Akupunktur in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Teil 3)

Die unterschiedlichen Akupunkturverfahren

Die Akupunktur hat sich als wirkungsvolles ganzheitliches Therapieverfahren bereits in vielen Zahnarztpraxen etabliert. In einer mehrteiligen Artikelreihe sollen dem interessierten Leser neben der Vermittlung der Grundlagen der Akupunktur auch spezielle Hinweise für die praktische Umsetzbarkeit und Anwendung dieses Therapieverfahrens in der Zahnarztpraxis gegeben werden. Während in den ersten beiden Teilen dieser Serie die historischen Entwicklungen der Akupunktur, wissenschaftlich fundierte Untersuchungen zur Wirksamkeit und die Grundsätze der Diagnose und Therapie vorgestellt wurden, beschäftigt sich dieser Teil mit der Anwendung der Ohrakupunktur.

Neben der ursprünglichsten Form der Akupunktur, der Klassischen Chinesischen Akupunktur (Körperakupunktur), sind noch unterschiedliche andere Akupunkturverfahren bekannt [1, 5]. Ihre Wirkung gründet in der Tatsache, dass im Bereich des Körpers abgegrenzte Bereiche vorliegen, über welche eine therapeutische Beeinflussung des Organismus möglich ist, oder die in Form definierter Somatotopien Reflexlokalisationen der Strukturen des gesamten Organismus aufweisen. Zu diesen so genannten Mikrosystemen gehören:
Ohr
• Chinesische Ohrakupunktur
• Französische Ohrakupunktur
Schädel
• Chinesische Schädelakupunktur
• Schädelakupunktur nach Yamamoto
• Stirnakupunktur
Gesicht
• Gesichtsakupunktur
• Nasenakupunktur
• Mundakupunktur nach Gleditsch
Hand
• Handakupunktur
• Handgelenkakupunktur
Fuß
• Fußakupunktur
• Fußgelenkakupunktur

In der Zahnarztpraxis ist insbesondere das Mikrosystem der Ohrakupunktur von praktischer diagnostischer und therapeutischer Bedeutung und soll in der Folge, neben der Vorstellung eines einfachen Behandlungskonzeptes der Körperakupunktur und wichtiger Körperakupunkturpunkte, für den Zahnarzt ausführlicher beschrieben werden.

Die Klassische Körperakupunktur

Die Körperakupunktur (Abb. 7) stellt eine Therapieform innerhalb der Heilkunst der Traditionellen Chinesischen Medizin dar. In der chinesischen Syndromdiagnostik wird die gesundheitliche Störung nach acht Leitkriterien (vier Paare) beurteilt [1-5]. Diese vier Paare gegensätzlicher, polarer Leitkriterien sind: Yin -Yang, Leere - Fülle, Kälte - Hitze und Innen - Außen. Das Grundprinzip der Therapie ist es, einen möglichst umfassenden energetischen Ausgleich in Bezug auf diese acht Leitkriterien zu erzielen. Bei der Körperakupunktur erfolgt dabei der therapeutische Impuls über die Reizsetzung an definierten Akupunkturpunkten durch das Einstechen von Nadeln. Die Körperakupunktur verwendet je nach Art der vorliegenden Störung unterschiedliche therapeutische Prinzipien und damit auch unterschiedliche Akupunkturpunkte. Häufig gibt es mehrere Möglichkeiten, um den energetischen Ausgleich wieder herzustellen, und es macht die Erfahrung des Therapeuten aus, mit welcher Punktekombination er sein Ziel am schnellsten erreicht. In der Folge soll als Beispiel ein einfaches Behandlungsprinzip der Klassischen Chinesischen Akupunktur vorgestellt werden, die so genannte Locus-dolendi-Behandlung [2-4]. Sie eignet sich besonders für alle akut schmerzhaft entzündlichen Erkrankungen, mit welchen der Zahnarzt in seiner Praxis sehr häufig konfrontiert wird.

Aus Sicht der acht Leitkriterien gehören diese Störungen zu den "Äußeren Erkrankungen" (verursacht durch die äußeren Faktoren Wind, Kälte, Hitze, Feuchtigkeit oder Trockenheit) und es überwiegt das Yang. In der Regel findet sich lokal der Zustand der Fülle und es handelt sich meistens um Hitzeerkrankungen. Bei dieser Akupunkturtechnik werden lokale Punkte mit so genannten Fernpunkten kombiniert und durch Akupunkturpunkte mit zum Krankheitsbild passender übergeordneter Wirkung (Meisterpunkte) ergänzt.

