Betrachtung zur BAZ-II-Studie

Zeit ist nicht alles

Kurzer Rückblick auf die Umrelationierung des Bema: Der Erweiterte Bewertungsauschuss hatte bei seinen Verhandlungen beschlossen, dass neben dem Faktor Zeitaufwand unter anderem auch der geistige und körperliche Anstrengungsgrad des Zahnarztes bei der Bewertung einer zahnärztlichenLeistung als „modulierender Faktor“ eine eigenständige Rolle spielen soll. Dies war auch ein wesentliches Ergebnis der arbeitswissenschaftlichen BAZ-II-Studie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), die bei den Bema-Verhandlungen wichtige Inputs lieferte (siehe zm 12/2003, Seite 30 ff). In folgendem Beitrag wird die Bedeutung dieses „modulierenden Faktors“ in der Arbeitswissenschaft noch einmal aufgegriffen und in einen größeren methodischen Zusammenhang gestellt. zm-Autor Prof. Dr. Bernd Hans Müllervon der Universität Wuppertal ist einer der Mitautoren der BAZ-II-Studie.

Die 2001 bis 2002 durchgeführte Studie BAZ-II [Micheelis u. Meyer, 2002] hat in großem Umfang Datenmaterial zur zahnärztlichen Tätigkeit bereitgestellt und damit die Möglichkeit eröffnet, quantitative und qualitative Arbeitsanforderungen zu analysieren.

Betrachtet man die Daten, so zeigt sich schnell, dass eine ausschließlich auf die „Zeit“ als Beurteilungsmaßstab bezogene Betrachtung zu kurz greift. Allerdings erfordert eine auch qualitative und quantitative Aspekte einbeziehende Betrachtung – also die Anwendung arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse – die Vermittlung grundlegender Methoden der Analyse und Bewertung, was im folgenden Text – in aller Kürze – geschehen soll.

Arbeit

Die Arbeitswissenschaft hat sich sehr früh schon der Analyse der Tätigkeiten von Arbeitspersonen an den verschiedensten Arbeitsplätzen zugewandt [u.a.: Rohmert, 1973; Rohmert u. Rutenfranz, 1975]. Von der Eisen- und Stahlindustrie [Hettinger et.al., 1983] bis hin zu „Fluglotsen“ [Rohmert, 1973] wurden Arbeitsaufgaben, Belastungssituation und Beanspruchung der dort Tätigen detailliert erfasst. Hierbei lag in der Regel das Ziel zugrunde, Schwerpunkte der Beanspruchung und Gefährdung zu erkennen, die sie verursachenden Belastungen zu identifizieren und technische und/oder organisatorische Maßnahmen zur Anpassung der Arbeitsplätze an die unterschiedlichen Arbeitsaufgaben bereitzustellen sowie die Möglichkeiten und Grenzen der dort Tätigen. Die dabei vorgenommene Bewertung des jeweiligen Arbeitsplatzes dient in vielen Fällen auch zur Ableitung von Faktoren, die in die jeweiligen Verfahren der Entlohnung/Entgeltfindung einfließen. Abbildung 1 zeigt den dabei zu Grunde liegenden Bewertungsansatz.

Bei der Zuordnung von Daten und Informationen zu „Arbeitsplätzen“ als Gliederungskriterium – zum Beispiel der „Zahnarzt“ – kann naturgemäß nicht damit gerechnet werden, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine, im strengen Sinne, identische Belastungssituation vorliegt.

Somit ist nicht zu erwarten, dass die Nennung einer Arbeitsplatzbezeichnung zur Kennzeichnung einer Anforderungssituation ausreicht. Vielmehr weisen die Ergebnisse mehrfacher Erhebungen bei heterogener Belastungsstruktur den Charakter von „Momentaufnahmen“ im Sinne beispielhafter Belastungsprofile auf. Hierbei zeigt sich, dass zwar dem Arbeitsplatz eine Reihe von Tätigkeiten als „typisch“ zugewiesen werden kann, diese aber entweder nicht in allen beispielhaften Analysen erfasst werden können oder in unterschiedlicher Ausprägung vorkommen. Sucht man nach einer Möglichkeit, die Ergebnisse systematisch zuzuordnen, so bieten „Arbeitsvorgänge“ als Grundlage der Ergebniszuordnung [Müller, 1982] eine praktikable Lösung. Solche typischen Arbeitsvorgänge stellen charakteristische, organisatorisch abgrenzbare und zeitlich aufeinanderfolgende Tätigkeitssequenzen dar, die in der Regel aus mehreren Tätigkeitselementen bestehen und in ihrer Gesamtheit die Anforderungen des Arbeitssystems umfassend beschreiben können. Dieses Modell einer Ableitung den Arbeitsplatz typisierenden Vorgänge entspricht bei zahnärztlicher Tätigkeit die Zuordnung aller Informationen zu „Behandlungsanlässen“, wie dies in der BAZ-II-Studie geschehen ist.

