16.
Februar 2006 - Stress im Job, Frust wegen der Figur oder Trouble in der
Partnerschaft - "Zähne zusammenbeißen
und durch", lautet heute wortwörtlich
die Devise. Vielen von uns geht der Ärger auf die Psyche: Einige kauen das
Problem auch nachts noch durch und schädigen damit Zähne und Kiefer.
Andere klagen über unerklärbare Schmerzen oder finden sich
unattraktiv. Eine rein zahnmedizinische Therapie ist keine Lösung - erst
die ganzheitliche Behandlung bringt Körper und Seele wieder ins Lot.
Zähne und Seelenkummer - ist das überhaupt ein Thema, das
Zahnärzte in der Praxis interessiert? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Grob
geschätzt leidet etwa ein Viertel von uns an psychischen Störungen,
genauso viele Menschen knirschen mit den Zähnen. Gut zehn Prozent der
Bevölkerung sind depressiv, der Anteil an Angststörungen ist ebenso
hoch.
Dass sich seelische Störungen oftmals auch mittels körperlicher
Symptome äußern, ist bekannt. Warum aber nehmen Mund, Zähne und
Kiefer dabei eine so zentrale Rolle ein?
Sensibles Nervennetz
Ohne gesunde Kauwerkzeuge ist natürlich jedes Lebewesen stark
beeinträchtigt. Neben der rein physiologischen besitzt der Mund noch eine
wichtige psychologische Funktion: Er
|
|
 |
|
|
Psyche und Soma
In der Medizin und auch in der Zahnmedizin
dominiert noch immer die Zweiteilung in Körper und Seele. Im Unterschied
dazu steht die Psychosomatik für eine ganzheitliche Betrachtungsweise in
der Medizin. Sie geht davon aus, dass Körper (Soma) und Seele (Psyche)
untrennbar miteinander verbunden sind und der Mediziner bei der Behandlung
deshalb immer körperliche und seelische Faktoren berücksichtigen
muss. |
|
|
|
beschreibt die Mitte des Kopfes und damit das
menschliche Zentrum schlechthin. Eine Vielzahl von Nerven durchzieht Lippen,
Mundschleimhaut, Kaumuskeln, Zunge, Rachen und Schlund und macht diese extrem
empfindlich gegenüber allem, was stört und nicht funktioniert - egal,
ob durch organische Verletzungen oder seelische.
Nicht nur die inneren Strukturen weisen Mund und Gebiss einen prominenten Platz
zu. Wie unser Gegenüber gelaunt ist, erkennen wir am Gesichtsausdruck,
speziell an der Mimik rund um den Mund. Lacht uns jemand an, ist er uns wohl
gesonnen. Zeigt er uns die Zähne, wissen wir: Gefahr ist in Verzug.
Der Mund ist außerdem die erste Körperzone, über die wir
zwischenmenschliche Beziehungen knüpfen. Schon das Baby saugt an der
mütterlichen Brust, nimmt alles in den Mund und später mittels
Sprache Kontakt zu seiner Umwelt auf. Wir essen, kauen, beißen,
schmecken, lachen, drohen, schmollen, küssen, spucken. Jede dieser
Ausdrucksformen ist direkt gekoppelt an endokrine, vegetative Prozesse. Und,
was im Zusammenspiel von Zahnschmerz und Seelenpein viel wichtiger erscheint:
an die Gemütslage, also an unsere Stimmung.
Zähne, Mund und Kiefer sind deshalb extrem häufig in Mitleidenschaft
gezogen, wenn Betroffene über Ärger klagen oder in einer Krise
stecken. Einleuchtend, aber trotzdem kompliziert. Den meisten Patienten ist
nämlich gar nicht klar, dass ihrer Qual kein körperliches Leiden
zugrunde liegt, sondern ein unverarbeiteter seelischer Konflikt.
Blick hinter die Fassade
Natürlich verbirgt sich nicht hinter jedem Kieferschmerz automatisch ein
psychisches Dilemma - in den meisten Fällen führt
erfahrungsgemäß die rein zahnmedizinische Therapie zum Erfolg.
