George Washington

Der Herr der sechs Gebisse

George Washington kennt man – als ersten Präsidenten der USA und als Träger schlechter Prothesen. Welche Quälereien und Nöte für ihn damit verbunden waren, mutet aus heutiger Sicht eher komisch an. Dem Präsidenten war es bitterernst.

Dass George Washington (1732 bis 1799) während seiner Amtszeit als erster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ein schlecht sitzendes, künstliches Gebiss trug, ist seit langem bekannt, und wer eine Ein-Dollar-Note aufmerksam betrachtet, der ahnt, welche Schwierigkeiten ihm diese Prothese bereitete. Einer alten, in den USA oft gehörten Legende zufolge trug Präsident Washington ein hölzernes Gebiss, das Paul Revere, der berühmte Kämpfer für Amerikas Unabhängigkeit, für ihn geschnitzt hatte. Aber das ist wirklich nur eine Legende.

In seinen letzten Lebensjahren, als Präsident der Vereinigten Staaten (1789 bis 1797), verfügte George Washington gleich über sechs Gebisse, die er zu verschiedenen Anlässen und Zwecken einsetzte. Keines der sechs Gebisse entsprach wirklich unseren heutigen Erwartungen. Er besaß eines, das er offenbar optisch für besonders gelungen hielt und das er daher lieber zeigte, das aber schlecht saß. Für das Zerkleinern von Speisen setzte er indes ein anderes ein. Für seine verschiedenen Gebisse wurden Zähne und Knochen mehrerer Tierarten verwendet. In einem davon bestanden die oberen Zähne aus Elfenbein, in die untere Reihe hatte man acht menschliche Zähne eingesetzt.

Als Washington im März 1789 sein hohes Amt antrat, war er gerade 57 Jahre alt. Einen Wahlkampf – mit öffentlichen Auftritten und Reden – hatte er nicht geführt; er wartete einfach auf seinem Gut in Mount Vernon darauf, vom Volk gerufen zu werden. Scheute er sich vielleicht, als Redner öffentlich aufzutreten? Das wäre möglich. Washington trug ein Gebiss, das ihm ein Zahnarzt namens John Greenwood angefertigt hatte; zuvor hatte er viele Jahre lang eine Teilprothese verwendet. Die beiden Teile des neuen Gebisses waren mit zwei Kettchen lose miteinander verbunden, sie sollten – vor allem beim Sprechen und beim Lachen – die obere Prothese an Ort und Stelle halten. Allerdings war diese Befestigung nur höchst unzulänglich, und ihr Träger war daher beim Sprechen stark behindert. Seine Inaugurationsrede soll ihm große Schwierigkeiten verursacht haben, obschon Washington versuchte, lange, schwierige Wörter zu vermeiden und sich auf kurze zu beschränken, möglichst auch auf solche, in denen kein „S“ vorkam. Keine leichte Aufgabe.

Mühsal beim Reden

In seiner Amtszeit als Präsident trug Washington Jahr für Jahr dem Congress eine Art Rechenschaftsbericht vor, die „State of the Union Message“. Washington trug diese Botschaften noch selbst vor; erst im 19. Jahrhundert verfiel dieser Brauch. Während seiner beiden Amtsperioden als Vater der Nation, 1789 bis 1797, hatte Washington viel Ärger mit seinen Zähnen und führte daher eine umfangreiche Korrespondenz mit seinen Zahnärzten. Er beklagte sich mehrmals darüber, dass seine künstlichen Zähne die Lippen nach vorne schoben, was ihm ein etwas griesgrämiges Aussehen gab. 1791 bekam er ein zweites und 1795 noch ein drittes Gebiss, für das letztere zahlte er sechzig Dollar. Als Washington nach vier Jahren Amtszeit im November 1792 für eine weitere Periode gewählt wurde, verzichtete er darauf, die Inaugurationsrede selbst vorzutragen – er fürchtete, heißt es, um seine künstlichen Zähne. Bei den häufigen Audienzen bewegte er sich immer etwas steif und förmlich.

1796 fertigte ein James Gardette noch ein Gebiss für ihn an, das allerdings auch nicht besser war als die früheren, das eher noch

etwas schlechter saß. Im folgenden Jahr ließ sich der Präsident noch einmal von einem Dentisten namens Greenwood eines anfertigen. Das letzte erhielt er in seinem vorletzten Lebensjahr.

Krankheiten – Grund für schlechte Zähne

Wie kam es zu dem frühen Zahnausfall und all den Schwierigkeiten? George Washington hatte im Laufe seines Lebens mit vielen Krankheiten zu kämpfen, vor allem mit Infektionskrankheiten, die im 18. Jahrhundert alltäglich waren. Als junger Mensch, 1751 – da war er 19 Jahre –, stand er die Pocken durch. Der Sklaven haltende Großgrundbesitzer aus Virginia an der Atlantikküste scheint lange Zeit an Malaria und an Dengue-Fieber gelitten zu haben. Diese mit hoch fieberhaften Temperaturen einhergehenden Krankheiten könnten sich auf den Halterungsapparat seiner Zähne durchaus nachteilig ausgewirkt haben. Schon 1754 begann der 22-Jährige mit ernsten Zahnproblemen zu kämpfen; in den folgenden 35 Jahren verlor er seine natürlichen Zähne. Dabei legte er auf Zahnpflege durchaus großen Wert, womit er sich ganz bestimmt von den allermeisten seiner Zeitgenossen unterschied: George Washington putzte sich täglich die Zähne, er verwendete dabei eine Zahnpaste und spülte sich hinterher den Mund gründlich aus. Seine Zahnbürste mit silberner Halterung ist noch heute auf seinem Landgut in Mount Vernon in Virginia zu sehen. Trotzdem hatte Washington in den folgenden Jahren mit den Zähnen immer wieder Probleme. Sie machten ihm Schmerzen, und es könnte sein, dass die Zahnpaste und die Spüllösung, die er verwendete, sich in ihrer chemischen Zusammensetzung keineswegs vorteilhaft auswirkten. Er litt häufig an Infektionen und hatte mehrmals Abszesse in der Mundhöhle, nicht selten war auch das Zahnfleisch entzündet.

Feldherr der Aufständischen

Bevor er Präsident wurde, diente er der britischen Kolonialregierung – und später den Aufständischen – als Feldherr. Zum Hintergrund: Seit dem Jahr 1774 standen die dreizehn Kolonien in Nordamerika im Aufruhr gegen die englische Krone. Es ging zunächst um – lächerlich niedrige – Steuern, die sie bezahlen sollten, wozu sie aber nicht befragt worden waren. Das ärgerte die wohlhabenden, selbstbewussten Kolonisten; sie erklärten am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit, und als die Briten dies nicht anerkennen wollten, begannen sie zu kämpfen.

Die Amerikaner ernannten George Washington zu ihrem Oberkommandierenden. Er galt damals als etwas jähzornig, was vielleicht mit seinen ständigen Zahnschmerzen zu tun hatte. Gerade in dieser Zeit verlor er seine Zähne und führte daher reichlich Korrespondenz mit verschiedenen Zahnärzten, die ihn diesbezüglich beraten sollten. Am Ende dieses Krieges wurde der siegreiche General zum Präsidenten ernannt, zum ersten Präsidenten der neuen Vereinigten Staaten von Amerika.

Georg Washington starb am 14. Dezember 1799 an einer akuten Kehlkopfentzündung

Dr. Manfred Vasold
Veilchenstr. 7
83101 Rohrdorf

 

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