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Dezember 2008 - Seit der Einführung der hoch aktiven
antiretroviralen Therapie (HAART) vor einem Jahrzehnt sind die
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Abbildung 1: Chronische
Parodontitis mit durchgemachten Schüben Nekrotisierender Ulzerierender
Gingivitis/Parodontitis; Zustand sechs Monate nach konservierender
Parodontitis-Therapie |
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akuten opportunistischen Infektionen, welche
zuvor die (zahn)ärztliche Herausforderung in der Behandlung von
HIV-Patienten darstellten, deutlich in den Hintergrund gerückt. Orale
Manifestationen waren häufig ein erstes klinisches Zeichen für eine
nicht diagnostizierte HIV-Infektion. Dem Zahnarzt kommen mittlerweile
veränderte Aufgaben in der Betreuung dieser Patienten zu.
Die Behandlung chronischer Parodontalerkrankungen mit hoch akuten
Erkrankungsschüben, nur schwer beherrschbare orale Viruspapillome, aber
auch die Beachtung möglicher Wechselwirkungen der antiretroviralen
Medikamente mit zahnärztlichen Arzneimitteln sind neben den Nebenwirkungen
der HIV-Medikamente in der Mundhöhle die wichtigsten Aspekte. Die
steigenden Neuinfektionszahlen auch in Deutschland [Robert Koch-Institut, 2008]
erfordern für den betreuenden Zahnarzt aktuelles Wissen zum Zusammenhang
von HIV und der Mundhöhle.
HIV-assoziierte orale Manifestationen werden in den Classification and
Diagnostic Criteria for Oral Lesions in HIV Infection nach ihrer Assoziation
zur zugrunde liegenden Virusinfektion eingeteilt (Tabelle). Neben den
klassischen HIV-assoziierten parodontalen Erkrankungen, wie Nekrotisierende
Ulzerierende Gingivitis (NUG) beziehungsweise Nekrotisierende Ulzerierende
Parodontitis (NUP) oder Lineares Gingivaerythem, zählt die chronische
Parodontitis nach Auffassung der American Academy of Periodontology ebenso zu
den möglichen Begleiterkrankungen [Burt et al., 1996].
Parodontalerkrankungen kommt daher weiterhin - wenn auch in veränderter
Form - bei der konsiliarischen Infektionsüberwachung eine besondere
Bedeutung zu.
Auswirkungen des HI-Virus auf das Parodont
Der pathogenetische Zusammenhang zwischen HI-Virus und parodontalen
Erkrankungen liegt offensichtlich in verschiedenen Veränderungen
immunologischer Reaktionen auf den bakteriellen Angriff, der in allen Phasen
der Wirtsabwehr manifest wird:
Bereits im
asymptomatischen Infektionsstadium ist die antimikrobielle und chemotaktische
Potenz polymorphkerniger neutrophiler Granulozyten eingeschränkt,
wohingegen die Phagozytosefähigkeit erhalten bleibt [Gabrilovich et al.,
1991].
Die
Aktivität der nachfolgenden Monozyten und Makrophagen ist deutlich
limitert [Perno et al., 1998] und
Die
Differenzierung zu Plasmazellen auf mitogene Reize ist durch ein
ausgeprägtes Missverhältnis von Lymphozyten im gingivalen Gewebe
gestört, so dass die Bildung von Immunglobulinen verzögert
abläuft [Steidley et al., 1992]. Die dramatische Beeinträchtigung der
Wirtsabwehr umfasst somit beide Arme der Immunabwehr, den zellulären wie
den humoralen.
