EZB hat schlechte Karten im Währungspoker

Schwarzer Peter

Der Euro steigt zum Dollar in bislang unbekannte Höhen. Die Folge könnte ein erneuter Konjunktureinbruch sein. Doch das interessiert die Europäische Zentralbank (EZB) offenbar nicht. Weil von ihr keine Interventionen zu Gunsten des Euro zu erwarten sind, hält Europa jetzt im internationalen Währungspoker den Schwarzen Peter.

Am 8. Januar 2004 tagte der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) erstmals im neuen Jahr, um sich Gedanken über den Leitzins zu machen. Erstmals hatte auch der neue Zentralbank-Präsident Jean-Claude Trichet die Gelegenheit, Profil zu zeigen. Doch mit seiner rosaroten Krawatte zeigte er nur modische Modernität. Seine vorgestanzten, vom Blatt verlesenen Aussagen machten deutlich, dass er sich an volkswirtschaftlichen Realitäten die gepflegten Finger nicht schmutzig machen möchte. Denn der bestehende Leitzins von zwei Prozent bleibt den Europäern bis auf weiteres erhalten. Das wäre weiter nicht tragisch, wenn er nicht den Leitzins des Wirtschaftskonkurrenten USA um 100 Prozent übertreffen würde. Der Leitzins des großen asiatischen Wirtschaftskonkurrenten Japan liegt sogar bei null Prozent, das heißt 200 Prozent unter dem europäischen.

So bietet von allen großen stabilen Wirtschaftsregionen der Welt Euro-Europa die höchsten Zinsen. Kein Wunder daher, dass der hohe europäische Leitzins wie ein Magnet aus aller Welt Dollar, Yen und sogar den chinesischen Yuan anzieht. Die überaus starke Nachfrage nach hoch verzinslichen Euro treibt den Kurs des Euro im Verhältnis zum US-Dollar auf einen bislang nicht gekannten Gipfel zu. Das aber scheint die EZB-Banker nicht weiter zu beunruhigen. Im Gegenteil: Sie sind offenbar stolz, dass ihre Kunstwährung derzeit so hoch im Kurs steht.

Einladung an Spekulanten

Die Zufriedenheit der EZB-Banker mit sich und der europäischen Wirtschaftswelt freut besonders die Währungsspekulanten. Sie können nach dem 8. Januar gefahrlos auf einen stetig steigenden Euro wetten, ohne ernsthaft befürchten zu müssen, dass sie ihre lukrativen Wetten durch die Störfeuer einer Notenbank auch verlieren könnten. Die Bank of Japan beispielsweise ist dafür bekannt und gefürchtet, dass sie den Yen-Spekulanten völlig überraschend das schöne Geschäft verdirbt. Und Währungsspekulation ist für Banken, Hedgefonds oder auch für große Unternehmen insofern ein lukratives Geschäft, als sie nur ein Zehntel des Tauschbetrags in Form von existierendem Geld aufbringen müssen. 90 Prozent der Tauschsumme können nach den Regeln der Devisenspekulation Phantomgeld sein. Geld also, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt, das aber beim Währungspoker richtiges Geld verdient.

Für die europäischen Volkswirtschaften, vor allem für die exportorientierten Unternehmen, wirkt der überteuerte Euro wie ein lähmendes Gift. Sie können noch so gute und begehrte Produkte anbieten. Wenn sie die auf dem Weltmarkt ohne Preissteigerungen verkaufen wollen, fällt der Umsatz auf Eurobasis um 20 bis 25 Prozent geringer aus. Denn sie bekommen für den eingenommen Dollar ja nur 77 Euro-Cent zurück. Entsprechend schrumpfen auch die Gewinne. Und Industrieprodukte mit einer Nettogewinnspanne von 25 Prozent Gewinn sind höchst selten. Mit anderen Worten: Wer seine Produkte auf dem Weltmarkt weiterhin ohne Preissteigerungen verkauft, womöglich nur, um seine angestammten Marktanteile zu halten, muss Verluste in Kauf nehmen.

