Akupunktur in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Teil 4)

Die unterschiedlichen Akupunkturverfahren

Die Akupunktur hat sich als wirkungsvolles ganzheitliches Therapieverfahren bereits in vielen Zahnarztpraxen etabliert. In einer mehrteiligen Artikelreihe sollen dem interessierten Leser neben der Vermittlung der Grundlagen der Akupunktur auch spezielle Hinweise für die praktische Umsetzbarkeit und Anwendung dieses Therapieverfahrens in der Zahnarztpraxis gegeben werden. Während in den ersten drei Teilen dieser Serie die historische Entwicklung der Akupunktur, wissenschaftlich fundierte Untersuchungen zur Wirksamkeit, die Grundsätze der Diagnose und Therapie sowie die Ohrakupunktur vorgestellt wurden, beschäftigt sich dieser letzte Teil mit den verschiedenen Therapieanwendungen.

Akupunkturpunkte einiger Krankheitsbilder

In der Folge werden ausgewählte Akupunkturpunkte zur Therapie von drei wichtigen Störungen aus dem Bereich der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde vorgestellt [2, 6, 7, 11]. Die exakte Lage besonders schwieriger Punktelokalisationen, die zum Beispiel bei der direkten Aufsicht auf das Ohr nur teilweise oder gar nicht zu sehen sind (so genannte verdeckte Lokalisationen), werden in ihrer Lage und zum Teil auch in ihrer Stichrichtung ausführlich beschrieben [11].

Die vorgestellte Auswahl der für die jeweilige Indikation in Frage kommenden Punkte erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann individuell variieren. Um das gesamte Spektrum der Therapiemöglichkeiten in der Praxis einsetzen zu können, sollte eine fundierte und möglichst qualifizierte Akupunkturausbildung, zum Beispiel bei der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin e.V. in München, angestrebt werden.

Akute, lokalisierte, entzündliche Prozesse

Unter diese Gruppe von Erkrankungen gehören alle Pulpitiden, Parodontitiden (apikal und marginal), Schleimhautaffektionen (zum Beispiel Herpes labialis, rezidivierende Aphthen, Ulcera), Eiterungen (Abszesse) oder reaktive Entzündungen.

Lokale Punkte

Die Lokalisation dieser Punkte wird in der Regel eindeutig durch die Erkrankung vorgegeben und auf der Seite der Beschwerden mit Hilfe der Untersuchung auf Druckdolenz bestimmt. Der größte Teil des Areals aus dem zahnärztlichen Arbeitsgebiet liegt im Bereich des Lobulus (Abb. 1). Veränderungen an Mundschleimhautanteilen, Lippen und Zunge (zum Beispiel rezidivierende Aphthen, Herpes labialis, Durckstellen, Ulcera, Erosionen) sind in und um das Dreieck zu finden, welches durch das Kiefergelenksareal und die beiden Ober- und Unterkieferzahnleisten gebildet werden. Dabei spielt die Art der entzündlich schmerzhaften Erkrankung in der Akupunktur letztendlich keine Rolle. Die Pulpitis am Zahn 14 wird gleich therapiert wie die Dentitio difficilis an Zahn 48, lediglich die Reflexzone für den lokalen Punkt am Ohr wird sich ändern.

Auch wenn von schulmedizinischer Seite aus gelegentlich Probleme bestehen, die Ursache von Beschwerden eindeutig zu differenzieren, kann die Akupunktur weiterhelfen. So können zum Beispiel Zahnschmerzen im Oberkieferseitenzahnbereich auch durch eine Sinusitis maxillaris vorgetäuscht werden. Über die entsprechenden Referenzpunkte der Körperakupunktur Di 20 beziehungsweise Di 20-1 (Ex-HN 8) für den Nasenbereich oder das Nasenareal am Ohr kann jedoch meist eine eindeutige Unterscheidung erfolgen (Abb. 2).

Übergeordnete Punkte

Die Auswahl der übergeordneten Punkte erfolgt ausschließlich entsprechend der allgemeinen Pathologie der Erkrankung und ist letztendlich ebenfalls unabhängig von der Art des Krankheitsgeschehens. So können bei einer Pulpitis und einem Herpes simplex durchaus die identischen übergeordneten Punkte indiziert sein.

