Auswirkungen von Fremdkörpern im Gesichtsbereich

Chronische Sinusitis maxillaris durch Abformmaterial

Abbildung 1: Die Nasennebenhöhlenaufnahme zeigt eine vollständige Verschattung der linken Kieferhöhle als typisches Bild einer Sinusitis maxillaris. Fotos: Kunkel

Kasuistik

Bei einer 45-jährigen Patientin bestand eine chronische, therapierefraktäre linksseitige Sinusitis maxillaris nach endodontischer Behandlung und sekundärer WSR an 27. Es war zwischenzeitlich zu einer Mund-Antrum-Verbindung unmittelbar am Zahn 27 gekommen. Die präoperative Röntgendiagnostik zeigte eine vollständige Verschattung der linken Kieferhöhle (Abbildung 1). Unter der Verdachtsdiagnose einer dentogenen Sinusitis maxillaris auf der Basis einer parodontal-apikalen Keimdurchwanderung erfolgte eine transfaziale Kieferhöhlenrevision. Unmittelbar nach der Entnahme des Knochendeckels der fazialen Kieferhöhlenwand zeigte sich von polypöser Schleimhaut umgebenes Silikon-Abformmaterial im Kieferhöhlenlumen (Abbildung 2). Da es sich somit um eine fremdkörperinduzierte Sinusitis maxillaris handelte, erfolgte lediglich eine schonende Abtragung der stark polypös veränderten Schleimhaut und eine Fensterung der Kieferhöhle. Der parodontal insuffiziente 27 wurde entfernt und die Mund-Antrum-Verbindung in typischer Weise durch einen Zahnfleisch-Wangenlappen nach Rehrmann gedeckt. Die weitere Heilung verlief unauffällig.

Diskussion

Die Mehrzahl dentogener Kieferhöhleninfektionen entsteht auf der Basis apikaler Parodontitiden oder auch im Zusammenhang mit Mund-Antrum-Verbindungen durch die Zahnextraktion. Eine Kieferhöhleninfektion auf der Basis weit fortgeschrittener marginaler Parodontitiden stellt demgegenüber ein eher seltenes Ereignis dar. Nachdem die durch Wurzelfüllmaterialien induzierte Aspergillose der Kieferhöhle zwischenzeitlich an Bedeutung verloren hat, sind fremdkörperinduzierte Sinusitiden heute manchmal durch Knochenersatzmaterialien im Rahmen der Sinusbodenelevation verursacht [Doud Galli et al. 2001, Rhagoebar et al. 1999]. Im vorliegenden Fall war Abformmaterial vermutlich durch die Verbindung der mesialen marginalen Knochentasche mit der Resektionszone der WSR in die Kieferhöhle gelangt. Der Zahnfilm (Abbildung 3) zeigt den deutlich erweiterten Parodontalspalt und lässt diese Ein-trittspforte vermuten. Retrospektiv lässt sich in Kenntnis des Befundes auf dem Orthopantomogramm (OPG) und auch auf der NNH-Aufnahme zwar eine diskrete Konturierung des Fremdkörpers erahnen (Abbildung 4), eine primäre Erkennung der Ursache auf dem OPG kann aber sicher nicht erwartet werden.

Das grundsätzliche Problem der unbemerkten Einpressung von Abformmaterialien in Spalträume wird in der Literatur vor allem für das marginale Parodont beschrieben [Marshak et al. 1987, Ree 2001], aber auch über Einzelfälle einer Verschleppung von Material in die Kieferhöhle wurde bereits berichtet [Winstock und Warnakulasuriya 1986]. Wir sahen neben dem aktuellen Fall beispielsweise eine submuköse Einpressung von Abformmaterial lingual 46 nach einer Silikon-Abformung für ein Onlay (Abbildung 5).

Für die zahnärztliche Praxis weist dieser Fall auf die Problematik der Fremdkörperverschleppung im Rahmen der zahnärztlichen Behandlung hin. Auch wenn eine primäre Anhiebsdiagnostik hier sicher nur selten gelingen wird, sollte eine solche Pathogenese gerade bei sehr ungewöhnlichen Verläufen erwogen werden.

PD Dr. Dr. Martin Kunkel
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Johannes-Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Fazit für die Praxis

• Zahlreiche zahnärztliche Materialien können in physiologische Spalträume oder Wunden eingepresst werden und hier Fremdkörperreaktionen verursachen.

• Die konventionelle radiologische Bildgebung kann solche Fremdkörper oft nicht ausschließen.

• Bei hartnäckigen Verläufen von Entzündungen ohne adäquate Ursache sollten neben maskierten neoplastischen Prozessen auch Fremdkörper als Ursache bedacht werden.

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