Dennoch lassen bestimmte Krankheitsbilder einen psychosozialen Hintergrund
vermuten. Allein Dauerstress beeinflusst die Mundgesundheit negativ:
Parodontitis heilt unter Druck erwiesenermaßen schlechter. Umgekehrt
können Patienten in tiefe Depressionen stürzen, weil sie glauben, sie
seien nach der OP entstellt oder weil eine schwere Zahnkrankheit an ihnen nagt.
Durchweg ist es besser, der Zahnarzt forscht nach und berücksichtigt die
Lebenslage des Patienten. Wer eine optimale Diagnose wie Therapie anstrebt,
wirft einen Blick hinter die Fassade. Dazu gehört auch, dass der Behandler
sich mit Psychologen, und Psychotherapeuten kurzschließt.
Als erstes gilt freilich, diejenigen mit psychosomatischen Beschwerden
auszumachen. Wann erzählen Zähne Geschichten von der Seele? Drei
Beispiele.
1. Fall: Bruxismus
Anna, 39, klagt über Druck im Kiefer. Er tut beim Kauen weh, sie
spürt einen Druck und hat das Gefühl, "die Zähne passen
nicht mehr aufeinander". Ein Blick in den Mund zeigt starke
Schliff-Facetten im Frontbereich und eine leichte Fehlstellung. Das
erklärt das Schmerzbild. Auf den ersten Blick ein klarer Fall für
Aufbiss-Schienen, Einschleiftherapie, Onlays oder Kronen. Auf Nachfrage, wie es
privat und beruflich läuft, erzählt Anna allerdings: Die neue Stelle
als Eventmanagerin schlaucht. Weil die alleinerziehende Mutter viele
Überstunden schiebt, kommt ihr Sohn zu kurz. Anna beißt sich an
ihrem Problem sozusagen die Zähne aus. |
Sie steht damit nicht allein. Viele verarbeiten den Druck auch nachts, indem
sie ihre Probleme nochmals durchkauen und mit den Zähnen knirschen. Der
Zahnarzt sieht es auf den ersten Blick: abgeriebene Kauflächen, die
aussehen wie poliert, das Dentin scheint durch oder liegt frei
|
|
|
Psychosomatische Medizin ist keine Spezialdisziplin, sondern
eine geänderte Betrachtungsweise |
|
Dr. Wolfgang Schmiedel,
Präsident der Zahnärztekammer Berlin |
|
|
. Beißt man richtig fest zu, liegt auf dem
Seitenzahnbereich ein Druck von bis zu 400 Kilogramm pro Quadratzentimeter -
normal sind 40 Kilogramm. Diese Last bleibt nicht ohne Folgen: Die Zahnwurzeln
im Kiefer werden extrem belastet und drücken auf den Knochen, die ganze
Kaumuskulatur verspannt und verhärtet sich. Extrem schädlich wirkt
sich die Schiebebewegung auf die Frontzähne aus: Der Schmelz wird
abradiert, in Extremfällen bis zur Pulpa. In dem Zusammenhang erhalten
Kiefergelenks- und Muskelfehlfunktionen (CMD, Cranio Mandibular Disorder) einen
hohen Stellenwert. Sie führt man ebenso oft auf psychische Probleme
zurück.
Zweigleisig fahren
Egal, was der Zahnarzt auf den ersten Blick vermutet - er fährt erstmal
zweigleisig. Das heißt, im ersten Schritt werden Mundraum, Zähne und
Kiefer untersucht. Schließt die Kontrolle zahnmedizinisch bedingte
Schädigungen aus, sind die Zahnprobleme Folge, nicht Ursache der
seelischen Verspannung. Hilfe bringt jetzt die Psychotherapie, weil sie der
Sache auf den Grund geht statt an den Symptomen herumzudoktern.
2. Fall: Zahnbehandlungsangst
Peter, 45, wirkt äußerst nervös und angespannt. Er ist unruhig,
zittert. Sein Atem geht flach, seine Hände sind schweißnass. Jede
Bewegung, jeder Handgriff von Zahnarzt und Personal werden von ihm mit
Argusaugen registriert. Auf die Frage, ob es ihm gut geht, mutmaßt er,
die Behandlung ginge schief. |
Bis zu einem gewissen Grad ist die Angst vorm Zahnarzt durchaus normal. Fast
zwei Drittel aller Patienten geben an, sie fühlen sich beim Zahnarzt
verschüchtert und verschreckt. Problematisch wird die Angst jedoch, wenn
sie sich zu einer regelrechten Phobie entwickelt und der Patient den Gang zum
Zahnarzt aufschiebt oder gar umgeht.
