Frühzeitige Behandlung mit Acarbose

Weniger Diabetes, weniger kardiovaskuläre Komplikationen

Die Zahl der Typ 2-Diabetiker steigt seit Jahren massiv an, eine Entwicklung, die inzwischen schon fast dramatische Ausmaße angenommen hat. So wird nach Professor Dr. Dirk Müller-Wieland aus Düsseldorf für die kommenden zehn Jahre mit einer weiteren Verdopplung der Diabeteshäufigkeit gerechnet. Rund 75 Prozent der Typ 2-Diabetiker versterben dabei an Herz- und Gefäßerkrankungen.

Begegnen lässt sich dieser erschreckenden Entwicklung nur durch verstärkte Bemühungen um die Prävention und das mit Blick auf den Diabetes wie auch mit Blick auf Herz und Gefäße. „Denn das Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen ist bei einem Diabetiker ebenso hoch wie bei einem Nicht-Diabetiker nach Myokardinfarkt“, sagte der Mediziner bei einem Bayer Presseseminar in München.

Gefahr droht, schon ehe der Diabetes manifest wird

Die kardiovaskuläre Gefährdung steigt nach seinen Worten aber schon an, noch ehe die diabetische Stoffwechselstörung manifest wird. Denn der Typ 2-Diabetes ist ein vergleichsweise spätes Stadium einer Erkrankung, die eigentlich schon viel früher einsetzt: Sie basiert auf einer genetischen Prädisposition, welche über eine Insulinresistenz und eine verschlechterte Betazellfunktion zur eingeschränkten Glukosetoleranz führt. Diese bedingt einerseits die Entwicklung zum Typ 2-Diabetes, legt aber andererseits den Grundstein für die Gefäßschäden und die späteren kardiovaskulären Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall.

Beim Typ 2-Diabetes kommt man deshalb mit der Therapie in aller Regel zu spät. Denn wenn der Diabetes manifest wird, ist Folgekomplikationen bereits der Weg gebahnt worden. „Die Uhr tickt schon, bevor der Diabetes diagnostiziert wird“, erklärte dazu Professor Dr. Jean-Louis Chiasson aus Montreal. Der manifeste Typ 2-Diabetes ist offenbar nur die Endstrecke einer Erkrankung, die lange zuvor schon beginnt und die auch lange zuvor schon Schädigungen im Gefäßsystem setzt.

STOP-NIDDM – dem Diabetes vorbeugen

Dass die Möglichkeit besteht, dem Diabetes vorzubeugen, belegt eine neue Therapiestudie, bei der Personen mit verschlechterter Glukosetoleranz, also primär solche mit erhöhten Blutzuckerwerten nach den Mahlzeiten, mit dem Alphaglukosidasehemmer Acarbose behandelt wurden. Der Wirkstoff, der sich in der Diabetestherapie bereits bewährt hat, verzögert die Aufspaltung komplexer Kohlenhydrate im Darm und senkt so den postprandialen Blutzuckerspiegel. Das hat auf lange Sicht erhebliche Konsequenzen, wie die STOP-NIDDM-Studie belegt. (NIDDM steht für Non insulin dependent diabetes mellitus).

An der internationalen prospektiven, randomisierten Doppelblindstudie, deren Ergebnis Professor Chiasson in München vorstellte, nahmen 1 429 Personen mit eingeschränkter Glukosetoleranz (IGT für impaired glucose tolerance) teil und wurden drei bis fünf Jahre lang (im Mittel 3,3 Jahre) entweder mit Acarbose oder Placebo behandelt. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war statistisch eindeutig: So entwickelten unter Acarbose 36 Prozent weniger Patienten einen Typ 2-Diabetes als unter Placebo. Bei knapp 30 Prozent von ihnen bildete sich die eingeschränkte Glukosetoleranz sogar zu einer normalen Stoffwechsellage zurück.

Überraschend waren selbst für die Experten die Ergebnisse hinsichtlich der kardiovaskulären Gefährdung: So war die Gesamtrate kardiovaskulärer Ereignisse unter Acarbose um 49 Prozent geringer als unter Placebo, und die Infarktrate war sogar um 91 Prozent niedriger. Denn während der Studien ereigneten sich in der Placebogruppe zwölf Myokardinfarkte gegenüber nur einem in der Acarbosegruppe. Eine Nachauswertung der EKGs deckte außerdem unter Placebo acht weitere stille Infarkte auf und parallel dazu einen weiteren Fall unter Acarbose. Die Infarktraten lagen damit insgesamt betrachtet bei zwei zu 19. „Der Unterschied ist statistisch hoch signifikant“, sagte Chiasson. Er berichtete weiter, dass in der Studie unter dem Alpha-Glukosidasehemmer die Rate der Personen, die eine Hypertonie neu entwickelten, signifikant, und zwar um 34 Prozent, geringer war als unter Placebo.

An der hohen Bedeutung der Acarbose bei der Therapie des Typ 2-Diabetes, aber auch bei dessen Prävention und sogar bei der Prävention kardiovaskulärer Ereignisse ist nach Chiasson nicht mehr zu zweifeln. Es müssen nunmehr Empfehlungen für ein gezieltes Screening erarbeitet werden. Vorerst rät der Mediziner dazu, bei Hochrisikopatienten für eine diabetische Stoffwechsellage, also in erster Linie bei Patienten mit einem metabolischen Syndrom, einen oralen Glukosetoleranztest durchzuführen, um zu prüfen, ob eine Glukosetoleranzstörung vorliegt. Ist das der Fall, so ist eine allgemeine Umstellung der Lebensführung geboten und wenn diese nicht gelingt auch eine Behandlung mit Acarbose zu erwägen.

Christine Vetter
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