Alkohol am ArbeitsplatzGefangen in der SuchtMario Lips |
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16.
November 2009 - Die erste Mutprobe, der feuchtfröhliche Abend in
der Studentenkneipe, das gesellige Trinken bei einem Essgelage oder auf einer
Party und schließlich der allabendliche
"Entspannungs-Absacker". Diese Trinkerkarriere hat nicht selten
Folgen. Hier Zahlen, Daten, Fakten und mehr ...
Traumjob mit Tücken Eigentlich ist der Zahnarztberuf ein Traumjob: Menschen helfen, freier Unternehmer sein und in der Chefrolle eines selbst gewählten
Kaum jemand denkt dabei an die Gefahren, gegen die auch Mediziner und Zahnärzte nicht gefeit sind: Alkoholismus ist ein schleichender Prozess, fast unbemerkt übernimmt der Alkohol die Kontrolle über die Betroffenen. Alkohol als "soziales Schmiermittel" Gesellschaftlich ist der Alkoholkonsum in allen sozialen Schichten akzeptiert - laut einer GfK-Umfrage von 2008 leben nur 18 Prozent der über 14-Jährigen absolut abstinent. Die entspannende und leicht enthemmende Wirkung des Alkohols, wird von vier Fünfteln der Deutschen geschätzt: Als "soziales Schmiermittel" bekämpft er Schüchternheit und sorgt für fröhliche Runden. Und wenn es nicht gerade minderjährige Komatrinker sind, die bei ihren Exzessen ihr Leben aufs Spiel setzen, scheint die Öffentlichkeit an mäßigem, aber auch übermäßigem Alkoholgenuss wenig Anstoß zu nehmen. Alkohol ist seit Jahrhunderten in der abendländischen Kultur verwurzelt, über stärkere Restriktionen denkt niemand ernsthaft nach. Von Karneval bis Oktoberfest nutzt so mancher sein Recht auf freien Rausch und versucht so, kurzfristig dem tristen Alltag zu entfliehen. Doch für etwa 1 300 000 Menschen in Deutschland wird der gelegentliche Trip in eine vermeintlich sorgenfreie Welt zum Problem. Sie gelten nach einem psychiatrischen Bewertungssystem, dem DSM IV, als alkoholabhängig. Keine typische Trinkerpersönlichkeit Der eindeutig Alkoholkranke ist dabei nur schwer auszumachen, denn Trinkmenge und Häufigkeit allein reichen nicht, um eine klare Diagnose zu erstellen. Vielmehr sind es immer parallel zutreffende Faktoren aus einem Fragenkatalog, die die Erkrankung definieren. Somit liegt es auch nahe, dass es keine typische Trinkerpersönlichkeit gibt. Ganz unterschiedliche Verhaltensweisen können das Krankheitsbild der Abhängigkeit prägen. Allen Kranken gemein ist jedoch, dass sie häufig einen übermächtigen Wunsch verspüren, Alkohol zu trinken. Ob dies bereits am Morgen sein muss, um ein Zittern der Hände in den Griff zu bekommen oder ob "nur" in regelmäßigen Abständen ein Vollrausch angestrebt wird, macht in den Augen der Suchtexperten keinen bedeutsamen Unterschied. Neben den Alkoholabhängigen gibt es weitere zwei Millionen Deutsche, die sich durch einen massiven Alkoholmissbrauch in gefährliche Situationen bringen. Statistisch lassen sich die sozialen, psychischen und gesundheitlichen Folgen von Alkoholexzessen nur schwer erfassen. Die Todesursachenstatistik von 2005 verzeichnet mehr als 16 000 eindeutig alkoholbedingte Sterbefälle, das Statistische Bundesamt vermerkte 2007 etwa 21 000 Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss, bei denen 565 Menschen starben. Kein risikoloser Alkoholkonsum Doch diese Zahlen spiegeln nur die Spitze des Eisbergs wider, bei dem ein ausufernder Alkoholgenuss seine Opfer fordert. Um das Risiko des Alkoholgebrauchs abschätzen zu können, haben Experten verschiedene Konsumklassen definiert. Als risikoarm wird aktuell von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. bei Frauen ein Verzehr von weniger als
Welche Faktoren den Alkoholkonsumenten zu einem Abhängigen machen, wird auch von Wissenschaftlern noch nicht vollständig verstanden. Dass dabei allerdings eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein müssen, zeichnet sich schon länger ab. Viele Faktoren führen zur Sucht So begünstigen Defizite in der Persönlichkeitsstruktur, wie eine geringe Frustrationstoleranz oder ein mangelndes Selbstwertgefühl das Auftreten einer Suchterkrankung. Ebenso diskutiert werden erbliche Vorbelastungen: Genetiker fanden familiäre Häufungen von Substanzmissbrauch, bestimmte Genvarianten scheinen mit Suchterkrankungen assoziiert zu sein. Nicht zuletzt spielen auch das soziale Umfeld, die Erreichbarkeit der Substanz, Stress und andere psychische Belastungen eine große Rolle. Da einer Abhängigkeit immer ein längerer Entwicklungsprozess vorangeht, scheinen Gewöhnungsmechanismen und Veränderungen auf biologisch struktureller Ebene in die Suchtspirale hineinzuführen. Hirnforscher gehen davon aus, dass bestimmte Nervenzellgruppen bei der Suchtentstehung dauerhaft und irreversibel geprägt werden. Auch bei einer längeren Periode der Abstinenz behalten diese Zellverbände ihr "Suchtgedächtnis". Ein vermeintlich harmloser Drink nach einer alkoholfreien Phase führt bei einem Suchtkranken somit zwangsläufig wieder in den Zustand der Abhängigkeit. Funktionell bildgebende Verfahren können heute auch experimentell zeigen, dass Veränderungen innerhalb empfindlicher Regelkreise im Gehirn bei Erkrankten zu finden sind.