Bewertung von Arbeit

Jede Bewertung (Abbildung 2), so auch die von „Arbeit“, stellt eine Abbildung der vorgefundenen Situation auf einer Skala dar, die ihrerseits die Bewertung – viel/wenig, schwer/leicht etc. – wiedergibt. Während der reine Messwert meist lediglich physikalische und/oder chemische Fakten repräsentiert, muss die eigentliche Bewertung eine Transformation in die Dimension der Inanspruchnahme des Menschen umfassen.

Eine solche Transformation wird durch die Anwendung des Belastungs-Beanspruchungs-Modells erreicht. Gegenstand der Analyse ist dabei die Belastung als die Summe der auf den Menschen einwirkenden Bedingungen der Arbeit und Arbeitsumgebung. Sie führt ihrerseits zu einer Beanspruchung, die als Summe aller Auswirkungen im Menschen zu interpretieren ist und die ihrerseits als Grundlage zur Bewertung der sie verursachenden Belastung herangezogen wird.

Das von Rohmert und Rutenfranz [1975] formulierte Belastungs-Beanspruchungs-Modell (Abbildung 3), das zwischenzeitlich auch Eingang in die nationale und internationale Normungsarbeit gefunden hat, ermöglicht die Beschreibung, Erklärung und Vorhersage allgemeiner und berufstypischer Zusammenhänge von Tätigkeitsanforderungen und physischen sowie psycho-physischen Reaktionen und damit die Bewertung von Arbeit.

Hierbei wird auch erkennbar, dass Belastung ebensowenig wie Anforderung oder auch Beanspruchung mit einem positiven oder negativen Vorzeichen behaftet ist. Parameter eines Modells sind wertfreie Begriffe, sie beschreiben Phänomene, die nur über Indikatoren quantifiziert und auf einem Kontinuum der Inanspruchnahme der Fähigkeiten – keine bis maximale Inanspruchnahme – bewertet werden können.

Zunächst war das Belastungs-Beanspruchungs-Modell vorrangig auf den industriellgewerblichen Sektor zugeschnitten, wurde dann kontinuierlich erweitert und bietet heute auch die Möglichkeit, Arbeitstätigkeiten in anderen Bereichen einzubeziehen. Nach der von Laurig [1992] vorgestellten „Systematik der Typen und Arten von Arbeit zur Gliederung von Arbeitsaufgaben“ lassen sich Belastungen/Beanspruchungen und die zugrundeliegenden Arbeitstätigkeiten nach „energetischer“ und „informatorischer“ Arbeit (sowie Mischformen) unterscheiden. „Energetische Arbeit“ umfasst dabei alle Tätigkeiten, die das Erzeugen von Kräften beinhalten, „informatorische Arbeit“ bezeichnet Tätigkeiten, die die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen verlangen.

Für die unterschiedlichen Anforderungen stellt der Mensch ebenso unterschiedliche wie individuell unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten bereit, die ihrerseits die Höhe der Beanspruchung bei ansonsten gleicher Anforderung begründen.

Dieser Ansatz macht deutlich, dass „Bewertung“ einerseits ein individuelles Ergebnis in Abhängigkeit unterschiedlich ausgeprägter Voraussetzungen darstellt und andererseits nur die Annahme „normaler“ Voraussetzungen die Übertragung des Bewertungsergebnisses auf Arbeitsplätze beziehungsweise Tätigkeiten ermöglicht. An industriellen Arbeitsplätzen führt dies zu einem differenzierten Profil zur Bewertung der Situation, wie in Abbildung 5 mit Hilfe des von ASER, Wuppertal, entwickelten Systems BDS [Müller u. Hettinger, 1981] dargestellt.

