Kostbares Nass

Wasser marsch!

Der Dürresommer 2003 führt jetzt auch den Europäern vor Augen, wie wichtig und wertvoll Wasser ist. Trotz zunehmender weltweiter Wasserknappheit führen Wasser- Engagements an den Börsen ein Schattendasein. Langfristig aber verspricht der Wassermarkt hohe Renditen bei geringem Risiko.

Wasser ist Leben. Ohne Wasser gäbe es keine Pflanzen und damit auch keine Nahrungsmittel. So werden für die Herstellung von einem Kilo Brot insgesamt 1 000 Liter Wasser benötigt. Ohne Trinkwasser verdurstet ein Mensch binnen kurzem. Und ohne Wasser keine Körperhygiene – für die meisten Menschen unvorstellbar, vom erhöhten Gesundheitsrisiko einmal abgesehen. Ein Bewohner der westlichen Welt verbraucht im Tagesdurchschnitt alles in allem 2 700 Liter Wasser, das ist in deutschen Preisen Wasser im Wert von 4,86 Euro. Zählt man die unvermeidbaren Kosten für die Abwasserentsorgung und -reinigung hinzu, fallen mit rund zehn Euro täglich für den Wasserverbrauch höhere Kosten an als für das Betanken eines durchschnittlichen Privatautos.

Wasser ist heute schon – wenn auch im Verborgenen – ein umsatz- und gewinnträchtiges Geschäft. Bislang werden 450 Millionen von rund sechs Milliarden Menschen – das sind nur 7,5 Prozent – von privaten, meist als Aktiengesellschaft operierenden Unternehmen beliefert. Aber der Umsatz dieser Unternehmen steigt laut einer Prognose der Weltbank jährlich um zehn Prozent – von 115 Milliarden USDollar (USD) im Jahr 2001 auf voraussichtlich 270 Milliarden USD im Jahr 2010. Die freien Unternehmen der Wasserversorgung werden ihren Marktanteil in Zukunft kräftig erhöhen. Sie können nämlich am leichtesten die Finanzmittel für die dringend benötigten Investitionen in die zumeist über 100 Jahre alten Verteilungsnetze aufbringen; sie haben das nötige Markt- und Technik-Know-how. Vor allem aber stehen immer mehr kommunale und regionale Wasserwerke – auch in Deutschland – zum Verkauf, weil die Öffentlichen Hände allerorten mit akuter Geldnot zu kämpfen haben.

Demnächst wird ein anderes Problem die Weltnachrichten beherrschen: 1,2 Milliarden Menschen (also 20 Prozent der Weltbevölkerung), vornehmlich in Entwicklungsländern, haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Deshalb sterben jährlich mehr als fünf Millionen an Cholera, Typhus oder Hepatitis – Krankheiten, die in Europa nur noch höchst selten vorkommen und mit Medikamenten gut heilbar sind. Die Todesrate durch verseuchtes Trinkwasser ist weit höher als die aller anderen epidemischen Seuchen, höher noch als die durch AIDS. Ein Großteil der Entwicklungshilfe wird deshalb in die Wasserversorgung fließen müssen.

Verbrauch steigt

Der lebenswichtige Rohstoff Wasser wird auf lange Sicht immer knapper. So wuchs während der letzten 30 Jahre die Menschheit pro Jahr um ein Prozent. Der weltweite Wasserverbrauch legte in diesen drei Jahrzehnten aber um jährlich 2,5 Prozent zu. Dieser kontinuierlich steigende Pro-Kopf-Verbrauch an Wasser hält nicht nur weiter an, er nimmt weiter zu. Eine der Hauptursachen ist die zunehmende Verstädterung. Gab es 1950 erst zwei Megastädte mit mehr als acht Millionen Einwohnern auf der Welt, so sind es heute schon 22. Im Jahr 2010, also in gut sechs Jahren, wird es 36 Megastädte geben, 14 mehr als heute. Die Folge der Urbanisierung ist eine drastisch steigende Nachfrage nach Wasser, allein schon, um den sanitären Komfortanspruch zu befriedigen.

