Zahnersatz aus dem
AuslandDas Gipsmodell im HöhenflugSusanne Priehn-Küpper |
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16.
März 2006 - Die neue Brust aus Ungarn, die gerade Nase aus
Tschechien und das Keramikgebiss aus Bulgarien - ganz zu schweigen
Schleichend und klammheimlich begann zumindest der Zahntourismus in
den grenznahen Regionen der deutsch-österreichischen Nachbarländer.
Denn schon vor mehr als 20 Jahren meinten österreichische
Schnäppchenjäger eine wunderbare Spardose entdeckt zu haben, indem
sie ins benachbarte Ungarn reisten, um dort ihre Zähne "richten"
zu lassen. Was anfangs noch vereinzelt und "unter der Decke" lief,
war die Grundsteinlegung für eine neue Reisebranche. Volle
Reisebusladungen Zahnsanierungswilliger wurden und werden ins benachbarte
Billigland gekarrt. Was Ungarn als Vorreiter propagierte, machten seine
Nachbarn nach und ließen sich dabei nicht lumpen. Mögen sie da
Bulgarien, Tschechien, die Türkei oder anders heißen.
Manch einem kam aber das günstige
Urlaubsschnäppchen im Nachhinein teuer zu stehen.
Materialunverträglichkeiten, Passungenauigkeiten, herausgefallene Kronen
und Brücken und vieles mehr stehen auf der oft langen Beschwerdeliste auch
manch eines früheren ZahnMedizintouristen.Qualität der Reisemitbringsel Die Produktion in Ländern mit niedrigen Lohnkosten bringt nach Angaben der Experten nicht selten geringere Qualität. Von "schwersten Mängeln" ist in einer Studie über die Qualität von in Ungarn hergestelltem Zahnersatz die Rede. Die Untersuchungen von Professor Dr. Norbert P. Lang an der Klinik für Parodontologie, Kronen- und Brückenprothetik der Universität Bern
Das Ergebnis: Standard A und B konnten für ungarische Arbeiten nicht vergeben werden. C-Leistungen waren lediglich bei 20 Prozent erbracht. Standard D erhielten 41 Prozent und Standard E 39 Prozent. Die Gründe für die häufig mindere Qualität sind vielschichtig. Nicht nur die anderen ästhetischen Maßstäbe und technischen Standards, sondern auch differierende Methoden, Verfahren, Ausbildung von Zahnarzt und Techniker sowie letztendlich auch andere Materialien lassen nicht immer einen Qualitätsvergleich mit deutscher Meisterarbeit zu. So müssen Legierungen in vielen Ländern nicht ausgewiesen werden. Wenn nach zwei Jahren die "Goldarbeit" schwarz wird, kann nicht mehr festgestellt werden, welcher unedle Legierungsanteil nun wirklich durchschlägt. Es gibt kaum CE-Zertifikate und selten Garantien. Trotz inzwischen aktueller EU-Standards für Studiengänge und Qualitätsanforderungen, nehmen immer wieder Patienten Zahnbehandlungen auch im Nicht EU-Land in Kauf, meistens mit Folgen. Der anschließende Gang zum heimischen Zahnarzt ist dann nicht nur peinlich, sondern für die Kassen auch eine hohe Belastung. In einer in der dzz (Deutsche Zahnärztliche Zeitung 2004, Seite 230 ff.) veröffentlichten Untersuchung nehmen Dr. Christiane Baulig et al. zur Ergebnisqualität und Kosteneffektivität zahnärztlich-prothetischer Versorgungen, die im Nicht-EU-Ausland durchgeführt wurden, Stellung. Ziel der Arbeit war es, den für das deutsche Gesundheitssystem summarisch resultierenden Erlösverlust durch die Inanspruchnahme zahnärztlich-prothetischer Leistungen im Ausland, die bei fehlerhafter Behandlung unter Umständen anfallenden
Das Ergebnis war niederschmetternd: Lediglich 23 Prozent der Patienten hatten im Ausland einen hinsichtlich Planung und Qualität zufrieden stellenden Zahnersatz erhalten. Auffällig war die Prävalenz von 48 Prozent fraglich notwendiger Einzelkronen sowie qualitativ unzureichender Brückenversorgungen. Die Autoren fanden heraus, dass eine aus Patientensicht positive finanzielle und klinische Bilanz nur für einfachen Einzel- und totalen Zahnersatz zu erheben war. Das Autorenteam schlussfolgert, nachdem es die tatsächlichen Auslandskosten und die heimatlichen Folgekosten mit den ursprünglich in Deutschland angefallenen Versorgungskosten in Verbindung bringt: "...Summarisch ergab sich aus Patientenperspektive ein statistisch signifikanter summarischer Verlust von 10 998 Euro (Vorzeichentest p<0.001) für die 60 begutachteten Patienten nach Inanspruchnahme zahnärztlich-prothetischer Leistungen im Ausland, so dass diese Versorgungen sowohl aus klinischer wie auch ökonomischer Sicht zu hinterfragen sind." Überdies betont der inzwischen emeritierte Prothetikprofessor Dr. Klaus Lehmann aus Marburg die Notwendigkeit regelmäßiger Nachsorge und die Anpassung des Zahnersatzes an veränderte Kiefer- und Schleimhautverhältnisse. Diese seien medizinisch notwendig, um die gute Funktion und die lange Tragedauer des Zahnersatzes zu erhalten. Außerdem biete Zahnersatz, der in deutschen Meisterlabors hergestellt wird, alle Sicherheiten: rechtlich abgesicherte Garantien, ausschließliche Verwendung von erprobten und nachprüfbaren Materialien mit CE-Zeichen und schnelle Wege bei den Reparaturen.