Grundlage eines solchen Profils sind unterschiedliche Daten und Informationen, die mit ebenso unterschiedlichen Methoden und Verfahren erfasst wurden. Letztlich lässt sich auch jeder „Behandlungsanlass“ in Form eines solchen Profils darstellen beziehungsweise arbeitswissenschaftlich bewerten.

Methoden und Verfahren der Datengewinnung

Analog zur begrifflichen Differenzierung von Ursachen und Auswirkungen stellt sich auch die methodische Herangehensweise bei der Erfassung von Belastungen und Beanspruchungen dar. Hinsichtlich des Anwendungsschwerpunktes und der Zielrichtung kann unterschieden werden nach Verfahren, die sich auf die Erfassung der Bedingungen („bedingungs-/belastungsbezogen“), auf das persönliche Empfinden und Verhalten („person-/beanspruchungsbezogen“) oder als Mischform auf beide Erhebungsdimensionen beziehen.

Aus Gründen der Verfahrensökonomie und begründet durch die Erfordernis, in kurzer Zeit orientierende Erkenntnisse verfügbar zu haben, wurde in der BAZ-II-Studie eine „Selbstbeurteilung“ der physischen und psychischen Belastung als Verfahren eingesetzt. Dies kann naturgemäß nicht mit der Aussagequalität differenzierter Analysen konkurrieren, stellt aber eine zulässige Vorgehensweise dar, da einerseits die Befragten – die Zahnärzte selbst – in der Beurteilung der eigenen Tätigkeit kompetent sind und andererseits die verwendeten Skalen [Borg, 1960] bereits an zahlreichen anderen Arbeitsplätzen eingesetzt wurden und sich als ausreichend valide und reliabel erwiesen haben.

Für den Bereich der psychischen Belastung ergeben sich zudem eine Reihe von eher grundsätzlichen und gleichermaßen spezifischen Problemen, die sowohl bei der Auswahl der Methoden (Abbildung 6) als auch bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen.

Bewertung psychischer Belastung

Schon lange bevor die starke Zunahme der Anzahl von Arbeitsplätzen mit psychischen (informatorischen) Belastungsfaktoren bekannt wurde, hat die Arbeitswissenschaft auf die Bedeutung der Untersuchung geistiger (informatorischer) Belastungsbedingungen hingewiesen [Nachreiner, 2002]. Trotzdem ist der Stand der Forschung als noch sehr defizitär zu bezeichnen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein wichtiger Faktor ist darin zu sehen, dass die Grundstruktur der psychischen Prozesse sowie der Informationsverarbeitungsprozesse, wie sie für die Bewältigung von Arbeitsprozessen angenommen werden müssen, erst in den letzten Jahrzehnten umfassender aufgeklärt werden konnte.

Auch wenn zum heutigen Zeitpunkt auf nationaler und internationaler Ebene verstärkt Bemühungen zu erkennen sind, unterschiedliche Klassen von psychischen Belastungsfaktoren zu identifizieren und Messverfahren mit den entsprechenden Gütekriterien bereitzustellen (zum Beispiel ISO 10075), sind die heute vorliegenden Ergebnisse aus laborexperimentellen Untersuchungen nur bedingt für die Gestaltung von Arbeitsplätzen zur Vermeidung von Fehlbeanspruchungen verwertbar. Die Gründe dafür sind grundsätzlicher Art. Daher werden auch in naher Zukunft optimale Handlungsanweisungen nicht zur Verfügung stehen.

1. Die Trennung von physischen und psychischen Belastungsfaktoren ist grundsätzlich schwer zu realisieren. Der menschliche Organismus reagiert als psychophysisches Gesamtsystem.

2. Bei den Arbeitspersonen gibt es – stützt man sich auf entsprechende Befragungen – eine große Bandbreite solcher psychischer Belastungsfaktoren. Sie reichen von „zu hohem Verantwortungsgefühl“ über „Probleme mit Vorgesetzten und Mitarbeitern“ bis hin zum „Mobbing am Arbeitsplatz“. Solche Belastungsfaktoren sind für die wissenschaftliche Analyse wenig tauglich, da sie als verbale Kategorien weder unabhängig voneinander noch in ihren Auswirkungsbedingungen identifizierbar sind.

3. Trotz verstärkter Forschungsbemühungen in den vergangenen Jahrzehnten konnten für die große Zahl psychischer Belastungsfaktoren weder einheitliche noch spezifische Beanspruchungsmaße gefunden werden. Die Gründe dafür sind offenkundig: psychische Belastungsfaktoren als Verursachung von Beanspruchungsfolgen lassen sich nur schwer in eine quantitative Messskala überführen.

