DAK-Gesundheitsreport

Pillen bei Problemen

16. März 2009 - Der Wunsch nach Erfolg treibt nicht nur Sportler in die Doping-Falle. Rund zwei Millionen gesunde Berufstätige greifen zu
Konzentriert, kreativ, karrierebewusst: Wer seine Leistung mit Pillen steigert, verkennt die Gesundheitsrisiken und Suchtpotenzial.
Pillen, um Leistung und Laune zu verbessern. Das ist das Ergebnis des aktuellen Gesundheitsreports der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK).


Eine Tasse Kaffee als Wachmacher, eine Zigarette gegen Stress, ein Glas Wein zum Abschalten - das kennt wohl jeder von sich selbst oder von Kollegen. "Um Konkurrenzdenken, Termin- und Leistungsdruck besser auszuhalten, greifen manche Menschen jedoch auch zu wirksamen, aber gefährlichen Tabletten oder Drogen, die aufputschen oder beruhigen sollen", sagt DAK-Chef Herbert Rebscher bei der Vorstellung des Gesundheitsreports 2009 der Krankenkasse in Berlin.


Akzeptierte Aufheller
Rund zwei Millionen Deutsche helfen laut den aktuellen Zahlen der DAK im Job mit Medikamenten nach - etwa 800 000 von ihnen regelmäßig. Männer griffen eher zu aufputschenden oder konzentrationsfördernden Mitteln, Frauen zu Arzneien gegen depressive Verstimmungen und Ängste. Die Mittel kämen vielfach von Kollegen, Freunden oder aus dem Versandhandel.

Betroffen sei etwa jeder Zwanzigste. "Doping am Arbeitsplatz ist derzeit noch kein weit verbreitetes Phänomen", erklärt Rebscher. Doch mit der Entwicklung neuer und potenter Wirkstoffe könne das Problem zunehmen.

Als bedenklich wertet die Kasse auch folgendes Ergebnis: Knapp ein Fünftel der Befragten hält die Risiken im Vergleich zum Nutzen für vertretbar. "Das ist ein Alarmsignal", unterstreicht
Männer frisieren ihr Leistungspotenzial, Frauen polieren ihre Stimmungen auf."
DAK-Chef Herbert Rebscher
Rebscher. Fast ebenso viele hätten jemanden im Bekanntenkreis, der schon mal ohne medizinisches Erfordernis Pillen geschluckt hat. Insgesamt befragte die Kasse repräsentativ rund 3 000 Arbeitnehmer zwischen 20 und 50 Jahren.


Diagnose oder Doping
Auch Verordnungs- und Diagnosedaten ihrer erwerbstätigen Versicherten glich die DAK ab, umAnhaltspunkte für Missbrauch auf Rezept zu finden. Resultat: Bestimmte Mittel, etwa gegen Demenz, ADHS oder Depressionen, verordneten Mediziner auch ohne, dass sie eine entsprechende Diagnose gestellt hätten.

Gefehlt habe die Diagnose etwa bei gut 97 Prozent der Patienten, die den Anti-Demenz-Wirkstoff Piracetam bekommen hätten. Ähnlich sei es bei mehr als einem Viertel der Versicherten gewesen, die das ADHS- und Konzentrationssteigerungsmittel Methylphenidat erhalten hätten.

"Die Ergebnisse dieser Analyse geben indirekte Hinweise auf eine mögliche Fehl- und Überversorgung oder Medikamentenmissbrauch", so die DAK. Sie warnt vor Nebenwirkungen und einem hohen Suchtpotenzial. "Der Wunsch, immer perfekt sein zu müssen, lässt sich auch durch Medikamente nicht erfüllen", bekräftigt Rebscher.

Die heutige Arbeitswelt begünstige Doping im Job, zitiert die Kasse aus einer Expertenbefragung. Die Wissenschaftler plädierten für mehr Aufklärung in der Öffentlichkeit und unter den Ärzten. Der Schlüssel für dauerhaft gesunde Beschäftigte sei eine ausgewogene Work-Life-Balance, betont der DAK-Chef: "Die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben ist daher für die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland von hoher Bedeutung." jr

Mehr dazu gibt es unter http://www.dak.de

 

Niedriges Niveau, Problem Psyche

Mit dem DAK-Gesundheitsreport legt die Kasse ihre aktuelle Jahresstatistik der Krankenstände vor. Ergebnis: Ein DAK-Versicherter fehlte 2008 durchschnittlich 11,9 Tage. Im Vorjahr waren es noch 11,5. Insgesamt stieg der Stand 2008 geringfügig von 3,2 auf 3,3 Prozent. "Es gibt keinen Grund, hieraus eine Trendwende herbeizureden, da das Niveau weiterhin niedrig ist", kommentiert DAK-Chef Herbert Rebscher die Zahlen. Im Westen sind es durchschnittlich 3,1 Prozent, im Osten 3,9 Prozent.

Alarmierend ist jedoch laut Kasse die Entwicklung der psychischen Krankheiten: Sie legten 2008 im Vergleich zum Vorjahr mit 7,9 Prozent überproportional zu. Zwischen 1998 und 2008 stieg ihr Anteil am Krankenstand um gut 60 Prozent von 6,6 auf 10,6 Prozent. Am häufigsten fehlten die Versicherten wegen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Atmungssystems sowie aufgrund von Verletzungen.

Bei der Analyse nach Branchen landeten die Beschäftigten des Gesundheitswesens auf Platz eins, während Rechtsberater/Wirtschaftsberater die niedrigste Rate verzeichneten. Die DAK wertete mithilfe des Berliner IGES Instituts die Daten von 2,5 Millionen erwerbstätigen Mitgliedern aus.jr


zm 99, Nr. 6, 16.03.2009, Seite 32-33