Wilhelm Busch und
die Zahnmedizin Ein einfühlsamer Sachkenner |
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| 1. Dezember
2008 - Wilhelm Busch - wer kennt ihn nicht als genialen Zeichner und
Dichter und als Erschaffer so berühmter Figuren wie Max und Moritz oder
der frommen Helene? Doch Busch war noch mehr, nämlich heimlicher Maler,
treffsicherer Epigrammatiker und empfindsamer Lyriker. Was kaum bekannt ist:
Eine Betrachtung seines Werks erscheint auch aus medizinischer Sicht lohnend.
Hier eine spezielle Analyse zahnmedizinischer Inhalte, die in den Kontext des
damaligen historischen Entwicklungsstandes gesetzt sind. Eine Betrachtung zum
Abschluss des Busch-Gedenkjahrs anlässlich seines 100. Todestages.
Die herausragende Leistung Wilhelm Buschs sind seine gesellschaftskritischen, die menschlichen Schwächen geißelnden Bildergeschichten. Sie weisen ihn als Jahrhunderttalent aus und gelten als Urform des modernen Comics [Neyer und Mitarbeiter 2007]. Mit kühlem, analytischem Blick nimmt er Spießbürger seines vorwiegend ländlichen Umfeldes, ungezogene Kinder, prügelnde Eheleute, Tierquäler und viele andere aufs Korn. Dabei schreckt er nicht vor Brutalitäten zurück: "Max und Moritz" werden in der Mühle zermahlen, die "Fromme Helene" erleidet betrunken den Verbrennungstod; andere Figuren seiner "Comics" werden in die Luft gesprengt, plattgewalzt, geköpft oder stranguliert. Dieselben Effekte begegnen uns heute in einzelnen Zeichentrickfilmen und provozierenden MTV-Shows. Die Darstellung körperlicher Schmerzen bei anderen erzeugt eine gewisse Angstlust. Die Komik Wilhelm Buschs setzt oft auf Schadenfreude. Diese bösartige Form des Humors könnte möglicherweise auf eine negative Erfahrung in seiner Kindheit zurückgehen: die frühzeitige Trennung vom Elternhaus. Die Streiche, die Wilhelm Busch gemeinsam mit seinem Freund Erich Bassermann seinem Onkel gelegentlich spielte, dienten als Vorbild für sein berühmtestes Werk "Max und Moritz" (Abbildung 2a, b). Einzelgänger Wilhelm Busch war ein Einzelgänger mit pessimistischen Zügen: "Ich bin Pessimist für die Gegenwart / aber Optimist für die Zukunft." Er rauchte so stark, dass er 1881 eine Nikotinvergiftung erlitt: "Drei Wochen war der Frosch so krank / jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank." Zudem war er ein gemütvoller Zecher, der gern Alkohol in Maßen zu sich nahm: "Rotwein ist für alte Knaben / eine von den besten Gaben." Sein Nachlass lässt nur wenige Rückschlüsse auf die eigene Persönlichkeit zu, da er vor seinem Tode alle privat an ihn gerichteten Briefe vernichtete. Auch Tagebücher sind nicht überliefert. Einzelne Kritiker werfen Wilhelm Busch Sadismus, Antisemitismus und Frauenhass vor, wobei sie außer Acht lassen, dass er seine Umwelt durch Übertreibungen karikiert. Im Alter von 52 Jahren - auf dem Höhepunkt seiner Popularität - stellte Busch das Schreiben seiner Bildergeschichten ein. Inzwischen finanziell abgesichert, wollte er jetzt seinen
Wilhelm Busch widmete sich im letzten Drittel seines Lebens philosophischen Betrachtungen und legte seine Gedanken über die Gesetzmäßigkeiten von Mensch, Natur und Leben in Versform nieder. Dies erfolgte zum Teil in Form von Epigrammen (A. Bienengräber 1991 - siehe Kasten). Zumeist erschienen sie posthum, da Wilhelm Busch ihre Veröffentlichung zurückhielt. Offenbar wollte er der Nachwelt vornehmlich als genialer Schöpfer seiner satirischen Bildergeschichten in Erinnerung bleiben. Daneben schuf Wilhelm Busch lyrische Gedichtesammlungen wie "Sein und Sein" und "Zu guter Letzt", darunter findet sich auch Liebeslyrik, zum Beispiel "Kritik des Herzens". Mehr als 1 000 Ölgemälde Von 1851 bis 1898 widmete sich Wilhelm Busch kontinuierlich der Malerei und hinterließ mehr als 1 000 Ölgemälde. Seine Motive waren vielfach Landschaften, aber auch Pers
