krankheiten dieser zellulären Immunreaktion sind das allergische Kontaktekzem, die Tuberkulinreaktion und auch Transplantatabstoßungsreaktionen. Symptome treten typischerweise 24 bis 48 Stunden nach Allergenkontakt auf. Typ-4-Reaktionen richten sich in der Regel gegen Haptene, die sich an körpereigene Proteine binden. Nach heutigem Wissensstand spielt für den Sensibilisierungsprozess der Allergenkontakt mit der Haut eine entscheidende Rolle.
In Tierversuchen kann gezeigt werden, dass eine Sensibilisierung durch Allergenkontakt mit der Schleimhaut prinzipiell möglich ist. Allerdings werden Allergene durch den Speichel relativ rasch abtransportiert, und im Vergleich zur Haut ist die Anzahl der für die Sensibilisierung notwendigen Langerhans-Zellen in der Mundschleimhaut niedriger. Auf der anderen Seite kann im Tierversuch durch Haptenexposition Toleranz erzeugt werden. In Analogie dazu konnte in klinischen Studien gezeigt werden, dass eine Zahnregulierung in der Kindheit das Risiko für eine Nickelallergie zu vermindern scheint. Biologisch wäre das Überwiegen einer Toleranzentwicklung durch mukosen Allergenkontakt durchaus sinnvoll, da gerade über die Mundschleimhaut verschiedenste Allergene (Nahrungsmittel) mit dem Organismus in engen Kontakt treten und bei Auslösung von Sensibilisierungen auf diese Substanzen mit einer Vielzahl für den Organismus schädlicher Sensibilisierungen zu rechnen wäre. Ist eine Sensibilisierung bereits erfolgt, kann der Allergenkontakt mit der Mundschleimhaut aber durchaus zu einer Entzündungsreaktionen führen. Damit spielen Sensibilisierungen gegenüber denjenigen zahnärztlichen Werkstoffen eine besondere Rolle, die auch in anderen Materialien vorkommen, mit denen der tägliche Umgang häufig ist. Klinisches Bild der Kontaktallergie Zu einem Kontaktekzem an der Haut kommt es etwa 24 bis 48 Stunden nach Allergenkontakt. Im Bereich der exponierten Haut finden sich je nach Stadium und Ausprägung Rötung,
Das klinische Bild einer Kontaktallergie an der Mundschleimhaut ist weniger gut definiert. Eine Kontaktallergie gegen zahnärztliche Werkstoffe sollte bei Schleimhautentzündungen in räumlicher Nähe zu zahnärztlichen Werkstoffen in die Differentialdiagnosen einbezogen werden. Ebenso, wenn persistierende Beschwerden in zeitlichem Zusammenhang mit einer zahnärztlichen Behandlung auftreten. Lichenoide Schleimhautreaktionen als Folge von Kontaktsensibilisierungen, insbesondere gegen Amalgam, wurden in der Literatur beschrieben. Burning-Mouth-Syndrom und periorales Ekzem mögen in Einzelfällen ebenfalls auf Sensibilisierungen zurückzuführen sein, gelten aber nicht als typisch für Kontaktallergien gegen zahnärztliche Werkstoffe. Ein Zusammenhang zwischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Darmentzündungen im Sinne des Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa, Depressionen, Konzentrationsstörungen, kardiovaskulären Erkrankungen und mehr und vermeintlichen Werkstoffallergien wird verschiedentlich von Patienten angenommen, kann aber aufgrund der wissenschaftlichen Literatur keinesfalls belegt werden. In einer umfangreichen Untersuchung der Zahnklinik der Universität Bergen wurden im Zeitraum1993 bis 1997 insgesamt 296 Patienten wegen des Verdachts auf eine Unverträglichkeit gegenüber zahnärztlichen Werkstoffen untersucht. Nur ein geringer Teil der Patienten litt unter Beschwerden, die sich an der Mundschleimhaut oder im Gesicht beziehungsweise an den Lippen manifestiert hatten. Der überwiegende Teil der Patienten klagte über unspezifische Beschwerden, wie Muskelschmerzen Unwohlsein, Schwindel und Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Depressionen, visuelle Störungen, Magenprobleme und mehr. Ursächliche Kontaktallergen ließen sich nur bei wenigen Patienten belegen. Wichtige Allergene und deren Vorkommen Metalle: Nickel ist aufgrund des weit verbreiteten Gebrauchs in Metalllegierungen eines der wichtigsten Kontaktallergene. Im zahnärztlichen Bereich kann Nickel in Drähten von Zahnspangen zu Problemen führen, wobei Kontaktsensibilisierungen bei Kindern und