Bei schmerzhaftem Geschehen ist der so genannte Thalamuspunkt (Di 4 der Körperakupunktur, Quellpunkt seines Meridianes und Meisterpunkt gegen Schmerzen) als allgemeiner antischmerzwirksamer Punkt regelmäßig zu finden (Abb. 3). Der Thalamus ist das übergeordnete vegetative Zentrum für die gesamte Sensibilität und damit auch der Schmerzempfindung. Es ist die letzte Schaltstelle, bevor die Schmerz auslösenden Reize der Sinnesorgane und der peripheren Nerven über die Großhirnrinde bewusst gemacht werden. Die Chinesen haben deshalb diesem Punkt den Beinamen „Tor zum Bewusstsein“ gegeben.

Die Reflexlokalisation des Thalamuspunktes findet sich am Fuße der Innenfläche des Antitragus direkt am Übergang zur Hemiconcha inferior und ist nur am aufgezogenen Ohr direkt einsehbar. Die Innenfläche des Antitragus stellt mit zwei dreieckförmigen Flächen eine auf den Kopf gestellte Pyramide dar. An der Spitze der Kante dieser Pyramide liegt der Thalamuspunkt.

Bei Entzündungen sind die antientzündlichen Punkte Prostaglandin E1 (Gb 41, Meisterpunkt bei rheumatischem Geschehen, Kardinalpunkt, Voltaren vergleichbare Wirkung nach Bahr), Interferonpunkt (MP 4, Meisterpunkt bei Durchfallerkrankungen, Kardinalpunkt, Interferon vergleichbare Wirkung) und der Thymuspunkt (3E 5, Lo-Punkt seines Meridianes, Meisterpunkt bei rheumatischem Geschehen, Kardinalpunkt, allgemeiner Antistörherdpunkt) immer mitzuuntersuchen (Abb. 4). Der Thymuspunkt liegt in der Wand, die von der Concha zur Anthelix aufsteigt, und zwar am Übergang vom oberen Drittel in die unteren zwei Drittel der so genannten Vormauer (vergleiche Schnittbild durch die Vormauer in Abb. 4) in Höhe des dritten bis vierten Brustwirbels. Darüber hinaus kann über den Lungenpunkt (Lu 7, Lo-Punkt seines Meridianes, Kardinalpunkt, Meisterpunkt gegen Stauungen und wichtigster Punkt zur allgemeinen Abwehrstärkung) die Körperabwehr insgesamt gestärkt werden (Abb. 3).

Myoarthropathie

Lokale Punkte

Bei diesem Beschwerdebild sind häufig beidseits im Bereich des Areals des Kiefergelenkes mehrere druckdolente Punkte zu finden, welche dem Punkt des Kiefergelenkes und der Kaumuskulatur entsprechen (Abb. 5). Wichtig ist hierbei, auch nach möglichen muskulären Entsprechungspunkten auf der Ohrrückseite dieser Akupunkturpunkte zu suchen, die eine Entspannung der muskulären Strukturen bewirken können. Da sich die sensiblen und motorischen Reflexlokalisationen eines Punktes exakt gegenüber liegen, werden die motorischen Entsprechungspunkte auch als Zangenpunkte bezeichnet. Die Halswirbelsäule sollte besonders in Höhe C0/C1 in jedem Falle einschließlich möglicher Zangenpunkte der Ohrrückseite mituntersucht werden, weil Verspannungen im Wirbelsäulenbereich mitverantwortlich für Störungen im stomatognathen System sein können.

Übergeordnete Punkte

Stehen die Schmerzen im Vordergrund, so sollte der Thalamuspunkt (Di 4) mitgenadelt werden (Abb. 3). Da bei Dysfunktionen im Kauorgan neben Interferenzen im Bereich der Zähne sehr häufig psychische Ursachen ätiologisch in Betracht zu ziehen sind, sollten psychisch wirksamen Akupunkturpunkte mituntersucht werden (Abb. 6). Besonders häufig findet man den Omega-Hauptpunkt (MP 21, großes Lo der Körperakupunktur, Lexotanil vergleichbare Wirkung nach Bahr), den Psychotherapiepunkt nach Bourdiol (Ma 39-1), den Antidepressionspunkt (He 9, Tonisierungspunkt seines Meridianes, Magnesium vergleichbare Wirkung nach Bahr) und den Valiumpunkt (Ni 6, Meisterpunkt des Schlafes, Valium vergleichbare Wirkung).