|
|
|
 |
|
Nach der Arbeit eben noch durch
den Supermarkt , eben noch die Wohnung auf Vordermann bringen, eben noch mit
Freunden treffen. Am Ende liegt man völlig ausgelaugt in der Ecke - der
Stress fordert seinen Tribut. |
|
|
Die amerikanische psychiatrische Gesellschaft
erklärt, Angst wird zu einer Krankheit, wenn
sie
unangemessen stark ist
sie zu
häufig und zu lange auftritt
man die
Kontrolle verliert
man
Angstsituationen vermeiden muss
der Patient
stark unter der Angst leidet
Nicht wenige Menschen kommen nur im Notfall oder gar nicht in die Praxis. Der
Zahnarzt wird gescheut, obwohl die Betroffenen wissen, dass sie sich mit dem
Vermeidungsverhalten nur noch größere Schmerzen einhandeln. Die, die
sich überwinden, weil ihnen der Befund große Sorge macht, gehen
schon verkrampft dorthin - in der Erwartung, dass die Behandlung weh tun wird.
Die Folgen sind dramatisch: tief zerstörte Zähne, infiziertes
Zahnbett, Zahnausfall.
Das Hasenherz an die Hand nehmen
Wovor der Patient sich fürchtet, ist unterschiedlich und reicht von der
Spritze über Schmerzen bis hin zum Behandler. Die Angst des einen ist also
nicht unbedingt mit der des anderen vergleichbar. Möglicherweise steckt
ein Trauma dahinter, also ein schlimmes Erlebnis bei einem Zahnarztbesuch in
der Vergangenheit. Möglicherweise führten Horrorstories seitens
Dritter zu der Ängstlichkeit. Was also tun gegen das Hasenherz? Viele
Behandler setzen immer noch auf die Vollnarkose - scheint sie doch der
einfachste Weg, um überhaupt zu therapieren. Ebenso werden Medikamente
verordnet, um Schmerz und Angst zu reduzieren. Mit diesen Methoden wird die
Behandlung zwar ermöglicht - das Grauen vor dem Zahnarzt aber bleibt.
Eine Zahntherapie verläuft aber dann am besten, wenn der Patient sich in
der Praxis gut aufgehoben fühlt und deshalb soweit wie möglich die
Behandlung unterstützt. Optimaler, weil wirksamer sind darum Ansätze,
mit denen man die Angst wirklich in den Griff kriegt.
Zuerst sollte der Zahnarzt den Patienten ruhig und genau darüber
aufklären, was ihn erwartet und warum. Die Alternative zum
Behandlungszimmer ist der Besprechungsraum: Hier sitzt der Patient nicht
ausgeliefert auf dem Zahnarztstuhl, sondern auf Augenhöhe dem Behandler
gegenüber, idealerweise ohne, dass ein Tisch die Gesprächspartner
trennt.
|
|
 |
|
| Entnervte Blicke, dumme
Sprüche: Wer mit seinem Partner ständig streitet, strapaziert nicht
nur Dritte, sondern vor allem seine Gesundheit. |
|
|
|
Eine zahnärztliche Hypnose kann helfen, die
Angst abzubauen, genauso sinnvoll sind Gespräche beim Psychologen oder
Psychotherapeuten. Ängstliche oder verunsicherte Patienten lernen dort,
wie man sich selbst beruhigt und den Körper in die Lage versetzt, die
Behandlung mitzutragen. Ob autogenes Training, Yoga oder andere spezielle
Atemübungen, Ablenkungs- und Entspannungstechniken - wichtig ist, dass der
Kranke Methoden kennen lernt, die ihn bei kritischen Stress- und Angstattacken
unterstützen. Umgekehrt hilft der Zahnarzt dem Patienten, wenn er seine
Panik ernst nimmt. Rücksicht und Geduld führen eher zum Ziel als das
Hauruck-Verfahren. Auch Versprechungen getreu dem Motto "das tut gar nicht
weh, das haben wir gleich", sind kontraproduktiv, entpuppen sie sich
hinterher als Bluff. Enttäuschung, Ärger und noch größerer
Schrecken vor dem Zahnarztstuhl sind das Ergebnis. Denn hinter dem Grausen vorm
Zahnarztstuhl versteckt sich nicht selten eine längst überwunden
geglaubte grässliche Erfahrung, die unser Gedächtnis einfach nicht
gelöscht hat. Unser "Schmerzgedächtnis" speichert
nämlich manchmal längst vergangene Schmerzreize unnötig ab und
lässt Betroffene weiter leiden, obwohl die organische Ursache längst
behoben ist.
