29. Jahrestagung der Association for Dental Education in Europe (ADEE)

Harmonisierung der Ausbildung zur Mobilitätsförderung der Studenten

Vom 3. bis 6. September 2003 fand in den Räumen des Medizin-Theoretischen Zentrums der Medizinischen Fakultät an der Technischen Universität Dresden die 29. Jahrestagung der Europäischen Vereinigung für zahnmedizinische Ausbildung (ADEE) statt.

Das vorrangige Ziel der ADEE ist die ständige Verbesserung und Harmonisierung der zahnärztlichen Aus- und Weiterbildung in Europa. Aktuelle Bedeutung und Brisanz gewinnt diese Aufgabe vor dem Hintergrund der 1999 von den Mitgliedsländern der Europäischen Union verfassten Bologna-Deklaration. Mit dieser verpflichteten sich die Mitgliedstaaten bis 2009 eine weitgehende Harmonisierung der akademischen Ausbildung zur ungehinderten Mobilität der Studierenden und Hochschullehrer durchzusetzen. Kernstücke sind die Vereinheitlichung der Diplome (Master und Bachelore) und die Modularisierung der Studienabschnitte mit Bewertung der Inhalte nach dem so genannten European Credit Transfer System (ECTS), mit welchem die Ableistung des Studiums an unterschiedlichen europäischen Hochschulorten ohne Zeitverlust ermöglicht wird. Der inhaltlichen und logistischen Übertragung dieser Forderungen auf das Zahnmedizinstudium galt das dem Jahreskongress vorgeschaltete Dented evolves meeting. Dies ist ein von der EU gefördertes thematisches Netzwerk, in dem zurzeit etwa 100 Hochschullehrer ein neues zahnmedizinisches Curriculum, welches den erwähnten Forderungen der Bologna Deklaration Rechnung trägt, erarbeiten. Die sich anschließende ADEE Tagung, welche von Prof. Winfried Harzer, Dresden, geleitet wurde, fand mit 210 Teilnehmern aus 35 Ländern Europas, Nordamerikas und Asiens die höchste Resonanz der letzten Jahre.

Im wissenschaftlichen Programm wurden zwei Hauptthemen, „Critical review of problem based learning“ und „Stress among staff and students as it relates to learning” fokussiert.

Ein an Brillanz und Inhaltsreichtum nicht zu übertreffender Eröffnungsvortrag von Prof. Spitzer, Ulm, zum Thema „Learning – how does it work“ gab den Teilnehmern einen Einblick in den Stand der Hirn- und Verhaltensforschung. Neue Erkenntnisse zu neuronalen Anpassungsprozessen auch im fortgeschrittenen Alter und experimentelle Grundlagen zur aktiven Stressbewältigung fesselten die Zuhörer genauso wie die bitteren Nachweise für die sinn- und inhaltslosen TV-Engramme im kindlichen Gehirn und die damit verbundene „Verbildung“ und unnötige mentale Belastung und Hemmung unserer Kinder im Lernprozess.

Problemorientiertes Lernen = (POL)

