Fortbildungsteil
2/2006![]() Balintgruppenarbeit |
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16.
November 2006
Täglich tauchen in der zahnärztlichen Praxis Probleme auf, die allein mit zahnmedizinischen Mitteln nicht zu lösen sind: eine Patientin schildert Beschwerden, die organisch nicht zu erklären und daher zahnmedizinisch nicht zu behandeln sind, mit einem anderen Patienten kommt es zu unangenehmen Auseinandersetzungen über den Preis des neuen Zahnersatzes und ein dritter erscheint wiederholt nicht zum vereinbarten Termin in der Praxis. Alle diese Probleme betreffen die Beziehungsebene
Problemlösung im Gruppengespräch Der ungarische Arzt Michael Balint (1896 -1970) war ein Schüler Freuds und hat sich als erster intensiv damit beschäftigt, wie psychotherapeutisches Denken und Handeln sinnvoll in die tägliche ärztliche Praxis integriert werden können. Er entwickelte Mitte des letzten Jahrhunderts die heute sogenannten Balintgruppen, die er erstmals in seinem Buch "Der Arzt, sein Patient und die Krankheit" beschrieb, das 1957 in englischer und 1962 in deutscher Sprache erschien. Eine Balintgruppe besteht aus acht bis zwölf (Zahn-)Ärzten und einem Balintgruppenleiter, der Psychotherapeut ist und über entsprechende Erfahrung in der Balintgruppen-Arbeit verfügt. Üblicherweise werden Balintgruppen fortlaufend mit ein oder zwei Doppelstunden à 90 Minuten in 14-tägigem oder monatlichem Rhythmus angeboten, es gibt aber auch einmalige oder in größeren Abständen wiederholte Blockveranstaltungen. Die Balintgruppenarbeit läuft nach einem Grundschema ab, wobei zunächst einer der Gruppenteilnehmer von einem Patienten berichtet, den er als "schwierig" erlebt und mit dem sich auf der Beziehungsebene Probleme abzeichnen oder bereits bestehen. Dieser Schilderung hören die anderen Gruppenmitglieder erst einmal nur zu, bevor sie Sachfragen nach fehlenden Informationen stellen. In dieser Fragerunde wird noch nicht die Beziehungsebene analysiert, dies geschieht erst im nächsten Abschnitt: Nach Klärung der Sachfragen wird der vorstellende Arzt "aus der Runde entlassen", er darf sich auf seinem Stuhl zurücklehnen und dem Gespräch der anderen Gruppenmitglieder zuhören, ohne dass er direkt angesprochen wird oder sich in das Gespräch einschalten soll. Die anderen Teilnehmer berichten nun frei ihre Einfälle, Assoziationen, Empfindungen und Überlegungen zum gehörten Bericht. Dabei geht es noch nicht um Lösungsvorschläge, sondern um das vertiefte Verstehen des Beziehungsgeschehens. In dieser Phase der Balintgruppenarbeit geschieht regelmäßig etwas Faszinierendes: Während der vorstellende Arzt dazu neigt, sich wie sein Patient zu verhalten und zu fühlen, erleben sich die anderen Gruppenmitglieder in einer Art Identifikation mit dem Arzt. Balint nannte dies den "parallelen Prozess": Die Arzt-Patient-Beziehung bildet sich in der Balintgruppe mit "vertauschten Rollen" ab. Die Kunst des Balintgruppenleiters, in der er von den erfahreneren
Balintarbeit berührt immer auch die Persönlichkeit des Arztes, der von seiner Beziehung zum Patienten - und damit auch von sich selbst - berichtet. Ein gewisses Maß des Sich-öffnens in der Gruppe ist eine Voraussetzung für die gelingende Arbeit, allerdings besteht eine klar gezogene Grenze zur Selbsterfahrung beziehungsweise Psychotherapie: die Persönlichkeit des vorstellenden Arztes ist nur im unmittelbaren Hinblick auf die geschilderte Arzt-Patient-Beziehung von Interesse, darüber hinausgehende Probleme oder Konflikte sind nicht das Thema in der Balintgruppe. Für diesen Schutz der Teilnehmer sorgt - wenn nötig - der Balintgruppenleiter. Ausbildung ist Voraussetzung Die Balintgruppenarbeit stellt gut 50 Jahre nach ihrer Einführung ein "weltweites Erfolgsmodell" dar. In vielen Ländern gibt es Balint-Gesellschaften, die in einer Internationalen Balint-Gesellschaft (IBF) zusammengefasst sind. Weitere Informationen finden sich auf der Website der Deutschen Balint-Gesellschaft e.V. (DBG): www.balintgesellschaft.de. In Deutschland ist die Teilnahme an einer Balintgruppe Voraussetzung für die Aufnahme in die psychosomatische Grundversorgung und zur Erlangung der Zusatzbezeichnung "Psychotherapie - fachgebunden". Flächendeckend werden Balintgruppen angeboten und von Ärzten - mehr und mehr aber auch von Angehörigen anderer Berufsgruppen - genutzt. Auch das Curriculum "Psychosomatische Grundkompetenz" der Akademie Praxis und Wissenschaft (APW) der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) enthält eine Balintgruppenarbeit. Leider ist es Zahnärzten in Deutschland bislang nicht gestattet, Leistungen im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung oder psychotherapeutische Leistungen zu erbringen und mit der Kassenzahnärztlichen
Wer sich für die Teilnahme an einer Balintgruppe interessiert, wird auf ein breites Angebot treffen. Bei der Auswahl der "richtigen Gruppe" wird es natürlich zu Recht erst einmal um Sympathie sowie um zeitliche und örtliche Parameter gehen; es sei aber darauf hingewiesen, dass die Ärztekammern Weiterbildungsbefugnisse an erfahrene Balintgruppenleiter erteilen. Die Wahl eines Weiterbildungsbefugten Balintgruppenleiters garantiert zum einen dessen fachliche Qualifikation, zum anderen stellt sie sicher, dass die Gruppe in dem Fall, dass die psychosomatische Grundversorgung einmal auch für Zahnärzte geöffnet werden sollte, als Weiterbildungsbestandteil anerkannt wird. Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Doering Bereich Psychosomatik in der Zahnheilkunde Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik Universitätsklinikum Münster Waldeyerstraße 30 48149 Münster stephan.doering@ukmuenster.de Literatur: Balint, M.: Der Arzt, sein Patient und die Krankheit. Stuttgart: Klett-Cotta, 1962.
zm 96, Nr. 22, 16.11.2006, Seite 82-83 |
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