Ein ganz wichtiges Argument dafür, Zahnbehandlungen mit Zahnersatz nicht im Ausland durchführen zu lassen, ist nach Meinung von Prof. Lehmann, auch die räumliche Nähe von Zahnarzt und Zahntechniker. "Denn wenn etwas nachgearbeitet werden muss oder etwas defekt ist, hat man sonst ein Problem." Die beste Voraussetzung für qualitativ hochwertigen Zahnersatz sei außerdem eine gut funktionierende Teamarbeit. Arbeiteten Zahnarzt und zahntechnisches Labor Hand in Hand, kenne jeder die Arbeit des anderen und könne sie einschätzen; davon würden die Patienten und natürlich die Zahnärzte mit ihrem Image profitieren. Teamarbeit trotz Billiglohn Teamarbeit ist auch das Zauberwort, das sich pfiffige Geschäftsleute aus dem Dentalsektor auf die Fahnen schrieben. So wie deutsche Markenfabrikanten ihre Couture in Fernost nähen lassen, so sollten die teuren deutschen Meisterlöhne in hiesigen Zahnlabors umgangen werden. Und - Argumente die gegen die Zahnbehandlung jenseits der Grenzen leider oft greifen, treffen nicht unbedingt zu, wenn die Brücke zwar in Fernost gearbeitet, aber in deutschen Praxen abgeformt und eingepasst wird. Auch, wenn der Gegenwind, der verständlicherweise seitens der Zahntechniker gegen diese Geschäftsidee weht, nicht gerade gering ist und teilweise schon "Orkanstärke" erreicht. Logistik parallel zum Flugplan Ein Beispiel: 12:50 Uhr Amsterdam. Die KLM-Maschine steht abflugbereit. Da wird noch schnell ein Paket übergeben. Der Steward übernimmt, zeichnet gegen, schon schließt sich die
Deutsche Zahnärzte gaben für solche Geschäftsidee die Qualitätskriterien vor, in China oder anderen Billiglohnländern wird produziert und wieder nach Europa verschickt. Zu einem Kostenaufwand, der sich durchaus sehen lassen kann. Aber auch Erfahrungen wurden gemacht. Qualitätskontrolle wird auch in den anderen Überseelabors großgeschrieben. Egal, ob in Manila (Interadent) oder GWR Hongkong (Permadental) gefertigt wird. Gearbeitet wird nur mit achtfacher Lupenbrille, jeder Arbeitsplatz ist für einen Arbeitsschritt zuständig. Auch in großen deutschen Labors hat sich dieser "Ökonomiegedanke" inzwischen etabliert. Die Ausbildung der Zahntechnikerinnen erfolgt inzwischen fast überall nach deutschen Standards. Als in den ersten Jahren kleinste Beanstandungen seitens der deutschen Zahnärzte kamen, wurde nicht lange gefackelt. Der chinesische Laborleiter (mit dem beispielsweise Permadental zusammenarbeitet) reiste nach Deutschland, lernte an einer deutschen Universitätszahnklinik die Messlatte der hiesigen Anforderungen mit anderen Augen zu sehen und setzte diese Erfahrungen um. Namhafte führende Dentalfirmen schulen inzwischen vor Ort, so wird auch dort, zwölf oder noch mehr Flugstunden von Deutschland entfernt, ausschließlich mit Materialien deutscher Dentalfirmen produziert. Biokompatibilität ist gewährleistet, die Materialen entsprechen alle dem Medizinproduktegesetz, CE- und ISO-Normen sind gesichert. Der Zahnersatz aus Fernost wird regelmäßig kontrolliert und auf Herz und Nieren geprüft. Dieser Thematik nahm sich auch der Kölner Protetikprofessor Dr. Thomas Kerschbaum an. In einer Reihe von Untersuchungen stellte er Vergleichsstatistiken bezüglich des Randschlussverhaltens von Kronen auf, die aus dem Pool der Firma