Zahnärzte ohne höheres Risiko Wenn auch Dauerstress den zwanghaften Griff zur Flasche begünstigt, müssten viele Zahnärzte zur Hochrisikogruppe gehören. Doch eine in den USA 2005 veröffentlichte Studie gibt zumindest für amerikanische Zahnmediziner Entwarnung. Ihr Suchtrisiko entspricht ungefähr dem der Durchschnittsbevölkerung. Suchtexperten rechnen mit ähnlichen Verhältnissen in Deutschland. Damit bleibt dennoch auch bei seriösen Schätzungen von etwa zwei Prozent Alkoholkranken in der Bevölkerung die beachtliche Zahl von mehr als 1 300 süchtigen behandelnden Zahnärzten. Trotz großer Verantwortung sehen diese in der Regel kaum eine Alternative, als in ihrer vermeintlich ausweglosen Situation unkontrolliert weiterzumachen. Hilfsangebote, die speziell die Berufsgruppe der Zahnmediziner ansprechen, sind hierzulande noch Mangelware. Ganz anders stellt sich die Lage in Großbritannien dar: Seit mehr als 20 Jahren existiert ein "Dental Health Support Programme", das Alkohol- und anderen Substanzabhängigen unter anderem vertrauliche Beratungen anbietet. Mehr als 1 000 Betroffene haben mittlerweile von diesem Angebot profitiert, dramatische Suchtverläufe konnten häufig verhindert werden. Frühe Intervention wichtig Als wichtig erwies sich die frühestmögliche Intervention, bevor Führerscheinentzug, Patientenbeschwerden oder eine offizielle Meldung an die Aufsichtsbehörde den Druck auf die Abhängigen weiter erhöhen. Daher ist das Programm nicht nur auf Hilfe suchende Zahnärzte ausgerichtet, sondern startet mit bestimmten Maßnahmen bereits nach Meldungen besorgter Beobachter. Auffällige Zahnärzte werden in behutsamen Gesprächen auf ihr problematisches Verhalten aufmerksam gemacht, gemeinsam mit Beratern werden individuelle Lösungsansätze erarbeitet. Erfolgsrezept des Programms sind kompetente Suchtspezialisten, die sich mit den Krisen und Täuschungsstrategien der Erkrankten auskennen. Eine intensive Betreuung, ein maßgeschneidertes Behandlungsangebot und ein mindestens zweijähriges "Monitoring" geben den Betroffenen ausreichend Halt, um eine ruinöse Suchtkarriere zu stoppen. Ein landesweites Netzwerk mit lokalen Selbsthilfe- und Gesprächsgruppen sichert überdies eine regelmäßige Austauschmöglichkeit für Suchtkranke. Bedarf an Drogenberatern Es gibt weder umfassende Studien noch konkrete Ansprechpartner für in Not geratene Zahnmediziner. Möglicherweise existieren genügend anderweitige Anlaufstellen, die auch für suchtkranke Zahnärzte ein adäquates Angebot bereithalten. Doch mit den spezifischen Problemen eines Praxisbetreibers müssen Behandlungswillige vorerst wohl noch ganz allein zurechtkommen. Einen akuten Bedarf an Drogenberatern sieht Gerd Eisentraut, Pressesprecher der Landeszahnärztekammer Hamburg, für seinen Bereich nicht: Die Zahl ihm bekannter Sucht-Fälle sei verschwindend gering. Bei entsprechenden Vorkommnissen überweise man die Betroffenen nach genauer Überprüfung an die gut funktionierenden Strukturen der Landesärztekammer. Trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen kämpfen Suchtkranke an vielen Fronten gegen Vorurteile. Fatal daran ist, dass dies den Druck auf Betroffene erhöht und ihnen das wichtige Bekenntnis zur eigenen Krankheit weiter erschwert. Mythos des Selbstverschuldens Eine ganze Ausgabe des "Nervenarzt" widmete sich daher in diesem Sommer dem Thema Suchttherapie. Professor Karl Mann von der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim betonte darin, dass ein "Mythos des Selbstverschuldens" bei Suchtkrankheiten scheinbar immer