Das Weltbild von Wikipedia, Linux & Co.

"Wir sind das Netz"

16. Januar 2006 - Die Idee ist, eine Welt zu schaffen ohne Bevormundung, Ausgrenzung oder Zensur. Eine
Die Community ist überzeugt: Während in allen Medien die Zensur regiert, ist das Web eine demokratische Plattform, die dem User - vorausgesetzt er ist clever - alle Infos liefert.
Welt, in der jeder Mensch nicht nur passiv konsumiert, sondern selbst Wissen erzeugt und Zugang zu allen Informationen hat. Die Utopie stammt keinesfalls aus der Feder alter Philosophen. Von der Revolution träumt eine große Gemeinde aus EDV-Freaks und Usern. Sie will diese Gesellschaft stürzen. Ohne Waffen. Nur über das Internet.


Auf dem Basar geht es rege zu, zuweilen geradezu chaotisch. Und doch bietet er alles, was das Herz begehrt. Die Kathedrale hat dagegen nur ein Produkt im Angebot - entweder man kauft oder verzichtet.

Der Basar, das ist die freie Programmierszene. Sie besteht aus unzähligen einzelnen EDV-Fans, die sofort und flexibel auf die Wünsche der User reagieren und ständig neue Software erzeugen. Die Kathedrale, das ist die klassische Software-Industrie. Sie versucht den Markt zu kontrollieren und kleinere Anbieter systematisch auszuschalten. Ihre Ware ist nicht auf die Bedürfnisse der Benutzer zugeschnitten und bleibt deshalb stets unter Bestniveau.


Kathedrale und Basar
"Kathedrale und Basar", so heißt das Manifest für freie Software, in dem Eric Steven Raymond 1997 zum ersten Mal das Betriebssystem Linux bewertet. Linux steht beispielhaft für Open

Freie Software

Das freie Betriebssystem Linux ist das bekannteste Beispiel für die Open Source-Software. Open Source bedeutet, der Kern des Programms ist frei und kostenlos verfügbar. Dadurch können Nutzer und Programmierer weltweit gemeinsam an der Software arbeiten und sie verbessern. In mehr und mehr Büros läuft bereits freie Software, viele Firmen profitieren von der Szene, indem sie neue Produkte auf Basis freier Software entwickeln, die dann zum Teil Geld kostet und geschützt ist. Microsoft und IBM verbieten den Zugriff auf den Quellcode, um die Lizenzen als ihr geistiges Eigentum zu schützen.
Source, also für eine Software, die nicht von Konzernen produziert, sondern im Do-it-your-self-Verfahren von den Nutzern selbst erarbeitet und permanent weiterentwickelt wird.

Das Open Source-Prinzip galt in der Webgesellschaft immer als Garant für sichere Software und Information im Netz. Denn im Unterschied zu Programmen des Medienmoguls Microsoft können die Anwender hier den Quellcode, das Strickmuster der Programme (etwa HTML und Java), einsehen und verändern. Und dadurch - unabhängig von den Herstellern - die Software optimieren. Arbeitet ein Programm unzureichend, gibt es immer einen Spezialisten in der Szene, dem der Fehler auffällt und der ihn behebt. Viren breiten sich im Gegensatz zur Monokultur ebenfalls seltener aus. Während Kunden von Microsoft in der Regel keine andere Wahl bleibt, als sich mit Programmdefekten abzufinden, hilft sich die Gemeinde selbst. Schnell, unkompliziert und kostenlos. Jeder profitiert von der Dynamik - genau das ist der Grund, warum dieses Konstrukt bislang so erfolgreich funktioniert.


Freiheit und Demokratie im Internet
Das System kuriert sich selbst. Nicht nur in Sachen Software. Auch die Inhalte stellt man selber her. Open Source impliziert, dass Foren, Portale und Blogs ständig von den Usern bearbeitet und aktualisiert werden. Jeder hat Zugriff auf die Seiten oder kann sich zumindest teilweise daran beteiligen.

Die Community ist überzeugt: Regiert in allen anderen Medien die Zensur, die die Nachrichten verschleiert und verfälscht, entlarven die freien Quellen Machtinteressen und transportieren Basisfakten. Die alten Eliten setzten hingegen alles daran, ein Monopol auf das Wissen zu errichten und die offene Plattform "Internet" zu verhindern. Statt aufzuklären, manipulierten sie mithilfe der Medien die Berichterstattung. Diese Machtstrukturen will die Community zerstören und allen den Zugang zur Bildung ermöglichen. Freie Software, bilanziert Raymond, sei ein Segen für die Nutzer. Denn der Basar schläft nie. So dachte
Selbst ist der User. Wer im Online-Lexikon Wikipedia Fehler entdeckt, kann den Artikel verbessern. Genauso läuft das Betriebssystem Linux.
Raymond, so dachten die Nutzer.

