Professionspolitisches Handeln

Im Zeichen des Wandels

16. Januar 2007 - Die zahnärztliche Tätigkeit steht zunehmend unter politischen, soziologischen, ökonomischen und kulturellen
Die Tätigkeit des Zahnarztes steht unter vielfältigen gesellschaftlichen Einflüssen.
Einflüssen. Sowohl das Berufsbild selbst als auch das professionspolitische Handeln sind deshalb einer stetigen Weiterentwicklung unterzogen. Die zahnärztlichen Berufsorganisationen sind gefordert, diesen Wandel aktiv mitzugestalten.


Eine Aufgabe zahnärztlicher Berufsorganisationen ist es, gesellschaftliche Veränderungsprozesse in ihren konkreten Auswirkungen auf die zahnmedizinische Versorgung zu analysieren. Bereits Virchow stellte im Jahre 1848 fest, dass die Medizin (Zahnmedizin) eine soziale Wissenschaft und damit Resultat gesellschaftlicher Durchdringung ist. Zunehmend steht der Arzt/Zahnarzt im Zentrum kultureller, ökonomischer und politischer Einflüsse. Deshalb liefert eine soziologische Beschäftigung mit der Zahnmedizin dazu nähere Erkenntnisse.

Fest steht, dass zahnmedizinische Versorgungsstrukturen prinzipiell nur im Kontext ihrer sozialen Verpflichtungen mit der gesamten Sozialstruktur einer Gesellschaft verstanden werden können. Die zahnmedizinische Versorgung darf nicht nur als ein statisches System aufgefasst werden, sondern muss durch vielfältige Einflüsse, - zum Beispiel die gesellschaftliche Erwartung, gesetzgeberische Eingriffe oder neue Wissenschaftserkenntnisse - fortlaufend weiterentwickelt werden. Dadurch unterliegt auch das zahnärztliche Berufsbild stetigen
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Abbildung 1: Das Zahnarzt-Patienten-Verhältnis unterliegt einer Vielzahl von Einzelfaktoren.
Veränderungen.

Die zahnärztliche Profession reagiert auf den gesamtgesellschaftlichen Wandel und die sich dadurch veränderten Werte [Marotzki, 2004]. Es gilt, in einem stetigen Prozess darzustellen, welche Rolle und Bedeutung die Zahnmedizin für die gesundheitliche Betreuung in einem sozialen Sicherungssystem der Bevölkerung besitzt.


Kompetenz erweitern
Hinzu kommt, dass die heutige Informationsgesellschaft immer weiteren Teilen der Bevölkerung ein Mehr an Informationen auch über zahnmedizinische Fragestellungen bietet. Daraus ergibt sich, dass die Kompetenz des Zahnarztes für Belange der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde erweitert werden muss. Hieraus leitet sich ab, dass die zahnärztlichen Berufsorganisationen auf hohem Qualitätsniveau und mit entsprechenden Kooperationspartnern - zum Beispiel der Wissenschaft, aber auch unter Umständen Verbraucherschutzorganisationen - ständig weitere Informationen über die Patientenberatung zur Verfügung stellen müssen.

Wichtigste Grundlage des zahnärztlichen Wirkens sind jedoch stabile Rahmenbedingungen im Versorgungsalltag. Dabei ist das gegenseitige Vertrauen zwischen Zahnarzt und Patient in seinem Rollenverständnis der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche zahnärztliche Betreuung. Das Zahnarzt-Patienten-Verhältnis unterliegt einer Vielzahl von Einflussfaktoren (Beispiele dafür siehe Abbildung 1 ).

Die enormen Fortschritte in der zahnmedizinischen Wissenschaft fordern den Berufsstand in allen Bereichen der Fort- und Weiterbildung heraus. Bundes- und landesweite Erhebungen zum Fortbildungsverhalten [IDZ, Nr. 2/2005; Oesterreich, Klammt, Curth, 2002 und
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Abbildung 2: Die Risikofaktorenmedizin zeigt Zusammenhänge auf.
2004] verdeutlichen den enormen Fortbildungswillen und die Motivation des Berufsstandes. Über die Nutzung curriculärer Fortbildung erleben wir eine stärkere Spezialisierung einzelner Praxen als auch in Kooperationsformen. Insgesamt zeigt sich der Wandel des Berufsbildes hin zum Hauszahnarzt mit zwei bis drei Praxisschwerpunkten.