Süßwasser bleibt Mangelware

Eigentlich ertrinkt unser Globus im Wasser, wenn man sich die gewaltigen Weltmeere vor Augen hält, die 97,5 Prozent der gesamten 1,4 Milliarden Kubikkilometer Wassermassen ausmachen. Doch wegen seines hohen Salz- und Mineraliengehalts ist Meerwasser ungenießbar und für den menschlichen Bedarf weitgehend unbrauchbar. Die Aufbereitung von Meerwasser ist technisch zu aufwändig und verschlingt viel Energie. Nur 2,5 Prozent der globalen Wasserreserven sind Süßwasser. Davon sind 70 Prozent oder 24 Millionen Kubikkilometer in Gletscher und ewiges Polareis gebunden. Nur 30 Prozent oder 10,5 Millionen Kubikkilometer sind (relativ) sauberes Grundwasser. Dennoch: Der globale Wasserkreislauf ist (noch) intakt. Auf den Meeren verdunstet immer noch genügend Wasser, das als Regenwasser – jährlich zwischen 9 000 und 14 000 Kubikkilometern – auf die Erde zurückkehrt. Verbraucht werden global im Jahr aber „nur“ rund 6 000 Kubikkilometer. Zu den Ländern, die einen großen Wasserüberfluss aufweisen, zählen unter anderem Kanada, Argentinien, Frankreich und Australien. Großer Mangel herrscht dagegen in Mittel- und Südamerika (auch in der Amazonas-Region), im Saharagürtel und im gesamten asiatischen Großraum hinter dem Ural.

Lukrative Branche

Die Wasserversorgung ist das lukrativste Wachstumsfeld der Wasserwirtschaft. Hier dominieren weltweit drei europäische Großkonzerne. Alle drei sind börsennotiert, alle drei weisen die typischen Eigenschaften von Versorgungsunternehmen auf: einen stabilen Geldzufluss (Cash flow), eine solide Gewinnentwicklung und einen Kursverlauf ohne extreme Schwankungen. Die drei Marktführer lassen sich – wie auch alle anderen im Text aufgenommenen Börsentitel – unter der neuen, international gültigen Wertpapierkennung ISIN im Internet aufrufen.

Suez (ISIN FR0000-120529): Dieses französische Unternehmen versorgt weltweit rund 120 Millionen Kunden mit Wasser. Es ist damit der größte Wasserversorger der Welt, tätig im Heimatland Frankreich wie auch in den USA, Italien und mit wachsendem Engagement in Osteuropa. Obwohl Weltmarktführer in Sachen Wasserversorgung – der Börsenwert zur Jahresmitte: betrug rund 13,7 Milliarden Euro; das Kurs-/ Gewinnverhältnis (KGV) 10,9 – erzielt Suez nur 28 Prozent seines Umsatzes mit dem „Blauen Gold“, 64 Prozent des Gesamtumsatzes stammen aus der Energieversorgung. Mit dem Wassergeschäft wird zwar viel Geld verdient. Aber die strategischen Zukäufe von Wasserlieferanten zu einem Zeitpunkt, als Unternehmen mit Zukunft teuer gehandelt wurden, hinterließen einen Schuldenberg von rund 20 Milliarden Euro. Die wollen erst einmal mit Zinsen bedient sein, ehe für die Aktionäre Dividenden abfallen.

Veolia Environment (FR00-00124141): Dieses französische Unternehmen ist stärker auf Wasser fokussiert als Suez. Mit rund 100 Millionen Kunden weltweit erzielt Veolia rund 45 Prozent seines Gesamtumsatzes durch den Verkauf von Wasser. Der Rest entfällt auf Abwasserreinigung, Abfallwirtschaft, Energie und Transport. Veolia hat einen Börsenwert von rund sieben Milliarden Euro und ein KGV von 12,6. Die Aktie ist damit derzeit um etwa 16 Prozent teurer als der große Mitbewerber Suez – wohl wegen des größeren Wasseranteils am Geschäft. Doch Veolia hat einen Geburtsfehler: Das Unternehmen ging aus der Vivendi Environment hervor, einer Tochtergesellschaft von Vivendi Universal. Und Vivendi Universal, einst großer Wasserversorger, wurde zu einem Medien-, Unterhaltungs- und Telekom-Konzern umgebaut. Dieses hochverschuldete Konglomerat hält aber immer noch 20 Prozent an Veolia. Sollte auch dieses Restpaket zur weiteren Sanierung von Vivendi Universal auf den Markt geworfen werden, dürfte der Kurs von Veolia stark unter Druck geraten. Dem gehen konservativ eingestellte Aktionäre lieber aus dem Weg. Insofern ist Veolia im Moment eine Spekulation.