4. Bei der Wirkung psychischer Belastungsfaktoren sind in noch stärkerem Maße Mediations- und Kompensationsprozesse wirksam, wie sie in Abbildung 4 am Beispiel der unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten beschrieben werden. Die psychologische Stressforschung hat solche Mediationsprozesse ausführlich untersucht. Man spricht dabei von „Coping-Strategien“, die zur Stressbewältigung von Individuen herangezogen werden. Diese Coping-Strategien sind interindividuell stark variierend, da sie nicht nur von relativ stabilen Personvariablen abhängig sind, sondern auch durch Lernerfahrungen – auch solchen aus der beruflichen Lernwelt des jeweiligen Individuums – mit determiniert werden.

Fasst man die Befunde und die daraus abzuleitenden Modelle der psychisch-mentalen Belastungs-Beanspruchungs-Forschung zusammen, so erscheint es zum jetzigen Zeitpunkt wenig Erfolg versprechend, mit differenzierten und entsprechend aufwändigen Analysen den Versuch zu unternehmen, invertretbarer Zeit (schneller als Veränderungen der Tätigkeit wirksam werden) ein übertragbares und verallgemeinerbares Ergebnis (im Sinne einer mehrdimensionalen reliablen und validen Bewertung psychischer Belastung) für zahnärztliche Tätigkeiten bereitzustellen. Für die Anwendung solcher Verfahren sind „Standards“ definiert [Häcker, Leutner u. Amelung, 1998], die sie beim Stand der derzeitigen Verfahrensentwicklung nicht erfüllen würden.

Zahnärztliche Tätigkeit

Nach übereinstimmenden Befunden nationaler und internationaler Studien liegen die Schwerpunkte des spezifischen zahnärztlichen Belastungs-Beanspruchungsgeschehens in

• psycho-sozialen Faktoren („Stress“), insbesondere durch steigenden Zeitdruck [vgl. z.B. Cooper, Watts u. Kelly 1987; Kastenbauer, 1983; Heim und Augustiny, 1988; Schneller und Micheelis, 1997; v. Quast, 1996; Rüdiger, 2000];

• ungünstigen Körperhaltungen und -bewegungen, die das Auftreten von muskuloskelettalen und Wirbelsäulenbeschwerden begünstigen [vgl. zum Beispiel Kastenbauer, 1983; Deck, Kohlmann u. Raspe, 1993; Tilscher et al., 1998; Türp und Werner, 1990];

• dem Umgang mit einer Vielzahl von Stoffen und Zubereitungen, die zu Hautirritationen und -erkrankungen führen [vgl. zum Beispiel Hensten-Pettersen u. Jacobsen, 1990; Rustemeyer, Pilz u. Frosch, 1994; Munksgaard et al., 1996].

Insgesamt belegen die oben angeführten Untersuchungen eine Zunahme körperlicher und psychischer Beanspruchungen sowie damit einhergehender Beschwerden und Befindensbeeinträchtigungen bei Zahnärzten [vgl. Meyer et al., 2001]. Von diesen Befunden ausgehend, lag der Schwerpunkt der BAZ-II-Studie in den „körperlichen“ und „informatorischen“ Beanspruchungen und deren Variation bei ausgewählten zahnärztlichen Behandlungsanlässen [Micheelis und Meyer, 2002].

Analyse und Bewertung zahnärzlicher Tätigkeit

In der BAZ-II-Studie werden die bedingungsbezogenen Aspekte durch die „Behandlungsanlässe“ und „Behandlungsdauer“ operationalisiert. Die 27 zahnärztlichen Behandlungsanlässe wurden im Rahmen eines Expertenratings der zahnmedizinischen Wissenschaft und mit Verbandsvertretern formuliert. Sie bieten ein repräsentatives Bild der Behandlungsanlässe in einer zahnärztlichen Praxis mit sowohl sehr häufigen Behandlungen als auch solchen, die im Arbeitsalltag eher seltener ausgeführt werden. Die „Behandlungsdauer“ wurde im Rahmen von Fremdzeitmessungen jeweils während einer Arbeitswoche von fünf Werktagen in 56 Zahnarztpraxen durch geschulte Experten (ebenfalls Zahnärzte) ermittelt. Insgesamt ergab sich daraus ein Messumfang von rund 280 Tagen.