Das erste Hauptthema zur kritischen Bewertung des problemorientierten Lernens (POL) leitete Prof. Thomas Aretz, Harvard Boston, mit einem Beitrag aus Sicht des Medizinstudiums ein. Es wies zunächst auf die großen Vorteile dieser Lernstrategie, welche ihren Niederschlag in Teamwork des Kleingruppenunterrichts, dem Lernen im funktionellen Kontext und der Stimulation des Studenten zur eigenständigen Problemlösung findet, hin. Damit wird der Student viel mehr zur aktiven Wissensstoffbewältigung und -verarbeitung angehalten als durch die für ihn passive Wissensvermittlung in der Vorlesung. Bei kritischer Wertung ist festzuhalten, dass in der ärztlichen Diagnose- und Behandlungsplanung das POL zur einer tiefgründigeren und umfassenderen Durchdringung und Erfassung des Krankheitsfalles führt als bei der traditionellen Lernform in Vorlesung und Seminar. Der Kolbsche Lernzyklus, Erfahrung, Reflexion, Denken, Machen, erfährt im POL durch die zum Mitdenken anregende Fallgestaltung, das eigenständige Aufsuchen von Datenquellen zum Schließen von Wissenslücken und die schnelle praktische Anwendung im Patientenfall eine optimale Umsetzung. Als Nachteil ist der längere, wenn auch gründlichere Entscheidungsweg gegenüber dem traditionellen Lernen, hier erfolgt der Entscheidungsprozess rascher, zu nennen. Im zweiten Referat beleuchtete Prof. Madeleine Rohlin, Malmö, die Thematik aus zahnmedizinischer Sicht. Seit 1990 gibt es an etwa zehn Dental Schools europaweit POL-Programme, wobei nur in Malmö und Dublin das gesamte Curriculum umgestellt wurde, während an den anderen Orten Blockkurse in das traditionelle Curriculum integriert wurden. Sie betonte, dass diese Lehrform vor allem auf das selbständige Agieren und Handeln im zukünftigen Beruf vorbereitet. In dem von ihr so benannten Spiral-Curriculum sollen zunehmende Praxis in den Behandlungskursen Hand in Hand mit komplexeren POL-Kursen gehen. Prof. Vimla L. Patel, New York, stellte vom Blickwinkel der Lerntheorie und Entscheidungsfindung das POL dem traditionellen Lernen gegenüber. Zunächst betonte sie, dass im Laufe eines Studien- oder Lernprozesses nach einer enthusiastischen Anfangsphase es intermediär zu einem Leistungsabfall und Konfusion kommt, welche erst nach Konsolidierung und dem Finden rationeller und routinierter Lösungswege ausgeglichen wird. Dies sollte vor allem bei Einführung neuer Lernmethoden berücksichtigt werden, um nicht voreilig die Implementierung abzubrechen. Die ausschließliche Anwendung der POL-Strategie bei der Lösung aller Routineaufgaben im diagnostischen und therapeutischen Alltag eines Mediziners birgt jedoch eine Verkomplizierung einfacher Lösungswege in sich. Andererseits kann das problemorientierte Herangehen an nicht routinemäßige Aufgaben und komplexe Situationen sehr hilfreich und auch effizient sein. Letztlich ist deshalb eine Balance zwischen beiden Perspektiven, das heißt der faktengestützten Entscheidung gegenüber der problemorientierten Lösung der optimale Weg. Einen Einblick in ein POL-Tutorium zum Thema „Mundgeruch“ gab abschließend Prof. Klaus Böning, Dresden, mit einer Videodemonstration. Dabei ging es nicht nur um die didaktische und inhaltliche Gestaltung, sondern auch Teamwork der international besetzten Gruppe aus deutschen, belgischen und kanadischen Studenten mit englischer Konversation. Dem Vortragsblock schloss sich am Nachmittag die Diskussion in Arbeitsgruppen zu den teilweise provokanten Themen, „Alternative Lehr- und Lernmethoden“, „Pros und Cons für POL“, „Wie kann man POL in das Curriculum einführen“ und „Wie kann man die Hochschullehrer ändern“, an. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden im Plenum vorgestellt und als Statements verabschiedet.

