Alkohol am Arbeitsplatz - Schicksalsbericht

Kampf eines alkoholabhängigen Zahnarztes

16. November 2009 - Arno K.* hat es geschafft: Seine Zahnarztpraxis in einer idyllischen Kleinstadt in Süddeutschland läuft gut, sein Team lobt das Betriebsklima und die Patienten mögen ihn.
Die Gruppentherapie schafft eine familiäre Situation und hat schon vielen Betroffenen geholfen.
Das war nicht immer so. Vor mehr als zehn Jahren liefen ihm unzählige Patienten davon, Getuschel über seinen starken Alkoholkonsum machte die Runde. Viele in der Stadt wissen um K.s schwierige Zeiten, in denen die Alkoholsucht sein Leben bestimmte. Doch ein "Outing" als trockener Alkoholiker vor der breiten Öffentlichkeit scheint K. zu riskant. "Sucht wird leider von vielen Menschen immer noch als Schwäche angesehen und das kann man sich als Zahnarzt einfach nicht leisten", erklärt K. und bittet um Anonymität.

In jungen Jahren unterschieden sich K.s Trinkgewohnheiten kaum von denen seiner Altersgenossen: Seit dem 16. Lebensjahr liebte er es, Partys zu feiern und durch ein paar Gläser Wein seinem Ego auf die Sprünge zu helfen. Große Mengen Alkohol brauchte K. gar nicht, um in Stimmung zu kommen - meist setzte die Rauschwirkung bei ihm schon recht früh ein. So trank K. sich von Fest zu Fest, während Schule, Bundeswehr und Studienzeit, ohne dass irgendwer die lauernde Gefahr einer Sucht bemerkt hätte.


Alkoholkonsum stieg stetig
Erst als das Leben des mittlerweile Mitte 40-Jährigen durch die Scheidung von seiner Frau aus den Fugen zu geraten schien, stieg auch sein Alkoholkonsum auf ein besorgniserregendes Maß an. Ein Berg von Schulden lastete jetzt auf seinen Schultern, seine Arbeitsmotivation erreichte den Nullpunkt. "Ich habe Alkohol immer auch als Medikament eingesetzt", erläutert K. "Bei schlechter Laune diente er als Stimmungsaufheller, bei positiven Erlebnissen sollte er die Stimmung verstärken." Zum Pegeltrinker wurde K. nie, doch die Exzesse häuften sich. Eine Verkehrskontrolle mit überhöhtem Blutalkoholwert brachte K. erstmalig in Bedrängnis - es wurde ihm bewusst, dass sein Handeln existentielle Folgen haben könnte. Seinen Führerschein konnte er nur durch eine MPU-Prüfung (medizinisch-psychologische Untersuchung) zurückerlangen, zudem stand ein möglicher Approbationsentzug im Raum, was ihm den Ernst der Lage vor Augen führte. Doch statt die Chance in der Krise zu nutzen, erfüllte K. mit nur minimaler Anstrengung die von oben auferlegten Bedingungen: Er besuchte pflichtgemäß die Anonymen Alkoholiker und absolvierte ambulant ein paar Therapiestunden. "In dieser Zeit fehlte noch die Bereitschaft, mir helfen zu lassen", sagt K. rückblickend. "Man darf auch nicht vergessen: Beim Alkoholmissbrauch ist immer eine Menge Selbsttäuschung im Spiel."