Beanspruchungsseitig wurden die subjektiven Urteile der behandelnden Zahnärzte in den Dimensionen „körperliche Beanspruchung“ und „geistige Beanspruchung“ jeweils auf einer siebenstufigen Skala [Borg, 1960] erhoben. Ein hoher Skalenwert indiziert jeweils eine hohe Ausprägung des Merkmals (zu den eingesetzten Methoden).

Insgesamt liegen die körperlichen („Belastung“) und geistigen („Konzentration“) Beanspruchungen über alle Behandlungsanlässe mit einem empirischen Mittelwert von 3.45 (körperlich) beziehungsweise 3.53 (informatorisch) im „mittleren Bereich“ der siebenstufigen Skala (Abbildung 7). Nimmt man den theoretischen (mittleren) Skalenwert von 3.50 als Referenzmaß einer mittleren Beanspruchung, fallen bei der körperlichen Beanspruchung 17 Behandlungsanlässe durch eine unterdurchschnittliche Ausprägung auf, bei der informatorischen Beanspruchung sind es 13 Anlässe.

Bei der Behandlungsdauer in den 27 zahnärztlichen Behandlungsanlässen bietet sich ein sehr heterogenes Bild, bei dem insgesamt die vergleichsweise hohen Standardabweichungen auffallen, die in annähernd allen Merkmalen in ihrer Ausprägung den jeweiligen Mittelwert erreichen und diesen teilweise deutlich übersteigen. Das heißt, dass die erfassten Merkmale eine hohe Variation aufweisen, die von „moderierenden Variablen“ wie Arbeitsstil, Geübtheit, vor allem aber auch vom Patientenverhalten und der konkret-klinischen Situation des Einzelfalls abhängig sind. Die Bearbeitungsdauer in den einzelnen Behandlungsanlässen wurde auch auf Erfüllung der Normalverteilung getestet. Bis auf neun Arbeitsvorgänge, bei denen diese Bedingung erfüllt ist, weichen die Stichprobenergebnisse statistisch signifikant von der Normalverteilung ab. Die anderen Behandlungsanlässe weisen im Hinblick auf die Behandlungsdauer mehrgipflige Verteilungsformen auf. Auch hierin zeigt sich die Inhomogenität beziehungsweise die Individualität der untersuchten Tätigkeiten, die auch für die hohen Standardabweichungen verantwortlich sein kann. Zwischen körperlicher und informatorischer Beanspruchung finden sich durchgängig signifikante, positive Korrelationen, die in sechs von 27 Behandlungsanlässen einen Wert von tau>.80 erreichen [Micheelis und Meyer, 2002].

Ausblick

Die an einer Großstichprobe von rund 5 000 Behandlungsfällen gewonnenen Ergebnisse ermöglichen eine Einschätzung der körperlichen und informatorischen Beanspruchungen, die mit der Erbringung zahnärztlicher Leistungen einhergehen. Insgesamt zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass die zahnärztliche Tätigkeit fast ausschließlich von kombinierten Belastungen bestimmt ist, die zu spezifischen Reaktionsmustern der Beanspruchung und der Beanspruchungsbewältigung führen. Im Hinblick auf die körperlichen und informatorischen Beanspruchungen konnten vielfältige Zusammenhangsmuster nachgewiesen werden, die allerdings vor dem Hintergrund der Verteilungskennwerte der unabhängigen Variablen „Behandlungsdauer“ gesehen werden müssen.

Um weitere Zusammenhänge zu erhellen, scheint es geboten, die zahnäztliche Tätigkeit nicht allein auf die zeitliche Komponente der „Behandlungsdauer“ zu reduzieren. Vielmehr erfordert die komplexe und anspruchsvolle Tätigkeit des Zahnarztes eine angemessene Einbeziehung weiterer – qualitativer – Aspekte, die es ermöglichen, schrittweise von der „Zeit“ als alleiniger Verrechnungsgrundlage zu einem „Arbeitswert“ zu gelangen, der modulierende Faktoren der Belastungssituation beinhaltet.

Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Wirtsch.-Ing.
Bernd Hans Müller
Fachgebiet Arbeitssicherheit und Ergonomie

Prof. Dr.phil. Hartmut Häcker
Fachgebiet Differentielle und
Angewandte Psychologie

Korrespondenzadresse:
Bergische Universität
Wuppertal
42097 Wuppertal

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