Steht die Arthralgie im Vordergrund, so findet man oft das klassische Kardinalpunktepaar Prostaglandin E1 und Thymuspunkt (Abb. 4). Überwiegt dagegen die muskuläre Verspannung, ist in der Regel das Kardinalpunktepaar Plexus coeliacus retro (Dü 3, Tonisierungspunkt seines Meridianes, Meisterpunkt der Spasmolyse und Kardinalpunkt) und Epiphysenpunkt (Bl 62, Meisterpunkt des Schlafes, Kardinalpunkt) indiziert (Abb. 7).

Würgereiz

Bei Patienten mit leicht auslösbarem Würgereiz kann die Akupunktur sehr hilfreich sein, besonders vor geplanter Abdrucknahme oder der Herstellung von Mundfilm-Röntgenaufnahmen.

Eine weitere sinnvolle Indikation zeigt sich bei der Ersteingliederung von abnehmbarem Zahnersatz bei „Würgepatienten“, und hier ganz besonders bei Totalprothesenpatienten. Die Nadelung der entsprechenden Punkte erfolgt hierbei mit Dauernadeln und wird gegebenenfalls über mehrere Wochen so lange wiederholt, bis der Patient seine neue Prothese komplikationslos verträgt.

Lokale Punkte

Der lokale Punkt für die Akupunkturbehandlung des Würgereizes ist der Schlundpunkt (Abb. 8). Dieser befindet sich am hinteren oberen Rand des Porus acusticus externus unterhalb der aufsteigenden Helix auf der Concha.

Übergeordnete Punkte (Abb. 8)

Unbedingt zu untersuchen ist hier der Punkt des Ganglion stellatums (KS 6, Lo-Punkt seines Meridianes, Kardinalpunkt), der übrigens bei allen Beschwerden mit der Tendenz zum Erbrechen indiziert sein kann (Schwangerschaftserbrechen, Reisekrankheit). Dieses sympathische Halsganglion (Ganglion cervikale inferior, Ganglion cervicothoracicum) liegt senkrecht unterhalb des 7. Halswirbels exakt im Winkel zwischen dem Boden der Concha und der Wand, die senkrecht zur Anthelix aufsteigt (Vormauer). Darüber hinaus findet man häufig den Valiumpunkt (Ni 6, Meisterpunkt des Schlafes, Kardinalpunkt, Valium vergleichbare Wirkung) und den Lateralitätssteuerpunkt (KG 24 – Abb. 6). Dieser unter anderem psychisch wirksame Punkt vermag eine instabile Händigkeit zu stabilisieren, die in den meisten Fällen die Ursache für den Würgereiz darstellt. Weitere psychisch wirksame Punkte können dazu kombiniert werden (Abb. 6). Vor allem die Angst beim Zahnarzt kann den Würgereiz verstärken.

Grundsätzliches in der Aurikulomedizin

Die Grundsätze der Therapie wurden zum Teil bereits im Teil drei beschrieben und sollen hier nochmals speziell für den Bereich der Aurikulomedizin dargestellt werden.

Zunächst werden im Rahmen der Diagnose alle pathologisch veränderten Akupunkturpunkte lediglich mit einem Hautmarker am Ohr angezeichnet. Da aus kybernetischen Gründen pro Behandlungssitzung nicht mehr als fünf bis sieben Akupunkturnadeln gestochen werden sollten, muss anschließend eine Auswahl der in die Therapie einzubeziehenden Punkte erfolgen. Hier macht sich eine fundierte Akupunkturausbildung und die Erfahrung des Therapeuten besonders bemerkbar. Bei ausbleibendem Erfolg der Akupunktur sollte in der Folgesitzung die Auswahl der Akupunkturpunkte neu überdacht werden.

In der Ohrakupunktur können kurze Akupunkturstahlnadeln der Stärke 0,3 Millimeter bis 0,5 Millimeter benutzt werden, die üblicherweise auch in der Körperakupunktur Verwendung finden (Abb. 9).