Vom Therapeuten zum Manager
Der Paradigmenwechsel in der Zahnmedizin hin zu einer präventionsorientierten Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde wird deutlich durch veränderte Praxisstrukturen und Prozessabläufe mit einer stärkeren Strukturierung der Befunderhebung und Diagnostik. Das Ganze mündet ein in eine präventive Langzeitbetreuung. Der Zahnarzt wandelt sich vom ausschließlichen Therapeuten hin zum Manager der oralen Gesundheit. Die in den letzten Jahren in der wissenschaftlichen Literatur verstärkt nachgewiesenen Zusammenhänge von oralen mit allgemeinmedizinischen Erkrankungen verdeutlichen den integrativen Status der Zahnmedizin im medizinischen Fächerkanon. Diese Erkenntnisse fließen ein in die Novellierung der Approbationsordnung und fordern den praktizierenden Zahnarzt sehr viel stärker in seiner medizinischen Kompetenz. Interaktion mit anderen medizinischen Fachgebieten und die intensive Auseinandersetzung mit medizinischen Parametern bei der Anamnese sind Ausdruck dieser Entwicklung.

Von besonderer Bedeutung für die Ausgestaltung zahnmedizinischer Versorgungsstrukturen bis hin zur Schwerpunktsetzung der einzelnen Zahnarztpraxis sind sozialepidemiologische Erkenntnislagen. Die jüngst publizierte Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie zeigt neben den nachhaltigen Erfolgen auch zahlreiche Handlungsfelder auf. Wichtige Erkenntnis der sozialmedizinischen Ergebnisse ist, dass die Bedeutung der Mundgesundheit aus der Sicht des Patienten im Hinblick auf das Inanspruchnahmeverhalten zahnärztlicher Dienstleistungen auf einem sehr hohen Niveau liegt. Auch ist die Patient-Zahnarzt-Bindung außerordentlich stark ausgeprägt. Nachgewiesen werden konnte ferner, dass die zahnprothetische Versorgung einen wesentlichen Einfluss auf die orale Lebensqualität besitzt. Insgesamt Ergebnisse, die die Bedeutung der Zahnmedizin aus der Sicht der Soziologie unterstreichen.

Handlungsfelder bestehen insbesondere im Hinblick auf die Verstetigung der Prävention über alle Lebensphasen und Bevölkerungsschichten hinweg. Besonders im Hinblick auf die Zunahme schwerer PAR-Erkrankungen bei den Senioren sowie bei der Zunahme von Wurzelkaries bei Erwachsenen und Senioren sind Herausforderungen erkennbar. Beide letztgenannten Handlungsfelder sind paradoxerweise Ergebnisse der zunehmenden Zahnerhaltung und erklären somit die Erkrankungsrisikoanstiege. Im Hinblick auf die insbesondere bei den PAR-Erkrankungen bestehenden Zusammenhänge zu allgemeinmedizinischen Erkrankungen steigt stetig die Bedeutung der Zahnmedizin im medizinischen Fächerkanon. Versorgungsbedarfe ergeben sich aber nicht nur in der Therapie, sondern vor allen Dingen auch langfristig im jüngeren und mittleren Erwachsenenalter im
Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der BZÄK, skizziert den professionspolitischen Wandel.
Hinblick auf die Prävention der Parodontalerkrankungen.


Erhöhte Anforderungen
Zentrale Herausforderung bleibt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels der Bevölkerung der Ausbau und die stärkere Strukturierung der Alterszahnheilkunde. Diese stellt an die Versorgungssysteme, aber auch an die einzelne Praxis deutlich erhöhte Anforderungen. Es gilt also, entsprechende Versorgungsangebote in der einzelnen Praxis, aber auch darüber hinaus im Versorgungssystem unter Beteiligung des Berufsstandes zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen. Aus der Sicht der Behandlungsbedarfe ist im Hinblick auf gesundheitsökonomische Auswirkungen in der Zahnmedizin, wie bereits in der Medizin, eine deutliche Zunahme der Kostenentwicklung im Alter zu erwarten.

Die sozialmedizinischen Erkenntnislagen zeigen aber auch Zusammenhänge von Bildung sowie sozialem Status und der Mundgesundheit auf. Die Polarisierung der Krankheitslast zeigt, wie in der gesamten Medizin auch, die Grenzen zahnmedizinischer Betreuungssysteme. Vielmehr wird deutlich, dass gesundheitliche Chancengleichheit eine Querschnittsaufgabe aller Politikfelder ist. Nur in der Interaktion unter Beteiligung der Zahnmedizin werden hier zukünftige Verbesserungen erreichbar sein. Die Risikofaktorenmedizin zeigt hierzu die Zusammenhänge der Erkenntnislage auf (Abbildung 2).