Gerade bei dieser Form der Chronifizierung spielen seelische Faktoren mitunter
eine wichtige Rolle.
Auf Schmerz programmiert
3. Fall: Chronische Schmerzen
Ursula, 56, erhielt vor drei Jahren eine Teilprothese. Seitdem klagt sie
über Schmerzen. Mal brennt das Zahnfleisch, mal drückt der Zahnersatz
auf den Kiefer, sodass sie eine Kieferseite gar nicht belasten mag. Dabei
scheint es keinesfalls so, als sei sie halsstarrig oder auf Ärger aus.
Körperlich ist alles vollkommen in Ordnung: Die Prothese sitzt
einwandfrei, keine Druckstellen, keine Abschürfungen, keine
Entzündungen. |
Sind sämtliche ärztliche und zahnärztliche Diagnosen negativ,
spricht vieles auch hier für eine Fehlprogrammierung in der
Schmerzerinnerung. Klassisch ist, dass der Schmerz wandert und man ihn nicht
lokalisieren kann. Darüber hinaus kommt es häufig vor, dass die
Prothese aus seelischen Gründen einfach nicht passen will.
|
|
|
 |
|
"Kraft aus der Mitte" -
keine hohle Phrase, sondern beim Yoga ein Training, das Muskeln und
Nervenkostüm gleichermaßen stärkt. |
|
|
Macht doch der herausnehmbare Zahnersatz bei der
Zahnpflege täglich aufs Neue bewusst: Die körperliche Unversehrtheit
ist verloren und geht nicht mehr rückgängig gemacht.
Untersuchungen in den USA und hier zu Lande zeigen, dass im Durchschnitt
ungefähr jeder zehnte Patient seine Prothese nicht verträgt. Typisch
ist:
Befund und
Befinden klaffen auseinander: Der Patient klagt über große
Schwierigkeiten, doch der zahnärztliche Befund gibt keinen Anlass zur
Korrektur.
Doctorshopping
und Prothesen sammeln: Der Patient tingelt von Arzt zu Arzt und sammelt zum
Teil bergeweise Prothesen. Jede erzählt eine eigene Leidensgeschichte -
und zwar für Patient Angehörige und Zahnarzt gleichermaßen.
Beschwerden
fluktuieren:Die Zahl der Beschwerden ist sehr groß, und die Symptome
wandern - ohne dass der Patient den Eindruck erweckt, zu simulieren.
Beschwerden
stehen im Mittelpunkt: Im Leben der Betroffenen kreist alles um den Schmerz.
Während andere mit ähnlichen Diagnosen gut mit Therapie und Schmerzen
zurechtkommen, verzweifeln diese daran.
Beginn der
Beschwerden geht einher mit einschneidendem Lebensereignis: Das Leiden setzt
mit einem "life event" ein, das das bisherige Leben grundlegend auf
den Kopf stellt. Das Erlebnis muss gar nicht immer negativ, sondern kann auch
positiv besetzt sein. Ob sich der Partner trennt oder stirbt - genauso gut
können ein Umzug oder eine Beförderung Schuld am Leiden sein.
Bei neuen Patienten checkt man das Umfeld zuvor in der Regel ab - entscheidend
ist aber auch, dass man treue Patienten regelmäßig fragt, wie es
privat und beruflich um sie steht.
Ist eine umfangreiche Behandlung geplant, sollte man damit warten, bis der
Patient die Krise überwunden hat. Ist die Maßnahme unaufschiebbar,
wird sie selbstverständlich durchgeführt. Bei Kranken in der Krise
besteht jedoch das Risiko, dass der Eingriff die deprimierte Verfassung noch
verstärkt und zu weiteren psychosomatischen Beschwerden führt.
