16. Februar
2010 - Schlechtes Wasser, mangelnde
Impfangebote, Seuchengefahr - wenn irgendwo in der Welt gesundheitliche
Missstände angeprangert werden, taucht die Weltgesundheitsorganisation
(World Health Organisation - WHO) in der Berichterstattung auf. Dabei
verläuft der größte Teil ihrer Arbeit im Hintergrund jenseits
der medialen Beachtung.
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Die WHO ist eine Gründung der
Vereinten Nationen - mit Mandat für die Gesundheitsversorgung. |
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Doch was genau macht die WHO eigentlich?
Die WHO wurde 1948 als Sonderorganisation der Vereinten Nationen
gegründet. Sie hat als einzige UN-Organisation ein Mandat für die
Arbeit im Gesundheitsbereich. Die konkrete Politik der
Weltgesundheitsorganisation wird im Rahmen der jährlichen
Weltgesundheitsversammlung festgelegt. Diese setzt sich zusammen aus
Regierungsdelegationen aller 193 Mitgliedsstaaten der WHO - 191
Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen sowie zwei Nicht-Mitgliedstaaten: Niue
und die Cookinseln. Jedes Land hat unabhängig von Größe oder
Einwohnerzahl bei der Weltgesundheitsversammlung eine politische Stimme. Als
globale Gesundheitsbehörde hat die WHO zwar großen Einfluss auf die
politische Gestaltung der Gesundheitssysteme - doch ihre Resolutionen haben
keine gesetzlich bindende Kraft, sondern eher den Charakter einer moralischen
Verpflichtung.
Förderung des Gesundheitswesens
Hauptaufgabe der Weltgesundheitsorganisation ist es, den Regierungen bei der
Wahrnehmung
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WHO-Programme in Deutschland |
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Europäisches Netzwerk für
gesundheitsförderliche Bewegung
Globaler Wandel
und Gesundheit
HIV/Aids
Prävention
von Gewalt und Verletzungen
Reproduktive
Gesundheit und Forschung
Sexualaufklärung in Schule und Kindergarten
Stillfreundliches Krankenhaus
Tabakfreies
Europa
Verkehr und
Gesundheit
Wohnen und
Gesundheit
Umwelt und
Gesundheit |
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ihrer Verantwortung für die Gesundheit ihrer
Völker behilflich zu sein. Jedes einzelne Land soll dabei beratend
unterstützt werden, seine eigene Gesundheitspolitik zu verbessern, ein
effektives Gesundheitssystem aufzubauen und eigene Gesundheitsprogramme zu
entwickeln. Die WHO unterstützt die Länder darüber hinaus,
gesundheitliche Gefährdungen der eigenen Bevölkerung zu verhüten
- dabei können diese Gefährdungen von Land zu Land sehr
unterschiedlich sein.
Generell finanziert die Weltgesundheitsorganisation selbst keine
Gesundheitsprogramme, sondern tritt vor allem beratend auf. Um immer auf dem
neuesten wissenschaftlichen Stand zu sein, hat sie ein weltumspannendes
Netzwerk von externen Kollaborationszentren aufgebaut. Allein in Deutschland
gibt es derzeit 33 solcher Institutionen - beispielsweise Universitäten
oder das Paul-Ehrlich-Institut - mit ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen.
Sie stellen der WHO ihr Wissen bei der Bearbeitung konkreter Probleme, Aufgaben
und Fragestellungen zur Verfügung. Die so gewonnenen wissenschaftlichen
Erkenntnisse nutzt die Weltgesundheitsorganisation für ihre
Beratungstätigkeit und macht sie über Publikationen und
Internetdatenbanken öffentlich zugängig. Damit die Publikationen
kostenlos gelesen werden können, wurden in der europäischen Region 51
Bibliotheken zu WHO-Dokumentationszentren ernannt. Über das Internet ist
zudem der kostenlose Zugriff auf die Datenbanken der WHO möglich. Das
integrierte System statistischer WHO-Datenbanken umfasst beispielsweise die
Datenbank "Gesundheit für alle" (GFA-Datenbank). Diese
ermöglicht den schnellen und leichten Zugriff auf wichtige internationale
Gesundheitsstatistiken für die Länder der europäischen Region.
