1. Februar
2006- Wir haben sie immer noch nicht in der Tasche. Doch die
elektronische Gesundheitskarte (eGK), die laut Ulla Schmidt zum 1. Januar
starten sollte, droht schon im Vorfeld zu floppen.
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| "Big Brother is
watching you!" - Ist Orwells Horrorvision in puncto eGK heute bereits
Wirklichkeit? |
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Nicht nur Insider kritisieren das
"weltweit größte IT-Projekt": Auf dem 22. Chaos Computer
Congress in Berlin warnte die Hackerszene eindringlich vor den Gefahren im
Umgang mit Karte nebst sensiblem Datenmaterial. "Der Große Bruder
sieht alles", mahnt sie - Orwells Überwachungsgesellschaft aus
"1984" sei längst Realität.
Rund 3 000 männliche Hacker plus drei Dutzend Frauen pilgerten Ende
Dezember zum Chaos Computer Congress nach Berlin, dem größten
Hackertreffen Deutschlands. Vier Tage beschäftigte sich die Szene nicht
nur mit den phänomenalsten Gimmicks und den neuesten Hackertricks. In
großen Vorträgen zerlegten IT-Spezialisten und Computerfreaks auch
das weltweit größte IT-Projekt: unsere elektronische
Gesundheitskarte.
Die Sümpfe der Traurigkeit
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Risiken
überwiegen
Die Gesundheitstelematik birgt neben Chancen also
erhebliche Risiken - viele angebliche Vorteile muss man hinterfragen. Das ist
ein Ergebnis des CC-Kongresses.
Analysen zu
früheren Modellversuchen mit echten Patientendaten sind beunruhigend. Maus
befürchtet eine Gefahr für Gesellschaft und Demokratie, zumal nur
wenigen Experten ein echter Zugang zum Thema eGK und Heilberufsausweis
gestattet wird.
Die Sicherheit
des Systems bleibt ein großes Risiko, da die Gesundheitsdaten ein
attraktives Angriffsziel darstellen.
Die Kosten
werden explodieren.
Der Nutzen
für Arzt und Patient fällt augenscheinlich viel geringer aus als
vorausgesagt.
Die Handhabung
ist fraglich. |
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Informatikguru Thomas Maus brachte es in seinem
Vortrag "Elektronische Gesundheitskarte und Gesundheitstelematik - 1984
reloaded? Eine unendliche Geschichte, Kapitel: Die Sümpfe der
Traurigkeit" auf den Punkt. Treffen seine Prognosen zu, dann kommt auf
Deutschland einiges zu. Denn Anspruch und Wirklichkeit der Gesundheitstelematik
sowie deren Umsetzung gehen laut Maus weit auseinander. Ob eGK, E-Rezept oder
Arztbrief: "Der Nutzen der elektronischen Ausweise ist schön
gerechnet." Natürlich, räumt Maus ein, bringt jede neue Technik
auch Probleme mit sich. Dennoch sollten die Vorteile überwiegen. Genau das
sei bei der eGK aber nicht der Fall. Konzept und technische Umsetzung sind
mangelhaft, urteilt Maus.
Die periodenübergreifende Datenzusammenführung mit Pseudonym aus
Geburtsdatum, Geschlecht und Postleitzahl komme einem Primärschlüssel
gleich - so wurde in der DDR laut Maus eine nicht pseudonymisierte
Personenkennzahl aus Geburtsdatum, Geschlecht, Melderegister und laufender
Nummer eingeführt.
Immer mehr Informationen und Daten würden systematisch gesammelt - die eGK
sei das prominenteste Beispiel, tadelten die PC-Experten. "Daten sind
heute wie Strahlung", erklärte der japanische Internetunternehmer und
Bürgerrechtler Joi Ito. "In der Minute, in der sie erzeugt werden,
sind sie überall. Sie können nicht einfach gelöscht
werden."
