16. November 2009

 

European Health Forum Gastein

Das European Health Forum Gastein ist die wichtigste gesundheitspolitische Fachveranstaltung der Europäischen Union. Führende Experten aus Industrie, Wissenschaft sowie Patientenorganisationen und NGOs sowie zahlreiche prominente Gesundheitspolitiker präsentieren hier neue Konzepte und nutzen das EHFG als Plattform für den Erfahrungs- und Meinungsaustausch auf internationaler Ebene. Ein Charakteristikum des Europäischen Gesundheitsforums ist sein breites Themenspektrum. Hier einige Highlights des diesjährigen Kongresses vom 30. September bis 3. Oktober 2009. zm

Strategie gegen Antibiotikaresistenzen

Zielgerichtete Impfungen

Ein vernünftiger Einsatz von Antibiotika kombiniert mit zielgerichteten Impfungen könnte dazu beitragen, das Ausmaß von Antibiotikaresistenzen zu verringern. Studien zeigen, dass diese Strategie besonders bei Kindern sinnvoll ist, um der Pneumokokken-Meningitis oder durch Pneumokokken verursachten Mittelohrentzündungen vorzubeugen.
Hanna Nohynek von der Universität von Tampere in Finnland erklärte auf dem Europäischen Gesundheitsforum, dass es möglich ist, Synergien zu schaffen zwischen nationalen Programmen zur Kontrolle eines unnötigen Antibiotikaverbrauchs und Programmen mit einem Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff. Dadurch ließen sich die Resistenzen mindestens um das Zweifache senken - selbst bei jenen Bakterien, die üblicherweise weit verbreitete Infektionen bei Kindern und Erwachsenen auslösen.
"Ausgehend von der Wirksamkeit kunjugierter Pneumokokken-Impfungen ist es notwendig, den Zugang zu Präventivmedizin - dazu gehören Impfungen - für alle Europäer zu verbessern", empfahl Paolo Bonanni von der Universität von Florenz. Philippe Beutels von der Universität von Antwerpen in Belgien verwies zudem auf die Kosteneffektivität der Pneumokokken-Impfung.
Pneumokokken-Erkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren sind laut Weltgesundheitsorganisation weltweit die Hauptursache für Todesfälle, die durch Impfungen vermeidbar wären. Schätzungen zufolge sterben an Pneumokokken-Erkrankungen jedes Jahr weltweit bis zu einer Million Kinder.
Pneumokokken-Infektionen werden durch das Bakterium Streptococcus pneumoniae verursacht. Eine Ansteckungsgefahr besteht sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Die Bakterien besiedeln die Schleimhäute des Nasen- und Rachenraumes. Die Infektion verläuft üblicherweise symptomlos, erst bei geschwächter Immunabwehr kann die Krankheit ausbrechen. Pneumokokken-Erkrankungen können zu Sepsis oder Meningitis (Hirnhautentzündung) führen, zu Lungenentzündung oder akuter Mittelohrentzündung.
Derzeit stehen konjugierte und unkonjugierte Impfstoffe zur Verfügung, wobei die konjugierten Kindern bis zum vollendeten fünften Lebensjahr verabreicht werden können, die unkonjugierten ab dem vollendeten zweiten Lebensjahr. pr/ps

Krankenhäuser

Klassische Bettenburgen sind passé

Krankenhäuser, die als "Bettenburgen" angelegt sind, sind nach Ansicht von Wirtschaftsfachleuten ein Auslaufmodell. Die Kapazitätsplanung von Krankenhäusern müsse sich künftig an den Behandlungsabläufen und nicht an der Zahl der Betten orientieren, fordern die Autoren einer internationalen Studie "Investitionen in das Krankenhaus der Zukunft".
"Die Bevölkerung altert, es gibt immer weniger akute und dafür immer mehr komplexe Krankheitsbilder. Und auch die Behandlungsmethoden ändern sich fortlaufend", so Martin McKee, Professor für European Public Health an der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin. Auf diese Veränderungen müssten Krankenhäuser in der Zukunft verstärkt eingehen, um langfristig effizienter wirtschaften zu können.
Im Mittelpunkt der Planung müssten Fragen stehen wie "Wie viele Operationen sind durchzuführen?" oder "Wie viele Arzt-Patienten-Kontakte sind notwendig?". Die Orientierung an diesen Kennzahlen sei zwar zweifellos komplizierter, führe aber beim laufenden Betrieb zu einer höheren Effizienz.
Angesichts hoher laufender Kosten sei es zudem in Einzelfällen sinnvoll, bestehende Einrichtungen abzureißen, um dort, wo es aus Versorgungsgründen - und nicht aus politischen Erwägungen - erforderlich ist, neue, moderne Häuser zu errichten. Flexibilität sei dabei das wichtigste Erfordernis, erklärte Steve Wright, einer der Verfasser und Vorstandsmitglied des European Center for Health Assets and Architecture. Das bedeute: Gebäudestrukturen mit kurzen Wegen für das Personal, verbesserte Möglichkeiten zur Teamarbeit und zur Umgestaltung von Behandlungszimmern und Operationssälen.
Kosten lassen sich nach Meinung von Bernd Rechel vom European Observatory on Health Systems and Policies in London auch durch eine größere Anzahl von Einzelzimmern sparen, da dies zu einer verbesserten Infektionskontrolle und zur Vermeidung von Medikamentenfehlern beitrage. pr/ps

