Medizinhistorisches Museum der Charité

Goldgefüllt und perlengleich - 300 Jahre Zahnmedizin in Berlin

16. November 2009 - Vor 180 Jahren wurde die Zahnheilkunde in Berlin mit der Einrichtung eines Studiums in akademische Bahnen
Werbetafel für Biox-Zahnpasta – das Motiv dient gleichzeitig als Aufmacher für das Ausstellungsplakat.
gelenkt. Vor 125 Jahren wurde das Zahnärztliche Universitätsinstitut eröffnet und vor 90 Jahren wurde in Berlin der erste Zahnarzt promoviert: Anlass genug für das Medizinhistorische Museum der Charité, die Ausstellung "Goldgefüllt und perlengleich: 300 Jahre Zahnheilkunde in Berlin" zu zeigen.


Ein martialisches Gemälde empfängt den Besucher: Eine Reproduktion zeigt Theodor Rombouts "Zahnreißer" bei der Arbeit. Einige Schaulustige sehen der Operation schaudernd zu. Im Vordergrund liegen Instrumente, die die Schau in natura präsentiert: eine Mundsperre etwa, die zum Offenhalten im 18. Jahrhundert benutzt wurde, wenn Zähne auszubrennen waren.

Jene Zahnreißer waren Handwerker. Berühmt war Johann Andreas Eisenbarth (1663 bis 1727), der auch Blasensteine, Brüche und Grauen Star operieren konnte und mit Musikern und Schauspielern über Land fuhr. Der Staat reglementierte die Ausbildung solcher medizinischen Tausendsassas zunehmend, Zahnärzte in spe hatten sich vor einer gewählten Medizinerkommission einer Prüfung zu unterziehen. Von 1725 an bestimmte ein Medizinaledikt, ein Privileg des preußischen Königs, wer eine Barbierstube eröffnen durfte.


Auf Distanz zum fahrenden Volk
So distanzierten sich die ersten regelrechten "Zahn-Aerzte" im 18. Jahrhundert
Detail des Gemäldes „Der Zahnreißer“ von Theodor Rombouts, 17. Jahrhundert, Museum für Schöne Künste, Gent
vom fahrenden Volk. Zu ihnen zählte Philipp Pfaff (1713 bis 1766), preußischer Hofzahnarzt Friedrichs des Großen. Pfaff legte 1756 die "Abhandlung von den Zähnen" vor, sie gilt heute als Fundament der wissenschaftlichen zahnmedizinischen Literatur. Pfaff beschrieb erstmals eine Überkappung vitalen Zahnmarks mit Gold.

Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert aus Anatomie, Entwicklungslehre und Mikrobiologie beeinflussten die Zahnmedizin erheblich und wurden Teil des Faches. Von großer Bedeutung war die Anästhesie. Allmählich erhielt die Zahnheilkunde ihren Platz im Kanon der medizinischen Universitätsfächer: Am 20. Oktober 1884 wurde das Zahnärztliche Universitätsinstitut zu Berlin eröffnet.

Die Exponate der Schau reichen von frühem Zahnersatz, gefunden an einem Schädel aus dem 18. Jahrhundert in Berlin, bis zur hypermodernen Praxiseinrichtung. Die damaligen Ersatzzähne waren aus Nilpferdhauern, Aluminium oder - etwas eleganter - Bernstein. Eindrucksvolle Instrumente wie Stoßeisen lassen qualvolle Behandlungen ahnen. Erst in den 1840er-Jahren entwickelte der Engländer John Tomes Zangen, die den anatomischen Verhältnissen angepasst waren.

Damals gab es an die vierzig Zahnärzte in Berlin für etwa 420 000 Einwohner. Ein Stadtplan zeigt, dass sich drei Viertel von ihnen in der Friedrichstadt niedergelassen hatten, also in der Gegend zwischen Leipziger Platz und der Fischerinsel. Die ärmere Bevölkerung im Norden und Osten musste mit ganzen zehn Zahnärzten auskommen. Zahnmedizin war lange eine reine Männerdomäne, von 1908 an durften Frauen in Preußen in der Universität immerhin hospitieren.


Zahnmedizinische Versorgung im Krieg
Auf die zahnmedizinische Arbeitswelt im 20. Jahrhundert konzentriert sich der zweite Raum der Ausstellung: Ein Zelt mit einem Feldstuhl zeigt, wie die Versorgung der Soldaten im Ersten Weltkrieg stattfand. Wachsmodelle und Fotos dokumentieren die schrecklichen Verletzungen durch Granatsplitter. Sie konnten auf dem Schlachtfeld jedoch nur provisorisch versorgt werden, die eigentliche Behandlung begann erst Monate später im Reservelazarett. Eine Fotodokumentation zeigt, wie etliche Operationen ein zerstörtes Gesicht wieder einigermaßen herstellen konnten.

Die Universitätszahnklinik in der Dorotheenstraße


Behandlungsszene in der Konservierenden Abteilung der Universitätszahnklinik Berlin, 1907 Feldstuhl und Truppenbesteck aus dem Ersten Weltkrieg, Exponat aus dem Dentalhistorischen Museum Zschadraß
 
Tafel mit Abbildungen von Goldfüllungen um 1900, aus: G. Preiswerk, Konservierende Zahnheilkunde, 1922 Behandlungsstuhl mit Fußtrittbohrmaschine von 1910, Dentalhistorisches Museum Zschadraß

Ausstellung
Die Schau „Goldgefüllt und perlengleich“ läuft bis zum 28. Februar 2010 im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, Charitéplatz 1, Berlin-Mitte.
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 – 17 Uhr,
Mittwoch und Samstag bis 19 Uhr.
Weitere Infos unter www.bmm.charite.de


Behandlungsstühle aus 130 Jahren demonstrieren den Fortschritt von der gusseisernen Fußtrittbohrmaschine aus dem 19. Jahrhundert bis hin zur futuristisch anmutenden Liege mit Massagefunktion und fast unsichtbarer Bohreinheit unserer Tage.

Judith Meisner
Südwestkorso 76
12161 Berlin
JudithMeisner@web.de



zm 99, Nr. 22, 16.11.2009, Seite 108-111