Eine besondere Spezialität der Akupunkturschule nach Nogier und Bahr stellt die Verwendung von Gold- und Silberakupunkturnadeln dar [2, 6-10]. Bei dieser Technik wird das unterschiedliche elektrische Potential der Akupunkturpunkte in der Therapie mitberücksichtigt, wodurch die Wirkung der Akupunktur verstärkt werden kann. Die Auswahl von Gold- oder Silbernadeln ist dabei von verschiedenen Kriterien (zum Beispiel der Händigkeit) abhängig und erfordert eine qualifizierte Ausbildung, wie sie etwa durch die Deutsche Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin e.V. in München angeboten wird. Die Therapie mit Gold- und Silbernadeln sollte deshalb ausschließlich von erfahrenen Aurikulomedizinern durchgeführt werden.

Vor dem Einstechen der Nadel sollte das Hautareal gründlich desinfiziert werden. Gleichzeitig werden dabei die Farbreste des Markierungsstiftes entfernt, um keine Dauertätowierungen am Akupunkturpunkt zu hinterlassen.

Das punktgenaue Zentrum des Akupunkturpunktes wird durch vorsichtiges Betupfen des Punktbereiches mit der Nadelspitze aufgesucht, wobei der Patient gebeten wird, den Bereich der Hauptschmerzhaftigkeit anzugeben (Punktzentriertechnik).

Der Einstich der Nadel erfolgt mit einer raschen Drehbewegung im Punctum maximum und sollte am Ohr bis an den Knorpel reichen. Die Liegedauer der Nadel beträgt etwa 20 Minuten. Beim Entfernen der Nadeln sollte man auf Blutungen aus dem Einstichkanal vorbereitet sein.

In der Ohrakupunktur können auch so genannte Dauernadeln verwendet werden. Diese werden nach ihrer Applikation mit einem kleinen Pflaster abgeklebt und bleiben für zirka eine Woche in Situ. Der Patient hat die Möglichkeit, die Akupunkturnadel zu Hause mit Hilfe des im Schaft des Nadelapplikators positionierten Magneten zu stimulieren und dadurch die Wirkung der Akupunktur zu verbessern. Neben dem Vorteil der besseren Wirkung erfolgt darüber hinaus ein positiver Effekt, weil der Patient aktiv in seine Therapie einbezogen wird. Außerdem entsteht ein zeitlicher Vorteil, weil der Patient sofort nach der Nadelapplikation die Praxis verlassen kann und das Behandlungszimmer für die weiteren Behandlungen zur Verfügung steht. Der Nachteil bei der Verwendung von Dauernadeln ist die erschwerte Durchführung der Punktzentriertechnik, die mit dem Rand der Öffnung des Nadelapplikators zwar möglich ist, sich aber etwas schwierig gestaltet und ein wenig Übung erfordert. Auch wenn eine Entzündung der Einstichstelle äußerst selten vorkommt, so sollte sich der Patient zu regelmäßigen Kontrollen in der Praxis vorstellen. Man beginnt grundsätzlich mit der Nadelung der lokalen Punkte und akupunktiert erst dann alle übergeordneten Lokalisationen, weil durch deren gleichzeitig energetische Wirkung die eigentliche Symptomatik abgeschwächt und möglicherweise nicht mehr so exakt über die Punktzentriertechnik aufgefunden und gestochen werden kann. Der allerletzte Punkt ist immer der behandlungsbedürftige Thymuspunkt. Gegebenenfalls kann durch Provokation der Schmerzsymptomatik eine deutlichere Reflexantwort der Akupunkturpunkte erzielt werden.

RAC-kontrollierte Diagnose und Therapie

Basierend auf den Grundkenntnissen der Klassischen Chinesischen Akupunktur und der Aurikulomedizin nach Nogier hat der Münchner Arzt Dr. F. R. Bahr in den letzten 20 Jahren zahlreiche Diagnose- und Therapieverfahren entwickelt, welche das gesamte Behandlungsspektrum besonders in der Zahnarztpraxis sinnvoll ergänzen können. Bei diesen Verfahren wird eine spezielle Pulstasttechnik verwendet.

