Differentialdiagnose knöcherner Auftreibungen der KieferMarcus Oliver Klein, Martin Kunkel |
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16.
April 2006 - Ein 34-jähriger Patient stellte sich mit einer
knochenharten, schmerzlosen Raumforderung im Bereich des rechten oberen
Vestibulums vor. Erstmalig war dem Patienten einen Monat zuvor eine kleine
Auftreibung apikal des Zahnes 11 aufgefallen. Im Folgenden kam es neben einer
sehr schnellen Größenprogredienz des Befundes zu einer
Verdrängung des Zahnes 11 nach caudal. Die klinische Untersuchung zeigte
vestibulär in Regio 13 bis 21 einen etwa 1,5 cm x 3 cm großen,
rundlichen exophytisch wachsenden knochenharten Tumor mit deutlicher
Gefäßzeichnung (Abbildung 1).
Eine Probeexzision erbrachte die Diagnose eines Osteosarkoms des Oberkiefers. Das weitere Tumorstaging ergab keine Hinweise auf eine Metastasierung. Therapeutisch erfolgte eine Resektion des vorderen Oberkiefersegmentes von Regio 13 bis 22 mit Sicherheitsabstand in Allgemeinnarkose. Die histologische Aufarbeitung des Resektates (Abbildung 4) zeigte die typische Morphologie eines osteoblastischen Osteosarkoms. Charakteristisch ist hierbei die Bildung von Osteoid durch spindelförmige aber auch irregulär geformte Sarkomzellen [Neville, 2002]. Teilweise finden sich diese Osteoidbildungen auch auf den Residuen des durch den Tumor destruierten ortsständigen Knochens (Abbildung 5 A, B). Die operative Therapie wurde durch eine adjuvante Chemotherapie ergänzt. Im kurzzeitigen Verlauf ergab sich bislang kein Hinweis auf eine Generalisierung.
Im Gegensatz zu den häufigen palatinalen Tori, die harmlose Exostosen darstellen, sind vestibuläre knochenharte Auftreibungen des vorderen Oberkiefers bei jungen Patienten ausgesprochen selten. Isolierte Zahnverdrängungen beziehungsweise Zahnlockerungen, wie in dem hier vorgestellten Fall gesehen, kommen zwar auch durchaus häufig bei entwicklungsbedingten oder entzündlichen Zysten vor, die dabei beobachteten Knochenauftreibungen imponieren jedoch in der Regel als weich und leicht komprimierbar. Darüber hinaus ist der radiologische Befund in der Regel pathognomonisch. Primäre Knochentumoren (Osteome, Osteoblastome) aber auch odontogene hartgewebsbildende Tumoren sind in dieser Region selten. Ebenso ist die Wachstumsgeschwindigkeit dieser Entitäten im allgemeinen sehr gering. Demgegenüber ist die rasche Progredienz einer knochenharten Läsion aber auch die spontane, nicht durch eine Parodontopathie erklärte Zahnlockerung/Elongation beziehungsweise die daraus resultierende Okklusionsstörung ein Alarmsignal, das umgehend einer bioptischen Klärung bedarf. Nativ-radiologisch können diskrete Erweiterungen des PA-Spaltes aber auch ausgedehnte Knochendestruktionen beobachtet werden. Die als "typisch" beschriebenen knöchernen Spikulae sind nicht bei allen Tumoren anzutreffen [Nakayama et al., 2005]. Eine ergänzende Bildgebung mittels CT ist obligat. Osteosarkome des Kieferknochens sind mit einem Anteil von etwa sechs bis acht Prozent aller Osteosarkome vergleichsweise selten und unterscheiden sich von peripheren Osteosarkomen der Extremitäten sowohl durch ihr klinisches Verhalten als auch durch das Prädilektionsalter [Chindia, 2001]. Der Altersgipfel der Kieferosteosarkome liegt mit 33 Jahren deutlich über dem von juvenilen Osteosarkomen der langen Röhrenknochen. Eine primäre (pulmonale) Metastasierung wird seltener beobachtet als bei peripheren Tumoren. Ober- und Unterkiefer sind in etwa gleich häufig betroffen. T
Für die Praxis weist dieser Fall auf die differentialdiagnostische Bedeutung knöcherner Auftreibungen der Kieferregion hin. Jede Wachstumstendenz stellt hier eine zwingende Indikation zur histologischen Untersuchung dar. Außerdem sollten isolierte Zahnlockerungen ohne eindeutige occlusale oder parodontale Ursachen immer als Alarmsignal betrachtet werden. Dr. Marcus Oliver Klein Priv.-Doz. Dr. Dr. Martin Kunkel Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Augustusplatz 2, 55131 Mainz E-Mail: kunkel@mkg.klinik.uni-mainz.de Das histologische Präparat wurde freundlicherweise von Herrn Dr. Hansen, Institut für Pathologie der Johannes Gutenberg-Universität (Direktor: Prof. Dr. Kirkpatrick) zur Verfügung gestellt. Literaturverzeichnis
zm 96, Nr. 8, 16.04.2006, Seite 49-5 |
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