Thema des Millerpreises richtungsweisend

Früherkennung von malignen Mundhöhlenläsionen

16. Februar 2009 - Der höchste wissenschaftliche Preis der DGZMK wurde anlässlich des Deutschen Zahnärztetages in Stuttgart erstmals seit
Abbildung 1: Bürstenbiopsie einer verdächtigen Schleimhautveränderung am Gaumen
vier Jahren wieder vergeben. Bei der preiswürdigen Arbeit handelt es sich um eine wissenschaftliche Grundlagenarbeit, die aber in der niedergelassenen Praxis unter Umständen lebensrettende Dienste am Patienten liefert. Hier eine Zusammenfassung der Forschungsarbeit.

Der Titel der Studie lautete "Identifikation oraler Risikoläsionen und Karzinome mittels oraler Zytologie - Immunzytochemische, massenspektrometrische (SELDI), DNA-zytometrische und quantitative mRNA-Analyse oraler Bürstenbioptate."

Hinter dieser Formulierung "versteckt" sich die moderne Form des zytologischen Abstrichs, mit dessen Hilfe "verdächtige" Schleimhautveränderungen in der Mundhöhle ohne Skalpell und mit hoher Sicherheit der Aussage überprüft werden können. Die Folge: Eine kleine Bürste ersetzt (zumindest vorläufig) das Messer!

Abbildung 2: Standartisierte Immunzytochemie mit Laminin-5 und Tenanscin-C; Normale Schleimhaut und immunzytochemisch erkannte und markierte Zellen eines Plattenepithelkarzinomes der Mundhöhle (OSCC)


Die "gewöhnliche" Zytologie mit Auswertung nach Papanicolau, wie sie in der Gynäkologie zu großen Erfolgen in der Frühbehandlung von Zervixkarzinomen geführt hat, gelingt in der Mundhöhle nicht mit gleicher Aussagekraft, da das Mundhöhlenepithel verhornt und die
Der Millerpreisträger hatte diese Technologie während seiner Facharztausbildung an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Plastische Operationen des HELIOS Klinikums Erfurt bei Chefarzt Prof. Dr. Dr. Hans Pistner und in enger Zusammenarbeit mit Professor Dr. Hartwig Kosmehl, Chefarzt des Institutes für Pathologie am gleichen Klinikum, zugleich einem sehr versierten und anerkannten Oralpathologen, entwickelt. An der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Regensburg (Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert) wurden die Daten vervollständigt und die Technik zur Rezidivüberwachung erweitert. Driemel hat zu diesem Thema an der Universität Regensburg habilitiert. Im Verlauf wurden die Studien mit Mitteln der Europäischen Union FP6, LSCH-CT-2003-5032, Stroma und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung BMBF unterstützt.
entscheidenden Zellen mit einem einfachen Wattestab-Abstrich nicht gewonnen werden können. Hier hilft die Verwendung von relativ harten Bürstchen (siehe Abbildung 1) weiter. Entscheidend für die Aussagekraft der sogenannten Bürstenbiopsie sind die in Driemels Studie erstmals immunzytochemisch markierten extrazellulären Matrixproteine wie die Gamma2-Kette von Laminin-5 und hochmolekularem Tenascin-C. Diese sind Schlüsselproteine der Invasions- und Metastasierungskaskade von oralen Plattenepithelkarzinomen. Die immunzytochemische Markierung von atypischen Zellen in den Bürstenbiopsiepräparaten erleichtert das Auffinden der diagnoseentscheidenden Zellen, rationalisiert die Diagnostik und ermöglicht eine hohe Sicherheit der Interpretation. Daraus resultiert eine Sensitivität (Karzinom richtig erkannt) von 95 Prozent und eine Spezifität von 99 Prozent (nur einer von 100 positiven Tests ist falsch positiv).

Die hohe Sensitivität der methodisch erweiterten und abgesicherten Bürstenzytologie macht diese Technik als ersten diagnostischen Schritt im Rahmen des Monitorings von Mundschleimhautläsionen empfehlenswert. Positiver Befund und Progression der Läsion bei negativem Befund sind hiernach Indikationen zur Überweisung des Patienten an Fachkliniken und zur dort durchzuführenden histopathologischen Kontrolle. Sie sollen immer dann zum Einsatz kommen, wenn eine Schleimhautläsion klinisch als nicht dringend tumorverdächtig angesehen wird und zunächst durch Beobachtung verfolgt wird. In diesen Fällen sind auf Bürstenbiopsie basierende Verfahren geeignet, diagnostische Fehleinschätzungen frühzeitig zu erkennen. (Abgerechnet werden können die Gebührennummer 05 des BEMA 2004 beziehungsweise die GOÄ-Nr. 279 und 7.) Bei jedem klinisch eindeutigem Karzinomverdacht erübrigen sich sämtliche Verfahren der oralen Bürstenbiopsie, denn es wird unmittelbar eine Skalpellbiopsie erforderlich. Durch frühe Überweisung in eine Fachklinik kann die notwendige chirurgische Therapie im Umfang kleiner bleiben. Die Überlebenswahrscheinlichkeit und Lebensqualität eines Patienten sind um so höher, desto kleiner ein Tumor bei Diagnosestellung und Behandlungsbeginn war.

Die Verleihung des Millerpreises für die Bürstenbiopsie ist ein wichtiger Schritt für die Zahnmedizin hin zur ZahnMedizin: Die Augen des Zahnarztes können mithilfe dieses neuen Werkzeuges für maligne Erkrankungen der Mundhöhle geschärft werden. Die einfache nicht invasive Wiederholbarkeit in der Zahnarztpraxis erlaubt die engmaschige Kontrolle oraler Vorläuferläsionen und ermöglicht eine frühzeitige Erkennung maligne transformierter Zellen. sp/pi

 

Der Deutsche Millerpreis

Der Deutsche Millerpreis wird vom Vorstand der DGZMK jährlich als Anerkennung für die beste wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde seit 1908 und nach Unterbrechung seit 1961 vergeben. Nicht in jedem Jahr wurden die eingereichten Studien für preiswürdig befunden: 2008 wurde erstmals nach einem preislosen Intervall von drei Jahren der mit 10?000 Euro dotierte Preis an Privatdozent Dr. Dr. Oliver Driemel, bislang Oberarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Regensburg, wieder vergeben. Der Preisträger lässt sich ab 2009 in Lüneburg in einer Praxis nieder.


zm 99, Nr. 4, 16.02.2009, Seite 50-51