DGKFO-Kongress 2003 in München

Neue Maßstäbe für die Zukunft

Die bayerische Kulturmetropole München war dieses Jahr stolzer Gastgeber der 76. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie, ausgerichtet von der Tagungspräsidentin Prof. Dr. Ingrid Rudzki-Janson, Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie im Klinikum der Ludwig-Maximilians- Universität München, und ihren Mitarbeitern. Insgesamt fanden mehr als 1 800 fortbildungsinteressierte Kongressteilnehmer den Weg in die bayerische Landeshauptstadt, um hier die neuesten Erkenntnisse im Fach Kieferorthopädie zu präsentieren und zu diskutieren: 80 Vorträge, 120 Posterdemonstrationen und elf AV- und Multimediademonstrationen galt es dabei zu bearbeiten.

Die Tagung wurde geprägt durch zwei Verhandlungsthemen, deren Aktualität sowohl aus  wissenschaftlicher Sicht, als auch für die tägliche Arbeit in der Praxis unbestritten ist:

Korrektur der Bisslage

Das erste Verhandlungsthema lautete: „Korrektur der Bisslage, Realität oder Fiktion?“ Dabei sorgte bereits die provokante Formulierung des Verhandlungsthemas für eine lebhafte Diskussion über die Bedeutung unterschiedlicher anatomischer Vorgaben und therapeutischer Ansätze. Mehrere Referenten stellten dabei im Rahmen des ersten Verhandlungsthemas unterschiedliche bimaxilläre Apparaturen vor, deren gerätespezifische Wirkung im Vergleich zu unbehandelten Patienten vom Publikum heiß diskutiert wurde. Man war sich schnell einig, dass die Änderung der Bisslage durch den Kieferorthopäden keine Utopie, sondern Realität ist. Jedoch gilt es bei allen therapeutischen Bemühungen, die Individualität des Gesichtsschädelaufbaus zu berücksichtigen und den optimalen Behandlungszeitraum auszunutzen, der für die Maxilla im vorpubertären Alter, für die Mandibula dagegen erst im pubertären und postpubertären Alter liegt.   

Extraktionen in der KfO

Beim zweiten Verhandlungsthema: „Extraktion im Rahmen der kieferorthopädischen Therapie – Indikation und Alternativen“ wurden verschiedene Behandlungsstrategien in der Grauzone zwischen Ex- und NonEx-Kasus diskutiert. Individueller Gesichtsschädelaufbau, ethnische Zugehörigkeit des Patienten und Art des Engstandes sind dabei wesentliche Faktoren, die berücksichtigt werden müssen. Zu einer eindeutigen Abnahme der Extraktionshäufigkeit kam es in den letzten Jahren vor allem beim sekundären Engstand, bei dem der Platzmangel im Seitenzahngebiet durch einen Einbruch der kieferorthopädischen Stützzone verursacht wird. Durch die erfolgreiche Gruppen- und Individualprophylaxe der letzten Jahrzehnte kommt es heute wesentlich seltener zu einem frühzeitigen Verlust der Milchzähne, so dass diese Form des Engstandes kaum mehr auftritt. Auch beim tertiären, so genannten Adoleszentenengstand sind Extraktionen selten geworden. Um den ästhetischen Wünschen der Patienten zu entsprechen, kann hier oft durch gezielte Verkleinerung der Zahngröße (Strippen) eine Auflösung des Engstandes erreicht werden, ohne dass eine Extraktion notwendig wird.  

Neben der Distalisierung und der Aufrichtung von Molaren stehen uns heute auch die Distraktionsosteogenese im Bereich der Unterkiefersymphyse und die Gaumennahterweiterung zur Platzgewinnung zur Verfügung. Das Ineinandergreifen von Grundlagenforschung, klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen sowie neuen Diagnoseverfahren kann dabei beispielhaft am Thema der forcierten Gaumennahterweiterung aufgezeigt werden, wobei die vorgestellten Beiträge repräsentativ für viele, qualitativ hochwertige Referate in anderen Themenbereichen stehen.