noch weit verbreitet ist. Auch gut belegbare Erklärungsmodelle zur Suchtentstehung aus der neurobiologischen Forschung ändern bislang wenig daran, dass Abhängige weiterhin als "willensschwache" Menschen stigmatisiert werden. Für den Betroffenen haben derart tief verwurzelte Fehleinschätzungen auch ganz praktische Folgen: Private Krankenkassen übernehmen nicht automatisch die Kosten für die gesamte Behandlung der Abhängigkeit. In den Musterbedingungen der Krankenversicherungen heißt es (MB/KK §5 [1]b): "Keine Leistungspflicht besteht ... für auf Vorsatz beruhende Krankheiten und Unfälle einschließlich deren Folgen sowie für Entziehungsmaßnahmen einschließlich Entziehungskuren." Zwar weist Dirk Lullies vom Verband der privaten Krankenversicherung e.V. darauf hin, dass in der Regel auf Kulanzbasis einmalig eine Entwöhnung bezahlt wird und darüber hinaus auch die Rentenversicherung oder das Versorgungswerk die Therapie finanzieren. Doch spiegeln sich in dieser Regelung ein Stück weit auch die Ressentiments wider, mit denen Abhängige und ihre Therapeuten tagtäglich zu tun haben. Verwurzelte Ressentiments Selbst in der Zulassungsverordnung für Vertragsärzte zeigt sich, dass man den Therapiemöglichkeiten von Suchtkranken nicht ganz zu trauen scheint. Noch immer dürfen suchtkranke Ärzte mit einer Fünf-Jahres-Frist nach einer Entziehungskur nicht praktizieren (Dies gilt wortgleich auch laut Zulassungsverordnung für Vertragszahnärzte, § 18, 2 e). Beim 111. Deutschen Ärztetag im vergangenen Jahr wurde eine Forderung an das Bundesgesundheitsministerium gestellt, diese Bestimmung zu ändern und somit nicht weiterhin Therapieerfolge infrage zu stellen. Das Ministerium stehe dem Änderungswunsch offen gegenüber und wolle in anstehenden Gesprächen mit der Bundesärztekammer über eine Neuregelung beraten, erklärt Ina Klaus, Pressereferentin des Gesundheitsministeriums. Um tragische Suchtverläufe zu verhindern, aber auch um eine hohe Patientensicherheit zu gewährleisten, sollte medikamenten- und alkoholkranken Ärzten und Zahnärzten mit allen Mitteln geholfen werden. Dabei gilt es, zahlreiche Hürden abzubauen, die ihnen beim Kampf gegen ihre Sucht den Weg versperren. Prävention im Studium Genauso wichtig aber sind Präventionsmaßnahmen, die ein geschärftes Bewusstsein für die Gefahren eines Substanzmissbrauchs erzielen. Dass eine Aufklärung über Alkohol heutzutage bereits im Kindesalter notwendig ist, zeigen die häufigen Schockmeldungen über schwer betrunkene Teenager. Weniger bekannt ist hingegen, dass auch an den Universitäten Info-Kampagnen Sinn machen würden. Jüngere US-Studien mit bildgebenden Verfahren haben bewiesen, dass die Hirnentwicklung auch bei Anfang 20-Jährigen noch nicht abgeschlossen ist. Bereiche des Frontalcortex, die für kognitive Fähigkeiten und andere komplexe Steuerungsmechanismen zuständig sind, werden erst in der Adoleszenz vollständig ausgebildet. Bis zu einem Alter von 24 Jahren zeigen sich Menschen auch ohne anderweitige Prädisposition höchst gefährdet, in eine Abhängigkeit zu geraten. Da es bei Studentenpartys in der Regel auch feuchtfröhlich zugeht, müsste ein verantwortungsbewusster Umgang mit Alkohol schon bei der Ausbildung von Medizinern und Zahnärzten stärker gefördert werden. Wenn Suchtprävention und Psychohygiene einen festen Platz in den Lehrplänen der Gesundheitsstudiengänge finden würden, könnten vermutlich viele verheerende Suchtkarrieren vermieden werden. zm 99, Nr. 22, 16.11.2009, Seite 36-38 |
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