16. Januar
2006 - Das Finanzpolster der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)
schrumpft. Betrug der
|
|
|
 |
|
Mehr Schein als Sein.
Für Ulla Schmidt sind Nachahmerpräparate der Kostentreiber bei den
Kassen. |
|
|
Überschuss Mitte 2005 noch eine Milliarde
Euro, sackte er bis zum Ende des dritten Quartals auf 882 Millionen Euro ab.
Dennoch ist Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt optimistisch. Muss sie
auch sein: Das Gesetz schreibt vor, die Kassen bis Ende 2007 zu
entschulden.
Insgesamt 882 Millionen Euro mehr erwirtschafteten die Kassen vom 1. Januar bis
30. September 2005, davon entfielen 309 Millionen auf den Westen und rund 573
Millionen auf den Osten. Nach den ersten neun Monaten 2004 hatte das Plus noch
bei 2,64 Milliarden Euro gelegen.
Gleichwohl bewertet Schmidt die Entwicklung positiv. "Die gesetzliche
Krankenversicherung wird auch im gesamten Jahr 2005 einen Überschuss
erzielen, der weit über dem Ergebnis des dritten Quartals liegt",
sagt sie und gibt sich zuversichtlich, dass die GKV dadurch noch Ende 2005 ihre
Schulden abbauen könne - auch wenn sich die Finanzlage je nach Kasse
unterscheide. Trotz der schwierigen gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen
werde die GKV auch 2006 keine roten Zahlen schreiben, ist Schmidt
überzeugt. Die bis Ende 2007 gesetzlich vorgeschriebene Entschuldung sei
schließlich wesentlich schneller vorangeschritten: "Ende 2003 lag
die Nettoverschuldung aller gesetzlichen Krankenkassen noch bei sechs
Milliarden Euro - sie wurde bereits 2004 auf 1,8 Milliarden Euro
reduziert."
Zum Jahresende dürfte die Bilanz wirklich wieder besser ausgefallen sein,
weil das Weihnachtsgeld zusätzliche Beitragseinnahmen in die Kassen
spülte und der Bundeszuschuss für versicherungsfremde Leistungen von
1,25 Milliarden Euro überwiesen wurde.
Ungeachtet dessen stiegen die Leistungsausgaben in den ersten drei Quartalen
2005 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,3 Prozent je Mitglied, die
beitragspflichtigen Einnahmen gingen um 0,9 Prozent in die Höhe. Im
Vergleich zum ersten Halbjahr, als der Ausgabenzuwachs pro Versichertem noch
3,6 Prozent und der Grundlohnanstieg 0,8 Prozent betrugen, habe sich die Schere
zwischen Mehrausgaben und -Einnahmen aber wieder etwas geschlossen, betont
Schmidt. In erster Linie habe sich die Ausgabenseite deshalb verbessert,
|
|
 |
|
|
weil im Krankenhaussektor die Kostenzuwächse
flacher wurden. Steigende Einnahmen kann Schmidt nur deshalb verbuchen, weil
die Bezieher der Arbeitslosenhilfe jetzt Arbeitslosengeld II erhalten und
dafür höhere Beiträge entfallen.
Kosten für Pillen & Pasten: "exorbitant zu hoch"
Die Arzneimittelausgaben schossen um 20 Prozent in die Höhe, allerdings
fiel der Kostenanstieg nach einem Bericht der Apothekerverbände im Oktober
und November wieder leicht auf knapp 13 beziehungsweise 15 Prozent.
Damit gaben die gesetzlichen Kassen im Gesamtjahr 2005 mit voraussichtlich rund
23 Milliarden Euro für Pillen und Pasten knapp drei Milliarden Euro mehr
aus als noch 2004. "Exorbitant zu hoch" lautete denn auch die
Reaktion der Regierung. Sie macht Ärzte und Pharmaindustrie für die
ausufernden Belastungen verantwortlich. Scheininnovationen seien der
Hauptkostentreiber. Leicht veränderte Präparate ohne Zusatznutzen
würden von den Firmen auf den Markt geworfen und von den Ärzten
unkritisch verordnet. Wesentlicher Grund für den Anstieg dürfte aber
sicherlich auch sein, dass der Extrarabatt der Pharmaindustrie für die
Kassen mehr als halbiert wurde. Nichtsdestotrotz hat die Selbstverwaltung
für Schmidt "versagt". Sie will jetzt per Gesetz intervenieren.
Eine Regelung im Sparpaket der Regierung sieht bereits vor, dass die
Ärztehonorare bei angeblich unwirtschaftlicher Verordnung von Medikamenten
verringert werden sollen - das umstrittene Bonus-Malus-Prinzip. Die
Kassenärztliche Bundesvereinigung kündigte schon Widerstand dagegen
an.
Im Zuge der Gesundheitsreform, stellt die Ministerin sich vor, könne sie
die Sätze "mindestens stabil halten", wenn nicht gar
"senken". Davon ist man allerdings zurzeit noch weit entfernt. Zwar
liegt der durchschnittliche Satz laut Schmidt zurzeit bei 13,25 Prozent.
Doch haben vier Allgemeine Ortskrankenkassen und neun Betriebskrankenkassen
pünktlich zum neuen Jahr eine Erhöhung beschlossen. Und dies
teilweise nicht zu knapp. Die AOK Schleswig-Holstein beispielsweise hat die
Beiträge um 0,8 Prozentpunkte von 13,6 Prozent auf 14,4 Prozent nach oben
geschraubt. Teuerste Kasse Deutschlands wird die AOK Saarland mit 14,6 Prozent.
Schmidt ist trotz allem überzeugt, dass die Reform zu Einsparungen
führt: Mit Hausarztmodellen, Medizinischen Versorgungszentren (MVZ),
integrierter Versorgung und Bonusprogrammen könne man gesundheitsbewusstes
Verhalten gezielt fördern. Nur würden die vorhandenen
Möglichkeiten einfach noch nicht vollends ausgeschöpft. Auch hier
kritisiert Schmidt die Selbstverwaltung, die in ihren Augen die
GMG-Maßnahmen nicht stark genug nutze.
Aber auch die integrierte Versorgung scheint nicht das Allheilmittel zu sein -
auch im Krankenhaus kletterten die Kosten von Januar bis September 2005 je
Mitglied um 2,8 Prozent. Im ersten Halbjahr lag die Steigerung noch bei vier
Prozent. Schmidt rechtfertigt den Zuwachs mit der Sonderzahlung von 300
Millionen Euro, die sich bis 2009 auf 700 Millionen Euro erhöht und die
Umstellung der Kliniken auf neue Arbeitszeitmodelle finanzieren soll.
Aufgeblähter Wasserkopf
Gingen die Verwaltungskosten 2004 um ein Prozent zurück, blähte sich
die Bürokratie in den ersten drei Quartalen 2005 wieder um 2,1 Prozent
auf. Schuld daran sind maßgeblich die Betriebskrankenkassen (BKKn): Dort
schwoll der Wasserkopf um ungeheuerliche elf Prozent, während bei den
übrigen Kassen die Schreibtischarbeit nur moderat anstieg oder
rückläufig war.
Immerhin in einem Bereich sind die Kosten wieder gesunken: Der Krankenstand
erreichte den historischen Tiefststand von 3,3 Prozent und führte bei den
Krankengeldausgaben zu einem Rückgang von sieben Prozent.
ck
zm 96, Nr. 2, 16.01.2006, Seite
18-19
|
|