Fabergé-Eier

Frohe Ostern

Marlene Endruweit
16. April 2006 - Kunst oder Kitsch? Die Experten schwanken in ihrer Beurteilung, wenn es um die prächtigen Eier des russischen Hofgoldschmieds
Üppigkeit prägt russische Tradition. Die Fabergé-Eier, die die Zaren und ihre betuchten Landsleute gerne verschenkten sind ein Beispiel dafür.
Peter Carl Fabergé geht. Einigkeit herrscht aber darüber, dass die österlichen Geschenke aus der Zeit Zar Alexanders III. zu den kleinen Meisterwerken gehören, die Sammlerherzen höher schlagen lassen.


Die Erwachsenen freuen sich über ein prächtiges Exemplar gefüllt mit frischen Pralinen, die Kinder über süße Schokoladeneier, eingehüllt in buntes Knisterpapier, oder sie haben Spaß daran, simple Hühnereier fantasievoll zu bemalen. Diesen Osterbrauch pflegten die Russen schon seit dem 17. Jahrhundert. Zum höchsten religiösen Fest des Jahres schenkten sich Freunde und Verwandte bunt geschmückte Eier. Damals begnügte sich das einfache Volk mit ein, zwei Eiern als Gabe zum Fest. Wer es sich leisten konnte, überreichte aus Holz gedrechselte oder aus Porzellan beziehungsweise Glas gefertigte Eier. Die Reichen bevorzugten kleine reich verzierte Miniatur-Eier aus Gold und Email aus der Werkstatt von Peter Carl Fabergé. Sie trugen sie wahlweise an einer Kette um den Hals oder am Arm.

Zar Alexander III. gefielen diese kleinen Aufmerksamkeiten. Doch für seine Gemahlin wollte er etwas Besonderes. Er beauftragte 1885 den Goldschmied mit der Gestaltung eines besonders kostbaren Eies, dass er Zarin Maria Feodorovna, zum Osterfest überreichte: Das Hennen-Ei war das erste von insgesamt zehn. 40 weitere orderte sein Nachfolger Nikolaus II. während seiner Regentschaft von 1895 bis 1916. Davon verschenkte er jährlich zwei: eins an seine Mutter und eins an seine Gemahlin. Unterbrochen hat die Tradition nur der russisch-japanische Krieg 1904 und 1905.

Schon der erste Versuch, für den Fürsten etwas Extravagantes herzustellen, gelang dem künstlerisch wie kaufmännisch begabten Fabergé. Das Hühner- oder Hennen-Ei sieht mit seiner weiß emaillierten Außenhaut einem echten Ei sehr ähnlich. Darin aber verbirgt sich ein goldener Dotter, der sich wiederum öffnen lässt und zum Vorschein kommt ein kleines
goldenes Huhn mit Rubinen als Augen. Ursprünglich trug es sogar eine kleine Zarenkrone, die aber verloren ging.


Eine Idee für jedes Jahr
Von Jahr zu Jahr trieben Fabergé und seine Werkstattmeister immer größeren Aufwand bei der Produktion der Eier. Die raffinierten Kreationen, die handwerkliche Kunst und die teuren Materialien hatten ihren Preis. Kostete das erste Ei noch 4 115 Rubel, verlangte Fabergé für das Maiglöckchen-Ei von 1898, dessen Blüten aus Perlen, Diamanten, grünem Email, Bergkristall und Elfenbein geformt sind, stolze 6 700 Rubel. Im Körper verborgen sind die Miniatur-Porträts von Zar Nikolaus und seinen beiden Töchtern Olga und Tatjana. Bei der Drehung eines Perlenknopfes fahren die Bilder heraus.

Das mit Abstand teuerste Meisterwerk war das Winter-Ei von 1913 für 24 600 Goldrubel. Entworfen wurde es in Erinnerung an einen besonders strengen Winter. Im Inneren des transparenten Eies befindet sich als Symbol der Hoffnung ein kleiner aus Platin und Diamanten geflochtener Blumenkorb. Die Anemonen im Korb sind aus Quarz geschnitten, wobei die Stängel und Blütenbeutel aus Gold und die Blätter aus Nephrit gearbeitet sind. Auf einer Auktion bei Sotheby's in New York erzielte es vor vier Jahren den Höchstpreis von 9,6 Millionen Dollar.


