Osteolyse

Entzündungsprozesse lösen den Knochen auf

Knochengewebe und Immunsystem arbeiten eng zusammen. Neue Studien zeigen, wie Entzündungen im Körper zum Abbau von Knochensubstanz führen können. Ein Paradebeispiel ist die Peridontitis.

Das Immunsystem und der Knochenstoffwechsel sind eng miteinander gekoppelt. Wie eng, weiß man erst seit einigen Jahren, als zwei körpereigene Botenstoffe entdeckt wurden, die sowohl das Immunsystem als auch die Knochenzellen regulieren: Der RANK-Ligand hat die Aufgabe, möglichst viele aktive, Knochen abbauende Zellen zu produzieren, das Osteoprotegerin ist sein Gegenspieler. Es hemmt die Bildung der Knochen abbauenden Zellen und bremst so den Knochenverlust.

Die Entdeckung dieser Botenstoffe war ein Volltreffer: „Fast alle Knochenerkrankungen lassen sich auf eine Störung dieses Systems zurückführen“, sagte Dr. Lorenz Hofbauer, Universität Marburg, auf einem Workshop über Osteoporose, veranstaltet vom Institut Danone für Ernährung.

Auf der Hand liegt die Verbindung zwischen Immunsystem und Knochengewebe bei der rheumatoiden Arthritis: Bei dieser entzündlichen Krankheit kommt es nicht nur zur Zerstörung der Gelenke, sondern auch zu einer Osteoporose – sowohl an den entzündeten Stellen als auch im ganzen Körper.

Experimente an Mäusen haben gezeigt, dass die Bildung des zum Knochenabbau führenden RANK-Liganden sehr hoch, das Knochen schützende Osteoprotegerin dagegen deutlich erniedrigt war. „Behandelte man diese Mäuse mit Osteoprotegerin, blieben die Knochenschäden komplett aus“, so Dr. Hofbauer, „das beweist, dass Osteoprotegerin im Stande ist, einen Knochenverlust zu verhindern“.

Osteoprotegerin schützt im Tierversuch

Osteoprotegerin ist möglicherweise auch der Schlüssel zur Behandlung der Peridontitis: An dieser entzündlichen Erkrankung des Zahnhalteapparates leiden 80 bis 90 Prozent der Deutschen. Verursacht wird sie durch Bakterien in Zahnbelägen, die einen chronischen Entzündungsprozess bewirken. Bestimmte Zellen des Immunsystems sorgen für die Bildung großer Mengen von RANK-Ligand mit der Folge, dass sich der Zahnhalteapparat langsam auflöst, die Zähne länger werden und irgendwann ausfallen. Tiere, die im Experiment mit Peridontitis verursachenden Bakterien infiziert wurden, aber gleichzeitig mit Osteoprotegerin behandelt wurden, behielten ihren Zahnhalteapparat.  

Denkbar ist eine Behandlung mit Osteoprotegerin bei allen Krankheiten, bei denen Knochen abbauende Zellen Knochen verdauen. Dazu gehören nicht nur die rheumatoide Arthritis und die Peridontitis, sondern auch Krebsarten, die zu Knochenmetastasen führen. Tierversuche haben bereits eindeutig gezeigt, dass Osteoprotegerin bei diesen Krankheiten den Knochenabbau bremsen kann.

Beim Menschen ist die Behandlung mit dem Knochen schützenden Botenstoff momentan noch Zukunftsmusik. Zurzeit wird es im Rahmen einer klinischen Studie bei 52 Frauen mit Osteoporose getestet, die jenseits der Wechseljahre sind. Erste Ergebnisse geben jedoch Anlass zur Hoffnung: „Eine einzige Injektion von gentechnisch hergestelltem Osteoprotegerin konnte die biochemischen Marker des Knochenstoffwechsels bis zu 80 Prozent reduzieren“, so Dr. Hofbauer. Ob es allerdings auch im Stande ist, die Knochendichte zu erhöhen oder Knochenbrüche zu verhindern, wird man erst in mehreren Jahren wissen.  

Dorothee Hahne
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