Grundlagen der RAC-Pulstastung

Der RAC (Réflexe auriculocardiaque) ist ein Pulsphänomen, das bis in die heutige Zeit sehr kontrovers diskutiert wird. Wer einmal die Vorzüge dieses Pulsreflexes kennen gelernt hat, möchte in seinen gesamten diagnostischen und therapeutischen Bemühungen nie wieder auf die Technik der im Prinzip genial einfachen und kostenlosen Diagnosemöglichkeit verzichten.

Während die RAC-Gegner die Reproduzierbarkeit dieser Pulstastung auf Grund fehlender Nachweisbarkeit noch bis vor kurzem angezweifelt und deren Anwender als unseriöse Therapeuten zum Teil massiv angegriffen haben, konnten Professor Moser und seine Mitarbeiter von der Universität Graz in bahnbrechenden Untersuchungen den eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis der tatsächlichen Existenz dieser Pulsreaktion erbringen [14].

Historie und Physiologie des RAC

Das Phänomen des RACs ist nach den heutigen Erkenntnissen Ausdruck einer vegetativen hämodynamischen Reaktion auf eine sympathikotone Reizsetzung [8, 14]. Durch jeden Sympathikusreiz kommt es in den verschiedensten Systemen des Organismus zu unterschiedlichen Reaktionen. Nach den derzeitigen Hypothesen reagiert dabei das Gefäßsystem in seinem Endstromgebiet mit einer Änderung der Ausbreitungsverhältnisse der Pulswelle und des Durchflusses durch Variation der arteriovenösen Shunts (AV-Shunts). Über die Vorstellung einer sich bildenden Widerstandsmauer im Bereich dieser AV-Shunts lässt sich die Reaktion einer tastbaren Pulsveränderung erklären. Durch den kurzfristigen Rückstau kommt es zur Verschiebung der stehenden Pulswelle nach proximal und damit, je nach Lage des tastenden Fingers, zu einer Verstärkung oder Abschwächung des Pulses (Abb. 10). Dabei ist die Pulsveränderung direkt abhängig von der Stärke des gesetzten Sympathikusreizes.

Nach derzeitigem Kenntnisstand wurde das Phänomen dieser Pulsreaktion von Professor René Leriche im Jahre 1945 erstmalig beobachtet und gleichzeitig schriftlich fixiert. Er hatte bei der postoperativen Versorgung eines arteriovenösen Aneurysmas im Bereich des Adduktorenkanals durch Berührung der Haut (= Sympathikusreiz) eine sichtbare Pulsation der Femoralarterie über Monate hinweg auslösen können, sich aber nicht weiter um dieses Phänomen gekümmert.

Erst nachdem Dr. Paul Nogier im Jahre 1968 bei der Untersuchung einer Akupunkturpatientin mit Coxarthrose durch Berührungen der Ohrmuschel reproduzierbare Pulsveränderungen an der Arteria radialis ertasten konnte, begann die Ära der systematischen RAC-Forschung. In den folgenden Jahren wurde in vielen Forschungen versucht, die hämodynamischen Veränderungen beim Auslösen des RACs zu erklären und die Pulsveränderung messtechnisch erfassbar zu machen. Die Entwicklung einer brauchbaren Apparatur zur Erfassung des RACs konnte trotz aller technischer Fortschritte bis heute nicht realisiert werden und so waren die Befürworter und Anwender der RAC-Pulstastung ständig der Kritik wissenschaftlich orientierter Gegner ausgesetzt. Auf Grund seiner ersten Beobachtungen glaubte Nogier, dass das ertastete Pulsphänomen Ausdruck eines direkten Reflexes zwischen Ohrmuschel und Herz sein müsste und bezeichnete es als Réflexe auriculocardiaque (RAC). Auch wenn heute bekannt ist, dass es sich in Wirklichkeit um einen sympathischen Reflex handelt, wird der Begriff RAC zu Ehren Nogiers weiterhin verwendet.

Darüber findet sich in der Literatur häufig auch die Bezeichnung „Leriche-Nogier-Reflex“ und im internationalen Sprachgebrauch hat sich die Bezeichnung VAS (vascular autonomic signal) durchgesetzt.

Einen Eindruck von der Art der zu ertastenden Pulsveränderungen haben alle Zahnärzte sicherlich schon einmal wahrgenommen, wenn sie bei der terminalen Injektion im Frontzahngebiet ein Anästhetikum mit Vasokonstringens verwendet haben (starker lokaler Sympathikusreiz !) und bei digitalem Abhalten der Lippe ein deutliches Pulsieren unter ihrem Finger verspürt hatten.