Medizin nimmt breiten Raum ein Die Darstellung von Erkrankungen - teilweise mit Todesfolge - nehmen im Werk Buschs einen breiten Raum ein und werden zeitbezogen mit großer Sachkenntnis und mit viel Einfühlungsvermögen darstellt. Das verwundert nicht, waren doch sein Großvater Arzt und seine Mutter eine Arztwitwe, die in zweiter Ehe Wilhelm Buschs Vater heiratete. Wie aktuelle Publikationen [Behr, 2002; Nizze, 2007] belegen, wecken medizinische Aspekte im Schaffen des Künstlers bis heute das Interesse von Fachvertretern. Bereits 1990 analysierte Alexander Bienengräber (der Vater des Verfassers) diese nach ätiopathologischen Kriterien und kommentierte sie in Versform. Busch berücksichtige wichtige Erkrankungsgruppen der heutigen Krankheitslehre (siehe Tabelle). Wolfgang Remmele verfasste gar 2003 ein Kurzlehrbuch der Pathologie in Versform, unterlegt von Skizzen nach dem Vorbild der Bildergeschichten Wilhelm Buschs. aDarüber hinaus kommentierte Wilhelm Busch die Tätigkeit von Ärzten, Zahnärzten und Apothekern sowie einer Hebamme in seinen Werken teils nachdenklich und teils witzig-ironisch, was Ulrich Gehre [2007] näher ausgeführt hat. Aspekte der Zahnmedizin Themen aus der Zahnheilkunde erörtert Wilhelm Busch in den zwei Bildergeschichten "Balduin Bählamm" und "Der hohle Zahn" ausführlich, wobei der Zahnschmerz als Kardinalsymptom von Zahnerkrankungen im Mittelpunkt steht. Da zu seinen Lebzeiten keine systematische zahnärztliche Betreuung der Bevölkerung erfolgte, suchte der Durchschnittspatient den Zahnarzt nur beim Auftreten von Schmerzen auf, wobei aufgrund der fortgeschrittenen Schädigung des betroffenen Zahnes und der begrenzten Behandlungsmöglichkeiten in der Regel eine Extraktion vorgenommen wurde. In "Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter" beschreibt Wilhelm Busch im achten Kapitel sehr treffend heftige, vermutlich durch eine akute Pulpitis hervorgerufene Zahnschmerzen. Initial schildert der Dichter ausführlich die psychischen Auswirkungen des Zahnschmerzes, der höchste Intensität erlangen kann, was bei längerem Andauern dazu führt, dass dem Betroffenen alles gleichgültig wird. Er verfolgt lediglich einen Gedanken, nämlich diesen Schmerz so schnell wie möglich und um jeden Preis los zu werden. Dabei ist ihm der Verlust des verursachenden Zahnes nebensächlich und viele Dinge des täglichen Lebens erscheinen ihm plötzlich unbedeutend. Ein typisches Beispiel für eine psychosomatische Fernwirkung auf den Gesamtorganismus, was der Dichter folgendermaßen darstellt:
Es erfolgt die Schilderung der näheren Umstände des "Zahnarzt"-Besuches. Erst nachdem der Erkrankte eine Nacht mit starken Zahnschmerzen durchlitten hat, konsultiert er den Zahnbehandler am frühen Morgen. Obwohl der Patient ihn noch schlafend antrifft, ist dieser ohne Murren sofort dienstbereit und begrüßt den Patienten freundlich. Der Dichter unterstellt dem Behandler die ethisch bedenkliche Einstellung, dass ihn das Unglück des Patienten heiter stimme, vermutlich weil es den Praxisumsatz steigert. Nachdem der verängstigte Patient im recht einfachen "Behandlungsstuhl" Platz genommen hat, stellt der Zahnbehandler nach Inspektion der Mundhöhle bei Kerzenlicht schnell die richtige Diagnose "akute Pulpitis" und schreitet sofort ohne Anästhesie zur Extraktionstherapie. Diese nimmt er mit einem so genannten Haken - vermutlich einem Zahnschlüssel - sehr zügig vor, um die Schmerzdauer möglichst gering zu halten. Hinter dem Patienten stehend stützt er sich dabei mit voller Körperkraft auf dessen linker Schulter ab. Nach zwei vergeblichen Versuchen gelingt es ihm, den Seitenzahn im rechten Unterkiefer, der wahrscheinlich