Lokale Punkte

Zunächst wird das Hauptschmerzzentrum (Locus dolendi Punkt) durch vorsichtiges abtasten ermittelt. Dieses liegt bei einer Pulpitis oder einer Parodontitis zum Beispiel direkt über dem betroffenen Zahn, kann von außen im Bereich der Gesichtshaut unschwer aufgesucht werden und entspricht in der Regel keinem der klassischen Akupunkturpunkte. Danach sucht man in der Umgebung des Locus dolendi nach einem weiteren druckschmerzhaften "echten" Akupunkturpunkt auf einem der Meridiane (erweiterter Locus dolendi Punkt).

Die in Frage kommenden Punkte der Hauptmeridiane lassen sich in dem betroffenen Gebiet über Akupunkturtafeln oder eine Akupunkturpuppe (Abb. 5) sehr gut eingrenzen. Für den Bereich der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sind dies Punkte des Dickdarmmeridianes (Frontzahnbereich), des Magenmeridianes (gesamter Kieferbereich, Kiefergelenk, Trigeminusneuralgie, Fazialisparese), des Dünndarmmeridianes (Molarenbereich, Kiefergelenk), des 3 Erwärmermeridianes (Kiefergelenk), des Gallenblasenmeridianes (Kiefergelenk) und des Konzeptionsgefäßes (Frontzahnbereich) (Abb. 8).

Fernpunkte

Bei entsprechender Disposition (allgemeine Abwehrschwäche) besteht die Gefahr, dass es zur Ausbreitung der im Bereich des Locus dolendi eingedrungenen pathologischen Energie kommt, und zwar entlang der Meridiane, die in der Nachbarschaft der Primärstörung verlaufen. Dabei erfolgt diese Generalisierung am Wahrscheinlichsten über ein Meridiansystem, das eine globale energetische Schwäche aufweist. Um dieser Verteilung pathologischer Energie möglichst frühzeitig entgegenzuwirken, stärkt man über definierte Akupunkturpunkte das gefährdete Meridiansystem. Dies geschieht vorzugsweise über den Tonisierungspunkt (Akupunkturpunkt der den schwachen Funktionskreis energetisch stärkt) und den Quellpunkt (Punkt der unter anderem die Wirkung des Tonisierungspunktes unterstützt) des betroffenen Schwächemeridianes (Abb. 9). Die Tonisierungs- und Quellpunkte aller Hauptmeridiane liegen häufig fern ab des eigentlichen Locus dolendi und werden deshalb als Fernpunkte bezeichnet. Sie gehören den antiken Punkten der Akupunktur an, sind grundsätzlich in einem Bereich zwischen den Finger- beziehungsweise Zehenspitzen und dem Ellbogen- beziehungsweise Kniegelenk zu finden und liegen immer auf ihrem zugehörigen Meridian (Tabelle 1).

Die Auswahl des zu stärkenden Meridianes erfolgt über die Differenzierung der Druckschmerzhaftigkeit der Tingpunkte (Meridiananfangs- beziehungsweise Endpunkte im Bereich der Nagelfalzwinkel von Hand oder Fuß - Abb. 10) jener Meridiane, die durch das Areal des Locus dolendi verlaufen (Abb. 8). Die Entscheidung, ob ein Fernpunkt therapiebedürftig ist und in die Akupunkturtherapie einbezogen werden muss, wird ebenfalls an Hand der Druckdolenz der Punkte abgeklärt.

Übergeordnete Punkte

Entsprechend der allgemeinen Pathologie des Krankheitsgeschehens werden übergeordnet wirksame Punkte aus den Bereichen Antischmerz, Antientzündung, Spasmolyse oder psychisch wirksame Punkte ergänzt. Diese so genannten Meisterpunkte oder Spezialpunkte haben sich in der jahrtausendelangen Entwicklung der Klassischen Chinesischen Akupunktur bei definierten Indikationen als besonders wirksam erwiesen. In Tabelle 2 wird eine Auswahl wichtiger Meisterpunkte und Spezialpunkte der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde aufgelistet [2]. Abbildung 9 zeigt die wichtigsten übergeordneten Punkte bei akut schmerzhaft entzündlichen Erkrankungen.

Die Ohrakupunktur (Aurikulomedizin)

Damit die Akupunkturbehandlung in den Praxisalltag integriert werden kann, sollten folgende Voraussetzungen erfüllt sein:
• Diagnose und Therapie müssen in kürzester Zeit ohne Suchen von Materialien und Ausrüstungsgegenständen durchführbar sein.
• Die diagnostischen Schritte sind auf ein Minimum zu beschränken.
• Sofern kein zusätzliches Behandlungszimmer zur Verfügung steht, sollte darauf geachtet werden, dass durch die Akupunkturbehandlung der reibungslose Ablauf in der Praxis nicht behindert wird.