Die Datenbank enthält ausgewählte Indikatoren wie Sterblichkeit,
Morbidität oder demografische Faktoren und bietet jeweils eine grafische
Darstellung dieser Daten. Eine andere Datenbank, das elektronische
Informationssystem für Infektionskrankheiten (CISID), enthält
Informationen zu den wichtigsten Infektionskrankheiten wie Tuberkulose oder HIV
sowie Länderangaben zum jeweiligen Durchimpfungsgrad.
Regionalisierung der Arbeit
Die Organisationsstruktur der WHO ist gekennzeichnet durch eine
Regionalisierung ihrer Arbeit. So soll eine dezentrale und effektive
Politikberatung möglich sein, die sich auf einen begrenzten Bereich von
Ländern mit ähnlich gelagerten Problemen fokussiert.
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 WHO-Organigramm für
Europa |
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Das WHO-Regionalbüro für Europa ist
eines von sechs in allen Teilen der Welt angesiedelten Regionalbüros, die
alle ein jeweils eigenes, auf die besonderen gesundheitlichen Probleme ihrer
Mitgliedsländer abgestimmtes Programm haben.
Das WHO-Regionalkomitee für Europa setzt sich aus Vertretern aller
Mitgliedstaaten der Europäischen Region zusammen und tagt einmal
jährlich. Sein Sitz befindet sich in Kopenhagen. Es verfügt über
fünf Außenstellen in Barcelona, Bonn, Brüssel, Rom und Venedig
sowie über Länderbüros in 29 Mitgliedstaaten in der gesamten
Region.
In dem von der WHO als europäische Region definierten Gebiet leben
über 880 Millionen Menschen in einem Gebiet, das sich zwischen
Nordpolarmeer und Mittelmeer und zwischen Atlantischem und Pazifischem Ozean
erstreckt. In den 53 Ländern dieser europäischen Region gibt es zu
Beginn dieses Jahrtausends immer noch über 165 Millionen Menschen, die
unter der Armutsgrenze leben und keinen oder nur schlechten Zugang zu
gesundheitlicher Versorgung haben. In diesen Ländern engagiert sich die
WHO auf politischer Ebene dafür, ein funktionierendes Gesundheitssystem
überhaupt erst zu etablieren oder die vorhandene Gesundheitsversorgung zu
erweitern und zu verbessern.
Auch in den europäischen Ländern mit vergleichsweise gut
organisierten Gesundheitssystemen engagiert sich die WHO. Hier verläuft
ihre Arbeit eher im Hintergrund und dringt nur selten in die Medien. Die
Weltgesundheitsorganisation bietet innerhalb jeder der sechs Weltregionen ein
bestimmtes Portfolio an Gesundheitsprogrammen, an denen - je nach Bedarf - die
Länder aktiv teilnehmen können. Rein länderspezifische Projekte
der WHO gibt es nicht.
Impfprogramme
Die Bekämpfung von durch Impfung vermeidbaren Krankheiten beispielsweise
gehört zu den wichtigsten Gesundheitsprogrammen der WHO in der
europäischen Region. Ziel ist etwa neben der Erhaltung der Poliofreiheit
auch die Eliminierung von Masern und Röteln in der Region und
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Prävention oraler Erkrankungen |
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Das WHO-Kollaborationszentrum
"Präven-tion oraler Erkrankungen" am Zentrum für Zahn-,
Mund- und Kieferheilkunde des Jenaer Uniklinikums beging im Jahr 2008 sein
25-jähriges Bestehen. Geleitet wird es von PD Dr. Dr. Bernd W. Sigusch.