eine abgewinkelte Wurzel hat, zu entfernen. Es ist nicht auszuschließen, dass ein frakturierter Wurzelrest zurückblieb, da der Behandler viel Kraft einsetzte und den Zahn nicht auf Vollständigkeit prüfte. Nach Einforderung eines Honorars gemäß der damaligen "Gebührenordnung" verabschiedet er den Patienten freundlich. - Wilhelm Busch vermittelt das so (Abbildungen 7 a und b): Wie im neunten Kapitel geschildert, tritt beim Patienten Blählamm als Komplikation post extractionem eine Wangenschwellung auf. Er reist vorzeitig ab, da er genug vom Landleben und der Behandlung des "Doktor" Schmurzel hat. Es kommt nach Einhalten von Bettruhe und unter häuslicher Pflege zu einer Spontanheilung. Wilhelm Busch fasst das wie folgt zusammen (Abbildung 7 c): Die Backe schwillt. - Die Träne quillt. Ein Tuch umrahmt das Jammerbild. Verhaßt ist ihm die Ländlichkeit Mit Rieken ihrer Schändlichkeit, Mit Doktor Schmurzels Chirurgie, Mit Bäumen, Kräutern, Mensch und Vieh, Und schmerzlich dringend mahnt die Backe: Oh, kehre heim! Doch vorher packe! Mit dicker Backe, wehem Zahn, Rollt er dahin per Eisenbahn Der Heimat zu und trifft um neun Präzise auf dem Bahnhof ein. Sofort legt Bählamm sich zur Ruh. Die Hand der Gattin deckt in zu. Der Backe Schwulst verdünnert sich; Sanft naht der Schlaf, der Schmerz entwich, Und vor dem innern Seelenraum Erscheint ein lockend süßer Traum. Eine kürzere Darstellung Wilhelm Buschs aus dem Münchner Bilderbogen trägt den Titel "Der hohle Zahn". Der gangränose Zahn wies offenbar eine Öffnung zur Mundhöhle auf, die vermutlich durch einen Nahrungsmittelrest akut verlegt wurde. Durch den Exsudatstau treten beim Betroffenen plötzlich heftige Zahnschmerzen auf, die denen bei einer Pulpitis an Intensität nicht nachstehen. Einfache Hausmittel, von denen der Patient eine ganze Reihe vergeblich ausprobiert, sind absolut unwirksam. Der von heftigen Zahnschmerzen Gequälte wird unleidig und schließlich aggressiv, so dass er seine Ehefrau völlig unbegründet tätlich angreift. Hier zeigt sich, dass Schmerzen die Psyche jedes Einzelnen in unterschiedlicher Weise beeinflussen können. Wilhelm Busch stellt das wie folgt dar (Abbildung 8 a): Wiederum beschreibt Wilhelm Busch den "Zahnarzt"-Besuch näher. Auch dieser Patient entschließt sich erst zur Notkonsultation, nachdem sämtliche Hausmittel versagt haben. Offenbar scheut er die Schmerzhaftigkeit und möglicherweise auch die Kosten der Behandlung. Der Zahnbehandler begrüßt den Patienten in seiner sehr spartanisch eingerichteten Praxis mit einem einfachen Hocker als Behandlungsstuhl. Auch dieser Kollege erfasst sofort die Diagnose. Schnell geht er zur Zahnextraktion über, wobei es sich offenbar um einen Zahn im rechten Oberkiefer handelt. Vor dem Patienten stehend geht der Zahnarzt ohne Anästhesie sehr zügig und mit großer Kraftentfaltung vor, wobei der Patient vom Behandlungsstuhl auf den Boden fällt. Bei dem zeichnerisch gut dargestellten Extraktionsinstrument handelt es sich nicht um eine Zange, sondern um einen Zahnschlüssel mit quer ansetzendem Handgriff. Der Patient ist unmittelbar nach dieser rigorosen, aber dennoch komplikationslosen Zahnentfernung schmerzfrei. Seine Stimmung bessert sich schlagartig und er kann sein Abendessen ungestört fortsetzen. Deshalb honoriert er den Behandler gern. Wilhelm Busch schildert das folgendermaßen (Abbildungen 8 b bis e):
Entwicklungsstand der Zahnheilkunde Nach der Darstellung beider Behandlungsfälle soll der Entwicklungsstand der Zahnheilkunde in der Zeit von 1859 bis 1884, in welcher Wilhelm Buschs Bildergeschichten entstanden, betrachtet werden. Zugleich wird der Frage nachgegangen, ob eine für die Patienten schonendere beziehungsweise eine zahnerhaltende Therapie möglich gewesen wäre.
