Politik

Raucherentwöhnung in der zahnärztlichen Praxis

„Combating – the tobacco epidemic” – Kampf der Tabakepidemie: die Weltgesundheitsbehörde (WHO) hat in den letzten Jahren erstmals intensive Anstrengungen unternommen, die Tabakepidemie weltweit einzugrenzen. Die von der WHO genannten Zahlen sprechen für sich: Während derzeit weltweit mit etwa fünf Millionen tabakbedingte Todesfällen pro Jahr zu rechnen ist, wird diese Zahl auf zehn Millionen im Jahre 2030 steigen. Im ersten Viertel des neuen Jahrhunderts werden 150 Millionen Todesfälle auftreten und 300 Millionen im zweiten Viertel. Die Hälfte dieser Todesfälle betrifft 35-bis 69-Jährige, wobei ein durchschnittlicher Verlust an Lebenszeit von 20 bis 25 Jahren zu erwarten ist. In Deutschland sterben vorzeitig tabakbedingt bis zu 140 000 Personen jährlich. 35 Prozent der Erwachsenen in Deutschland rauchen, davon 87 Prozent täglich. Zwölf-bis 25-Jährige haben bis zu 80 Prozent bereits im Alter zwischen elf und 16 Jahren ihre ersten Raucherfahrungen gemacht. Die Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit sind in Zehntausenden von wissenschaftlichen Artikeln detailliert beschrieben worden. In industrialisierten Ländern wie Deutschland sind kardiovaskuläre Erkrankungen die häufigste Todesursache durch Tabakkonsum. 90 Prozent der Lungenkarzinome, 15 bis 20 Prozent anderer Karzinome, 75 Prozent chronischer Atemwegserkrankungen und 25 Prozent der Todesfälle durch kardiovaskuläre Erkrankungen im Alter zwischen 35 und 69 Jahren sind tabakbedingt. Die Auswirkungen des Tabaks auf die Mundhöhle sind ebenfalls bekannt. Karzinome des Oropharynx sind bedingt durch hohen Tabakund Alkoholkonsum. Die geschätzte Zahl der jährlichen Neuerkrankungen in Deutschland beträgt für Männer etwa 7 800 und für Frauen etwa 3 000 Fälle. Das mittlere Erkrankungsalter liegt für Männer bei 58, bei Frauen bei 63 Jahren. Neben dem Mundhöhlenkarzinom und den Präkanzerosen sind die Auswirkungen auf den gingivo-parodontalen Komplex von großer Bedeutung. Parodontitiden werden durch Tabak verstärkt, therapeutische, insbesondere parodontalchirurgische Maßnahmen, sind von deutlich schlechterem Erfolg gekennzeichnet. Übermäßiger und vorzeitiger Implantatverlust, Zahnverfärbungen oder Mundgeruch sind weitere negative Auswirkungen auf die Mundhöhlengesundheit. Schon diese wenigen Fakten zeigen, wie bedeutungsvoll die Rolle des zahnärztlichen Teams bei der Antitabakberatung sein könnte, wenn sich dieses entschließen sollte, zukünftig auf diesem Gebiet neben den ärztlichen Kollegen tätig zu werden. Die WHO empfiehlt vier grundsätzliche Prinzipien der Tabakkontrolle: Aufklärung der Bevölkerung, grundsätzliches Werbeverbot, Steuererhöhungen und Unterstützung von Antitabak-Aktivitäten sowie die Bildung von so genannten „Tabakkontrollkoalitionen“. Anfang Juni unterzeichneten die Europäische Union und 28 weitere Länder in Genf eine Antitabakkonvention der WHO. Diese entspricht einem ersten weltweiten Gesundheitsstandard der WHO überhaupt. Auch die Bundeszahnärztekammer hat im Rahmen erster Schritte gegen den Tabak ein so genanntes „Policy statement“ verfasst und publiziert. Die Einbindung der Zahnärzteschaft und des zahnärztlichen Teams in eine wirksame Antitabaklobby ist in einigen Ländern der Europäischen Union und vor allem in den USA seit Jahren selbstverständlich. Bis heute besteht allerdings in der deutschen Zahnärzteschaft noch eine große Zurückhaltung, insbesondere bedingt durch bisher fehlende Informationen darüber, wie Antitabakaufklärung in der Praxis zu erfolgen hat. Es fehlt an Broschüren für das zahnärztliche Team aber gleichzeitig auch für rauchende Patienten. Befragungen der deutschen Zahnärzteschaft haben ergeben, dass höchstens ein Viertel der Kollegenschaft überhaupt die Frage nach Tabakkonsum bei neu aufzunehmenden Patienten stellt. Diese Frage wird hoffentlich in Zukunft eine conditio sine qua non sein, denn ohne die Informationen, ob Raucher oder Nichtraucher, sind manche der zahnärztlichen Maßnahmen mit eingeschränktem Erfolg vorauszusagen. Mit der Tabakintervention würde die deutsche Zahnärzteschaft einen deutlichen Schritt auf „medizinische Inhalte“ ihres Berufes zugehen. Dieses erscheint sinnvoll und dringend erforderlich. Ein geplantes Pilotprojekt in Schleswig-Holstein soll erstmalig die Bereitschaft zur Tabakintervention des zahnärztlichen Teams untersuchen, um zukünftig Empfehlungen für die zahnärztliche Praxis aussprechen zu können. Aus einem Projekt der Europäischen Union mit dem Titel „Tobacco and oral health „ gingen Forschungsergebnisse hervor, die eindeutig die Richtung vorgeben. Aufklärungsmaterial für die zahnärztliche Praxis und den Patienten sowie Weiterbildungskurse für die Zahnärzteschaft auf dem Gebiet der Tabakintervention sind unumgänglich. Wie weit die Interventionsmaßnahmen in der zahnärztlichen Praxis gehen sollen, ist bisher umstritten. Diese könnten von der Kurzintervention mit einem zwei-bis vierminütigen Gespräch bis hin zur Empfehlung von Nikotinersatzstoffen reichen. Erfahrungen aus der zahnärztlichen Praxis dazu liegen aus einigen europäischen Ländern und den USA vor. Die deutsche Zahnärzteschaft sollte sich schnellstens entschließen, die Schritte, die bei unseren Nachbarn, wie der Schweiz oder Österreich, längst gegangen worden sind, nachzuvollziehen. So lautet das Motto einer in der Schweiz herausgegebenen Aufklärungsbroschüre: „Rauchen – Intervention in der Zahnarztpraxis. Let it be.“ Let it be – beginnt natürlich immer bei einem selbst und damit in der Durchsetzung der rauchfreien Praxis. Auch hier heißt es: mit gutem Beispiel vorangehen.

Prof. Dr. Peter A. Reichart
Charité, Universitätsmedizin Berlin,
Campus Virchow
Abteilung Oralchirurgie und zahnärztliche Röntgenologie
Augustenburgerplatz 1
13353 Berlin

Dieser Beitrag erschien auch in der Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift 58 (2003)10 © Deutscher Ärzte-Verlag, Köln

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