Eine Frage der Beziehung
Heute wissen wir, dass der Therapieerfolg nicht allein vom
handwerklich-technischen Geschick abhängt - mindestens genauso bedeutend
ist die Qualität der Beziehung zwischen Behandler und Patient. Drei
Begriffe sind zentral: Empathie, Wertschätzung, Echtheit.
empathisch: Der
Zahnarzt fühlt sich in Welt und Wirklichkeit des Patienten ein und nimmt
die Gefühle des Patienten in dem Moment so wahr als stünde er selbst
an dessen Stelle;
wertschätzend: Er ist aufgeschlossen, geht respektvoll mit dem Patienten
um und akzeptiert ihn so, wie er ist - mit all seine Stärken und
Schwächen, seinem sozioökonomischen Background und seinen
Möglichkeiten, das Leben zu bewältigen;
echt: Der
Zahnarzt verhält sich authentisch. Das, was er macht und sagt, stimmt mit
dem überein, was er wirklich denkt und fühlt.
Um mithilfe dieser Faktoren eine gute Zahnarzt-Patienten-Beziehung aufzubauen,
ist vor allem eins gefragt: Zeit. Nur wenn beide Seiten sich die nötige
Zeit nehmen, versteht der Zahnarzt die Nöte des Patienten und der wiederum
macht die Erfahrung, dass der Behandler empathisch, wertschätzend und echt
ist.
Typische Anlässe für Gespräche sind die Anamnese, die
Aufklärung über die Diagnose und die
|
|
 |
|
|
Der
Zahnärztetag der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg steht
2006 unter dem Motto Psychosomatik in der Zahnheilkunde. Termin: 20. - 21.10.
in Stuttgart. |
|
|
|
Behandlungplanung.
Was aber tun, wenn der Patient Diagnose und Therapie nicht akzeptiert? Reagiert
der Patient ungehalten, nimmt der Behandler den Ärger am besten erstmal
an. Ruhig bleiben, tief durchatmen - selbst wenn der Kranke die Grenzen
überschreitet. Merkt der Zahnarzt, dass ihn die Situation zu sehr
belastet, kann es von Vorteil sein, den Ort zu wechseln oder zumindest
eine andere Haltung einzunehmen.
Psychologen raten auch, an positiv besetzte Erlebnisse zu denken, weil man
dadurch leichter sein Gleichgewicht bewahrt. In "Balint-Gruppen",
benannt nach dem ungarischen Arzt und Psychoanalytiker Michael Balint
(1896-1970), treffen sich viele Zahnärzte regelmäßig, um in
Form von Supervision ihre Fälle vorzustellen und zu besprechen. Sie wollen
dadurch die Arzt-Patienten-Beziehung verbessern und lernen, persönliche
Aversionen außen vor zu lassen.
Lohnt für beide Seiten
Das klingt alles schwierig. Ist es auch. Lohnt sich der Weg überhaupt?
Für den Patienten - sicherlich. Er wird besser verstanden und ganzheitlich
geheilt. Aber auch der Zahnarzt profitiert. Er wird weniger zermürbt durch
Überlastung und Burnout. Mit dem mehrschichtigen Konzept kann er auch die
Wirklichkeit des Kranken mehrschichtig erfassen und dadurch seine
ärztliche Hilfe erweitern. Sein Selbstverständnis als Mediziner
ändert sich - hilft er doch denen, die bislang vergeblich darauf hofften.
Genau das ist der Punkt: Die Wertschätzung seitens des Patienten steigt -
jener revanchiert sich mit einem Plus an Vertrauen, Therapietreue, Hygiene und
vielleicht auch mit einem verringerten Schmerzempfinden. Denn eine gute
Zahnarzt-Patient-Beziehung
verbessert die
Diagnostik: Je größer das Vertrauen, umso mehr wird sich der Patient
dem Zahnarzt öffnen und ihm wichtige Infos anvertrauen;
verbessert die
Compliance: Vertraut der Patient seinem Zahnarzt, befolgt er eher dessen Tipps
zur Prophylaxe und Zahnbehandlung;
zahlt sich aus:
Zufriedene Patienten kommen wieder und empfehlen den Zahnarzt weiter.