Speziell unter den Alltagsbedingungen der Zahnarztpraxis erfüllt gerade die Ohrakupunktur diese Kriterien und kann deshalb effizient zum Wohle des Patienten unterstützend in der täglichen Behandlung eingesetzt werden (Abb. 11). Auch wenn bereits die Chinesen vor Tausenden von Jahren über Punkte am Ohr therapiert haben (Chinesische Ohrakupunktur), so hat sich auf Grund der Effizienz das System der französischen Akupunktur durchgesetzt. Die westlich geprägte Ohrakupunktur (Aurikulomedizin) wurde erst ab den 50er Jahren durch den Arzt Dr. P. Nogier systematisch entwickelt und in den letzten drei Jahrzehnten vor allem durch den deutschen Arzt Dr. F. R. Bahr innerhalb der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin e.V. in München (DAAAM) durch immer ausgefeiltere Techniken perfektioniert und zu einem wirkungsvollen Diagnose- und Therapiesystem ausgebaut. Bemerkenswert hierbei ist, dass mittlerweile selbst in China, dem Mutterland der Akupunktur, diese Techniken und Erkenntnisse übernommen, an den dortigen Universitäten gelehrt und auch in chinesischen Lehrbüchern veröffentlicht werden.

Nogier fand heraus, dass das Ohr Repräsentationszonen des gesamten Organismus abbildet (Abb. 12) und über die Reizung dieser Entsprechungspunkte in einer Art von Reflexantwort eine Therapie auch an fern abliegenden Lokalisationen des Körpers möglich ist. Dabei gleicht die Lage der Reflexlokalisationen dieses so genannten Mikrosystems einem auf den Kopf gestellten Embryo im Uterus (Abb. 13).

Punkteauswahl

Grundsätzlich erfolgt die Auswahl der in Frage kommenden Akupunkturpunkte in der Aurikulomedizin nach einem ähnlichen Prinzip, wie es bereits bei der Locus dolendi Behandlung der Körperakupunktur beschrieben wurde: Neben lokalen Punkten im Bereich der Beschwerden werden zum Krankheitsbild passende übergeordnete Punkte dazukombiniert [2, 6, 7, 11]. Die lokalen Punkte entsprechen den schmerzhaften, entzündeten oder funktionsgestörten Zonen des Körpers. Die Auswahl der übergeordneten Punkte kann rein nach schulmedizinischen Überlegungen erfolgen und berücksichtigt allgemeine Antischmerzpunkte, antientzündliche Punkte, Punkte zur Spasmolyse oder psychisch wirksame Punkte. Das Auffinden der pathologischen und damit behandlungsbedürftigen Punkte erfolgt, wie bereits beschrieben, am einfachsten und sehr Zeit sparend über die Untersuchung der Druckdolenz. Dazu kann der Zahnarzt mit einem abgerundeten oder planen Zementstopfer (Aufpressfläche etwa ein Quadratmillimeter) das in Frage kommende Areal im Bereich des Ohres abtasten. Grundsätzlich gilt, dass der therapiebedürftige Akupunkturpunkt um so druckschmerzhafter reagieren wird, je wichtiger er für die Behandlung der Beschwerden ist.

Alle lokalen Punkte werden am Ohr grundsätzlich auf der Seite der geschilderten Beschwerden aufzufinden sein. Schwieriger gestaltet sich die Untersuchung der übergeordneten Punkte. Diese werden meistens abhängig von der Händigkeit des Patienten auf einer Seite deutlicher mit einer Druckdolenz reagieren. Da die exakte Bestimmung der Händigkeit nicht immer einfach ist und nur durch die Technik der RAC-Tastung [8] eindeutig möglich ist, empfiehlt sich für den Anfänger, bei den übergeordneten Punkten grundsätzlich die entsprechenden Zonen an beiden Ohren zu untersuchen und bei der Therapie den Akupunkturpunkt auf der Seite der stärkeren Druckdolenz zu verwenden. Eine Nadelung indentischer Zonen auf beiden Seiten ist im Zweifelsfall ebenfalls möglich. In den nachfolgenden Abbildungen wird die Lage der einzelnen Akupunkturpunkte in Bezug auf den Rechtshänder dargestellt.

ZA Hardy Gaus
Kirchstraße 15
72479 Strassberg
E-Mail: hardy.gaus@akupunktur-arzt.de

INFO

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit den historischen Entwicklungen der Akupunktur und den wissenschaftlichen Grundlagen dieser Therapiemethode.

Im zweiten Teil (zm 19) dieser Artikelserie werden unterschiedliche Mikrosysteme der Akupunktur mit den Schwerpunkten "Klassische Chinesische Akupunktur" und "Französische Schule der Ohrakupunktur" vorgestellt, sowie die Prinzipien und Verfahren der Diagnose und Therapie beschrieben.

Der dritte Teil (zm 20) beschreibt die Anwendung der Ohrakupunktur bei ausgewählten Indikationen in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und im vierten (zm 21) und letzten Teil werden angewandte diagnostische und therapeutische Methoden vorgestellt, die sich aus den Lehren der Akupunktur ableiten lassen.


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