Neueste RAC-Forschungen

In aufwändigen Experimenten an der Universität in Graz haben Professor Moser et al. den Leriche-Nogier-Reflex mit kreislaufphysiologischen Messmethoden untersucht [14]. Dabei wurden mit Hilfe einer speziellen Sensorjacke an zehn Versuchspersonen folgende Parameter erfasst und über spezielle Computerprogramme ausgewertet:

• Elektrokardiogramm (EKG)

• Seismokardiogramm (SKG)

• Ballistokardiogramm (BKG)

• Carotispuls

• Radialispulse an der rechten Hand

• Fingerpuls an der rechten Hand

• Atmung

Die Versuchspersonen wurden verschiedenen Reizen ausgesetzt, die oben genannten Parameter mit Hilfe der Sensorjacke erfasst und um überlagernde Störfaktoren (besonders die Atmung, welche auf alle anderen Parameter amplituden- und/oder frequenzmodulierend wirkt) computergestützt korrigiert. Abb. 11 zeigt die Veränderung von fünf Kenngrößen in Folge zweier unterschiedlicher Reizsetzungen (Klatschen und Lichtreiz). Alle Reiztypen weisen eine Verlangsamung der Herzfrequenz (= Zunahme des RR-Intervalls im EKG) innerhalb der ersten drei Herzschläge nach Reizsetzung auf. Gleichzeitig zeigen sowohl Finger- als auch Radialispuls eine veränderte Pulslaufzeit mit initialer Beschleunigung und anschließender Verzögerung der Pulswelle und zum selben Zeitpunkt auftretender initialer Zunahme und folgender Abnahme der Pulsamplitude.

In der physiologischen Wertung scheint die schnelle transiente Abnahme der Herzfrequenz (Zunahme des RR-Intervalls) für eine Vagusreaktion zu sprechen, während die Reaktionen im Bereich der Finger- und Radialispulse in Bezug auf Laufzeiten und Amplituden auf eine sympathische Gefäßreaktion hinweisen (transiente Anspannung mit nachfolgender Entspannung des Gefäßtonus). Diese Vasomotorik bewirkt vermutlich in den weiter proximal gelegenen Arterien eine Überhöhung der Pulswelle. Abbildung 12 gibt Auskunft über die Signifikanz der Versuche.

Nach Professor Moser et al. lässt sich der Grund, weshalb die RAC-Tastung durch den geschulten Therapeuten einer Erfassung durch Geräte derzeit noch überlegen ist, aus der Histologie und Physiologie der Haut der Fingerkuppe ableiten. Eine große Anzahl von Mechanorezeptoren (2000/cm3) gewährt die Sicherheit der Wahrnehmung, weil bei einer Störung einzelner Rezeptoren genügend andere Sensoren die Störung ausgleichen können. Die Haut kann Schwingungen zwischen 0,5 Hz und 800 Hz erfassen, wobei das Optimum der Empfindlichkeit der Hautrezeptoren bei einer Schwingungsfrequenz von 300 Hz liegt. Zusätzlich scheint die räumliche Auflösung des Sensorsystems von Bedeutung zu sein. Die 2-Punkt-Schwelle liegt für den Daumen bei zwei Millimetern und bedeutet, dass zwei Druckpunkte erst getrennt wahrgenommen werden können, wenn sie mindestens zwei Millimeter von einander entfernt liegen. Nur die Zungenspitze weist ein höheres räumliches Auflösungsvermögen auf. Auf Grund der genannten Parameter sind jedoch die Minimalanforderungen an ein Gerät zur Erfassung des RACs exakt definiert. Ein entsprechendes Gerät ist in der Entwicklung.

Technik der RAC-Tastung

Die großen Probleme der messtechnischen Nachweisbarkeit des RACs zeigen zum einen bereits, wie minimal und von äußeren Faktoren beeinflussbar dieses Pulsphänomen ist, zum anderen wird deutlich, wie sensibel die taktile Empfindsamkeit des Organismus ausgeprägt sein muss. Die Technik der RAC-Tastung sollte deshalb möglichst unter Anleitung erfahrener RAC-Diagnostiker erlernt und die erforderliche Sensibilität in praktischen Ausbildungskursen geschult werden. Führend im Bereich der Ausbildung und Anwendung der RAC-kontrollierten Diagnose und Therapietechniken ist die Deutsche Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin e.V. in München (DAAAM), welche als einzige Akupunkturgesellschaft Deutschlands in einem speziellen Akupunkturdiplom (C-Diplom) die Fähigkeit der RAC-Pulstastung überprüft und zertifiziert.