|
 |
|
|
|
Gelungene
Kooperation - hier funktioniert's
Das Projekt "Seele & Zähne" der
Zahnärztekammer Berlin: Nach dem unglaublich erfolgreichen
Zahnärztetag "Zahnheilkunde mit Kompetenz für Medizin und
Seele" im Februar 2005 und einem sehr gut besuchten Patientenseminar rief
die Zahnärztekammer eine Kooperation mit der Psychotherapeutenkammer ins
Leben, um betroffene Patienten leichter zu entdecken und ihnen adäquat zu
helfen. Berliner Zahnärzte und Psychotherapeuten können sich schulen
lassen, ganzheitliche Zusammenhänge leichter zu erkennen, um den Patienten
die Zusammenhänge rund um die Mundgesundheit bewusst zu machen und damit
ihre Compliance für eine mögliche Weiterbehandlung im Bereich
Psychotherapie zu fördern. Zahnärzte können Betroffene an eine
spezielle Patientenberatung überweisen, außerdem gibt es eine
Info-Broschüre. Jetzt plant Dr. Wolfgang Schmiedel, Präsident der
Zahnärztekammer Berlin, ein Curriculum für Zahnärzte und
Psychotherapeuten.
Kontakt: Birgit Dohlus, Gemeinsame Pressestelle der Berliner Zahnärzte,
Tel.: 030 3012-7886, Mail: info@zahndienst.de
An der Uni
Münster hat Prof. Dr. Stephan Doering bundesweit die einzige Professur
für Psychosomatik in der Zahnheilkunde inne. Er will mit seiner Forschung
den Ursachen psychogener Schmerzen und Prothesenunverträglichkeiten auf
die Spur kommen, aber auch erfahren, wie psychische Prozesse die
körpereigene Abwehr beeinflussen können.
Zugleich will er den Menschen die Angst vorm Zahnarzt nehmen und sie peu
à peu an die Behandlung heranführen. An der Ambulanz für
Psychosomatik in der Zahnheilkunde Münster gibt es Hilfe für
Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen, die sich auf Mund, Zähne und
Kiefer auswirken. In Gesprächen wird nach möglichen seelischen
Ursachen gefahndet. Gruppentherapien, geleitet von Zahnärzten,
Psychotherapeuten und Physiotherapeuten, werden genauso angeboten wie
tiefenpsychologische Verfahren, Verhaltenstherapien und individuell
ausgearbeitete Physiotherapien. Der Patient kann sich aber auch in
Wohnortnähe psychotherapeutisch weiterbehandeln lassen. Doering plant den
Aufbau eines Netzwerks niedergelassener Psychotherapeuten und setzt auf die
Kooperation möglichst vieler Zahnärzte. Kontakt: Prof. Dr. Stephan
Doering, Tel.: 0251 83-47079, Mail (Sekretariat):
Elke.Zimmermann@ukmuenster.de,
www.klinikum.uni-muenster.de/institute/
zmk/einrichtungen/proth
Der
Arbeitskreis Psychologie und Psychosomatik in der ZMK-Heilkunde der DGZMK
(AKPP) unter der Leitung von Prof. Anne Wolowski veranstaltet Fortbildungen, um
die Kompetenz der Zahnärzte im Bereich Psychosomatik zu stärken. Der
AKPP hält engen Kontakt zu angrenzenden Fachgesellschaften der
Medizinischen Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie.
Der AKPP thematisiert psychologische und psychosomatische Aspekte in
Patientenversorgung, Lehre und Forschung und erarbeitet Empfehlungen und
Stellungnahmen. Ein Curriculum zum Thema liegt vor. Siehe
www.dgzmk.de/gruppen/akpp/intro.htm.
Das von den
Arbeitskreisen getragene Netzwerk Psychologie und Zahnmedizin
"Psydent" will dem Thema einen festen Platz geben. Kontakt: PD Dr.
Renate Deinzer, Tel.: 0211 81-13016, Mail:
renate.deinzer@uni-duesseldorf.de,
www.uni-duesseldorf.de/PsyDent
Dr. Peter
Jöhren, bisheriger AKPP-Vorsitzender, leitet die Zahnmedizinische
Tagesklinik und das Therapiezentrum für Zahnbehandlungsangst in Bochum.
Dort werden ängstliche und phobische Patienten behandelt, ambulant und
stationär. Tel.: 0234 5839228,
www.zahnbehandlungsangst.com.
|
zm 96, Nr. 4, 16.02.2006, Seite 32-36
|
|