Das Kollaborationszentrum ist das einzige seiner Art, das die
Weltgesundheitsorganisation im deutschsprachigen Raum unterhält. Die
Mitarbeiter des Zentrums sammeln Daten zur Prävention von
Munderkrankungen, sie erheben klinische, experimentelle wie auch soziologische
Studien und werten diese aus. |
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damit einhergehend die Bekämpfung von
vorgeburtlichen Schädigungen durch Röteln (Rötelnembryopathie).
Bereits mehr als 60 Prozent der Mitgliedstaaten haben die 2005 festgelegte
Zielvorgabe der Eliminierung von Masern und Röteln erreicht. 2005 wurde
auch erstmals die Europäische Impfwoche durchgeführt. Sie wurde
seitdem jährlich wiederholt, mittlerweile nehmen die meisten
europäischen Länder daran teil.
Ein weiteres Beispiel der WHO-Arbeit sind die Programme zur Eindämmung des
Tabak- und Alkoholkonsum. Die öffentliche Unterstützung für eine
rigorose Anti-Tabak-Politik und Maßnahmen zur Eindämmung des
Tabakkonsums ist mittlerweile groß und nimmt national und international
weiter zu. Bis Ende 2007 waren 152 Vertragsparteien, darunter 41
Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO sowie die Europäische
Gemeinschaft, dem Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des
Tabakgebrauchs (FCTC), dem ersten weltweit verbindlichen Vertrag im Bereich der
öffentlichen Gesundheit, beigetreten.
Neben Impfung, Tabak- und Alkoholkonsum gibt es noch viele weitere Bereiche, in
denen sich die WHO mit ihren Gesundheitsprogrammen für mehr Gesundheit in
der europäischen Region engagiert. Dazu gehören die Aufklärung
über und Bekämpfung von HIV/Aids oder die Eindämmung von
Epidemien und Pandemien wie zurzeit bei der Schweinegrippe. Der Themenkomplex
Adipositas, Ernährung und Bewegung ist ein weiteres Schwerpunktthema in
Europa und in Deutschland.
Forschungsarbeit
Ein Beispiel für die Arbeit der 33 deutschen Kollaborationszentren in
Deutschland ist die Universität Bielefeld mit ihrer Forschungsarbeit zur
Kinder- und Jugendgesundheit. Hier forschen Wissenschaftler, welche
gesundheitsrelevanten Einstellungen und Verhaltensmuster sich bereits im
Kindes- und Jugendalter herausbilden und inwieweit sich diese im Laufe des
Lebens verfestigen.
Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, wie sich bestimmte Faktoren -
beispielsweise Sport, soziale Kontakte oder gemeinsame Mahlzeiten in der
Familie - auf ein gesundes Aufwachsen der Kinder auswirken und welche
Spätfolgen mit dem Fehlen dieser Faktoren verbunden sind.
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Grundsätze der WHO
1. Gesundheit ist für alle Bürger der
Welt ein grundlegendes Menschenrecht.
2. Eine im Geiste von Solidarität und Chancengleichheit entwickelte
Politik ist der Schlüssel zur Sicherung von Gesundheit, Entwicklung und
gesellschaftlicher Stabilität.
3. Gesundheit beginnt mit den Menschen - sie wird nicht einfach nur für
sie gemacht. Eine gesunde Welt lässt sich nur durch die aktive Mitsprache
und das partnerschaftliche Zu-sammengehen von Bürgern, Fachkräften
und Politikern der unterschiedlichsten Ressorts schaffen. Alle Sektoren
müssen dabei für die gesundheitlichen Folgen ihres Handelns
einstehen.