Patienten blieben weg
Und so kamen nach einer längeren abstinenten Zeit Phasen des kontrollierten Trinkens, die wieder in durchzechten Nächten bis Kneipenschluss endeten. Die Auswirkungen auf seine Arbeitswelt spiegelten sich in sinkenden Patientenzahlen wider: "Als Zahnarzt ist man auf das Vertrauen seiner Patienten angewiesen. Das war schnell dahin, wenn sie
Stress im Job: Die Überlastung kann nur kurzfristig "weggetrunken" werden ... was aber keine Lösung ist.
meine Fahne vom Restalkohol rochen." Doch auch dies brachte K. nicht zum Umdenken - erst als er als Unfallverursacher erneut der Verkehrspolizei auffiel, realisierte er, wo er war: am Tiefpunkt seines Lebens. Auf Anraten eines Psychotherapeuten ließ er sich stationär in Hornberg in den Oberbergkliniken behandeln und konnte dort den Grundstein für einen Neuanfang legen. Es wurde ihm klar, dass der Alkoholmissbrauch ein unbewusster Selbstmord auf Raten ist. "Nachdem ich meiner Suchttherapeutin lange über all die Dinge erzählt hatte, die ich nicht will, kitzelte sie aus mir meinen innigsten Wunsch heraus: 'Ich will leben!'" berichtet K. von einem seiner wichtigsten Therapiegespräche. Sechs bis acht Stunden therapeutische Behandlung pro Tag stehen auf dem Programm der Klinik, um den Suchtabhängigen mit sich selbst zu konfrontieren. Es ist ein hartes Stück Arbeit, dem Patienten zu helfen und bei ihm auch eine nachhaltige Veränderung zu erzielen. In der Regel gilt es nicht nur den Suchtmittelmissbrauch zu bekämpfen, sondern auch seine Ursachen zu ergründen.


Probleme in der Familie
Bei K. zeigte sich schnell, dass ein familiäres Problem einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Suchterkrankung hatte: "Ich habe meinen Vater nie akzeptiert, wollte nie werden wie er. Er war Alkoholiker." In einem Alter, in dem K.s Vater an den Folgen der Alkoholsucht verstorben war, scheint für K. der bedeutendste Schritt im Kampf gegen die Sucht getan. Noch zwei Jahre nach dem Klinikaufenthalt hat K. in ambulanten Therapiesitzungen das schwierige Verhältnis zu seinem Vater aufgearbeitet. Seit zehn Jahren ist K. trocken. Der regelmäßige Besuch der Anonymen Alkoholiker und einer Selbsthilfegruppe ehemaliger Oberbergklinik- Patienten geben ihm Kraft, ein alkoholfreies Leben zu führen. Für ihn ist klar: Jeder Tropfen steht für Selbstbetrug, Abstinenz ist der einzige Weg, die Krankheit im Zaum zu halten: "Ich besuche trotzdem noch ab und an unseren berüchtigten Kneipen-Stammtisch im Ort, aber mit zwei Spezi am Abend wird man da auch schnell zum Spielverderber." In der Regel meidet er diese "gefährlichen" Situationen jedoch lieber, verbringt dafür mehr Zeit mit seiner neuen Ehefrau: "Wir gehen tanzen, fahren Motorrad und haben Spaß mit den Enkelkindern." Ob es ihm gelingen wird, trocken zu bleiben, wagt er nicht vorauszusagen: "Als Anonymer Alkoholiker lebt man für den Tag. Dass man vor Rückfällen sicher ist, kann niemand garantieren."

Dr. Mario B. Lips
Wissenschaftsjournalist
Dudenstr. 34
10965 Berlin
mariolips@web.de


Baclofen – Wundermittel oder Placebo?

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Ein kostengünstiges, auf dem Markt etabliertes Medikament hat die überraschende Nebenwirkung, Abhängige von ihren Suchtgefühlen zu befreien. Ein erkrankter französischer Arzt probierte das Mittel im Selbstversuch aus und war von der Wirkung überwältigt. Euphorisch über den sensationellen Behandlungserfolg schrieb Olivier Ameisen ein Buch über seine Geschichte. Öffentlichkeitswirksam berichtete der 56-Jährige kürzlich in zahlreichen Talkshows von seinem alkoholfreien Leben, das erst durch die als Muskelrelaxans vertriebene Arznei möglich wurde. Durch den Medienrummel dürften nun weitere Forschergruppen zu Untersuchungen ermutigt werden, das Mittel auf sein Potenzial hin zu prüfen. Ob das „Wundermittel“ wirklich ein Durchbruch bei der medikamentengestützten Suchttherapie ist, bleibt fraglich. Eine laufende Studie an der Berliner Charité testet momentan Baclofen an einer kleinen Gruppe Alkoholkranker. Trotz positiver Zwischenbilanz dämpfen die beteiligten Wissenschaftler die Erwartungen: Ohne Psychotherapie werde man wohl auch in Zukunft nicht auskommen.


zm 99, Nr. 22, 16.11.2009, Seite 40-42