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| Tabelle 1: Klassifikation und
diagnostische Kriterien oraler Läsionen bei HIV-Infektion |
Weil die chronische Parodontitis neben der Zahnkaries die orale Haupterkrankung
darstellt und somit auch bei Patienten ohne systemisch-pathologische
Hintergründe in hoher Prävalenz auftritt, scheint vordergründig
keine besondere Assoziation zur HIV-Infektion zu bestehen. Vor dem Hintergrund
der oben beschriebenen immunologischen Alterationen weist sie jedoch besondere
Merkmale auf, mit klinischen Implikationen hinsichtlich einer besonders
engmaschigen Kontrolle und eines spezialisierten Betreuungskonzeptes. Besonders
seit der Entwicklung antiretroviraler Therapieoptionen und der damit
verbundenen gesunkenen Mortalität von HIV-Patienten treten die akuten
Parodontalerkrankungen zugunsten chronischer Verlaufsformen in den Hintergrund
[Jordan et al., 2007]: Eigene Untersuchungen konnten zeigen, dass eine
konservative Behandlung der chronischen Parodontitis mit anschließender
engmaschiger Erhaltungstherapie und überdurchschnittlicher häuslicher
Plaquekontrolle im Vergleich zu einer HIV-seronegativen Kontrollgruppe zu
vergleichbaren langfristigen Ergebnissen führen kann. Auch das
Behandlungskonzept der One-stage Full-mouth Disinfection führte bei diesen
Patienten zu keinen signifikanten Anstiegen in der postoperativen
Körpertemperatur im Sinne einer Shwartzman-Reaktion, bedingt durch die
massive Bakteriämie infolge der kurzzeitigen Abfolge der
Wurzeloberflächenbearbeitung. Mikrobiologische Untersuchungen auf zehn
parodontalpathogene Keime bis zu sechs Monate nach systematischer
Parodontitistherapie stellten außerdem keine atypischen Verteilungsmuster
dar [Jordan, 2005]. Allerdings wurden verstärkt kombinierte klinische
Bilder durchlaufener NUG/NUP-Phasen im Zusammenhang mit ansonsten chronischer
Parodontitis beobachtet, deren kosmetische Rekonstruktion kompliziert ist
(Abbildung 1). Die unkompliziert verlaufende chronische Parodontitis bei
HIV-Patienten kann vom parodontologisch tätigen Zahnarzt problemlos
behandelt werden, wenn die grundsätzlichen Empfehlungen zur
Infektionsprophylaxe zur Vermeidung einer Hepatitis-B-Infektion garantiert
sind.
Operatives Infektionsrisiko
Das Risiko für tödliche Berufserkrankungen liegt bei Zahnärzten
im Bereich von Bibliothekaren damit an unterster Stelle [Mandel, 1993]. Dennoch
glauben Zahnärzte, dass sie einem beträchtlichen HIV-Infektionsrisiko
ausgesetzt sind [Coulter et al., 2000]. Daraus resultierende Ängste stehen
im Gegensatz zu den verfügbaren Daten, in denen das Infektionsrisiko
untersucht wurde. Scully und Porter [Scully et al., 1991] stellten in einer
Literaturübersicht dar, dass das Risiko einer HIV-Übertragung auf
Gesundheitspersonal extrem gering ist. Bis Juni 1990, etwa zehn Jahre nach den
ersten Veröffentlichungen zu AIDS-Erkrankungen in den Vereinigten Staaten,
war weltweit lediglich bei 19 Personen eine berufliche HIV-Übertragungen
von Patienten auf medizinisches Personal gesichert. Es gibt keinen
nachgewiesenen Fall einer beruflichen Übertragung von HIV auf
zahnärztliches Personal. Das im Vergleich zu
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Abbildung 2: Ausgedehnte
HPV-Infektionen (Humanpathogenes Papilloma-Virus) im Seitenzahnbereich des
Oberkiefers bei einem 38-jährigen HIV-seropositiven Patienten unter dem
Einfluss einer HAART |
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m Hepatitis-B-Virus deutlich geringere
Infektionsrisiko wird vor allem durch die sehr viel niedrigere
Viruskonzentration im Blut HIV-seropositiver im Vergleich zu HBV-seropositven
(Hepatitis B-Virus) Personen erklärt. Wenigstens 100 Millionen
infektiöse Viruspartikel pro Milliliter Serum (und das Fehlen von
Infektionsschutzmaßnahmen) sind erforderlich, um eine chronische
HIV-Infektion auszulösen. Die meisten therapierten Patienten und damit
überwiegend jene, die von ihrer Infektion wissen, haben Konzentrationen im
Bereich unter 100 infektiöser Viruspartikel pro Milliliter Serum. Diese
geringe Konzentration macht eine Übertragung selbst bei perkutanem Kontakt
mit HIV-infiziertem Blut (Nadelstichverletzung) unwahrscheinlich [Jordan,
2007a].
