Paradigmenwechsel in der Onkologie

Krebspatienten besser über ihre Erkrankung informieren

Bei der Behandlung von Krebspatienten zeichnet sich eine Art Paradigmenwechsel ab. Erste Meilensteine wurden anlässlich des Jahreskongresses der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie gesetzt

Führende Onkologen fordern inzwischen, den Patienten besser über die Erkrankung und die notwendigen Therapieformen zu informieren, ihn also stärker in den Therapieprozess einzubinden. Dass sich ein solches Ziel realisieren lässt und dass die Onkologie offenbar dabei ist, neue Wege zu beschreiten, zeigte sich beim Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) im Oktober in Nizza.

Dort wurde erstmals auf europäischer Ebene ein ganztägiges Patientenseminar abgehalten, bei dem Betroffene wie auch Angehörige am Nachmittag sogar Gelegenheit hatten, persönliche Fragen an die Referenten zu stellen. Außerdem konnten Patienten ebenso wie allgemein Interessierte gegen eine geringe Tagesgebühr auch an den wissenschaftlichen Sitzungen der Tagung teilnehmen.

Denn die Onkologen sind inzwischen überzeugt, dass mehr Wissen über die Erkrankung keineswegs Ängste schürt, wie dies oft angenommen wurde, sondern die Position der Patienten sogar stärkt. „Diese nehmen die Erkrankung nicht einfach hin, sondern haben ein besseres Krankheitsverständnis und lassen sich besser in Entscheidungsprozesse involvieren“, sagte Professor Dr. Heinz Ludwig aus Wien, diesjähriger Präsident des ESMO.

Patientenseminar zum Brustkrebs

Das erste europäische Patientenseminar beim ESMO hatte das Mammakarzinom zum Thema, an dem derzeit rund jede neunte bis jede zehnte Frau hier zu Lande erkrankt. Die Betroffenen wurden in Vorträgen über besondere Aspekte der Erkrankung informiert und hatten anschließend in einem speziellen Seminarteil Gelegenheit, die Experten zu befragen.

Das Patientenseminar ist nach Ludwig Zeichen einer Reorganisation in der Onkologie, wobei man zunehmend erkennt, dass man sich mehr dem Patienten und seinen Belangen öffnen muss. Gerade die Onkologie war nach seinen Worten bislang in erster Linie technokratisch ausgerichtet. Es ging dabei primär darum, die Therapieoptionen zu optimieren und möglichst neue, gezielte Behandlungsformen zu entwickeln. Nachdem erste Erfolge in dieser Richtung realisiert wurden, muss sich der Fokus nach Ludwig nun erweitern und stärker auf die konkreten Bedürfnisse der Patienten konzentrieren.

„Diese brauchen nicht nur die reine technokratische Medizin, sondern eine umfassende Betreuung“, sagte der Mediziner in Nizza. Denn die Diagnose „Krebs“ ist ein einschneidendes Ereignis, und die Betroffenen brauchen Hilfe, um dieses Ereignis verkraften zu können. Dabei müssen sie von ärztlicher Seite gut geführt und umfassend betreut werden, damit sie wieder das Gefühl haben, Boden unter den Füßen zu gewinnen und die Situation selbst wieder kontrollieren zu können.

Der Wunsch nach mehr Wissen nimmt zu

Anders als früher lassen außerdem viele Tumorpatienten heutzutage die Behandlung nicht mehr einfach über sich ergehen, sondern fordern von den sie behandelnden Ärzten Auskunft über die geplanten Maßnahmen und auch über ihre Prognose – und das nach Ludwig mit Recht. Letztlich profitieren von dem veränderten Bewusstsein Arzt und Patient: Denn der informierte Patient kommt nach der Erfahrung Ludwigs im Allgemeinen mit seiner Erkrankung besser zurecht. Er ist besser auf mögliche Komplikationen vorbereitet und weiß eher, was im Falle eines Falle zu tun ist. Er wird allerdings in schwierigen Situationen eher auch einmal eine Zweitmeinung einholen.

Dass der Informationsstand des Patienten dabei direkt Rückwirkungen auf die Behandlung haben kann, zeigt nach Angaben des Mediziners das Beispiel der Fatigue, ein Gefühl der völligen Erschöpfung, das die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränkt. Das Wissen um die Fatigue, die durch den Tumor selbst, aber auch durch dessen Behandlung ausgelöst sein kann, ist nach Ludwig bedeutsam, da bestimmte Dimensionen des Phänomens einer Therapie gut zugänglich sind. So ist die Fatigue oft mit einer Anämie assoziiert, was sich leicht über die Bestimmung des Hb-Wertes erfassen lässt. Ist dieser erniedrigt, so sollte er durch entsprechende Therapiemaßnahmen zur Norm zurückgeführt werden, was heutzutage aus ökonomischen Gründen aber oftmals nicht realisiert werde. Ein besserer Informationsstand der Patienten könnte dies durchaus ändern.

Krebspatienten auf die ihre Probleme ansprechen

Doch nicht nur die Fatigue, auch andere Nebenwirkungen des Tumors und seiner Therapie machen den Patienten oft zu schaffen, ohne dass sie dies den betreuenden Ärzten gegenüber erwähnen. Als weitere Beispiele wurden in Nizza von Professor Carsten Bokemeyer, Tübingen, überstarke Ängste genannt, die rund 77 Prozent der Krebspatienten quälen, sowie Schlafstörungen, an denen 55 Prozent leiden. Ein besonderes Problem stellen nach Professor Dr. Lesley Fallowfield aus Sussex ein häufig auftretender Libidoverlust sowie eine sexuelle Dysfunktion dar. Sie sind nicht selten begründet in den Ängsten und der Depression der Tumorpatienten und im massiv eingeschränkten körperbezogenen Selbstbewusstsein der Betroffenen. Einfluss können ferner operative Eingriffe haben, aber gegebenenfalls auch eine Hormontherapie. Wichtig ist nach Fallowfield, dass die Probleme angesprochen werden. Geschieht das nicht durch den Patienten, so sollten die betreuenden Ärzte diesen direkt nach solchen Begleiterscheinungen fragen und mögliche Therapiemaßnahmen mit ihm besprechen.  

Christine Vetter
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