Aktuelles aus Großbritannien

Preisschilder in Zahnarztpraxen

Britische Zahnärzte bereiten sich auf die größten Veränderungen ihres Praxisalltags seit 20 Jahren vor. Die Regierung drängt darauf, dass die mehr als 20 000 heute im Königreich praktizierenden Kolleginnen und Kollegen zwischen London und Liverpool zukünftig Preisschilder in ihren Praxen aufhängen müssen, auf denen steht, wieviel bestimmte Behandlungen kosten. So soll mehr Transparenz für die Patienten geschaffen werden.

Wie aus einer neuen Studie hervorgeht, verdienen die meisten britischen Zahnärzte heute bereits rund 50 Prozent ihres Einkommens mit der Behandlung privat bezahlender Patienten. Zwar hat Großbritannien seit mehr als 50 Jahren ein staatliches Gesundheitswesen (National Health Service, NHS). Theoretisch hat danach jeder Patient Anspruch auf kostenlose zahnmedizinische Versorgung. Allerdings gibt es nicht genug NHS-Zahnärzte, und die heute noch ausschließlich für den Staatssektor praktizierenden Kolleginnen und Kollegen haben wirtschaftliche Probleme, da der Gesundheitsminister nicht genug Geld in die staatliche Zahnmedizin steckt. Die Folge: Patienten suchen sich immer öfter einen privat praktizierenden Zahnarzt und bezahlen dies entweder aus eigener Tasche oder mittels einer privaten Krankenversicherung. „Der Markt der privaten Zahnmedizin boomt“, stellte der britische Zahnärzteverband (British Dental Association, BDA) kürzlich fest.

Schwankende Preise

Kehrseite der Medaille: Da der Markt weitgehend unreguliert ist, schwanken zum Beispiel die Preise von Praxis zu Praxis enorm. Laut Wettbewerbsbehörde (Office of Fair Trading, OFT), die den privaten Zahnmedizin- Markt bereits mehrfach unter die Lupe nahm, schwankt der Preis für eine Füllung zwischen den Praxen um bis zu 400 Prozent. Eine Amalgam-Füllung kostete in einer Praxis zehn Pfund (15 Euro). In einer anderen Praxis berechnete der Zahnarzt 54,25 Pfund (mehr als 77 Euro). Bei Check-ups variierten die in Rechnung gestellten Preise zwischen 9,50 Pfund (zwölf Euro) und 40 Pfund (62 Euro). Oftmals weiß der Patient vor Behandlungsbeginn nicht, was ihm der Zahnarzt in Rechnung stellen wird. Hinterher gibt es dann nicht selten das böse Erwachen. In einer Zahnarztpraxis im Londoner Stadtteil Victoria hängt in der Rezeption ein Schild, auf dem für Privatkredite zur Finanzierung zahnärztlicher Behandlungen geworben wird. Zeichen der Zeit?

Mehrfach wies der britische Verbraucherschutzbund (Consumers Association, CA) in den vergangenen Jahren auf die zum Teil chaotischen Zustände und die mangelhafte Transparenz bei privaten zahnmedizinischen Behandlungen im Königreich hin. Die CA begrüßte die Ankündigung der Regierung, Zahnärzte vom kommenden Jahr an dazu zu zwingen, Preisschilder in ihren Praxen auszuhängen. Die BDA sprach sich zwar für „mehr Transparenz“ aus, warnte aber davor, das Kind mit dem Bade auszuschütten. „Zahnärzte sind verantwortungsbewusste Kollegen, die sehr wohl in der Lage sind, sich selbst zu regulieren“, sagte eine BDA-Sprecherin den zm in London. „Wir sind gegen zu viele Eingriffe des Gesetzgebers.“

Viele Änderungen

Folgendes wird sich für die britischen Kolleginnen und Kollegen ändern:

• Preisschilder: Jeder Zahnarzt, der in seiner Praxis Privatbehandlungen anbietet, muss Preislisten aushängen oder auslegen, auf denen für den Patienten klar ersichtlich ist, wieviel bestimmte Behandlungen kosten.

• Kostenvoranschläge und Behandlungspläne: Jeder Zahnarzt muss zukünftig für alle aufwändigeren Behandlungen, wie Brücken und Implantate, dem Patienten de- taillierte Kostenvoranschläge vorlegen. Zusätzlich ist der Kollege verpflichtet, Behandlungspläne aufzustellen, aus denen hervor geht, wie die Behandlung ablaufen wird.

• Abrechnungen: Der Patient hat das Recht, vom Zahnarzt eine detaillierte Rechnung für dessen Arbeiten zu verlangen. Dabei muss jede einzelne Leistung und deren jeweiliger Preis aufgelistet werden.

• NHS-Behandlungen: Auch hier soll mehr Transparenz für den Patienten geschaffen werden. In jeder Praxis muss zukünftig ein Schild ausgehängt werden, auf dem steht, welche Behandlungen auf Staatskosten angeboten werden und für welche Therapien der Patient privat bezahlen muss.

• Zulassungsvoraussetzungen: Die Zulassungsbeschränkungen, um eine eigene Zahnarztpraxis eröffnen zu können, sollen liberalisiert werden. Das Gesundheitsministerium hofft, auf diese Weise den Engpass in der NHS-Zahnmedizin beseitigen zu können. Im Gespräch ist, Hygienikern die Eröffnung eigener „Hygiene-Praxen“ zu erlauben, und zwar ohne dass zwangsläufig ein ausgebildeter Zahnarzt mit an Bord sein muss.

Wie BDA-Hauptgeschäftsführer Ian Wylie in London sagte, seien Preisschilder in Zahnarztpraxen „ein zweischneidiges Schwert“. „Zahnärztliche Behandlungen sind oftmals komplexe klinische Situationen, die sich von Fall zu Fall stark unterscheiden können, je nachdem wie es dem Patienten geht. Es ist sehr schwer, ein allgemeingültiges Preissystem zu finden.“

Die stellvertretende Gesundheitsministerin Rosie Winterton sagte vor Journalisten in London, die Änderungen seien ein wichtiger Schritt, um die britische Zahnmedizin zu modernisieren und patientenfreundlicher zu gestalten. „Die Maßnahmen werden dafür sorgen, dass Zahnärzte bei der Behandlung von Privatpatienten offener und damit patientenfreundlicher und fairer vorgehen.“

Doch die Reformen gehen noch weiter. Vom Jahre 2005 an soll ein gänzlich überholtes Beschwerdesystem eingeführt werden. Details sind bislang nicht bekannt. Die zahnärztlichen Berufsverbände befürchten allerdings, dass die Rechte der Zahnärzte eingeschränkt und die Stellung des Patienten weiter gestärkt werden könnten. Der General Dental Council (GDC), das wichtigste Organ der zahnärztlichen Selbstverwaltung im Königreich, soll von 2005 an mehr Befugnisse erhalten, um wirkungsvoller gegen inkompetente Zahnärzte vorgehen zu können.

„Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Reformpläne in die Praxis umsetzen lassen“, sagte Hew Mathewson, Präsident des GDC. „Patienten möglichst viele und genaue Informationen zu geben, welche Behandlungsmöglichkeiten zu welchem Preis zur Verfügung stehen, ist grundsätzlich eine gute Sache. Aber der Teufel steckt wie immer im Detail.“

Arndt Striegler
Grove House
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