Nickelallergiker reagieren häufig gleichzeitig auf Palladium. Palladium ist in unterschiedlichen Konzentrationen in Legierungen enthalten, aus denen Kronen und Inlays gefertigt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Kontaktsensibilisierung auf Palladium bei Patienten mit entsprechenden Metallen im Mund nachgewiesen werden kann, ist hoch. Die Beurteilung der klinischen Relevanz einer Palladiumsensibilisierung ist nicht einfach. Gerechnet werden muss bei hoch sensiblen Patienten gegebenenfalls mit entzündlichen Veränderungen im Kontaktbereich des Metalls mit der Mundschleimhaut. Positive Reaktionen auf Gold werden in Hauttests relativ häufig beobachtet. Getestet werden Goldsalze (Natriumthiosulfatoaurat und Kaliumdicyanoaurat), die auch irritative Reaktionen hervorrufen können. Die exakte Unterscheidung zu allergischen Reaktionen kann im Einzelfall sehr schwierig sein. Der Epikutantest mit Goldlegierungen fällt meist negativ aus, wobei zu berücksichtigen ist, dass aus Goldlegierungen kaum Goldionen freigesetzt werden. Die klinische Relevanz einer positiven Reaktion auf Gold ist ebenfalls extrem schwer zu bestimmen. Geachtet werden muss - wie bei Palladium - auf entzündliche Mundschleimhautveränderungen im Bereich von Kontaktstellen. Sensibilisierungen gegen Quecksilber sind wegen Verwendung von Quecksilberverbindungen, wie in Impflösungen und Augentropfen, ebenfalls nicht selten. Quecksilbersensibilisierte Patienten können in seltenen Fällen allergische Reaktionen auf Amalgamfüllungen zeigen. Andere Legierungsbestandteile, wie Kupfer und Zinn, sind nur in Einzelfallberichten für Reaktionen auf Amalgam verantwortlich gemacht worden. Kunststoffe: Acrylate sind wichtige Werkstoffe zur Herstellung von Prothesen. Der Monomergehalt in Prothesenkunststoffen kann deutlich variieren, reicht aber in der Regel für die Sensibilisierung gegen Acrylate nicht aus. Allergische Reaktionen auf Prothesenkunststoffe finden sich daher in der Regel bei Patienten, die sich früher durch beruflichen Kontakt mit Acrylaten oder durch Umgang mit beispielsweise Sekundenklebern im privaten Bereich sensibilisiert haben. Als Markersubstanz kann die Sensibilisierung gegen Methylmetacrylat (MMA) angesehen werden, Kreuzreaktionen zu anderen Acrylaten finden sich aber häufig. Im Einzelfall kann zunächst versucht werden, den Monomergehalt in Prothesen durch Nachbearbeitung der Werkstoffe zu vermindern. Gegebenenfalls muss auf Acrylate komplett verzichtet werden. Benzoylperoxid kann als Härter verwendet werden, findet sich aber nicht in ausgehärteten Kunststoffen. Sensibilisierungen können beispielsweise aus der Behandlung mit
Nachweis einer Kontaktsensibilisierung Der Diagnostik einer Typ-4-Sensibilisierung dient der Epikutantest, bei dem definierte Allergene für 24 oder 48 Stunden auf der Haut mittels Testkammern appliziert werden. Der Testort ist der Rücken. Ablesungen der Testergebnisse erfolgen nach zumindest 24, 48, und 72 Stunden. Ablesekriterien und Beurteilung der Testresultate sind definiert und erfordern klinische Erfahrung. Neben definierten Testallergenen können auch mitgebrachte Materialproben (Metallplättchen, Plättchen aus ausgehärteten Kunststoffen) in den Test einbezogen werden. Expositionstests an der Mundschleimhaut können in Einzelfällen durchgeführt werden, sind insgesamt aber relativ schwer zu bewerten und aufwendig in der Durchführung. Zelluläre Tests im Sinne von Lymphozytentransformationstests können derzeit für die Diagnostik nicht empfohlen werden. Klinische Relevanz einer Sensibilisierung Der Nachweis einer Kontaktsensibilisierung bedeutet noch nicht, dass das Allergen für geschilderte Krankheitsbeschwerden verantwortlich sein muss. Die klinische Relevanz einer Sensibilisierung muss zunächst an Hand anamnestischer Angaben und des klinischen Befundes kritisch geprüft werden. Unter Umständen kann zur Überprüfung der Relevanz einer Sensibilisierung gegenüber einem zahnärztlichen Werkstoff eine Lutschprobe in Analogie zu einem ROAT (Repeated Open Application Test) hilfreich sein. Dabei wird eine Bonbon-artig geformte Materialprobe für mehrere Tage mit der Wangenschleimhaut möglichst über mehrere Stunden pro Tag in Kontakt gebracht. Beurteilt wird die klinische Reaktion im Kontaktbereich. Fazit Kontaktallergien gegen zahnärztliche Werkstoffe werden von Patienten häufig für verschiedenste Beschwerden verantwortlich gemacht. Tatsächlich sind entsprechende Allergien aber nur für einzelne Patienten von klinischer Bedeutung. Eine exakte Anamnese und die klinische Untersuchung in Verbindung mit allergologischen Testverfahren sind in der Diagnostik unabdingbar. Eine prädiktive beziehungsweise prophetische Testung bei Patienten ohne Hinweise auf Kontaktsensibilisierungen vor einer zahnärztlichen Versorgung ist aus allergologischer Sicht abzulehnen. Nachgewiesene Kontaktallergien müssen bei zahnärztlicher Versorgung aus medizinischen aber auch juristischen Gründen allerdings strikt beachtet werden. Priv.-Doz. Dr. med. R. Brehler Zentrum für Dermatologie Westfälische Wilhelms Universität Münster Von-Esmarch-Straße 58 48149 Münster r.brehler@uni-muenster.de Literaturverzeichnis
zm 96, Nr. 22, 16.11.2006, Seite 78-80 |
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