Krebsforschung

Ganzheitlicher Ansatz gefordert

Experten fordern ein Umdenken bei der Finanzierung von Forschungsmodellen in der Krebsmedizin. So werden nach Meinung der Autoren einer Studie zur Rolle der Finanzierung und Politik bei der Entwicklung von Krebsmedikamenten öffentlich-private Partnerschaften in der internationalen Krebsforschung noch zu wenig genutzt.
"Obwohl Europa die Forschungsmittel seit 2004 beträchtlich erhöht hat, ist die Struktur der Finanzierung immer noch unbefriedigend. In einigen Bereichen kommt es zu Doppelgleisigkeiten, andere werden hingegen vernachlässigt", kritisierte Panos Kanavos, Professor für internationale Gesundheitspolitik am Sozialpolitischen Institut der London School of Economics. Innovative Finanzierungsmodelle seien indessen erforderlich, um den zu erwartenden Anstieg an Krebserkrankungen in Europa bewältigen zu können, so das Ergebnis der Studie. Im Jahr 2020 werden Schätzungen zufolge 15 Millionen Europäer an Krebs erkrankt sein.
Die Autoren der Untersuchung fordern ferner ein Umdenken bei Regulations-, Preis- und Rückerstattungssystemen, um Anreize für die Krebsforschung zu setzen. pr/ps

Neue EU-Staaten

Männer leben am ungesündesten

Die gesundheitlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind in den zehn neuen EU-Staaten deutlich größer als in den alten EU-Staaten. Zwar sind in allen Ländern die Frauen im Durchschnitt gesünder und leben länger als die Männer, doch das Ausmaß des Unterschiedes variiert dabei beträchtlich.
Warum im Hinblick darauf die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in den neuen EU-Staaten besonders groß sind, könne derzeit nicht abschließend beantwortet werden, sagte Carol Jagger, Professorin für Epidemiologie und Direktorin der Leicester Nuffield Research Unit an der University of Leicester auf dem Europäischen Gesundheitsforum in Bad Hofgastein. Als möglicher Grund gilt der gesundheitsgefährdende Lebensstil der Männer: stärkerer Alkohol- und Nikotinkonsum sowie mehr Verkehrsunfälle im Vergleich zu Frauen.
Eine EU-weite Studie "European Health Life Expectancy Information System" soll genauere Antworten zu den Gründe für die signifikanten Unterschiede erforschen. Die Studie soll bis Ende Juni 2010 fertiggestellt sein. pr/ps

Wirtschaftskrise

Bremse für die Innovationskraft der Pharmaindustrie

Die Finanzierungsprobleme der Biotechnologiebranche könnten die gesamte Pharmaindustrie in Mitleidenschaft ziehen. Hierauf wiesen Fachleute auf dem Europäischen Gesundheitsforum in Bad Gastein hin.
Die vorwiegend mittelständischen Biotechnologieunternehmen würden besonders unter der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise leiden, so Viola Bronsema, Geschäftsführerin des Branchenverbands BIO Deutschland. Dies könnte sich auch negativ auf die Forschungsaktivitäten und die Innovationskraft der Pharmabranche auswirken, da zahlreiche Konzerne dazu übergegangen seien, ihre Forschungsaktivitäten in kleinere Biotech-Unternehmen auszulagern. Durch veränderte Finanzierungsmöglichkeiten und den Trend zur personalisierten Medizin erhofft sich Bronsema dennoch positive Impulse für die Biotechbranche. pr/ps

Integrierte Versorgung

Oft überschätzt

DEine reine Vernetzung von Anbietern von Gesundheitsleistungen führt nach Ansicht von Fachleuten aus dem Gesundheitswesen kaum zu Verbesserungen in der gesundheitlichen Versorgung. "Damit integrierte Versorgung zu Leistungssteigerungen führt und Effizienzgewinne bringt, müssen aus konventionellen Anbietern echte ,Integrationsversorger' werden", sagte Hans-Dieter Nolting, Geschäftsführer des Berliner Forschungsinstituts IGES, in Bad Gastein. Dazu gehöre, den beteiligten Ärzten Budgetverantwortung zu übertragen. Auch müsse das medizinische Fachpersonal in alle Entscheidungsprozesse eingebunden sein. So sollten Ärzte nicht nur Behandlungspfade festlegen dürfen, sondern auch über die Strukturen der integrierten Versorgung entscheiden dürfen. Wichtig sei es ferner, Transparenz über die Qualität der Leistungen und die Preise herzustellen. pr/ps


zm 99, Nr. 22, 16.11.2009, Seite 104-106