4. Chancengleichheit bedeutet nicht einfach Umverteilung gesundheitlicher
Leistungen. Sie erfordert bewusste, konkrete Maßnahmen, und zwar nicht
nur in der Gesundheitsversorgung, sondern auch in Hinblick auf die sozialen und
wirtschaftlichen Determinanten von Gesundheit. Chancengleichheit bedeutet, dass
man eine auf breiter Grundlage ruhende Gesamtpolitik zum Schutz und zur
Förderung von Gesundheit führt, eine gesunde und sichere
natürliche, soziale und kulturelle Lebens-weise schafft und es dem
einzelnen Menschen, der Familie und der Gemeinschaft ermöglicht, ihre
Kompetenz zur Förderung und zum Schutz ihrer eigenen Gesundheit
weiterzuentwickeln. Quelle: WHO |
Neben der Forschungsarbeit in den Kollaborationszentren gibt es in Deutschland
noch das Europäische Zentrum für Umwelt und Gesundheit (ECEH) in
Bonn. Mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung beschäftigt
sich dieses WHO-Büro mit den Auswirkungen von Umweltgefahren auf die
Gesundheit des Menschen und besonders der Kinder in den Staaten der
europäischen Region. Rund ein Dutzend Experten werten aktuelle
wissenschaftliche Erkenntnisse aus und entwickeln in Zusammenarbeit mit
verschiedenen Kooperationspartnern Richtlinien und Empfehlungen als Grundlage
für politische Entscheidungen. Schwerpunkte sind beispielsweise die
Beeinträchtigung der Luftqualität durch Feinstaubbelastung im
Straßenverkehr aber auch durch den Kontakt mit Tabakrauch als
Passivraucher. Auch Studien über die Konsequenzen von Verkehrs- oder
Fluglärm werden hier erstellt.
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Millenniums-Entwicklungsziele
Im September 2000 nahmen 189 Länder
einstimmig die Millenniums-Erklärung an, in der sie folgende Verpflichtung
eingingen: "Wir werden keine Mühen scheuen, um unsere Mitmenschen -
Männer, Frauen und Kinder - aus den erbärmlichen und
entmenschlichenden Lebensbedingungen der extremen Armut zu befreien, in der
derzeit mehr als eine Milliarde von ihnen gefangen sind." Die
Erklärung führte zur Formulierung der acht
Millenniums-Entwicklungsziele (MZ), von denen drei in das Verantwortungsgebiet
der WHO fallen und die im Zeitraum zwischen 1990 und 2015 zu verwirklichen
sind:
Beseitigung der
extremen Armut und des Hungers
Verwirklichung
der allgemeinen Grundschulbildung
Förderung
der Gleichberechtigung der Geschlechter und Ermächtigung der Frau
Senkung der
Kindersterblichkeit
Verbesserung
der Gesundheit von Müttern
Bekämpfung
von HIV/Aids, Malaria und anderen Krankheiten
Sicherung der
ökologischen Nachhaltigkeit
eine weltweite
Entwicklungspartnerschaft. |
Bis heute gibt es in der europäischen Region zwischen den einzelen
Ländern extreme Unterschiede in der Lebenserwartung. Und innerhalb eines
jeden Landes ist ein deutliches gesundheitliches Gefälle zwischen den
verschiedenen Sozialschichten zu erkennen. Wenn auch auf einem anderen Niveau
als in den ärmeren Ländern dieser Welt, engagiert sich die WHO jedoch
nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in den westlichen,
industrialisierten Staaten Europas. Oberstes Ziel der WHO-Arbeit ist
allerdings, im Rahmen der Milleniumsziele der Vereinten Nationen (siehe Kasten)
für alle Menschen in Europa und auf der ganzen Welt Mindeststandards der
Gesundheitsversorgung zu erreichen und so zu einer langsamen Angleichung der
Verhältnisse zwischen den ärmeren und den reicheren Ländern zu
kommen.
Otmar Müller
Gesundheitspolitischer Fachjournalist
Nürburgstraße 6
50937 Köln
zm 100, Nr. 4, 16.02.2010, Seite
110-114
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