Voraussetzung für eine effiziente Pulstastung ist neben der Sensibilität des Untersuchers ein möglichst gleichbleibender Untersuchungsablauf. Die Tastung erfolgt idealerweise mit einer kleinen Fläche des vordersten Teils der Daumenkuppe an identischer Stelle der Arteria radialis (abfallender Teil der Apophyse des Processus styloideus) der zu untersuchenden Person mit einer Beugung des Daumenendgliedes zwischen 110 Grad und 120 Grad und minimalem Aufdruck (Abb. 13). Der Untersucher sitzt dabei entspannt hinter dem Kopf des Patienten und der Daumen des Untersuchers kommt dabei in der Unterarm-Handachse des Patienten zu liegen (Abb. 14 und 15) [8, 13]. Weil es sich beim RAC um eine unspezifische und physiologische Relexantwort auf jeden Sympathikusreiz handelt, sollte zur Vermeidung von Reizüberlagerungen nur in störungsfreier Umgebung untersucht werden.

Anwendung der RAC-Methode

Wie bereits erwähnt, ist der RAC zunächst einmal lediglich eine unspezifische Reflexantwort auf jeden physiologischen und unphysiologischen Sympathikusreiz. Schmerzsensationen, akustische, visuelle oder taktile Reize führen gleichermaßen zu adäquaten Pulsreaktionen. Die Stärke der RAC-Antwort ist dabei direkt abhängig von der Intensität des einwirkenden Reizes.

Eine praktische Verwendung des RACs in vielen Bereichen der Diagnostik und Therapie wird erst durch den zusätzlichen Einsatz bestimmter Hilfsmittel möglich. Neben Nogier gilt hier das Verdienst vor allem dem deutschen Arzt Dr. F. R. Bahr, der vor fast 30 Jahren die Deutsche Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin e.V. gegründet hat und innerhalb dieses Akupunkturvereines durch umfangreiche Forschungen zahlreiche Techniken Nogiers verbesserte und weitere modernere Methoden entwickelt hat [6, 8-10]. Auf Basis der RAC-kontrollierten Akupunktur, bei der die Suche und punktgenaue Nadelung des Akupunkturpunktes unter RAC-Pulstastung erfolgt, entwickelte er ein effizientes systematisches System zur Diagnostik und Therapie von Störherden (RAC-kontrollierte Störherddiagnostik). Dieses ermöglicht neben der punktgenauen Lokalisation von Störherdbereichen an der Körperoberfläche, aber auch von unzugänglichen inneren Foci (zum Beispiel im gynäkologischen Bereich) eine zusätzliche Hierarchisierung aller vorhandenen Störherde entsprechend deren Stärke.

So lassen sich zum Beispiel durch die berührungsfreie Annäherung eines 2-, 7- oder 3-Volt-Dipols (2-, 7- oder 3-Volt-Hämmerchen) an einen behandlungsbedürftigen Akupunkturpunkt die elektrischen Potentialunterschiede über die ausgelöste RAC-Antwort zur exakten Diagnose heranziehen [8]. Eine Erweiterung der diagnostischen Verfahren unter Anwendung der Grundtechnik des RACs ergibt sich unter Berücksichtigung des Phänomens der lokalen Resonanz [9, 10]. Dabei erhält man eine RAC-Antwort, wenn identische und dem Akupunkturpunkt entsprechende elektromagnetische Informationen an diesen angenähert werden. Auf diese Weise lassen sich Feinstinformationen eines pathologischen Punktes diagnostizieren. Als Hilfsmittel werden für diese Technik der Akupunkturlaser (30 mW) mit definierten Frequenzen nach Bahr und Nogier verwendet und/oder spezifische Substanzen in Ampullenform.