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen antiretroviraler Medikamente auf die
Mundhöhle lassen sich nur unzulänglich auf bestimmte Wirkstoffgruppen
reduzieren, insbesondere aufgrund der synergistischen Wirkungen bei obligater
Kombinationstherapie. Die bekannten Symptome umfassen orale Ulzera,
Geschmacksveränderungen, Speicheldrüsenerkrankungen, Papillome,
(peri)orale Parästhesien und die aphthöse Stomatitis [Jordan, 2007b]:
Orale Ulzera:
Die Entwicklung oraler Ulzera bei der Einnahme von Abacavir erfordert ein
unverzügliches Konsil, da sie in fünf Prozent sogenannte häufig
vorkommende unerwünschte Arzneimittelwirkungen ein mögliches
Überempfindlichkeitssymptom mit lebensbedrohlichem Blutdruckabfall und Tod
bedeuten können [Stekler et al., 2006].
Dies gilt ebenso für alle Kombinationspräparate, in denen der
Wirkstoff enthalten ist (Kivexa® und Trizivir® sowie Ziagen® als
Einzelpräparat).
Speicheldrüsenerkrankungen: Zu dieser Gruppe gehören die
Hypersekretion, die Hypertrophie der Glandula parotis sowie die Xerostomie.
Papillome: In
der analytischen Epidemiologie weitgehend ungeklärt ist der Zusammenhang
zwischen der signifikanten Zunahme von oralen HPV-Infektionen und
antiretroviralen Therapien der HAART-Ära, die ohne intensive kurative
Maßnahmen rasch in der gesamten Mundhöhle disseminieren und dann nur
mit Mühe beherrschbar sind. Dennoch zeigte sich die Prävalenz bei der
Einnahme antiretroviraler Therapiekombinationen inklusive Protease-Inhibitor
(PI) doppelt erhöht im Vergleich zu PI-freien Regimen und um das
Sechsfache erhöht im Vergleich zu therapiefreien Patienten [Greenspan et
al., 2001] (Abbildung 2).
Geschmacksveränderungen: Sie sind im Zusammenhang mit antiretroviralen
Therapien mit einer Prävalenz von bis zu zehn Prozent die häufigsten
unerwünschten Arzneimittelwirkungen [Ammassari et al., 2001]. Insbesondere
die Wirkstoffgruppen Protease-Inhibitor und Nukleosidanaloga sowie deren
geläufige Kombinationen scheinen mit metallischen Dysgeusien assoziiert zu
sein.
Wechselwirkungen mit Zahn-Medikamenten
Neben der immunrekonstituierenden Wirkung der HIV-Medikamente sind
weitreichende Veränderungen des hämatopoetischen Systems [Gill et
al., 1997] inklusive zahnmedizinisch r
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| Abbildung 3: Bilaterales
Kaposi-Sarkom bei einem 36-jährigen Patienten ohne antiretrovirale
Therapie |
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elevanter Thrombozytopenie mit verlängerter
Blutungszeit bei invasiven Eingriffen bekannt. Dies scheint jedoch in der Regel
keine klinische Relevanz bei zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen zu
haben [Veiga et al., 2008] Besondere Wechselwirkungen mit in der Zahnheilkunde
angewandten Präparaten wurden bei Protease-Inhibitoren und nicht
nukleosidalen Reverase-Transkriptase-Hemmern beobachtet, die als
Leitmedikamente überwiegend den hoch aktiven antiretroviralen Therapien
angehören. Sie sind maßgeblich begründet in der kompetitiven
Hemmung des Cytochrom P450-Isoenzyms CYP3A4.
Vier medikamentöse Hauptgruppen sind von Bedeutung: Psychopharmaka,
Antimykotika, Kortikoide und Antiinfektiva.