Geschichte überdauert
Die Geschichte der 50 wertvollen Eier ist bestimmt durch die politischen Geschehnisse in Russland. Ein Ei - das St.-Georgsorden-Ei - nahm die Zaren-Mutter zu Beginn der Revolution mit auf ihre Flucht nach Dänemark. Die restlichen Eier ließ Lenin beschlagnahmen. Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts verscherbelte er die Schätze an westliche Kunsthändler wie zum Beispiel Armand Hammer. Über ihn gelangten das "
Klein, aber originalgetreu verbirgt sich die Zarenkutsche im 1897er Ei.
Zwölf-Monogramme-Ei" und das Ei "Katharina die Große" nach Washington ins Hillwood Museum.

Die größte Sammlung kaiserlicher (9) und nicht-kaiserlicher Eier (6) aber trug der englische Verleger Malcolm Forbes zusammen. Hinzu kamen noch diverse andere Kostbarkeiten aus der Werkstatt Fabergés. Im Februar 2004 sollten sie bei Sotheby's zum Schätzpreis von deutlich mehr als 100 Millionen Dollar unter den Hammer kommen. Doch da erhob der russische Ölmagnat Viktor Wekselberg Einspruch: Er erwarb die komplette Sammlung für rund 100 Millionen Dollar, um sie heim zu holen nach Russland.
Mit dabei das Krönungsei, dass Sotheby's allein schon auf 24 Millionen Dollar geschätzt hatte und mit dem Zar Nikolaus II im Jahr 1897 seine deutsche Gemahlin Alexandra überrascht hatte. Im Inneren des Eis verbirgt sich eine originalgetreue Nachbildung der Kutsche, mit der der Zar nach seiner Thronbesteigung durch Moskau gefahren ist.

Die englische Königin besitzt ebenfalls drei der kaiserlichen Eier, in Monaco liegt ein weiteres, zwei gehören der schweizerischen Sandoz-Stiftung; der Rest verteilt sich auf bekannte und unbekannte private Sammlungen. Auf dem Markt und für Normalsterbliche zu kaufen gibt es - zumindest zur Zeit - keine der antiken Kostbarkeiten.

Carl Peter Fabergé starb 1920 in Lausanne. Die Nachfahren übertrugen die Namensrechte 1951 an die Fabergé Inc. in New York, die 1989 von Unilever übernommen wurde. Der Konzern sorgte dafür, dass niemand, der bereit ist rund 10 000 Euro oder mehr auszugeben, auf Fabergé-Eier verzichten muss.

Der Name und die damit verbundene Handwerkskunst lebt auch heute noch - in der deutschen Goldschmiedestadt Pforzheim. Dort betreibt, von Unilever beauftragt, der Werksmeister Victor Mayer eine Werkstatt.

Um den Stil des russischen Vorbilds pflegen zu können, unterstützt die Werkstatt Berufe wie Ziseleur, Granuleur, Guillocheur, Emailleur und Pailletteur. Die Beherrscher dieser Fertigkeiten schaffen kleine Kunstwerke in Gold, Email und Edelsteinen, denen die Firma Victor Mayer weltweit als einziger den Stempel Fabergé aufdrücken darf. 1991 stellte er das erste "moderne" Fabergé-Ei vor. Er widmete es dem letzten Staatschef der Sowjetunion Michail Gorbatschow. Dieser schenkte das gelbgoldene mit transluzidem grünem, Email überzogene Kleinod dem Kreml-Museum. 14 weitere Schmuckeier entstanden ganz in der Manier des alten Meisters. Das technisch anspruchvollste dürfte das Mondphasen-Uhr-Ei sein. Zu kaufen gibt es die Eier, Schmuckstücke und Objects d'art wie Brieföffner in Gelbgold und Jade weltweit bei rund 300 Händlern. Alle Objekte gibt es - im Gegensatz zu den Schokoladeneiern - nur in begrenzten Auflagen. n


zm 96, Nr. 8, 16.04.2006, Seite 100-101