Forcierte Gaumennahterweiterung

In einer histomorphometrischen Studie wurden an 22 Präparaten die Verknöcherungsareale der Sutura palatina mediana vermessen, wobei nur geringe Unterschiede zwischen Jugendlichen und Erwachsenen bestanden. Dies wurde in spannender Diskussion so interpretiert, dass bei einer Gaumennahterweiterung der Anteil der Sutur am zunehmenden transversalen Widerstand der Maxilla offenbar wesentlich geringer ist, als bisher angenommen. Durch Vermessen des Drehmomentes bei Nachstellen einer Schraube, gelang es erstmals nachzuweisen, dass bei einer Gaumennahterweiterung kurz vor Öffnung der Sutura palatina mediana auch bei Jugendlichen ungewöhnlich hohe Kräfte dental und skelettal im maxillären Bereich angreifen. Es wurden Werte von 80 bis 120 N vor Aufgehen der Sutur erreicht (siehe Abb.1), die nach Suturöffnung auf zirka 40 N abfielen, womit eindrucksvoll belegt wird, wie stark sowohl die beteiligten Zähne, als auch das Viszerokranium in der Anfangsphase einer forcierten Gaumennahterweiterung belastet werden. Die sich anschließende Diskussion fand zum Konsens, dass die aktive Dehnungsphase bei einer forcierten Gaumennahterweiterung schnell durchlaufen werden sollte, um kraftinduzierte Schäden an den beteiligten Zähnen zu vermeiden. Die aktive Dehnung wäre demnach auf maximal eine Woche zu beschränken.   

Eine Finite-Elemente-Studie berechnete die Verteilung der induzierten Spannungen bei der forcierten Gaumennahterweiterung im Mittelgesicht und visualisierte diese dreidimensional (siehe Abb.2). Bei dental aufgebrachten Kräften von 80 bis 120 N kommt es dabei im Mittelgesicht zu einer charakteristischen Spannungsverteilung. Auch wenn die gemessenen Spannungen unter der Belastungsgrenze der anatomischen Knochenstrukturen lagen, fielen die erzielten Spannungsspitzen in die Le Fort-I-, -II- und - III-Ebene und damit in potentielle Schwachzonen des Mittelgesichts. Bei der daraufhin einsetzenden lebhaften Diskussion war man sich einig, dass auch bei der forcierten Gaumennahterweiterung eine Kontrolle und Dosierung der eingesetzten Kräfte zur Vermeidung unerwünschter Nebenwirkungen beitragen kann.

Implantatgestützte Gaumennahterweiterung

Ein neues Verfahren zur implantatgestützten Gaumennahterweiterung verzichtet auf einen dentalen Angriff der Kräfte, um unerwünschte Zahnbewegungen sowie potentiell mögliche Zahnschäden zu vermeiden. Dieses Verfahren, bei dem zwei Implantate in den Hartgaumen inseriert werden, soll deutlich Gewebe schonender als andere sein.

Freie Themen

Im Verhandlungsblock der „freien Themen“ spiegelte sich das komplette Spektrum kieferorthopädischer Möglichkeiten wider: Neben der Grundlagenforschung, sowie neuesten diagnostischen und therapeutischen Verfahren, kam die interdisziplinäre Behandlung von Syndrompatienten und Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen- Spalten zur Vorstellung, ebenso wie Fragestellungen aus den Bereichen Wachstum, Epidemiologie und Ästhetik. Interessant erscheint der Hinweis auf eine von der Kieferorthopädischen Studiengruppe Bodensee e.V. herausgegebene „Kieferorthopädische Terminologie“, die den interdisziplinären Dialog erleichtern soll.

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die diesjährige Wissenschaftliche Jahrestagung der DGKFO einen eindrucksvollen Beleg für die Bedeutung der Kieferorthopädie in der Zahnmedizin darstellt. Durch frühzeitige Korrektur von Zahn- und Gebissfehlstellungen trägt sie entscheidend zur Prävention bei, um parodontale und kariöse Schäden im Kauorgan zu vermeiden. In Zeiten knapper ökonomischer Ressourcen leistet die Kieferorthopädie so durch ihr Wirken einen maßgeblichen Beitrag zur Kostenreduktion im Gesundheitswesen.  

Dr. med. Dr. med. dent. Christof Holberg
Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität
München
Poliklinik für Kieferorthopädie
Goethestraße 70
80336 München
E-Mail: christof.holberg@kfo.med.uni-muenchen.de
www.kfo.med.uni-muenchen.de

 


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