Psychopharmaka:
Sedativa aus der Gruppe der Benzodiazepine, die als Prämedikation und zur
Analgosedierung bei Zahnbehandlungsphobie Einsatz finden, werden ebenfalls
über das P450-Isoenzym CYP3A4 verstoffwechselt. Die resultierende
kompetitive Hemmung der Metabolisierung kann zu einem Anstieg der
Plasmakonzentration dieser Arzneimittel mit schwerwiegender Atemdepression und
Verlängerung der Sedierung führen.
Antimykotika:
Da nach eigenen Untersuchungen das Auftreten einer Candida-Infektion unter dem
Einfluss einer potenten antiretroviralen Therapie unwahrscheinlich ist [Jordan
et al. 2007], kann sie insbesondere bei oesophagealer Ausbreitung als
klinisches Zeichen auf eine versagende antiretrovirale Therapie hinweisen
[Crommentuyn et al. 2004]. Veränderungen in der Pharmakokinetik für
Imidazole und deren Derivate erfordern eine maximale Tagesdosis unterhalb von
200 mg.
Kortikoide: In
der zahnmedizinischen Schmerzbehandlung werden im topischen Einsatz die
antiinflammatorischen Wirkungen von Glukokortikoiden in der Endodontie und
Parodontologie genutzt. Die über das P450-Isoenzym CYP3A4 metabolisierten
Glukokortikoide erhöhen das Risiko systemischer kortikosteroider Wirkungen
einschließlich Morbus Cushing und Suppression der Nebennierenfunktion
[Nocent et al. 2004]. Obwohl dies bekannten Wechselwirkungen bei systemischer
Anwendung bekannt sind, ermöglicht der Einsatz von
Alternativpräparaten eine vergleichbare Akuttherapie und sollte bei
Menschen mit therapierter HIV-Infektion vorgezogen werden.
Antiinfektiva:
Nitroimidazol-Derivate, wie das lokal und auch im sogenannten
Van-Winkelhoff-Cocktail [van Winkelhoff et al. 1989] systemisch eingesetzte
Metronidazol, können bereits unter geringem Alkoholeinfluss zu starken
Unverträglichkeitsreaktionen führen, die auf der Blockierung des
Enzyms Aldehyddehydrogenase beruhen. Die Metabolisierung von Alkohol durch die
Alkoholdehydrogenase bleibt dann auf der Stufe von Acetaldehyd stehen, so dass
sich die Symptome einer Aldehydintoxikation zeigen. Dieser Mechanismus wird als
disulfiramartige Reaktion bezeichnet und leitet sich von dem
Alkoholentwöhnungsmittel Tetraethylthiuramdisulfid ab. Verschiedene
antiretrovirale Kapseldarreichungen enthalten Ethanol, wie Ritonavir, das zum
Boostering in modernen Protease-Hemmer-enthaltend Therapien eine weite
Verbreitung findet; diese Wechselwirkung ist jedoch ausschließlich
für Tipranavir beschrieben.
Zusammenfassung
Moderne antiretrovirale Therapieregime haben das frühe Bild von HIV und
AIDS deutlich verändert (Abbildung 3). Auch in der zahnärztlichen
Praxis ergeben sich daraus therapeutische Konsequenzen, vornehmlich in der
Parodontologie. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen auf orale Strukturen
sowie zu beachtende Wechselwirkungen von zahnärztlichen Medikamenten sind
neue Aspekte der zwar kontrollierten, aber lebenslang bestehenden
Virusinfektion. In veränderter Form kommt dem Zahnarzt dabei noch immer
eine wichtige konsiliarische Tätigkeit in der Langzeitbetreuung von
HIV-Patienten zu, die zudem die Lebensqualität besonders begünstigen
kann.
Dr. med. dent. Rainer A. Jordan, MSc.
Oberarzt der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin
Universität Witten/Herdecke
Fakultät für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Alfred-Herrhausen-Straße 50
58448 Witten
andreas.jordan@uni-wh.de
zm 98, Nr. 24, 16. 12. 2008, Seite
30-33
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