Anatomisch an die Zahnform angepasste Zahnzangen wurden bereits 1841 von John Tomes entwickelt. Sie fanden erst allmählich allgemeine Verbreitung und waren im ländlich-kleinbürgerlichen Milieu, in dem sich die Handlungen abspielen, offenbar bis 1884 noch nicht verfügbar. Vielmehr benutzte man noch immer den bereits im 18. Jahrhundert gebräuchlichen Zahnschlüssel (auch als Haken bezeichnet), wie es die Darstellungen Wilhelm Busch's belegen (Abbildung 9). Zahnentfernungen unter Lachgas-Analgesie [Horace Wells, 1844)]beziehungsweise in Äthernarkose [Thomas Green Morton, 1846] waren bereits erfolgreich durchgeführt worden. Der dazu erforderliche apparative Aufwand war jedoch zu groß und zu kostenaufwändig, um in der ambulanten Praxis Verbreitung zu finden. Als erstes Lokalanästhetikum wurde Kokain 1884 durch William Stewart Hallstedt im Unterkiefer eingesetzt und war somit zur Zeit der analysierten Bildergeschichten noch nicht verfügbar [Strübing, 1989]. So mussten Bählamm und Kracke die Zahnextraktionen ohne Betäubung über sich ergehen lassen. Bei der akuten Pulpitis (Bählamm) wäre als konservative Therapie eine Devitalisation des Zahnes mit anschließender endodontischer Behandlung in Frage gekommen. Im zweiten Fall - der Pulpagangrän mit akuter Verlegung des Exsudatabflusses (Kracke) - wäre eine Trepanation des Zahnes mit nachfolgender Desinfektion des Endodonts und Wurzelbehandlung die Alternative gewesen. Während die Pulpadevitalisation mittels Arsen bereits 1836 von John Roach Spooner beschrieben wurde und zwei Jahre später Edwin Maynard die erste Exstirpationsnadel entwickelte, wurden erste klinisch brauchbare endodontischen Therapieverfahren erst 1886 durch Anton Witzel publiziert [Strübing 1989]. So war in beiden Fällen nicht zu erwarten, dass bereits eine solche Therapie erfolgt wäre. Die Indikation zur Zahnextraktion aufgrund des damaligen therapeutischen Spektrums wurde somit in beiden Fällen richtiggestellt. Schonender unter Analgesie beziehungsweise Anästhesie sowie Anwendung anatomisch geformter Zahnzangen wäre sie nur unter klinischen Kautelen möglich gewesen, was vor 125 bis 150 Jahren nur wenigen privilegierten Patienten vergönnt war. Die Zahnbehandler bei Wilhelm Busch - wohlwollend als Doktoren bezeichnet - dürften keine studierten Zahnärzte gewesen sein, da noch die Reichsgewerbeordnung von 1869 galt, die Kurierfreiheit vorsah, das heißt die Ausübung der Zahnheilkunde ohne Qualifikationsnachweis ermöglichte. Zudem wurde das erste zahnärztliche Universitätsinstitut in Deutschland erst 1884 in Berlin eröffnet. Zwar wurden bereits zuvor an einigen deutschen Universitäten einzelne Zahnmedizin-Studierende an den Philosophischen Fakultäten immatrikuliert und in Zahnarztpraxen praktisch ausgebildet. Bis 1884 wurden diese wenigen akademisch ausgebildeten Zahnärzte in der zahnärztlichen Versorgung der Bevölkerung kaum wirksam. Fazit Wilhelm Busch hat in zwei seiner Bildergeschichten "Balduin Bählamm" und "Der hohle Zahn" zahnmedizinische Krankheitsbilder einschließlich ihrer Begleitumstände in Strichzeichnungen und Versen so genial und treffend darstellt, dass daraus grundlegende diagnostische und therapeutische Rückschlüsse abgeleitet werden können. Sie sind zugleich ein Indiz dafür, welche enorme Entwicklung die Zahnheilkunde in den letzten eineinhalb Jahrhunderten genommen hat. Dr. med. Dr. med dent. Volker Bienengräber Prof. i. R. für Experimentelle Zahnheilkunde an der Universität Rostock Stülower Weg 13 a 18209 Bad Doberan
zm 98, Nr. 23, 01.12.2008, Seite 132-139 |
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