RWE (DE0007037129): Dieser größte deutsche Stromversorger ist während der letzten Jahre groß ins Wassergeschäft eingestiegen. Mehr als 20 Milliarden Euro gaben die Essener dafür aus, um bei den American Water Works wie auch bei dem Londoner Wasserversorger Thames Water Regie zu führen. Das war sehr viel Geld für den Einstieg in die ausländische Wasserwelt. Am liebsten würde das RWE auch die deutsche Gelsenwasser AG, größter Wasserversorger im Ruhrgebiet und Tochter des Düsseldorfer Stromversorgers E.ON, aufkaufen. Doch dagegen spricht das deutsche Kartellrecht. Deshalb werden die Westfalen in Sachen Wasser wohl weiter in den USA expandieren, wo es noch mehr als 6 600 lokale und regionale Versorger gibt. Bis jetzt ist das RWE mit rund 70 Millionen Verbraucher weltweit die Nummer drei unter den Wasserversorgern. Aber man hat noch branchenfremde Töchter, die sich verkaufen lassen, um den Schuldenberg von stattlichen 25 Milliarden Euro abzutragen und die Neuinvestments zu finanzieren. Obwohl der Wasseranteil am Umsatz noch relativ gering ist, steuert er bereits einen Großteil des Gewinns bei. Ein neuer agiler Manager dürfte das RWE als Perle der deutschen Industrie (Börsenwert: 14,6 Milliarden Euro) bald wieder auf Hochglanz bringen.

Wasser ist aber nicht nur ein Lebenselixier, das aus dem Wasserhahn fließt. Es wird als „Mineralwasser“ mit seit Jahren steigender Tendenz in Flaschen an die Verbraucher als Trinkwasser verkauft. So trinken wir heute kaum noch Wasser aus der Leitung, selbst wenn es noch so rein und unverfälscht ist. Man labt sich lieber an „Mineralwasser“, schleppt es in großen Gebinden in seine Wohnung und glaubt, mit diesem Trinkwasser seine Gesundheit zu fördern. Auf dieser Marketingtheorie hat sich fast krakenhaft eine riesige Trinkwasserindustrie etabliert. Leider sind die innovativen, hochlukrativen und mit viel Werbegeld propagierten „Quellen“ in Deutschland überwiegend als Klein- und Mittelstandsunternehmen und nicht als börsennotierte Aktiengesellschaften notiert. Deshalb muss der Aktieninvestor, der auf Trinkwasser in Flaschen baut, auch diesmal wieder auf ausländische Konzerne ausweichen:

Danone (FR0000120644): Dieser französische Nahrungsmittelkonzern erzielt 27 Prozent seines Umsatzes mit Wasser. Seine bekanntesten Marken sind Evian und Volvic. Die Gewinnmarge beim Flaschenwasser liegt bei rund zwölf Prozent vom Umsatz – ein überaus stolzes und seltenes Resultat in der Nahrungsmittelindustrie. Mit einem Kurs von rund 120 Euro und einem Börsenwert von 16,5 Milliarden Euro ist Danone (KGV: 16,4) nicht gerade billig. Dennoch ist dieser Titel langfristig kaufenswert, nicht zuletzt wegen des großen Wasserumsatzes, der sicherlich noch weiter ausgebaut wird.

Nestlé (CH0012056047): Dieser große Schweizer Nahrungs- und Genussmittelkonzern rangiert beim Wasser hinter Danone. Sein Wassergeschäft hat beim Gesamtumsatz nur einen Anteil von etwa zehn Prozent. Es erstreckt sich über viele Marken (unter anderem Perrier). Die Gewinnmarge liegt beim Wasser bei neun Prozent. Bei Nestlé ist Wasser derzeit ein Geschäftsbereich von vielen. Doch wenn vor allem in Deutschland Edelquellen zu akzeptablen Preisen zu kaufen sind, dürfte Nestlé zu den heißesten Aspiranten zählen. Der Weltkonzern Nestlé ist immer ein Kauf, egal wie hoch die Aktie steht. Sie wird durch stetes Umsatz- und Gewinnwachstum immer weiter steigen.

Auch aus technischer Sicht hat Wasser eine geschäftlich interessante Zukunft. Das gilt insbesondere für die Wasseraufbereitung und das Wasser-Consulting.