Goldgräberstimmung in der Wirtschaft
Eine genaue Kosten- und Nutzenanalyse fehlt, kritisiert Maus. Über
Einsparungen könne man darum, wenn überhaupt, nur spekulieren.
Beispielhaft seien die notwendigen Neuanschaffungen in den Praxen. Hier finde
der Arzt, der investieren muss, Angaben von 1 500 bis 10 000 Euro.
Nicht zu unterschätzen sind Maus zufolge dabei die Folgekosten:
Neuinvestitionen seien etwa alle fünf Jahren zu erwarten. In den bisher
zugänglichen
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Das
Ganze ist ein Wirtschaftsförderungsprogramm zu Gunsten der IT-Industrie,
das mit Geldern aus dem Gesundheitswesen finanziert wird. |
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Dr. Janusz Rat, Chef der KZV
Bayern |
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Kalkulationen fehlten allerdings wichtige Posten,
wie etwa Gebäude, PC-Wartungen, Firewalls. Auch die Kartenkosten hält
Maus für zu niedrig angesetzt. Wie
Dichtung und Wahrheit auseinander liegen, zeige das Beispiel der
Erstinvestition der Krankenhäuser im Modellversuch Trier: Veranschlagt
wurden für zwei Häuser 140 000 Euro, ausgegeben 450 000 Euro.
Führende Köpfe aus der Wirtschaft, so Maus, sagten selbst: "Es
herrscht Goldgräberstimmung."
In den Praxen ist die Stimmung dagegen mau. Die Mediziner befürchten neben
den gigantischen Kosten auch einen erheblichen Mehraufwand. Allein für den
Verbindungsaufbau veranschlagt die Industrie 30 Sekunden, für die
Authentisierung weitere zehn bis 15 Sekunden - ohne dass das Signieren und die
PIN-Erfassung Berücksichtigung finden. Kommen 100 Patienten in die Praxis,
kann sich jeder ausrechnen, wie groß der Aufwand für den Behandler
und seine Mitarbeiter ist und wie sehr die Bürokratie, die man eigentlich eindämmen wollte, sich weiter
aufbläht.
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Schadensbegrenzung
Hacker sind keine Kriminellen, stellte
CCC-Veranstalter Tim Pritlove bei der Kongresseröffnung klar. Ein Hacker
sei vielmehr einer, der sich "besorgt, unnachgiebig und wütend"
für die Informationsfreiheit einsetze. Denn die Technik steht nur an
zweiter Stelle - im Mittelpunkt steht die Politik. Die Hacker fordern für
die eGK
eine Definition
der Mindestanforderungen für den Hackertest und
die
Aufklärung der Bevölkerung über die geplante
Gesundheitstelematik (Risiko/
Kosten/Nutzen). Die Szene bietet ihre Mitarbeit an zielführenden Systemen
an, um Schadensbegrenzung zu betreiben, einen Nutzen für die Gesellschaft
zu schaffen und eine echte Informationshoheit der Bürger zu
gewährleisten, und zwar barrierefrei, auch hinsichtlich Bildung und Alter.
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Jetzt hat das europäische Parlament auch noch mit einer
Zweidrittelmehrheit einen von Datenschützern und IT-Industrie lautstark
kritisierten Richtlinienvorschlag zur Vorratsdatenspeicherung abgenickt:
Anbieter von Telekommunikationsdiensten sollen verpflichtet werden,
Verbindungsdaten bis zu 24 Monate zu speichern. Was aber bedeutet das für
die eGK? Wie wird die Richtlinie bei ärztlichen Zugriffen auf die
Patientendaten gehandhabt? Den Schwarzen Peter haben die einzelnen
EU-Länder. Und die EU? Schweigt.
Dr. Franz Josef Wilde
Zahnärztekammer Westfalen-Lippe
Von-Alpen-Str. 8
48720 Rosendahl-Osterwick
zm 96, Nr. 3, 01.02.2006, Seite
28-29
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