Bei Verwendung des RACs als Diagnoseverfahren in der Akupunktur kann es zusätzlich sinnvoll sein, einzelne Akupunkturpunkte über die Verwendung von Dipolauflagen (Elektrostäbe) oder Laserauflagen in ihrer Zugehörigkeit zu den so genannten Gewebeschichten nach Nogier zu differenzieren [8 - 10]. Dadurch lassen sich spezifische Informationen zur Wichtigkeit und Stärke der pathologischen Areale gewinnen.

Neben der RAC-kontrollierten Ohr-/Körperakupunktur und Störherdiagnostik konnte Bahr in den letzten Jahren unter Verwendung des RACs und zusätzlicher Hilfsmittel unter anderem die folgenden weiteren Diagnose- und Therapieverfahren entwickeln [8 - 10]:

• RAC-kontrollierter Einsatz von Medikamenten (zum Beispiel Allopathika, Homöopathika, Bachblüten, kalifornische und australische Blütenessenzen, Phytoherapeutika, orthomolekulare Substanzen)

• RAC-kontrollierte Testung von Substanzen und Materialien (zum Beispiel Nahrungsmittel, zahnärztliche Materialien, Schadstoffe)

• RAC-kontrollierte Laserakupunktur und Lasertherapie

• RAC-kontrollierte Funktionsdiagnostik des oromandibulären Systemes

Die Technik der RAC-Tastung stellt eine Bereicherung im diagnostischen und therapeutischen Repertoire eines jeden Behandlers dar. Dabei belegen die neuesten Studien aus Graz zweifelsfrei die Existenz des RACs und geben den passionierten Anwendern und Anhängern die Gewissheit, dass das bislang in vielen Bereichen umstrittene Phänomen nicht dem Bereich der Mystik zuzuordnen ist. Eine fundierte Ausbildung und intensive Sensibilisierung des Tastvermögens sind jedoch absolute Grundvoraussetzung, um diese Fähigkeit Gewinn bringend in der Diagnostik und Therapie am Patienten anwenden zu können.

Fazit

Mit diesem mehrteiligen Beitrag sollte allen interessierten Kolleginnen und Kollegen ein umfassender Einblick in die Möglichkeiten der Akupunktur in der täglichen Praxis gegeben werden. Die Vorteile des gesamten Spektrums der diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Klassischen Chinesischen Akupunktur und der Aurikulomedizin und der daraus entwickelten Methoden lassen sich in allen Bereichen der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde zum Wohle der Patienten Gewinn bringend einsetzen. Sinnvolle adjuvante Therapiemaßnahmen ergeben sich vor allem auch bei Erkrankungen und Versorgungssystemen, die in der Zahnarztpraxis immer wieder zu Problemen führen, zum Beispiel bei den unterschiedlichen Formen der marginalen Parodontitis oder den Folgen nach Insertion von Implantaten.

Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass im Rahmen dieses Artikels nur ein kleiner Teil dessen, was mit Akupunktur möglich ist, dargestellt werden kann. Eine fundierte, qualifizierte und vor allem praktisch orientierte Ausbildung kann dadurch niemals ersetzt werden. Auch wenn vielen Patienten mit Hilfe der Akupunktur sehr gut geholfen werden kann, darf die Akupunktur immer nur als adjuvantes Diagnose- und Therapieverfahren in der Praxis Verwendung finden.

Hardy Gaus
Zahnarzt
Kirchstraße 15
72479 Strassberg
E-Mail: hardy.gaus@akupunktur-arzt.de

INFO

Der erste Teil der Serie beschäftigt sich mit den historischen Entwicklungen der Akupunktur und den wissenschaftlichen Grundlagen dieser Therapiemethode.

Im zweiten Teil (zm 19) dieser Artikelserie werden unterschiedliche Mikrosysteme der Akupunktur mit den Schwerpunkten „Klassische Chinesische Akupunktur“ und „Französische Schule der Ohrakupunktur“ vorgestellt, sowie die Prinzipien und Verfahren der Diagnose und Therapie beschrieben.

Der dritte Teil (zm 20) beschreibt die Anwendung der Ohrakupunktur bei ausgewählten Indikationen in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und im vierten (zm 21) und letzten Teil werden angewandte diagnostische und therapeutische Methoden vorgestellt, die sich aus den Lehren der Akupunktur ableiten lassen.

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