Wedeco (DE0005141808) ist ein deutsches börsennotiertes Unternehmen und der weltweit führende Anbieter von Wasseraufbereitungsanlagen mittels UV-Licht und Ozon. Das Marktvolumen dieser Art von nicht chemischer Wasserdesinfektion wird bis 2005 auf rund vier Milliarden Euro geschätzt. Die Kunden der Wedeco sind in Deutschland überwiegend die rund 7 000 kommunalen und regionalen Wasserversorger. Die aber haben zumeist massive Geldsorgen. So verwunderte es nicht, als Wedeco im Mai diesen Jahres eine Gewinnwarnung aussprach. Doch die Analysten erwarten im kommenden Jahr einen Gewinnanstieg von 0,35 auf 0,50 Euro pro Aktie. Der Kurs liegt bei 12 Euro, das aktuelle KGV bei 24. Das Unternehmen hat einen Börsenwert von nur 130 Millionen Euro. Es ist daher ein Aufkaufkandidat.

TetraTech (US88162G1031) ist das führende amerikanische Unternehmen im Bereich des lukrativen „Wasser-Consulting“ und ist börsennotiert. Die Berater arbeiten überwiegend im öffentlichen Auftrag. Sie planen beispielsweise die Kultivierung von Flüssen, um große Städte vor Überschwemmungen zu bewahren. Oder sie untersuchen, ob die kalifornische Chipindustrie in der Bucht von San Francisco das Meerwasser verschmutzt hat. Der Kurs der TetraTech-Aktie schwankt sehr stark, seit Oktober 2002 hat er sich beinahe verdreifacht. Mit einem KGV von rund 16 ist die Aktie aber noch nicht überteuert. Das Unternehmen ist an der Börse rund eine Milliarde USD wert.

Für risikobewusste Langfristinvestoren, die mit ihrem Kapitaleinsatz eine breite, von Profis organisierte Streuung ihres Wasser-Engagements wünschen, bieten sich Fonds oder Zertifikate an, so etwa der

Pictet Sector Fund Water (LU0104884860): Dieser Aktienfonds der angesehenen Fondsgesellschaft Pictet kam Anfang 2000, also kurz vor der unverhofft einbrechenden und drei Jahre währenden Aktienbaisse, als erster auf Wasser spezialisierte Fonds auf den Markt. Er verlor in der Folgezeit bis zu 30 Prozent an Wert und ist von seinen Ausgabepreis von 100 Euro noch weit entfernt. Sein Tiefstkurs lag bei 65,66, sein bisheriger Höchstkurs bei 113,39 Euro. Aktuell notiert er bei rund 75 Euro. Sein Volumen beträgt immerhin 230 Millionen Euro, für einen Spezialfonds eine stattliche Größe. Der Pictet Water bündelt weltweit alle Aktientitel, die auf dem Gebiet der Wasserversorgung nach Meinung des Fondsmanagers Philippe Rohner ein lohnenswertes Engagement versprechen. Das

Wassertechnik-Active-Zertifikat der WestLB (DE0006962608) bündelt auf globaler Ebene ebenfalls alle börsennotierten Unternehmen, die auf dem Gebiet der Wassertechnik und Wasserversorgung Rang und Namen haben, darunter Kleinunternehmen wie Wedeco, aber auch Suez, RWE, Gelsenwasser, wie auch die Wasserversorger der großen Metropolen Singapur, Philadelphia (USA) oder Kurita in Japan. Das Zertifikat hat eine Laufzeit bis zum Jahr 2008. Mit diesem Zertifikat ist der Investor nicht substanziell wie bei einem Aktienfonds an den Unternehmen beteiligt. Er besitzt vielmehr ein „Derivat“, dessen Wert von den Kursen der im Zertifikat aufgenommenen Titeln abgeleitet ist. Der Kurs der Zertifikats liegt derzeit bei knapp 80 Euro. Die WestLB garantiert die Handelbarkeit des Zertifikats und steht auch dafür gerade, dass dieses Wertpapier am Ablauftag zum aktuell erreichten Kurs des „Baskets“ zurückgezahlt wird. Mit anderen Worten: Sollte die große WestLB – derzeit durchaus in finanziellen Schwierigkeiten – in die Insolvenz gehen, wäre das Wasser-Zertifikat wertlos.

Der langjährige Autor unserer Rubrik „Finanzen“ ist gerne bereit, unter der Telefon-Nr. 089/64 28 91 50
Fragen zu seinen Berichten zu beantworten.

Dr. Joachim Kirchmann
Harthauser Straße 25
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