Bis im Herbst vergangenen Jahres die Hiobsbotschaft einschlug: Wikipedia, größte Online-Enzyklopädie der Welt, das Vorzeigeprojekt überhaupt, hatte Monate lang Falschmeldungen auf der Seite stehen. Ende Oktober gestand Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, die Wiki-Artikel zu "Bill Gates" und "Jane Fonda" seien "eine entsetzliche Blamage" und "nahezu unleserlicher Mist". Es hieß außerdem, dass findige PR-Agenten im Tohuwabohu der Debatten auf Wikipedia gezielt ihre Werbung platzieren. Ende November erklärte überdies John Seigenthaler, 78 Jahre und ehemaliger Assistent Robert Kennedys, der Wiki-Beitrag über ihn habe behauptet, er sei in die Kennedy-Morde verstrickt. Niemand hatte die Online-Enten bis dato bemerkt, geschweige denn korrigiert. Die Selbstkontrolle hatte versagt.

Open Source-Kreise waren geschockt, ein Skandal. Hatte Wikipedia, Teil des geschäftigen Basars, geschlafen? Oder ist das etwa der Preis der grenzenlosen Freiheit, fragte man sich verstört.

Mittlerweile hat man bei Wikipedia eine Bestandsaufnahme gemacht. Um Missbrauch in
Zukunft vorzubeugen, dürfen in der englischsprachigen Version die Nutzer ab jetzt nur dann neue Artikel anlegen, wenn sie sich angemeldet haben. Das Account soll wie ein Filter wirken gegen Nonsens und Vandalismus. Nicht die Qualität der Artikel sei jedoch das Problem, sagt Kurt Jansen vom deutschen Wikipedia-Verein: Schwierigkeiten bereiten eher die Texte, die lange Zeit unbeobachtet bleiben. Wichtig sei, dass man sich nicht nur einen Artikel zum Thema anschaut, sondern versuche, das Wissen anhand anderer Quellen zu verifizieren. Das ist genau der Trick: Die Verlässlichkeit der Infos überprüfen die Wikipedianer, indem sie sich vor allem die Änderungen anschauen, die an einem Bericht vorgenommen wurden.


Als Wikiprawda geschmäht - dennoch hoch gelobt
Aber wurde die Wikipedia von bösen Zungen auch als "Wikiprawda" und "Brockhaus des Halbwissens" geschmäht: Die Kritik kann dem Online-Lexikon anscheinend wenig anhaben. Jetzt erst stellte das britische Fachjournal Nature in einer Untersuchung fest, dass die Wikipedia kaum schlechter sei als die Encyclopaedia Britannica. Der König ist tot, es lebe der König - und die Revolution geht weiter.
ck

 

Die Wikipedia vom Diderot aus Alabama

Anfang 2001 gründete Jimmy Wales, der "Diderot aus Alabama" (Die Zeit), Wikipedia mit dem Ziel, eine Art digitales Gehirn zu schaffen: "Stell dir eine Welt vor, in der jeder Mensch auf dem Planeten freien Zugang zur Summe des menschlichen Gehirns hat." Wikipedia versteht sich als demokratische Organisation. Wales: "Meinungsfreiheit ist gefährlich. Aber auch unglaublich mächtig und nützlich." Die Wikipedia erscheint in mehr als 100 Sprachen. Die englische Version ist mit 850 000 Artikeln die größte, gefolgt von der deutschen Ausgabe mit rund 324 000. Wiki Wiki ist hawaiianisch und heißt schnell. Der Name ist Programm: Alle 16 Wochen verdoppelt sich die Größe der Datenbank. Jeder kann dort sein Wissen eintragen und die Artikel direkt im Browser bearbeiten. Falschmeldungen verschwinden im Durchschnitt innerhalb von fünf Minuten, wie eine IBM-Studie belegt. Der Kritik zum Trotz zählt Wikipedia mittlerweile zu den 100 am meisten besuchten Seiten im Netz.

Medien und Macht

"Ein Silvio Berlusconi wird sein Medienimperium sicherlich nicht dafür einsetzen, die emotionale Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf Gesellschaftszustände zu lenken, für die er selbst verantwortlich ist. Alle klassischen Medien, gleich ob privat oder öffentlich, sind Machtinstrumente und werden auch als solche eingesetzt", sagt der Wikipedianer Erich Möller. Die Windowskultur behandle die Mehrzahl der Nutzer wie TV-Konsumenten, die an der Programmgestaltung nicht mitwirken, sondern nur die Programme anderer rezipieren sollen. "Die meisten Nutzer greifen über Software, die von einem einzigen Konzern - Microsoft - kontrolliert wird, auf die neue Medienwelt zu und geben somit ein Stück Freiheit schon an der Eingangstür ab. Doch: Je freier die Medien sind, desto mehr Demokratie gibt es".

Erik Möller, Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern.
Heise Verlag
ISBN: 3-936931-16-XHannover 2005,



zm 96, Nr. 2, 16.01.2006, Seite 68-69