Unzweifelhaft kann festgestellt werden, dass die intensive Beschäftigung des Berufsstandes mit diesen Rahmenbedingungen zwangsläufig konkrete Auswirkungen auf den täglichen Versorgungsalltag des Zahnarztes besitzt. Die zusammengetragenen Erkenntnislagen, die nur einige Facetten aufzeigen, bieten eine gute Grundlage für die Aufstellung des Berufsstandes in den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Allerdings wird deutlich, wie komplex, aber auch wie konkret das zahnärztliche Berufsbild Veränderungen unterworfen ist. Dabei ist das aktive und gestalterische Herangehen an diesen Wandel die Aufgabe der Berufsorganisationen.

Die Bundeszahnärztekammer sieht es als ihre Verpflichtung an, jeden Kollegen auf den professionspolitischen Wandel vorzubereiten und konkrete Lösungsansätze zu bieten.

Es gilt, die Ausgestaltung des zahnärztlichen Berufsbildes aktiv zu unterstützen. Das mündet ein in konkrete Hilfestellungen, Konzepte und Handlungsanweisungen für die tägliche Praxis (siehe Kasten).

Dr. Dietmar Oesterreich
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer
Chausseestr. 13
10115 Berlin

 
Leitfaden Psychosomatik der Bundeszahnärztekammer

Ein Konzept für aktive Hilfestellung im Praxisalltag

Mit den bisher erschienen Leitfäden zur Individualprophylaxe, zur Gruppenprophylaxe und zur Alterszahnheilkunde hat die BZÄK kontinuierlich einen entsprechenden Input geliefert. Sie dienen als wissenschaftlich begründete und gleichzeitig praxisnahe Problemaufrisse für den berufstätigen Zahnarzt und als systematische Orientierungshilfe zu ausgewählten Dienstleistungen der Zahnarztpraxis. Dabei spielt der neue Leitfaden Psychosomatik in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde eine entsprechende Rolle.



Veränderungen im Morbiditätsspektrum moderner Industriegesellschaften haben unmittelbare Auswirkungen auf das Berufsbild des Zahnarztes. Dies gilt insbesondere bei der Zunahme psychischer Probleme, Störungen oder Erkrankungen mit ihren unmittelbaren Auswirkungen auf den Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich. Da das biopsychosoziale Krankheitsverständnis mittlerweile anerkanntes Gedankengut auch in der Zahnmedizin ist und die epidemiologische Situation aufzeigt, dass rund ein Viertel aller Deutschen unter psychosomatischen und psychischen Erkrankungen leidet, galt es, bei der Diagnostik und Therapie neben den modernen Methoden der Zahnheilkunde auch verstärkt psychische Faktoren zu berücksichtigen. Psychosomatische Symptome und Krankheitsbilder wirken hinein in alle Gebiete der Zahnmedizin. Deswegen ist es notwendig, dass die zahnärztliche Diagnostik und Therapie um den psychosomatischen Blickwinkel erweitert wird. Zentrale Feststellung in diesem Zusammenhang ist es, dass oftmals eine Diskrepanz zwischen Befund und Befinden des Patienten existiert. Der psychosomatisch denkende Zahnarzt stärkt somit das Zahnarzt-Patienten-Verhältnis und fördert die orale Lebensqualität.

Der von der Bundeszahnärztekammer veröffentlichte Leitfaden Psychosomatik in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde stellt die wesentlichen psychosomatischen Störungen, Krankheitsbilder und therapeutischen Ansätze im zahnärztlichen Versorgungsalltag dar und führt in die professionsübergreifende Zusammenarbeit ein. Darüber hinaus setzt der Leitfaden eine entsprechende Orientierung für Fortbildungsaktivitäten der Landeszahnärztekammern und fördert die Kooperation mit anderen medizinischen Fachgebieten.
doe

Der Leitfaden ist über die Landeszahnärztekammern zu beziehen und steht unter http://www.bzaek.de/list/za/leitfadenbzaek06.pdf im Internet zur Verfügung.




zm 97, Nr. 2, 16.01.2007, Seite 20-23