Stress im Studium

Stressanzeichen im Studium und Ansätze zu deren Bewältigung standen am zweiten Tag im Mittelpunkt des Interesses. Dr. Gerry Humphris, Manchester, referierte zu Stress und Burnout bei Zahnmedizinstudenten und Hochschullehrern. Es gibt Hinweise, dass Lehren einerseits eine Schutzfunktion gegenüber den genannten Symptomen durch mehr Autonomie und Statuszunahme hat. Andererseits können sich die übermäßige Einbindung in die Lehre durch das Abhalten von Forschungs- und Patientenbetreuungsaufgaben sowie externe Kontrollen stresssteigernd auswirken. Im Laufe der Kariere ist nach zehnjähriger Lehrtätigkeit ein Gipfel erhöhter Symptomprävalenz zu registrieren. Bei Studenten in den ersten Studienjahren wirkt sich neben Alter, Ausbildungsart und Lebensbedingungen vor allem der frühe Patientenkontakt protektiv gegenüber Stress und Burnout aus. Je größer die mentale Distanz zwischen Beruf und Persönlichkeit, desto größer ist das Risiko für ein Burnout-Syndrom. Arbeitsüberlastung, fehlende Selbstkontrolle, fehlende Anerkennung und Wertekonflikt sind Einzelursachen. Prävention und Stressverhütung für die Studenten können durch adäquate Supervision, Feedback und klare Perspektiven für Lehre und Kariere erreicht werden. Dr. Ronald Gorter, Amsterdam, ging besonders auf Zusammenhänge zwischen Studium und zukünftiger Kariere ein. Er wies darauf hin, dass einerseits der Umgang mit Stresssituationen im Studium einen Trainingseffekt für den Praxisalltag haben kann, andererseits aber auch Burnout-Anfangssymptome im Studium eine weitere Verstärkung im Berufsleben erfahren können. Er gab einen Prozentsatz von zehn Prozent bis 20 Prozent der Studenten als erhöht risikobelastet an. Einzelsymptome wie oben angegeben sollten ernst genommen werden und bedürfen einer erhöhten Zuwendung im Studienprozess. PD Dr. Karin Pöhlmann, Dresden, präsentierte zum Abschluss eine multizentrische Studie zum Stresspotential im klinischen Studium an den Universitäten Freiburg, Bern, Schweiz und Dresden. Dabei zeigte sich ein höheres Stresspotential an den deutschen Hochschulen gegenüber dem in der Schweiz, aufgrund konstringenter Prüfungs- und Wiederholungsbedingungen in der deutschen zahnärztlichen Approbationsordnung. Die komplexe Patientenbehandlung und Veränderungen im Curriculum, zum Beispiel die Integration von POL-Anteilen in Dresden, erhöhen ebenfalls das Stresspotential. Im Fächerkanon wird von den Studenten an allen Hochschulen die zahnärztliche Prothetik und die Endodontie mit dem höchsten Belastungsgrad ausgewiesen.

Traditionsgemäß folgte am Freitag nachmittag die Arbeit in vier Workshops mit den Themen: Hochschullehrertraining, E-learning sowie Zahnheilkunde und Bologna Deklaration. In einem weiteren Workshop der europäischen Studentenorganisation standen der Bolgna-Prozess und die Stressproblematik im Mittelpunkt des Interesses. Die Posterausstellung mit 34 Postern spiegelte ebenfalls das große Interesse und die Vielfalt am und im zahnärztlichen Ausbildungsprozess wider. Erstmals wurden von den Posterbeiträgen die vier besten für eine Präsentation in Kurzvorträgen am Samstag ausgewählt. Eine Initiative, die auch in kommenden Jahrestagungen fortgesetzt werden soll. Zum kollegialen und fachlichen Meinungsaustausch auf breitester internationaler Ebene bot das Rahmenprogramm beste Bedingungen. Ein Wermutstropfen für den Veranstalter war die mit 15 von 210 Teilnehmern sehr geringe deutsche Beteiligung, eingedenk der kurzen Wege nach Dresden. Das Einbringen unserer hohen zahnärztlichen Aus- und Weiterbildungsstandards in die Diskussionen um harmonisierte europäische Rahmenbedingungen bedürfen auch eines höheren Engagements und zahlenmäßig größerer Beteiligung deutscher Hochschullehrer und Bildungsexperten auf allen Ebenen.

Letztlich wurde von allen Teilnehmern das hohe Niveau der Vorträge, der Posterbeiträge und der Diskussionen in den Arbeitsgruppen als fachlich und persönlich gewinnbringend eingeschätzt, so dass der Besuch der kommenden Jahrestagung in Cardiff, Großbritannien, vom 1. bis 4. September 2004 schon fest im Terminplan eingeordnet ist. Tagungsprogramme mit Abstracts sind in begrenzter Anzahl beim Tagungsleiter erhältlich.

Prof. Dr. Walther Harzer
Universitätsklinikum Carl Gustav Clarus
Fetscherstraße 74
01307 Dresden
harzer@rcs.urz.tu-dresden.de

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