Einige markante Beispiele: Ein Audi A6 war Anfang des Jahres in den USA für 33 Prozent unter seinem deutschen Listenpreis zu haben. Der Geländewagen Tuareg von VW kostet in den USA umgerechnet 32 560 Euro, in Deutschland sind 58 950 Euro zu bezahlen. Die Differenz von rund 26 000 Euro geht zu Lasten des Herstellers. Auch Mercedesund Porsche-Modelle kosten im Export nach Übersee rund 26 Prozent weniger als im Herstellerland. Diese gigantischen Preisdifferenzen werden hier zu Lande in Kürze eine neue Branche etablieren: Den Autoverkauf aus Re-Importen. Anders ausgedrückt: Wirtschaftlicher Nonsens wird zum Geschäft.

Bernd Pischetsrieder, Vorstands-vorsitzender der Volkswagen AG, beklagt bereits unumwunden seine liebe Not mit dem Euro: „Durch den starken Euro sank unser Gewinn vor Steuern 2003 um mehr als 1,2 Milliarden Euro.“ Das war im zurückliegenden Jahr 2003, als der Euro im Schnitt bei einem Kurs von 1,10 zum USDollar lag. Wenn für den Euro im laufenden Jahr im Schnitt 1,30 Dollar zu bezahlen oder für einen Dollar nur 77 Euro-Cent zu bekommen sind, dürfte VW tief rote Zahlen schreiben. Allen anderen deutschen Automobilkonzernen von Rang und Namen, die als Exportpfeiler der deutschen Wirtschaft fungieren, dürfte es ähnlich ergehen. Und betroffen von der Euroaufwertung sind nicht nur die Exporte in die USA. Nahezu alle Wirtschaftsnationen dieser Welt, darunter auch Japan und China, haben ihre Währungen eng an den US-Dollar gekoppelt. Die Notenbanken dieser Länder verteidigen das stabile Wertverhältnis zur Weltwährung Dollar mit allen Mitteln. Damit schlägt für die Exporteure aus dem Euro-Raum auch in Ostasien der Währungseffekt negativ zu Buche.

Doch Währungsverluste, die in den Geschäftsberichten der Unternehmen die Ergebnisrechnung rot einfärben, sind noch die harmlose Folge der massiven Euro-Aufwertung. Unmittelbar davon betroffen sind eigentlich nur die Aktionäre, die darauf vorbereitet sind, temporäre geschäftliche Desaster wegzustecken. Doch auch die Mitarbeiter der exportorientierten Unternehmen spüren die Konsequenzen sowie der Staat, der Steuereinbußen in Kauf nehmen muss. Auswirkung auf die gesamte deutsche Volkswirtschaft hat folgende, vom teuren Euro forcierte Entwicklung: Die betroffenen Unternehmen, als Weltexporteure zumeist hervorragend gemanagt, wollen ihre Existenz nicht gefährden. Sie ziehen ihre Lehre daraus, dass die EZB kein Interesse daran zeigt, den Euro im Wettbewerb mit konkurrierenden Währungen zu stabilisieren. Sie werden deshalb nach und nach Produktionsstätten aus Europa verlagern, entweder direkt in die USA oder aber ins kostengünstige Osteuropa. Da acht osteuropäische Länder ab Mai 2004 der EU beitreten, lassen sich hier alle Vorteile nutzen, die der europäische Binnenmarkt bietet, vor allem in Form von Rechtssicherheit.

