Pathologischer Befund im Bereich eines Weisheitszahnes

Myxom im Bereich eines retinierten Weisheitszahnes

Kasuistik

Eine 39 Jahre alte Patientin zeigte klinisch eine deutliche Schwellung im Bereich des linken Unterkiefers. Bei der Anamnese berichtete sie, dass acht Jahre zuvor erstmals eine Schwellung in diesem Bereich auftrat. Damals wurde die Symptomatik im Sinne einer Dentitio difficilis des Zahnes 38 interpretiert.

Während der enorale Aspekt unauffällig war, zeigte sich im Röntgenbild nun eine Seifenblasenstruktur des Unterkiefers von regio 36 bis zur Basis des Muskelfortsatzes in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem verlagerten Weisheitszahn 38 (Abbildungen 1 und 2). Die Probeexzision aus dem veränderten Knochen ergab die Diagnose eines Myxoms. Dieses wurde im Sinne einer Unterkieferteilresektion unter Mitnahme des verlagerten Weisheitszahnes entfernt (Abbildungen 3 und 4).

Diskussion

Das Myxom im Bereich des Ober- oder Unterkiefers ist ein gutartiger, odontogener Tumor und wird meistens zwischen dem 2. und 3. Lebensjahrzehnt diagnostiziert [Reichart und Philipsen, 1999; Barker, 1999]. Männliches und weibliches Geschlecht sind gleich häufig betroffen. Der Tumor kann in allen Abschnitten von Oberund Unterkiefer auftreten, wobei er häufiger im Unterkiefer zu finden ist [Barros et al., 1969; Gosh et al., 1973]. Kleine Läsionen können lange asymptomatisch bleiben, während größere Tumoren wie im vorliegenden Fall oft zu einer schmerzlosen Schwellung des Knochens führen. Myxome sind häufig mit retinierten Zähnen vergesellschaftet, wobei es, wie hier gezeigt, auch zur Verlagerung des Zahnes durch den Tumor kommen kann. Aufgrund der Tendenz des Myxoms, den Knochen lokal zu infiltrieren, muss insbesondere bei ausgedehnten Tumoren eine großzügige Resektion des betroffenen Kieferabschnittes erfolgen [Chiodo et al., 1997]. Trotzdem treten Rezidive in bis zu 35 Prozent der Fälle auf [Reichart und Philipsen, 1999].

Der vorliegende Fall zeigt ein Beispiel einer patholgischen Veränderung im Bereich eines retinierten Weisheitszahnes, die über mehrere Jahre nicht entdeckt wurde. Der aktiv wachsende Prozess führte hier zur Verlagerung des Weisheitszahnes deutlich über die Position eines normalen retinierten Weisheitszahnes hinaus. Zu fordern ist eine sorgfältige klinische, röntgenologische und gegebenenfalls histologische Diagnostik bei allen unklaren Prozessen im Bereich der Mundhöhle und der Kiefer.

Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
PD Dr. Dr. Martin Kunkel
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Johannes Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2
55131 Mainz

Fazit für die Praxis

• Zahnverlagerungen sind häufig eine Folge von aktiv wachsenden Prozessen wie Tumoren und Zysten.

• Pathologische Prozesse im Bereich retinierter Weisheitszähne müssen frühzeitig abgeklärt werden.

• Eine lange Verschleppungszeit kann auch bei gutartigen Tumoren zu ausgedehnten Resektionen führen.

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