Permadental stammten. Dazu wurden zufallsmäßig 50 unverblendete und verblendete Kronen der Lieferung entnommen, die für den Überseeversand fertig gestellt waren. Die Kronenrandkontrolle erfolgte an jeweils zehn Messstellen elektronenmikroskopisch. Die Ergebnisse der 50 Zufalls-Stichproben wurden bereits in zm 19, 2001, Seite 44 ff. publiziert. Sie zeigten Abweichungen von der in der Standardliteratur geforderten Randfugenbreite von unter 100 µm und bewegten sich in der gleichen Größenordnung, wie sie in repräsentativen Untersuchungen zwischen deutschen Labors zu beobachten waren. Das heißt, die untersuchten Asien-Stichproben entsprachen durchaus dem Querschnitt der Qualität, wie sie von deutschen Dentallabors geliefert wird.
Reklamationen gibt es heute wenig. Im Jahr 2004 lag die Fehlerrate unter drei Prozent, diese Zahlen werden von einer Firma offen genannt. Die meisten Beanstandungen betreffen die Farbauswahl. Was nicht gefällt oder passt, geht wieder auf die Reise. Innerhalb einer Woche ist die Zahntechnikerarbeit zurück beim Zahnarzt und damit beim Patienten. Das versprechen die "Asia"-Hersteller und halten dies auch ein. Mit einer ausgeklügelten Logistik. Ohne eine Gewährleistung würden sie auf dem deutschen Markt nicht bestehen können. Drei Jahre sind Vertragsbedingung, Kulanz ist an der Tagesordnung. Und Vertrauen ist alles. Auf beiden Seiten. Wenn deutsche Zahnärzte Fragen haben, helfen die deutschen Firmen sofort, wenn nötig, schaut auch mal ein Mitarbeiter in der Praxis vorbei. Der enge Draht zur hiesigen Dentalindustrie ist fest geknüpft, ohne ihn gäbe es keine Sicherheit für die Patienten. Inzwischen sprechen sich derartige Geschäftsideen in Zahnarztkreisen herum. Viele haben es ausprobiert und ihre Patienten mit günstigerem, in Asien oder auch Südamerika hergestelltem Zahnersatz versorgt. Nun liegt es in der Hand des Zahnarztes, was er seinen Patienten anbietet. Nicht selten fahren deutsche Praxisinhaber zweigleisig, mit dem Labor um die Ecke sowie mit dem in Übersee. Angeboten wird dann beides und der Patient beziehungsweise sein Geldbeutel entscheidet, ob das Gebiss auf Reisen geht. Denn was schließlich zählt, sind das Endprodukt und der zufriedene Patient, der immer noch die Messlatte für das Image einer jeden Praxis ist. Schwarzes Schaf in der Branche Doch nicht alles was glänzt ist goldig. Viel Medienrummel verursachte der "Globudent-Skandal", der bundesweit nicht nur die Staatsanwaltschaften beschäftigte, sondern auch Verbraucher verunsicherte und Zahnärzte, die mit dem Ausland arbeiten, oft ins falsche Licht rückte. Globudent, als Betreiber von Zahntechnischen Produkten in asiatischen Billiglohnländern berechnete deutsche Preise beziehungsweise unterstützte deutsche Zahnärzte dabei, diese von ihren Patienten abzukassieren. Der Deal flog auf, Geschäftsführer sitzen ein oder mussten hohe Strafen zahlen, eine Reihe von sympathisierenden Zahnärzten sitzt nun nach nunmehr fast vier Jahren immer noch auf der Anklagebank. Ein Fall, der die Auslandsbranche erschütterte, zumindest all diejenigen, deren Geschäftsidee es ist, auch die günstigeren Herstellungskosten an ihre Patienten weiterzugeben. zm 96, Nr. 6, 16.03.2006, Seite 32-36 |
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