Abwanderung in Sicht

So ist durchaus denkbar, dass Audi demnächst in Ungarn nicht nur Motoren fertigt, sondern hier immer mehr Modelle komplett vom Band laufen. Volkswagen dürfte geneigt sein, zumindest die für den Export bestimmten Modelle beim Tochterunternehmen Skoda in Tschechien zu produzieren. Oder im dollargebundenen Mexiko, wie Vorstandschef Pischetsrieder bereits angedeutet hat. BMW und DaimlerChrysler haben bereits Produktionsstandorte in den USA, die auch für Europa produzieren, BMW etwa den Sportwagen Z4 und den Geländewagen X5. Und was könnte Daimler-Chrysler daran hindern, etwa stillgelegte Chrysler-Fabriken für die Produktion von Mercedes-Limousinen zu reaktivieren? Material, Zulieferteile, Löhne, Zinsen, Mieten, Investitionen und Abschreibungen werden dann in Dollar bezahlt. Die Produkte selber aber werden mit einem Währungsgewinn in Euro abgesetzt, der dann den Unternehmensgewinn aufpolstert statt ihn schrumpfen zu lassen.

Was die deutsche und womöglich auch die französische Automobilindustrie bei anhaltender Euro-Stärke vorexerzieren wird, könnten auch andere exportstarke Unternehmen, wie etwa SAP, Siemens, Schering, Infineon, Henkel, Linde, Bayer, BASF oder Altana, nachahmen, um nur einige große DAX-Unternehmen zu nennen. Die viel entscheidungsfreudigeren exportorientierten Mittelständler, die nicht im Rampenlicht der Börse stehen, werden wohl am schnellsten ihre sicherlich bereits ausgearbeiteten Abwanderungspläne realisieren. Die Folgen für Deutschland: Noch mehr Arbeitslose, noch mehr Sozialleistungen direkt aus der Staatskasse und wieder weniger Steuereinnahmen.

Denn wenn, wie zu befürchten ist, im laufenden Jahr der Euro 1,36 bis 1,53 Dollar kosten sollte, wächst die deutsche Volkswirtschaft nicht wie erwartet um 1,7 Prozent, sondern nur noch um 0,8 Prozent – rechnete das neutrale Feri-Institut aus Bad Homburg aus. „Wenn die Konjunktur nicht anzieht,“ so schlussfolgert der Wirtschaftsweise Bert Rürup aus dem Euro-Debakel, „wird es noch schwieriger, in diesem Land Reformen durchzusetzen.“ Aber erst wenn der Abwanderungstrend eindeutig und nicht mehr umzukehren ist, werden die Politiker ihr Klagelied anstimmen. Und wie gehabt werden sie dann mit den beklagenswerten, aber leider nicht mehr zu ändernden Realitäten wieder einmal die Erhöhung von Steuern und Sozialabgaben begründen.

Die Abwanderung von Arbeitsplätzen an kostengünstige Standorte hilft zwar den europäischen Unternehmen, dem Würgegriff eines überbewerteten Euro zu entkommen. Doch gegenüber einer anderen Gefahr sind selbst die klügsten und mutigsten Manager machtlos: Sie müssen geradezu hilflos zusehen, wie ihre Konkurrenten aus Fernost und vom amerikanischen Kontinent im Euro-Raum mit extrem preisgünstigen Produkten die heimischen Märkte aufrollen. Japanische Automobilhersteller etwa, koreanische Elektronikanbieter oder Fahrradhersteller aus Taiwan produzieren auf Dollarbasis, kassieren aber in Euro einen Gewinnzuwachs von mindestens 20 Prozent. Geben sie davon auch nur zehn Prozent als Preisnachlass an ihre europäischen Kunden zurück, haben sie die Verbraucher so gut wie in der Tasche. Vor allem in Deutschland, wo Geiz angeblich so „geil“ ist, dass honorige Kaufhauskonzerne, wie etwa KarstadtQuelle, von einem Umsatzminus zum anderen taumeln, dürften fernöstliche Qualitätsprodukte demnächst reißenden Absatz finden.

Als hätte sie keine Ahnung, schaut die EZB diesem drohenden Szenario tatenlos zu. Sie blendet die Aufkündigung des Vertrags von Maastricht zur Stabilisierung des Euro aus ihrem Drehbuch aus. Ebenso das vorläufige Scheitern einer europäischen Verfassung. Dass die EU auf den Beitritt von zehn neuen Mitgliedern, die bis auf Zypern allesamt den Status von Entwicklungsländern haben, nicht vorbereitet ist, scheint die Banker nicht zu kümmern. Der EZB blieb bislang auch gleichgültig, dass die US-Notenbank mit ihrem überaus agilen Chef Alan Greenspan nicht zuletzt durch eine äußerst aggressive Leitzinspolitik die US-Wirtschaft zu einem neuen Boom geführt hat. Nolens volens folgte sie der USZinspolitik im Sommer letzten Jahres, um letztlich doch einen markanten Zinsabstand beizubehalten.

Offenbar blicken die Geldgötter der EZB aus dem Olymp in ihrem Hochhausturm zu Frankfurt mit verbundenen Augen auf die europäische Wirtschaftswelt herab. Sie scheinen nicht zu merken, dass sie sich im internationalen Währungspoker zwischen den USA, China, Japan, Korea und Taiwan den Schwarzen Peter eingehandelt haben. Und sie sind auch noch stolz darauf. Der teure Euro, so sprach EZB-Chef Trichet durch die Blume, trage letztlich zur Stabilität des Euro bei. Denn er würde ja wichtige Importgüter, wie etwa das Rohöl, enorm verbilligen. Und um die Stabilität des Euro nicht aufs Spiel zu setzen, müsse es bei einem Leitzins von zwei Prozent bleiben.

Wette ohne Risiko

Erfahrene Devisenhändler schütteln über so viel Naivität, wie sie der ehemalige Chef der französischen Notenbank an den Tag legt, nur den Kopf. In einem Fernsehinterview brachte ein Marktexperte, der seine arbeitgebende Bank nicht nennen wollte, folgenden Vergleich: „Die EZB hat mit ihrer Entscheidung alle Devisenspekulanten eingeladen, ohne großes Risiko auf den Euro zu wetten. Ein Kontra, das diesen Wettpoker verderben könnte, ist nicht zu befürchten.“ Dabei hätte es bereits gereicht, den Leitzins um einen kaum spürbaren Viertel Prozentpunkt zu senken, um der Spekulantengilde zu signalisieren: Mit der EZB ist nicht zu spaßen. Obwohl die Spekulationsampel beim Euro nun offenbar dauerhaft auf Grün geschaltet ist, hält ein prominenter Kenner der Kapitalmärkte dagegen. Er heißt Byron Wien und ist Chefstratege der US-Investmentbank Morgan Stanley. Wien gibt jeweils zum Jahresbeginn analog zum antiken Orakel von Delphi aus lauter Jux das so genannte „Wien-Orakel“ von sich – eine Liste der „zehn Überraschungen des Jahres“. Er liegt dabei meistens richtig. Denn er prognostiziert oftmals das Gegenteil von dem, was alle erwarten. So wuchs im vergangen Jahr, wie von ihm vorhergesagt und von den wenigsten geglaubt, die US-Wirtschaft um mehr als drei Prozent. Und die US-Börsen legten in der Tat, wie von Wien prophezeit, zweistellig zu.

Für 2004 sagt das „Wien-Orakel“: Osama bin Laden wird gefasst, die Produktivität der USWirtschaft wächst weiter, die Inflation hält sich in Grenzen, der maßgebliche S&P-Aktienindex der 500 größten amerikanischen Aktiengesellschaften steigt um mindestens weitere 18 Prozent. Der Ölpreis klettert auf 40 USDollar pro Barrel. Und: Der Euro fällt auf bis zu 1,05 Dollar zurück. Der Grund: Heillose Zerstrittenheit unter den EU-Ländern, wodurch auch die Einheitswährung Euro zur Disposition gestellt wird.


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